Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 206 (15.3.1896)
- Date
- 1896-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 206. Frei»» Blatt. Seite 7. Deutschland wieder eintrefsen und sie befriedige» können. Sie glaube» ihm aber nur, daß er zurücksehren, nicht aber Schulden begleichen wolle.... Sehr schlecht geht e« den Geschäftsantisemiten im Hannove r'schen, denn seitdem ihr einst gepriesener Führer L e u § ZwangSbürger in Celle geworden ist, predigen ihre Apostel zumeist vor leeren Bänken, wenn sie überhaupt noch öffentliche Versammlungen unter ihrer eigenen Flagge veranstalten. Auch in Baden ist die Antisemitenbewegung im Rückgänge begriffen. Unserer Berliner Abwehrcollegin wird hierüber mitgetheilt: Ter Umstand, daß ein Antisemit in die zweite badische klammer gelangte, hat maitchem Unbesonnenen erst die Augen geöffnet, und die Ratten werden da» sinkende Schiff bald verlaffen. Da« Generalsecretariat der Partei in Heidelberg hat schon wieder einen Personenwechsel vollzogen, wie ja auch das Parteiblatt Redacteur tind Inhaber wiederholt wechselte. Der neue Secrelär ist natürlich, al« angestellter Agitator thätig, aber nun versagt bereit« die Gefolgschaft, und er muß vor leeren Räumen sprechen. Selbst die wensgen Zuhörer, die er findet, dürsten aber kaum eigentliche Anhänger der Partei oder geneigt sein, nur da« kleinste Opfer für die nunmehr erkannte und durchschaute Sache zu bringen. Man hat erkannt, daß unter dem Zeichen de« Antisemitismus keine Erfolge erzielt werden können, -die unzusriedene Bauern, Handwerker und Händler oder neidische Subalternbeamte erhofften. In Baden hatte mau den Mund überau« voll genonynen, aber um so tiefere« Schweige» wird der lauten Bewegung folgen. Aus antisemitischen Blättern. (Bergani's christliche Nächstenliebe.) In dem „Deutschen Bolk«- b l a 11" wird die Nothlage eine« Redactionrdiener« dieser Zeitung al« entsetzlich geschildert und daran die Bitte um milde Gaben für den „armen braven Diener" geknüpft. Tie „Ostdeutsche Rundschau" bemerkt dazu: „Der Man», der einst vor Schönerer aus den Knien lag und ihn auflehte, ihn vor dem Ruin zu retten, der dann die Opfergelder der Deutsch-Rationalen zu einem scrupellosen Zeitung«geschäste unter christlich-socialer Flagge verwendete, dem dieses Geschäft heute ein auf 60.000 sl. jährlich geschätzte« Eiiikommen abwirst und der erst kürzlich einen Häuserkaus im VIII^ Bezirke abschloß und, unglaublicherweise, baar bezahlte — derselbe Mann schämt sich nicht, öffentlich zu erzählen, daß sein pflichttreuer Diener verschuldet ist unh die WohnuugSmiethe nicht erschwingen kann; ja, er treibt die Frechheit so weit, seine Leser für de» Mann, dem er ganz leicht au« Eigenem Helsen könnte, anzubetteln. Wie oft hat nicht Berga ni in seinem Blatte, von verAuSbeutung arischer Dienstboten durch jüdische Tienstgeber erzählt, ist e« aber je einmal erhört worden, daß ein jüdischer Dienstgeber die Oesfentlichkeit für seine Untergebenen an geschnorrt hätte?" Wir beglückwünschen dlx „Ostdeutsche Rundschau" zu diesen ausgezeichneten Bemerkungen, welche der Avwehridee. vollkommen entsprechen. Heil! (Bon der „Reichspost".) Da» Herausgeber-Comitv der „Reichspost" bereitete dem P. T. antisemitischen Publicum eine große Freude, indem e« an zeigte, daß Spitzer-Wei in a r mit 7. März „der Ueberiwhme anderer Ber- Pflichtungen wegen" vop der Herausgabe de« Blatte« znrückgetreten ist. Herausgabe, Truck und Verlag der „Reichspost" sind nunmehr in der arischen Person de« Ambr. Opitz concentrirt; ä propo». wa« geschieht denn mit dem unverfälschten Semiten ® litt mann? (Erdichtete Ovation.) Ta« „Deutsche B o l k« b l a 11" muß nachstehende