Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 206 (15.3.1896)
- Date
- 1896-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Freie» Blatt. Nr. 206. Frage, ob der Staat berechtigt sei, energisch ins wirthschaftliche Leben einzugreisen oder nicht, von der Reichsregierung sowohl wie von der Mehrheit der alten Parteien zu Gunsten des Staates entschieden worden. Das ganze große Werk der Socialreform, in besten ersten bescheidenen Anfängen wir uns erst befinden, und um das uns jetzt schon die anderen europäischen Culturvölker beneiden, verdankt seine Entstehung tatsächlich der kühnen und hochherzigen Initiative der deutschen Reichsregicrung in ihrem Zusammenwirken mit den alten politischen Parteien, nicht in letzter Linie mit dem Liberalismus, besten vornehmste Vertreter einen ganz hervorragenden Antheil an dem Zustandekommen der Socialreform gehabt haben. Man braucht nur die BerathungSprotokolle und die Abstimmungen des deutschen Reichstages in Sachen des Unfall-, Alters-, Jnvaliditäts-, Hrankenversicherungs- und Arbeiterschutzgefctzes aufmerksam durchzulescn, um sich von dieser einfachen, aber den Antisemiten sehr unbequemen Thatsache zu überzeugen und einznsehen, daß cs durchaus unwahr ist, wenn die Antisemiten behaupten, daß es den alten Parteien au Pcrsländiiiß für diese neuen Probleme fehlt. Freilich wird man nicht leugnen können, daß der Gedanke eines unausgesetzten Eingreifens des Staates in das wirthschaftliche Leben des Einzelnen den alten Parteien und insbesondere dem Liberalismus anfangs etwas Bedenkliches und Befremdliches hatte. Zu sehr hatte sich im Laufe der ersten sieben Jahrzehnte dieses Jahrhunderts der Gedanke eingewurzelt, daß das wirthschaftliche Leben sich im Wesent-. lichen durch die freie Concurren; der Kräfte reguliren müstc, als daß diese Anschauung sich leicht und schnell in die entgegengesetzte hätte nmwandeln können. Eine Zeit lang standen in der That die Anhänger der alten Parteien, Conservative und Liberale, dem staats-socialistischen Gedanken, der schon seit längerer Zeit von den wistenschaftlichen Vertretern des Kathedcrsocialismus gehegt und gepflegt wurde, scheu und ablehnend gegenüber. Tic einen, die Conservative«,'suchten vielmehr die Rettung in einer Zurückschraubung des Wirtschaftslebens in eine frühere veraltete Form ^Aufhebung der Freizügigkeit und Gewerbefreiheit, Wiederherstellung des Jnnungszwanges u. s. w.), die anderen, die Liberalen, glaubten das Heil nur in einer organischen Weiterbildung auf freiheitlicher Grundlage sehen zu müssen. Tie Letzteren traten daher, um den Wirkungen der Productiouskrisis entgcgenzutretcn, mit Eifer für die von ihnen inS Leben gerufenen freien Genossenschaften'(Gewerk-, Handwerker-, Gewcrbcvercine u. s. w.) ein. Sehr batb aber sahen beide, Theile ein, daß mit diesen Mitteln allein die wirtbschaftliche Krisis nicht bewältigt werden könne, und nahmen daher alsbald mit Eifer an der gesetzgeberischen Socialrcform des Staates thcil. Ein Verdienst um diele Reformthütigkeit zu haben, kann die antisemitische Partei schon jbamm nicht den geringsten Anspruch erheben, weil sic in den Zeiten dieser Refornigcsetzgcbung im Parlament »och io gut wie gar nicht vertreten war. Allein diese Resormgesetzgcbuug beschäftigte sich zunächst nur mit der Lage der arbeitenden Elasten im engeren Sinne. Tie Mittelschicht des Volkes, der eigentliche Mittelstand, war noch nicht in ihren Bereich gezogen worden. Es bliebe also immer noch