Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1896-03-15 · 206 (15.3.1896) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
206 (15.3.1896)
Date
1896-03-15
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4886575-5439173-5439277--2552-4888924
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6. Freie» Blatt Nr. 206. werbetreibenden, die sich heute für den Freisinn und den Fortschritt und für die Sache der Rechtsgleichheit meist auf die Gefahr ihrer wirthschaftlichen Existenz hin in die Bresche stellen, auch wieder wirthschaftlich unterstütze, und daß er nach Kräften dawieder gut mache, wader antisemitische Loycott an jenen wackeren Männern verbrochen. Da- „Freie Blatt" wird — da ja doch nicht ein jeder dem politischen Treiben ferner Stehende die zuverlässigen Gefinnung-genossen von den bloß scheinbaren unterscheiden kann— fortab in seinem Anzeigentheile ein Lerzeichniß solcher christlichen Gewerbetreibenden aller Beruf-arteu bringen, welche sich offenundvor allerWelt für den Freisinn und gegen den Antisemitismus bekennen, und wir ersuchen unsere Leser und GefinnungSgenofsen eindringlichst, diesem Wegweiser ihre vollste Aufmerksamkeit zu schenken. (Eine Maflenkuadgebung der Gewerbetreidenden.) Am verflosienen Sonntag fand in der Bolk-Halle de« Rathhauseeine Massenversammlung von Gewerbetreibenden statt, welche zu dem gesammten Lomplex obschwebender Gewerbefragen Stellung nahm. In verschiedenen, natürlich einstimmig angenommenen Resolutionen erklärten sich die anwesenden Gewerbetreibenden gegen die Gewerbenovelle der Regierung, forderten, allen Thatsachen zum Trotz, den weiteren Au-kau der örtlichen und. beruflichen Organisation de« Handwerk« im Sinne eine« Alle« verschluckenden Zunftwesen«, verwahrten sich gegen die Einbeziehung der Gewerbe in die Unfallversicherung und — weil man nun schon einmal im Resolutionenfassen war — gegen den Ausgleich mit Ungarn. Wie wenig sachliche Erwägungen die Bersammelten bestimmten, geht unzweideutig au« der Leidenschaftlichkeit der Verhandlungen hervor und au« der Thatsache, daß sich dieses Meeting zu einer johlenden Demonstration für die Antisemiten und zu einer Maffenbeschimpsung der vertrauensvoll erschienenen liberalen Parteimänner gestaltete. Wir können nicht einsehen, wie sich die Lage deS Handwerks bessern soll, wenn sich die Kleingewerbetreibenden auch noch weiter wie bi« nun zum willenlosen Stimmvieh eines Schneider hergeben, statt mit ruhigem Blick und kalter Ueberlegung die Mittel zur Besserung ihrer Lage zu prüfen. (Deutscher Handelstag.) Am 10. d. M. trat in Berlin die 22. Plenarversammlung deS deutschen Handel«tageS unter Vorsitz des Geheimrathes F r e n tz e l (Berlins und im Beisein de« StaatSsecretärS Dr. v. Bötticher zusammen. Aus die Begrüßungsansprache de« Vorsitzenden erwiderte Tr. v. Bötticher mit einer Rede, in der er zunächst der Genugihuang über den zweifellos in den letzten Jahren st-ttgehabten Aufschwung deS Handels und der Industrie Ausdruck verlieh, die Nothlage der Landwirthichaft berührte und die Ueberzeugung aussprach, der deutsche Handelstag und die Vertreter der Industrie würden die Bemühungen der ReichSregierung, allen deutschen WirthschastSgebieten die größtmögliche Förderung angedeihen zu lassen, unterstützen. Betreffs der auf der Tagesordnung der Versammlung. stehenden Gesetzentwürfe erklärte der Redner, daß die durch dieselben hervorgerufene Erregung und das Mißtrauen gegen die Reichsregierung ungerechlfertigt seien, deiner Bundesregierung falle es ein, die freie Entwicklung der Handels und der Industrie hindern zu wollen. Rur unlauteren Praktiken solle entgegengetreten