Berichtigung der VereinSleitung de« Männerchor« „Douaustadt" veröffentlichen: „In Ihrem Blatte vom Mittwoch den 4. d. M. erscheint unter den Mittheilungen folgende Nachricht: .Verehrung für Dr. Lueger. Die Mitglieder de« Mänitergesangvereine« .Tonaustadr, welcher fast sämintliche Lehrer von den Kaisermühlen zu seine'« Mitgliedern zäblt, feierten gestern Abend» bei Jahudka den Sieg der antisemitische» Partei und brachte» stürmische Hoch Ruse auf Tr. Lueger auS.' Mit Berufung auf 8 19 Preßgesetz ersuchen wir um Aufnahme folgender Berichtigung: Bezugnehmend aus die unter dem Titel .Verehrung sür Dr. Lueger' erschienene Mittheilung de« .Teut'chen BolkSblatte«' vom 4. März d. I. sieht sich der Männerchor .Tonaustadf veranlaßt, Folgende« zu erklären: Der Männerchor (unrichtig Männergesangverein) .Tonanstadt' pflegt nur deatschen Gesang und enthält sich jedweder Politik. E« ist daher vollkommen unwahr, daß der Männerchor .Donaustadf Dienstag den 3. d. M., Abend«, im Restaurant Jahudka den Sieg der antisemitischen Partei feierte und die Mitglieder stürmische Hoch-Rufe auf Dr. Lueger au«, brachte jt." Zugleich stellt der Lehrkörper von „Kaisermühlen" fest, daß von den 17 Mitgliedern desselben nur einer dem Gesangvereine ,.Donaustadt" angehört und überhaupt dem Lehrkörper von einerSiege«. feiernichtsbekanntist. (TaS „Grazer Bolksblakt" über die Wiener Gemeindewahlen.) Da« -der Antisemiterei sehr gewogene ultramontane „Grazer Bolksblatt" ist von den Wiener Gemeindewahlen nicht sonderlich erbaut. In einem „Urbem venalem et mature perituram, si emptorem invenerit“ überschriebenen Artikel wird darauf hingewiesen, wie die Beamtenfängerei bei den Wahlen betriebeu wurde, welche Rolle die „materiellen Bortheile" der Beamtenschaft in der Agitation spielten, und au« der regierungSseindlichen Haltung der Staatsbeamten der Schluß gezogen, daß entweder die Versaffung „verbureaukratisirt" oder die „Entrechtung" der Beamten die Folge sei» werde. Da« ultramontane Blatt fährt sodanu fort: .Hören wir zuerst den Dr. Lueger an. Er sagte an dem letzten Siegertage beim Dreher u. A.: .Beamte und Lehrer haben mit un« für die Berurthetlung Badeni'« gestimmt!' Und weiterhin: .Alle sind gekommen,' keiner ist zu Hanse geblieben — e» sind Alle gekommen mit dem Dolche im Gewände, und nun liegt Badeni durchstochen von so tlnd su vielen Dolche» —.‘ Ta» heißt ja, Badeni ist durch die Beamten meuchlerisch erdolcht worden! Diese Worte Lueger'« mllffe» aus einen Conservaiiveu einen erschütternden Eindruck machen Wir wollen aber nicht weiter klagen, wo vielleicht viele Gutgesinnte entzückt sind über den Gewinn, den die .gute Sache' an den k. k. Beamte» gemacht hat.- Wenine« ein Gewinn ist, dann ist die Welt allerdings aus ganz wunderbare Straßen angelangt. Die Beatntenschast wirklich nicht mehr liberal —- o, wie beseligend ist dieser Gedanke, sall« er nur richtig ist! Aber selbst in diesem Falle würden wir den Dolch wegwünscheii. Ein Staat « wesen muß schließlich .feil' werden, wenn die Regierung mit heimlich i» d e v Toga verborgenen Dolch e ti bedroht erscheint. Wir sühlen un« noch besonder« beunruhigt, weil der Dolch gegen einen persönlich sehr gut katholisch gesinnten Minister gezückt erscheint und weil da« Ehristenthum. bei der ganzen Wiener Wahlbewegung dermalen so ziemlich al« Nebensache erschienen ist! Und trotz alledem find wir viel weniger desperat, al« e« erscheinen könnte. Der ganze hochtönende Radicali-mu« wird schließlich doch nur von dem gemüthlichen Theile der Wiener Bevölkerung betrieben, e« ist den Leute» tvahrscheinlich mit den' neuen Lehren nicht gar so ernst, und einmal an da« Ruder gelangt, werden sie viel Waffer