Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 206 (15.3.1896)
- Date
- 1896-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4886575-5439173-5439277--2551-4888923- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 206. 'w 4= Freie» Blatt. Seite &. gegen die Leitung der Vorwurf erhoben, daß sie das Ansehen de« Vereine« schädige, und betont, daß deren Beseitigung dringend geboten sei. Angesichts dieser Bewegung sah sich der Ausschuß veranlaßt, zu demissioniren, und behufs Neuwahl der Bereinsleitung wurde für den 9. d. Dt. eine außerordentliche Generalversammlung einberufen, die eine zahlreiche Betheiligung aufzuweisen hatte. Mehrere Mitglieder des abtretenden Ausschusies, darunter der Obmann S ch l i ch t i n g, bestritten es entschieden, daß sie antisemitische Tendenzen propagiren. Die überwältigende Mehrheit der Versammlung sprach sich dann mit aller Entschiedenheit dafür aus, daß politische Tendenzen von dem Vereine ferne zu halten seien und daß eine gedeihliche Arbeit nur möglich sei, wenn Eintracht und Friede herrschen. Bei den Wahlen entfielen auf die Herren August Schmidt (Obmann) und Johann Göllinger (Obmann-Stellvertreter) sowie ans die übrigen Kandidaten der Opposition etwa l 10 Stimmen, während der alte Ausschuß kaum über 30 erhielt. Zum Schluffe kam es noch zu einer stürmischen Seene. Der frühere Obmann-Stellvertreter Leinwarter regalirte, aus Aerger über seinen Durchfall, die Mehrheit mit Schimpfworten, wie „Judenpack" nnd „Judenbuben". Er wurde umringt und unter Entrüstnngskundgebungen aus dem Versammlungslocale entfernt. (Der Landmarschall-Stcllvcrttctcr über die Radansccncn im Landtage.) In Wiener-Neustadt erstattete Bürgermeister Doctor Haberl in seiner Eigenschaft als Landtagsabgeordneter dem Gemeinderathe Bericht über die letzte Landtagssession und über seine Thätigkeit im Jntereffe der Stadt und ihrer Umgebung. Dr. Haberl, welcher seit dem Ableben des Dr. Prix auch als Landmarschall-Stellvertreter fungirte, bemerkte bei dieser Gelegenheit: „Tie letzte Session des Landtages war eine der stürmischesten und excessivsten, und der vorzeitige Schluß deS Landtages wurde von der Mehrzahl wie eine Art Erlösung begrüßt. Obwohl iroch viel zu erledigen gewesen wäre, wurde durch unfruchtbare Debatten viel Zeit vergeudet. Mir ist eS außerordentlich wohlthuend, hier den Vorsitz im Gemeinderathe zu führen gegenüber dem Vorsitz im Landtage. Obwohl auch hier verschiedene Parteien vertreten sind, wird doch immer der Anstand und die gesellschaftliche Sitte gewahrt. Tie Herren haben bereits über die Sitzungen des Landtages aus den Zeitungsberichten Kenntniß und können sich daraus selbst ein Bild machen. Möge der zukünftige Landtag andere Elemente bringen!" (Im Zeichen der Zeit.) Man schreibt uns aus Mistelbach: Am 25. Februar fand hier die Einweihung des israelitischen Tempels statt. Zu dieser Feier hatten sich zahlreiche Festgüste eingefunden und der k. k. Bezirkshanptmann BaLant hielt eine ergreifende Ansprache an die Anwesenden. Das Fest nahn> einen erhebenden, würdevollen Verlauf. Merkwürdigerweise glänzte durch ihre Abwesenheit die hiesige Gemeindevertretung, trotzdem ein Beschluß gefaßt worden war, sich korporativ an der Festfeier zu betheiligen. Man bringt diesen Gesinnungsumschwung in Zusammenhang mit der Anwesenheit eines Redakteurs deS „Deutschen VolksblatteS", der den Herrn Bürgermeister Thomas