Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 206 (15.3.1896)
- Date
- 1896-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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/ Nr. 206 f Im Allgemeinen wird man also sagen müssen, daß gegenüber der KrifiS im Handwerke bisher die conservativ-clericalcn Parteien den Standpnnkt des Zunftzwanges und Befähigungsnachweises, der Libe ralismns aber den der höheren Ausbildung des Einzelnen vertreten hat. In diesen. Streite hat der Antisemitismus, der sich so selbstgefällig als den Retter des Handwerkerstandes hinstellt, thatsächlich nichts, aber auch gar nichts weiter geleistet, als die Schlagworte der conservativclericalcn Eoalition nachgcbetet und hie und da bis zur Haricatnr übertrieben. Um die angeblichen Berdienstc des Antisemitismus um die Hebung der Mittelstände, specicll des Handwerkerstandes, richtig zn würdigen, muß man sich vor allen Dingen gegenwärtig halten, daß die Bcstrebnngen nach einer Erneuerung der Zünfte im Handwerkerstände i selber älter sind als der Antisemitismus überhaupt und daher von diesem unabhängig entstanden sind. Die Antisemiten haben also in dieser Frage weiter nichts geleistet, als eine schon bestehende Bewegung mit einigem Geschick für ihre Zwecke auszubenten. Diese HandlungS weise ist überhaupt charakteristisch für die social-politischen Bestrebungen der Antisemiten im Allgemeinen. Ihr sogenanntes social-politisches Programm ist. ein sonderbares Sammelsurium aus den Parteiprogrammen aller politischen Parteien. Biele der Forderungen sind entschieden liberal, andere entschieden reactionär. Mit großem Geschicke verstehen die Anti semiten jede in irgend einem Jntcreffcnkrcisc anftauchende augenblicklich! populäre Bewegung für ihre Zwecke auszubenten. Als die Eonsnm vereine noch populär waren, wurden sic trotz ihres liberalen Ursprunges von Herrn Dr. Böckcl eifrig gepflegt. Sobald die Stimmung in ge wissen Kreisen umschlng, schossen di« Antisemiten den erforderlichen Purzelbaum, um sich als energische Gegner der Consumvereine aufzuspielen. Noch nie ist das Drehen des Mantels nach dem Winde zu einer so absoluten Charakterlosigkeit ausgebildet worden wie bei den Antisemiten. Jedes neuen und wahrhaft fruchtbringenden Gedankens bar, lebt diese „Partei der socialen Reform" ausschließlich davon, daß sie die abgetragenen Gedanken Anderer mit ihren antisemitischen Bestrebungen in einen zuweilen wunderlichen Zusammenhang zn bringen versteht. Wohl thut uns in der ernsten Zeit, in der wir leben, eine wirkliche Partei der socialen Reform dringend noth, aber es würde schlimm um unser Vaterland stehen, wenn wir in der antisemitischen Partei diese Partei der socialen Reform sehen müßten. Zu einer durchgreifenden Rcfonn so complicirtrr volkswirthschaftlichcr Einrichtungen, wie wir sic brauchten, bedarf eS nicht abgedroschener Schlägwortc, sondern ernster Arbeit und großer fruchtbringender Gedanken. Bon solchen aber haben wir in der antisemitischen Literatur bisher so gut wie nichts wahrgenommen. Was haben denn die Antisemiten an wirklich praktischen Schöpfungen bis jetzt aufzuweisen, was sich auch nur entfernt mit den Gewerkvereinen, den Handwerker- und Gcwerbevereincn, den Fort / bildnngs- und Fachschulen n. dgl., welche alle liberaler Anregung ihre Existenz verdanken, vergleichen ließe? Als die Antisemiten den Versuch gemacht haben, einmal etwas Praktisches zustande zu bringen, wie in Hessen, haben sie sich immer und immer wieder einzig und allein an die Schöpfungen der Liberalen anlchncn müssen; wie bei den Cousuin vereinen, so auch bei den Darlehenskassen; denn auch die Raiffeisen schen Darlrhenscassen, denen die Antisemiten vor den Schulze Dclitzsch'sche» Borschußvereinen rc. den Vorzug gegeben haben, sind keineswegs anti semitischen Ursprunges, sondern beruhen durchaus auf dem liberalen GenoffcnschastSgedankcn. Also was in aller Welt haben denn die Antisemiten zur Hebung des Handwerker- und kleinen Bauernstandes bisher wirklich geleistet? Darauf habe ich bisher weder in antisemitischen Bcrsammlungen noch in der antisemitischen Presse irgend eine ausreichende Antivort bekommen. Wohl verkündigen sie in jedem ihrer Blätter und in vielen ihrer Reden, daß es unserem Mittelstände sehr schlecht gehe, daß er zwischen dem Großkapital und der Großindustrie auf der einen, der social-demokratischen Arbeiterschaft auf der anderen Seite völlig zerrieben werde, wohl preisen sie sich in Vrrsanimlnngen und Zeitungen als die einzigen Retter dieses vielbedrängten Mittelstandes an, wohl rühmen sich ihre einzelnen Tageszeitungen, die einzigen währen Vertreterinnen der Interessen des Mittelstandes zu sein, und preisen diese ihre Eigenschaft selbst in den Titeln dieser Zeitungen marktschreierisch an, aber was denn nun eigentlich zu geschehen habe, um diesen bedrängten Mittelständen zu helfen, darüber wissen sie ihren Lesern wenig .. oder nichts zu sagen. Doch