in den Wein gießen. Wa« wir unter anderen Umständen au« sittlichen Gründen nie wünschen dürsten, um da« bitten wir jetzt Gott: e»- möge die antiliberale Partei an die Arbeit gelaffeu werden. Wenn nur Herr Dr. Lueger nicht immer den Dolch im Munde führen würde! Er hat gesagt, die k. k. Beamten hätten den Ministerpräsidenten politisch erdolcht! Die Bestätigung scheint säst unmöglich, außer Badeni tritt zurück; aber Badeni hat da« Vertrauen de« Reich«rathe«. Wie kann er wegen einer Wiener Localsrage stürzen? Und läge in dem Sturze Badeni'« nicht ein Präjudiz sür alle Zukunst? Tie Macht, Minister zu stürzen, wird an die Wiener allein kommen? Ein unerträglicher Gedanke!" Ta« Vergani-Blatt meint, die Grazer Schwester „beurtheilt eben Personen und Dinge, vom ausschließlich katholisch-consessionellen Standpunkte ohne Rücksicht daraus, ob dadurch berechtigte Jntereffen verletzt werden oder nicht". (Metamorphosen.) In den „Egerer Nachrichten" verkündigte letzthin ei» Aniisemitenhäuptling au« F a l k e n a u die Miffethat eine» .Juden, welcher e« gewagt hatte, „in voller Veteranenunisorm Vieh au« dem Wagen zu laden". Diese Sensationsnachricht ging in andere Antisemitenblätter über und wurde stet« durch Zusätze umgeformt. Au« der „A s ch e r Z e i t u n g" konnte man bereit« erfahren, daß der Jude iu Veteranenunisorm da« Vieh auch in „die Stadt getrieben" habe: ein .1 l a g e n s u r t e r „nationale«" Blättchen aber ries die Entrüstung seiner Leser gegen den jüdischen Bösewicht durch die . erweiterte Meldung hervor, da« Vieh sei nicht nur durch die Stadt getrieben worden, sondern auch „aus die Weide". Ein iu Leipzig herausgegebene« Autisemitenorgan eignete. sich gleichsall« die Falkenauer Meldung der „Egerer Nachrichten" an, hob jedoch zur Ausschmückung der Sache hervor, daß der Jude mit „Säbel und Sturmhul"' ausgerüstet war. Zur weiteren Vervollkommnung dieser ZeitungSmache verräth da« „Organ der arbeitenden Bevölkerung in West- und Südböhmen", der Falkenauer „Volkswille", Folgende«: „Als ha« Rindvieh unter allgemeinem Erstaunen die Stadt pafftet und auf der Weide angekommen war, hatte der vorne an der Spitze de« Zuge« gehende galizische Ochse eine Metarmorphose durchgemacht und sich zu einem ausgewachsenen — 'Antisemiten entwickelt." (t „Bolksrundschau".) Tie „V o l k«r u n d s ch a u" in Berit n hat mit 1. Mär; zu erscheinen aufgehört. Wie da« „V o l k" erzählt, sollen etwa 600.000 Mark bei der „Völk-rundschan' in den. 17 Monate» 'ihre« Bestehen» zugesetzt worden sein und die Reclame gleich im ersten Monate säst 100.000' Mark verschlungen haben. Bei der Begründung de« nun eingegangenen Blatte« äußerten sich Dr. Hempel und Tr. Friedrich Lange in einem Ausrufe: „Wenn dieser Versuch einer ZurUckdrängung der jüdischen Presse mißlingt, wird die Herrschaft de« .fremden und gesährlichen Geiste« in npserem Volke auf lange Zeit besiegelt sein." Da« antisemitische Unternehmen ist jämmerlich zugrunde gegangen, der couragirte Lange nimmt aber am 1. April den Kampf gegen die „Fremdherrschaft" wieder ans, obwohl sie „aus lange Zeit besiegelt" ist. Womit wird nun da« deutsche Volk für de» Fall bedroht werden, al« Lange mit seiner neuerlichen Speculation nicht reuisiren sollte? (Stöcker, Ahlwardt und ein großer Lachs.) Am Strande der Ostsee wohnt ein frommer Herr, ein Seelsorger, der im Innersten seine« Herzen« die Juden haßt. Eine« Tage« ging ihm, der ein leidenschaftlicher Fischer ist, ein ungewöhnlich großer Lach« in seinen Haken. Er dankte dem Schöpfer sür die« Geschenk, und er glaubte nicht» Bessere« damit thun zu können, al« daß er den prächtigen Fisch an seinen AmtSdruder, den theuren Stöcker, sandte mit dem