werden. Einer Politik, deren oberster Grundsatz sei: „der wirthschattlicken Entwicklung freie Bahn", könne eS niemals einfallen, dem Handel und Gewerbe Beschränkungen aufzuerlegen. Tie Regierung werde für eine Kritik de« HandelStageS an den Gesetzentwürfen dankbar sein. Tr. v. Bötticher schloß mit dem Wunsche, daß die Arbeiten deS Handel«- tageS gesegnete seien. Ter deutsche Handelstag nahm dann einstimmig einen Antrag Kämpf'« (Berlin) an, wonach der Handelstag eine Gesetzgebung zurückweist, welche in die Verkehr-freiheit eingreift, die Selbstständigkeit der Handelsvertretungen bei der Börsenverwaltung herabdrückt und das Selbstgefühl des Handelsstandes beleidigt. Ebenso wurde mit Stiinmeneinhelligkeit ein Antrag Frenyel's (Berlin) angenommen, welcher besagt, daß in dem Margarin-, Börsen- sowie im HandelSdünger-Gesetze Bestrebungen, den Handel und die Industrie einzuschränken, auSgedrückt seien, welche in den EommissionSauträgen noch unzulässig übertrieben wurden. Ter Handeistag verwahrte sich gegen solche Maßnahmen, welche wichtige Berufrstände in der allgemeinen Achtung herabietzen, deren Mitglieder in der berechtigten Wahrung ihrer Interessen hindern und dadurch die Einzelnen sowie die Gesammtheit unberechenbar schädigen. «Jüdische Handwerker.) Tem soeben erschienenen dritten Rechenschaftsbericht über die Thätigkeit de« „Vereine« zur Beförderung des Handwerks unter den Israeliten in Oberhessen" (Gießen 1894/95) zufolge wurden seiten« de» Vereines in den Jahren 1894/95 16 Lehrlinge unterstützt, von welchen 8 bereits auS der vorigen Bericht-Periode übernommen wurden, die übrigen 8 jedoch neu hinzukamen. Rach der BerulSwahl vertheilten sich solche folgendermaßen: e» widmeten sich: 4 dem Schneider ■ Handwerk 3 „ Schuhmacher- „ 2 „ Sattler- „ 1 „ Anstreicher- „ 1 „ Glaser- 2 „ Bäcker 3 der Uhrmacherei. Ihre Lehre beendet haben Lehrlinge, welche nunmehr imstande sind, sich selbst zu ernähren. Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. - (Vom „Bürgerclub".) Die neuerding« im „Bürgerclub" vereinigten antisemitischen Gemeinderäthe sollen, wie ihre Organe betheuern, zur Fortsetzung der „Justament"-Politik entschlossen sein. So wäre deyn eine demonstrative Wiederwahl Lueger'« zum Bürgermeister und in Folge dessen eine Verlängerung der Aera Friede!» im Rathhause zu gewärtigen. (Nicht satiSfaclioussähig.) Man schreibt un«: Auf Geheiß des Schloßherrn von Rosenau beschäftigten sich die antisemitischen Verbindungen der Bubokratie mit der „Frage", ob Juden satisfactionssähig seien, um den Beschluß zu fassen, „al« Deutsche die Juden für nicht satjrfactionSwürdig zu erklären". E« ist schön vom Schloßherrn von Rosenau, daß er die Nachkommenschaft de» Pohrlitzer Kohn — denn auch „Judenstämmlinge" werden, wie die» Brauch ist, al« Juden behandelt werden — gegen Duellgesahren im Vorhinein ficherzustellen sucht. Zn der Praxi« nützt aber der Beschluß einer Bubokratie > Gruppe verflucht wenig. Mag ein Schönerer-Knechtlein einen Juden sati«- factionSwürdig finden oder nicht — wenn er Reservelieutenant ist und seine Eharge behalten will, muß er von einem jüdischen Kameraden, der ihn gezüchtigt hat, „ritterliche Genugthuung" fordern. Ein Lfficier wird sich, so lange die Unsitte de« Zweikampfe» überhaupt besteht, unter allen Umständen auch mit einem sonst anständigen Enkel de» Herrn Schmuel Leeb Kohn schlagen müssen. p. (Verhinderte Versammlung in Retz.) Ter Verein „Ehristliche Presse" wollte Sonntag den 8. d. M. in Retz eine Versammlung abhalten, in welcher Lueger, Geßmann, Steiner und Schnabl sprechen sollten. Angeblich fanden sich zur Versammlung einige tausend Personen aus Retz und Umgebung ein. Die Arrangeure wollten zuerst die Versammlung unter sreiem Himmel abhalten, und al« dies der behördliche Vertreter nicht gestattete, sollte der im Hofe befindliche geräumige, aber an zwei Seiten offene Wagenschupfen eines Gasthause« al« Versammlung-local dienen. Der behördliche Vertreter erhob auch hiegegeu Einsprache und verwies die Arrangeure auf einen im ersten Stocke de« Gasthauses befindlichen Saal. 