Freund bestimmt haben soll, an der Feier-sich nicht zu betheiligen. (Ein christlich-socialer Agitator.) Wie au« Wiener-Neustadt berichtet wird/ spielte sich dort am 6. März eine aufregende Scene ab. Nach der Verkündigung deS UrtheilS gegen den wegen falscher Zeugen auSsage angeklagten christlich-socialen Agitator Josef Kalbacher aus Neunkirchen sprang derselbe mit Schimpfworten auf den Staatsanwalts-' substitnten Dr. Kaiser los. Nur durch das Ausgleiten Kalbacher's am Fußboden wurde ein Angriff desselben auf de» Vertreter der Staatsbehörde vereitelt. Für diese Ausschreitung wurde die Strafe Kal bacher's um zwei Tage Dunkelarrest vermehrt. (Der Antisemitismus in Tirol.) Wie aus Innsbruck berichtet wird, hat in letzter Zeit wiederholt ein Häuflein tirolischer Antisemiten, die sich mit Vorliebe auch „deutsch-national" nennen, die heftigsten Anstrengungen gemacht, um die antisemitische Bewegung auch in Tirol mehr in Schwung zu bringen, beziehungsweise einen aus Wien oder Salzburg importirten Ableger dieser „modernen" Bewegung nach Tirol zu verpflanzen. Da der Anhang in den Städten und besonders in der Landeshauptstadt selbst ein äußerst minimaler blieb, versuchte man eS auf dem Lande. Maffenhast wurden Flugschriften und antisemitische Zeitungen, natürlich gratis, verbreitet, aber aller Liebe Mühe war umsonst, und heute ist es in dieser Hinsicht im Lande stiller geworden als je zuvor. Für den Antisemitismus ist in Tirol natürlich kein Platz, weil hier der ElericaliSmus ohnedies dominirt und durch den Antisemitismus nicht erst vorbereitet zu werden braucht. Deshalb erfreuen sich die „Deutsch-Nationalen" in Tirol auch nicht jener Förderung von Seite der Elericalen, welcher sie in Wien und Graz ihr Dasein verdanken. (Ein Märchen.) Aus Krakau schreibt man uns: - Der hochwürdige Herr Ladislaus EhotkowSki erzählte in der Debatte des Abgeordnetenhauses über de» Voranschlag des Unterrichtsministeriums, daß ein jüdischer Lehrer in Krakau int Aufträge des Schulinspectors katholischen Kindern Religionsunterricht ertheilt babe. Sowohl der Schulinspector als auch der Bürgermeister stellen dies entschieden in Abrede, und züglejch veröffentlichen alle jüdischen Lehrer nnd Lehrerinnen Krakau« eine Erklärung, daß jüdische Lehrkräfte hier viemals dazu verwendet wurden, um in Vertretung eines Katecheten den Religionsunterricht für katholische Kinder zu besorge». Der hochwürdige Herr Ladislaus EhotkowSki verbreitete also im Abgeordnetenhause ein Märchen, um nicht zu sagen: eine Tendenzlüge. Wird er nun widerrufen und der Wahrheit die Ehre geben? (Pfarrer Jskraut contra Dr. Stengel.) Die i», Jänner vor dem Schöffengerichte zu Marburg verhandelte Beleidignngsklage des antisemitische» Reichstagsabgeordneten und Pfarrers Jskraut gegen den Universitäts Professor Dr. E. Stengel, die mit der Freisprechung Stengel's schloß Wehe Nr. 197 des „Freien Blattes"), gelangte Ende Februar vor dem Landgerichte in Marburg als Revisionsinstan; nochmals zur Verhandlung, Nach wiederholtem Zureden der Richter kam nun auf Vorschlag des VertheidigerS JnstizratheS Schmidt nachstehender Vergleich zustande, der protokollirt wurde: „Pfarrer Jskraut gibt an, daß er die von ihm am 25. Jänner 1395 über den Eigarrenfabrikante» Hesse in Waldkappel gethane Aenßeruug im guten Glauben an ihre Richtigkeit habe fallen lasten; Professor Stengel erklärt, diese Angabe nicht