die Möglichkeit, daß die antisemitische Partei auf diesem Gebiete, auf dem der Hebung des Mittelstandes, selbstständige Verdienste für sich in Anspruch nehmen könnte. £b und inwieweit dies der Fall ist, soll nunmehr weiter untersucht werden. Turch das rapide Anwachsen der Social Demokratie waren die politisch denkenden Kreise unseres Volkes auf die schweren Schäden aufmerksam gemacht worden, welche die ungeahnt schnelle Entwicklung der Großindustrie und die dadurch hcrvorgcrufcnc' Umwälzung aller Productionsverbältniste für die arbeitenden Elasten im engeren Sinne zur Folge halte. Man mag die revolutionäre und staatsfeindliche Richtung, in welche die Arbeiterbewegung durch die internationale Social-Temokratie gedrängt wurde, »och fo tief beklagen, das eine Verdienst wird man dieser Bewegung nicht abstreircu können, daß sic sehr erheblich dazu bcigetragcn hak, die sociale Reformbcwcgung, in welcher wir mitten innc stehen, in Fluß zu bringen. Aber eben weil die Social Temokratic zunächst sich nur an die Arbeiterclastc wendete, beschränkte sich die sociale Reform, soweit sie in der Gesetzgebung zum Ausdruck kani, ebenfalls nur auf die arbeitende Elaste. Zn Folge dessen wurde von den in der Gesetzgebung maßgebende» Kreisen zu lange übersehen oder doch nicht genügend beachtet, daß unter jener Aeuderung der Productionsvcrhültniste auch die erwerbenden Mittelstände, namentlich der Handwerkerstand, sehr zu leiden hatten. Erst sehr allmälig machte sich im Handwerke selbst eine Bewegung geltend, welche ans eine Wiederbelebung der alten Zwangszünfte und eine Wiedereinführung des Befähigungsnachweises hinstrebte. Tie Bewegung, welche die Schäden einer ganz neuen ProductionSweise durch eine Rückkehr zu den Formen einer anderen längst überwundenen Form der Production ausgleichen wollte, fand in hohem Maße die Unterstützung der Conservative» und eine« Theiles der Centrumspartei und dadurch sogar wiederholt in der Form der Ackermann'schen Anträge die Mehrheit in den parlamentarischen Körperschaften. Ablehnend dagegen verhielt sich nicht nur der gesammte Liberalismus, sondern auch die deutsche Rcichsregierung, welche den Anregungen jener Anträge keine Folge gab; ohne Zweifel mit Recht. Wir haben die volle Ueberzeugung, daß auf diesem Wege dem Handwerke aus den Schwierigkeiten, die ihm aus den neuen Productionsverhältnisten erwachsen sind, nicht zu helfen ist. Wenn schon in den Zeiten, in welchen der Großbetrieb sich noch in den ersten Stadien seiner Entwicklung befand, der Zunftzwang als eine unerträgliche und unbequeme Feste! empfunden und deswegen abgeschafft wurde, so würden sich seine nachthciligen Eigenschaften bei den heutigen Productionsverhältniffen in noch weit höherem Grade offenbaren. Die Großindustrie mit ihrem Maschinenbetriebe einfach wieder aus der Welt zu schaffen, würde schlechthin unmöglich sein und wohl auch von dem verranntesten Reactionär nicht erstrebt werden; für die Großindustrie aber einen Befähigungsnachweis einzufahren, sie in die Formen des Zunftzwanges zu bannen, ist selbst von den eifrigsten Anhängern des letzteren bisher noch niemals auch, nur vorgeschlagen worden. Großindustrie und Handwerk müssen sich eben an ein Nebeneinanderbestchen gewöhnen und darnach ihre Competenzbereichc abgrenzen. Soll dies dadurch geschehen, 'daß für den Handwerksbetrieb der Befähigungsnachweis wieder eingeführt wird, für den Großbetrieb aber nicht, so entstehen, wie die österreichischen Erfahrungen