nein! Sie erblicken ja das Heil des Handwerkerstandes nicht zwar in einer irgendwie klar ausgesprochenen Hebung desselben, sondern in der Zurückdrängung der Großindustrie. Bon diesem Gesichtspunkte ans haben sie sich ja auch als heftige Gegner der Handclsvcrtragspolitik y * Seite 3 erklärt, weil sie der Meinung sind, daß indem Intcrcsscnwidcrstrcil zwischen Landwirthschaft und Großindnstric nur die crstcrc staatliche Unterstützung verdiciic» und beanspruchen könne. Aber auch hierin sind sie nicht original und neu in ihren Gedanken, sondern bcsindcn sich wiederum in voller Ucbcrcinstimmnng mit der zünfllcrischcn und agrarischen Bewegung, über die sic-in mehreren ihrer Erzeugnisse nnr insofcrne noch weit hinanSgehen, als sic die gcsammtc Großindnstric mehr oder weniger offen alS verderblich für unser Vaterland hinstcllen und behaupten, has Beste wäre cS, ivcun mau die ganze große Ent Wicklung der letzten Jahrzehnte rückgängig mache» könnte. Tiefer ganze Gcdankcngang, der mit unglaublicher Naivität voltswirthlchastlich unmögliche Dinge als etwas Selbstverständliches hinstcllt, ist der beste j Beweis für die wirthschaftlichc Unreife dieser Bewegung, welche die thörichtcstcn nnd einander widersprechendsten social politischen Forderungen nur deshalb aufstellt, weil sic doch allmälig cingcschen hat,, daß mit der öden, rein negativen Indcnschimprcrci 'allein für die Tauer kein Geschifft zu machen ist. Unter (Lzcrr Hicolcuis II. (Original Mitlheilung de» „Freien Blatte»"-, , Petersburg, Anfangs März. „Ich bin ein froinmgläubiger Christ, aber der Glaube an ineiucu Heiland .gibt mir noch nicht das Recht, andere Mitmenschen um ihres Glaubens willen z» verfolgen." AngeblicherAnSipruch de»EzarS Ricola»»' II. als Großfürst- Thronfolger. Nichts ist so charakteristisch für die Schwankungen der inneren Politik der gegenwärtigen russischen Regierung, wie die planlose Thütigkcit bei der sogenannten Regelung der Rechtsverhältnisse der Inden im Czarcnreichc. Es ist eine alte und allgemein bekannte Thatsachc, daß das größte Uebcl im social-politische» Leben Rußlands der Mangel einer einheitlichen Politik »ach innen ist, wodurch jedem rinzelnen der vielen Machthaber die Möglichkeit geboten wird, Politik auf eigene Faust zu treiben. Was z. B. in Petersburg erlaubt ist, ist ui Moskau strenge untersagt, und was man i» Kiew darf, ist jit Charkow Verbreche». So erklärt es sich, warum die Regelung der Lage der Juden in Rußland unter NicolanS fl. selbst dann keine ncnncnSwerthcn Fortschritte aufzilweisen vermöchte, wenn die Intentionen der Central Regierung den Juden gegenüber sich wesentlich gebessert hätte». Einc-Knndgebnng der Krone zu Glinsten einer liberalere» Handhabung der geltenden Gesetze überhaupt hätte vielleicht das Verfahren den Juden gegenüber etwas geändert; da aber eine solche Kundgebung nicht erfolgt'ist, so scheint die „Iudcupokitik" sich in den alte» Bahne» zu bewege». Einen unmittelbaren Anlaß zur Fortsetzung der anlisüdischk» Polilkk Alexanders III. hat Czar Ricolans II. selbst i» seine,» kürzlich pnblicirtcn Sirönungüukas gegeben. TP dies absichtlich oder niiabfichtlich geschehe» ist, wolle» mir uscht untersuchen, die Folgen habe» sich jedoch allzu rasch eingestellt. In diesem KrönnngSnkas ordnete Czar Nicolaus II. zum crstcnmalc die Einladung von Vertretern aller in Ruß land lebenden Costscssioncn zur RrönungSfeicr nach Moskau an. Es wurden selbst Vertreter der in Transbaikalie» lebenden BuddhiNc», fa sogar die der Burjaten, Wotjaken und Ralinücke», die bekanntlich größtcntheils »och dem Heidcnthume angchören, cingeladen. Dagegen wurde» die Vertreter der mosaischen Eonfeffion nicht anfgcfordrrt, zu erscheinen. So lange zu de» Rrönungsfcicrlichkeitcn nur Vertreter der christlichen Confessionen (Srlhodoric, siatholiciSinuS nnd Protestantismus) zugelassen wurden, hatte 'Niemand nieder Ilnigehung der mosaische» Confessio» eine Abneigung des CzarS gegen die Juden erblicken können. In dem Augenblicke jedoch, in welchem Czar RicolauS II. die Vertreter sämmtlicher unter dem Scepter Rußlands lebenden RcligionSgcnossciischaftcn nach Moskack cinladen und nnr die Inden anSschließen ließ, mußte in den den Juden feindselig gesinnten RegierungSkreisen der Gedanke von der persönlichen Abneigung des CzarS gegen die russischen Unter than?» mosaischer Confessio,, wieder auflebcii. Wenn es aber gar wahr sein sollte, was in Petersburg allgemein verlautet, daß Czar RicolauS höchst eigenhändig die Juden auS der Liste der zur Krönnngsfeicr eiiizuladendcn Vertreter aller Coufesfloneu gestrichen hat, so erklärt sich vollauf die Haltung der »laßgebendcn Kreise in Bezug auf die Rechtsstellung der Juden. Und thatsächlich hat der Senat unter de», Eindrücke dieser durch den UkaS hervorgcrufenen antijüdischen Stinlinung nicht nur mehrere Frage», deren den Inden günstige Lösung bisher außer Zweifel stand, plötzlich in einem entgegengesetzten cinnc Frei»»