bezweifeln zu wolle» und darum den mit Bezug auf jene Aenßerung gebrauchten Ausdruck .grobe Lüge' zurückznnehmen." Pfarrer Jskraut zog darauf seine Klage zurück. Die Gerichtskosten werden von beiden Parteien zur Hälfte getragen. (Tie Inden in England.) Im Vordergrund des öffentlichen Interesses steht in Londoner jüdischen Kreisen, wie von dort berichtet wird, ein Artikel der „O-uarterly Review": „Der moderne Jude", der von den schmählichsten Angriffen gegen Inden und Judenthum überfließt. Es genügt, zur Eharakterisirnng dieser Angriffe darauf hinzuweisen, daß ein guter Theil derselben den Broschtkren und der Zeitung Drumond's wöxtlich entnommen ist. Zwar nimmt die „O-uarterly Review" schon längst nicht den früheren Rang ein, sie ist vielmehr wie etwa die Leipziger „Grenzboten" nur eine Ruine aus früheren Zeiten, aber die englischen Juden sind ungleich empfindlicher gegen alle Angriffe als die Juden des Eontinentes, nnd der Artikel der „O-uarterly Review" hat daher eine energische Abwehr in den jüdischen Organen und -von den Kanzeln gefunden. Viel besprgchen wurde ferner in London der Passus der Thronrede, der eine Bill gegen die armen Einwanderer ankündigte. Im Oberhause versuchte Lord R o s e b e r y den Premierminister Lord Salisbury zu einer Erklärung hierüber zu veranlaffeu, allein umsonst, und auch i»i Unterhause, wo ein „Anticlarist", wie der neueste Titel heißt, Namens Howard, gelegentlich der Adreßdebatte die Angelegenheit zur Sprache brachte und die energische. Bekämpfung dieser Bill durch Sir Eharles, D i l-ke ankündigte, schwieg die Regierung. Dagegen weiß der „Standard" zu melden, daß die Bill sehr eng gefaßt in ihren Bestimmungen sein werde. Es scheint fast, als wollte die Regierung Maßregeln Vorschlägen, die bestimmt sind, das Geschrei der protectiouistischen Arbeiter verstummen zu machen, in Wirklichkeit aber von keiner praktischen Tragweite sein sollen: Zur gewerblichen Bewegung. (Freisinnige, steht zu euren Gesiiinungögenoffen!) Mit unerhörtem Terrorist»»« haben die Antisemilen den Kampf schon längst ans da« rein per-' sönliche und privatwirthschastliche Gebiet hinüber gespielt. Sie sind lange nicht mehr bei der Aufforderung stehen geblieben: „Kaust nicht bei Inden!", sie haben die Boycotlsormel längst auch auf olle Nichtluden nichlantijeniilischen Bekenntnisses. ausgedehnt,, und bei den letzten Wahle» wurde die Aussperrung von Christen, welche e« noch wagten, sich liberal oder demokratisch zu nennen und so zu wähle», geradezu schwunghaft und bis zmn wirthschafilichen Ruin einzelner Individuen betrieben. Und, man gebe sich keiner Täuschnng hin, nicht bloß die prononcirten Bandensührer und der gemeine antisemitische Mob gaben sich zu diesem sauberen Handwerk her, uns sind Fälle bekannt, tvo auch hohe Staatsbeamte und selbst Angestellte „jüdischer" .Bahngesellschasten christliche» Geschäftsleuten die Kundschaft entzogen, bloß deshalb, weil die Betreffenden Manneskraft genug befaßen, unentwegt für Freisinn und Fortschritt einzutreten. Wir wollen nicht Boycolt mit Bvycolt heimzahlen, weil derselbe einerseits un- .gesetzlich ist und anderseits es heute bei der weit gediehenen Verlogenheit, und Heuchelei für den minder Eingeweihten meist schwer zu eruiren ist, ob derjenige, der sich für freisinnig auSgibt, auch so wählt. Aber wir halte» eS für eine Charakterpslicht jedes Freisinnigen, daß er jene wenigen Ge-