gezeigt haben, schon die größten Schwierigkeiten bei der einfachen Definition der Begriffe Großbetrieb und Handwerksbetrieb, und in dem weiteren Verlaufe der Sache gibt es unaufhörliche Competenzconflicte zwischen beiden, die in Oesterreich zu den unerträglichsten Schwierigkeiten geführt haben. Ganz abgesehen davon aber, kann man dem Handwerke doch gerade gegenüber dem Großbetriebe unmöglich dadurch helfen, daß man es in Fesseln schlägt, die der freien Entwicklung der Einzelthätigkeit unübersteigbare Schranken ziehen. Es ist eine durch die historische Erfahrung unzähligemale festgestelltc Thatsache, daß der Zunftzwang zwar auf der einen Seite völlig unfähige Elemente vom Handwerksbetriebe ferne zu halten vermag, auf der anderen Seite aber jede Brthätigung einer besonders hervorragenden Befähigung und damit jeden eifrigen Wettbewerb unterbindet und dadurch alle Leistungen des Handwerksbetriebes auf ein nicht sehr hochstehendes Turchschnittsmaß hcruntcrdrückt. Nun kann es aber keinem Zweifel unterliegen, daß das Handwerk unter den heutigen Productionsvcrhältnisten seine Existenz nur zu wahren, seine Blüthc nur wieder zu erringen vermag, wenn cs im Gegensätze.zu dem maschinellen Großbetriebe den Hauptwerth seiner Ausbildung auf möglichst hohe, durch Maschiuen nicht erreichbare Einzellcistungen legt, d. h. also nicht die Durchschnittsleistung, sondern die auf besonderer Ausbildung beruhende Einzelleistung bevorzugt. Bei denjenigen Produkten, welche sich mit der Maschine Herstellen lasten, wird eine erfolgreiche Concurreuz des Handwerkes mit dem Großbetriebe immer mehr und mehr nnmöglich werde». Tiefe Entwicklung würde auch durch keinen Zunftzwang aufgchaltcn werden. Sie erscheint im ersten Augenblicke sehrhart, ist es aber lange nicht in dem Maße, wie cs scheint; sie beweist ‘ nur, daß das Handwerk in Zukunft eine andere Aufgabe zu lösen hat als in der Vergangenheit Es bleibt dem Handwerke eine Fülle großer und schöner Aufgaben, die nur berechnende und zweckbewußte ( Einzclarbeit, niemals aber die Fabriksarbcit zu leisten vermag. In dieser Richtung muß daS Handwerk in Zukunft seine Stärke suchen; und daruni ist das Einzige, was es in seinen« Kanipfc mit der Großindustrie wirklich fördern kann, die höhere Ausbildung der Leistungsfähigkeit des Einzelnen. Für diese aber wird weit bester als durch den Zunftzwang durch die Einrichtungen gesorgt, welche gerade wieder der viel geschmähte Liberalismus ins Leben gerufen hat: durch Fach- und Fortbildungsschulen, Handwerker- und Gcwcrbevereine u. dgl. Die letzteren, wie alle corporativ organisirten Genoffenschaften würden außerdem den kleinen Handwerkern noch die Möglichkeit gewähren, durch gemeinsame Anschaffung von Maschinen diejenigen Theile ihrer Productc, welche sich bester maschviell Herstellen lasten, auf diesem Wege herzustellen und dann durch die ausgebildete Einzclhandarbeit den« gesammten Produkte diejenigen Eigenschaften hinzuzufügen, welche die Maschine nicht zu leisten verinag. Natürlich wird sich dies Alles nur in langsamer gemeinschaftlicher Arbeit bewerkstelligen lasten; auch das Handwerk befindet sich eben in gleicher Weise wie die arbeitenden Elasten in einer Krisis, die nur dadurch überwunden werden kann, daß es sich allmälig in die neuen Productivnsverhältniste' hineinlebt und den aussichtslosen Versuch anfgibt, in Bezug auf diejenigen Produkte mit der Großindustrie zuconcurrircn, bei denen eine solche Eoncurrenz unmöglich ist.