'Run äußerten die Arrangeure den Wunsch, daß eS den Rednern gestattet werde, bei offenen Fenstern zu den im Hose Bersammelten zu sprechen. AlS der RegierungScommissär darauf ebenfalls einen abschlägigen Bescheid ertheilte, verzichteten sie auf die Abhaltung der Versammlung und gaben zugleich bekannt, daß sie die Sache im Parlamente zur Sprache bringen werden. In der That brachten Geßmann und Genossen am 9. d. M. im Abgeordnetenhause eine» Dringlichkeilsantrag ein, welcher die Regierung aufforderte, den ihr unterstehenden Organen solche Weisungen zu ertheilen, daß die Ausübung de« Verein«- und Versammlung-rechte« ermöglicht werde. Ministerpräsident Graf B a d e n i legte dar, daß die jetzige Regierung auch bisher in Bezug auf da« BersammlungSrecht liberal vorgegangen sei, nahm den Statthalter in Niederösterreich gegen Angriffe L u e g e r'S in Schutz, stimmte aber mit besonderer Befriedigung einer Aeußerung desselben bei. daß Beamte, so lange sie dienen, nicht parteilich Vorgehen und nicht parteilich sich benehmen sollen. Ter DringlichkeitSantrag, gegen welchen der Ministerpräsident keine Einwendung erhob/ wurde angenommen. (Von der ungarischen „Bolkspartei".) Tie vom Grafen Ferdinand Zichq in Ungarn gegründete „Bolkspartei" betreibt eine heimliche Propaganda, welche mit antisemitischen Mitteln zu arbeiten beginnt. Dem „Pesti Naplo" zufolge versendet die Redaction eines Organ« der „Volkspartei" Lirculäre an fämmtliche Pfarrer, welche die Aufforderung enthalten, auf ein Werk über jüdische „Ritualmorde" zu subscribiren. Auch werden Proclamationen, Lieder und insbesondere Gassenhauer judenfeindlichen Inhalts mit der Bitte, sie unter Bauern zu verbreiten, an Geistliche und Laien versendet. — Am 12. d. M. erschien Graf Ferdinand Zichy in der'Generalversammlung der Erzbruderschast vom heilige» Michael in Wien und hielt unter stürmischem Beifalle eine Ansprache, in welcher er sagte: „Mein Weg ist mir vorgezeichnet, ich bin nicht« alS ein Werkzeug in den Händen der göttlichen Vorsehung. Ich bin unendlich glücklich, die Einheit der christlich-katholischen Gefühls zu constatiren. Da« Recht ist unabhängig von der künstlichen Mehrheit parlamentarischer Bersammlungen, und falsch ist e«, zu sagen, mau müsse sich den Beschlüssen dieser Mehrheit beugen. Wir müssen christlich denken, christlich handeln und unserer christlichen Ueberzeugung in der Familie, in der Gesellschaft und im Staate Ausdruck geben. Ich nehme die Ueherzeugung mit nach Hause, daß unsere GlaubenSbrüder in Oesterreich mit Begeisterung unseren Kampf mitkämpsen. Die Fragen, für die wir einsteheu, berühren auch Sie. Unser Sieg macht Ihren Kamps überflüssig, unsere Niederlagen werden durch Ihre Siege wettgemacht." (Schlechte Geschäfte.) In einzelnen Theilen Deutschlands ist für den Geschäftsantisemitismus nichts mehr zu holen. B ö ck e l hat daher, wie au» Berlin gemeldet wird, den undankbaren Kampf wider den „jüdischen EapitaliSmuS" aufgegeben und ist al« Statistiker bei einer Actiengesellschaft eingetreten. A h l w a r d t mußte, um sich Geld zu verschaffen, nach Amerika gehen, von wo er seinen Gläubigern vermelden läßt, er werde voraussichtlich bald in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.