Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 206 (15.3.1896)
- Date
- 1896-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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I, Adonurmentsprei». gar Orfltrrtlrt).Ungarn: «anijäbrig ... 6 Kronen (fl. 3.—) fialbldbrig .... 3 Jtroncn 40 Heller (fl. l.TO) Vierteljährig... * Kronen (fl. I.—) gür da« gelammte Bueianbt (Sanijäbrtg.6 Mark Halbjährig .. 4 Mark Vmjelne Nummern 6 fr. llnfronfirle Briefe werben nicht angenommen.! Reductil» uutt Administration: I. Skilcrftätte 1«. (SrfcfjCttlt Cltl JCbCUt j3onntdc}C. Jnferote werben mit 20 Heller (IO fr.) iiir bie vier. mal-gelpoltene Nonhareilleteile berechnet. Kleiner »n,etger ba« Wort 4 Heller (3 fr.), flutnabme von -* Inseraten in unterer Abminiflration fowie im flnnoncenbureau M. Dütes I. Aollzeile 3: Nummer 206. Wien, 15. Mär) 1896. V. Jahrgang. Ein Mort an die hohe Regierung. Die Würfel der Wahlschlacht sind gefallen, und nicht mir eine in ihren Tendenzen vollständig irregcleiiete Beamtenschaft, sondkrn auch die erdrückende Mehrzahl der Gewerbetreibenden hat sich abermals unzweideutig gegen die Vertreter des Fortschrittes und die Hüter der freiheitlichen Errungenschaften ausgesprochen. Das Merkwürdigste an der Sache ist, daß eben dieselben Leute, welche sich mit gebundenen Händen den Sachwaliern der finstersten Reaktion auSljefer», im tiefsten Grunde ihrer Bestrebungeil nichts weniger als freiheitöfeindlich sind; es sind »ach wie vot die alten demokratischen Ideen, welche wie Gährstoff in den Massen leben, aber dem dunklen Drange wurde durch tiiie ebenso geschickte als schnikichlerische und gewissenlose Agitation eine falsche Bah» gewiesen^ ein Weg, welcher. den letzten gesunden Rest deS kleine» Mittelstandes der unrettbaren Verderbniß zuführen muß. Die Gewerbetreibenden aus dem Banne dieser Agitation zu befreien, ist daher ein Stück social-politischer Arbeit; sie dcirf, wie jedes ErziehungSwerk, bis zu einem gewisse» (Krade an die Milhilfe der Autorität appelliren. Wenn wir uns frage», wie eS den» gekomnicn, daß die weitaus größte Majorität der-Gewet betreibenden heute ihr Heil bei einer politischen Partei sucht, deren Programm Punkt für Punkt einen Dolchstoß für Handel und Wandel, Gewerbe und Betriebsamkeit aller Art bildet, so müssen wir einmal bei unscren sogenannten gewerblichen Genossenschastcn um,Antwort anklopfe». Diese Institution, welche angeblich zur wirthschaftlichcn Rettung deS Gewerbes heraufbeschworen wurde, hat diese ihre eigentliche Mission nach gar keiner Richtung hin erfüllt, abtr sie hat sich zu einer geschlossenen Organisation der politischen Partei deS Antisemitismus ausgewachsen. Der Gewerbegenossenschaftstag, welcher eine Bereinigung sämmtlicher Wiener Genossenschaften ist, er ist das willenlose Werkzeug deS Mechanikers Schneider, die Borstände der weitaus überwiegende» Mehrzahl der Wiener Genossenschaften sind prononcirte antisemitische Parteimänner, die Genossenschaften selbst nichts Anderes als antisemitische Wähler^ vereine, und selbst die auS GcnossenschaftSgeldern besoldeten dienenden Organe antisemitische Agitatoren, welche bei ihren Dienstgängen die Agitation von Thür zu Thür, von Hans zu Haus besorgen. Eingeweihte wissen längst, wie eS gekommen, daß eines TageS sämmiliche Genossenschaften sich in antisemitische Parteiorgane umwandelten. Aber wir richten hiemit an bie Hohe Regierung die dringende Anfrage, ob auch sie hievon Kenntniß hat, und wir wünschen zu wissen, was der Herr Minister deS Innern und der Herr HandelSministcr vorzukehren gedenken, uni derartigen, eines jeden geordneten Rechtsstaates spottenden Zuständen rin Ende zu bereiten. Die Genossenschaft ist unseres Wissens eine unpolitische Institution und hat daher keine Parteipolilik zu treiben, die Genossenschaft ist weiterS obligatorisch, und heute noch gibt eS in ihr liberale Minoritäten, welche die merkwürdige GenossenfchaftSpolitik deS Mechanikers Schneider wenigstens scheinbar mitzumachen und jedenfalls durch ihre Beiträge zu unterstützen gezwungen sind. Die Genossenschaft ist endlich eine Behörde, und eS kann rlnmöglich "im Interesse der obersten Behörden gelegen sein, daß irgend ein behördliches Organ, und wäre cs auch nnr ein Genossenschaftsansager, im dienstlichen^. Verkehr als Agitator für irgend eine Partei anfiriit. Es ist die höchste Zeit, daß die^Regierung im' ureigensten Interesse hier reinigend austrete und.die Genossenschaften jenem Zwecke erhalle, für den sie gefordert und bestimmt wurden. Aber auch eine Umschau unter den übrigen Vereinen dürfte nichts schade». Es gibt hier vorwiegend aus dem Handwerkerkreise sich recrutirende Vereinigungen, welche angeblich entweder zu wirthschaftlichen Zwecken oder zur Erörterung von Standes- und Bcrufsfragen gegründet sind, die aber unter de» blos den nichtpolilischen Vereinen eingeränmten Begünstigungen rein politische Zwecke »er folgen und einfache Wahlervereine der Antisemiten sind. Wir nennen hier, um nur ei» Beispiel - anzuführen, die „Bereinigten Schneidermeister Wiens und Umgebung", welche unter diesem harmlose» Titel nichts als eine Parteiorganisation der Antisemiten sind, obwohl selbst die Führer dieser Bereinigung fast ausschtießlich für jüdische Kunden arbeiten. Es ist nicht nur das Recht, sondern Pflicht der Regierung, gegen solche Vereine im Sinne des Vereinsgesetzes mit der Auslösung vorzugehen sowie in den gewerblichen Genossenschaften eine schärfere Conlrole zu üben, um den Mißbrauch der letzteren zu politischen-Agitationen hintaiizuhallen. Sind nnr erst einmal diese Herde der unlautersten Wühlereien unschädlich gemacht und den Antisemiten diese wirksame» und kostenlosen Organisationen aus den Händen gespielt, dann wollen wir seh^n, wie lange noch der. Zaubcrbann eines Schneider auf die Gewerbetreibenden wirken wird, wie lange, noch sie sich dem heute mit einem Schein der Lohalilät und behördlichen Autorität umgebenen Terrorismus der Antisemiten beugen werden Hier ist also ein Ort, wo die Regierung nicht nur handeln kan», sondern handeln muß, und wo sic sich und ihrem Vorhaben, eine führende Regierung zu sei», gerecht werden kan». Antisemitismus und Socialreform. , Bon Tr. Georg Winter, königlich prentzischein Archivar.-) Tic Antisemiten wollen heute das Volk glauben machen, daß sic die erste, ja die einzige Partei geivescn seien, welche das Programin einer ukltfasicnde» gesetzgeberische» Socialreform ans ihre Fahne geschrieben habe. Tic werden nicht müde, den arbeitenden Elasse» und insbesondere dem erwerbenden Mittelstände immer nnd. immer wieder vorznrcdcu, daß die antisemitische Reformpartei die einzige Retterin der prodnctiven Stände ans ihrer socialen Roth" sei.-Mit besonderer Vorliebe wird dann immer ans's -Rene versichert, der Libcralisnins habe für die Interessen dieser Stande absolut kein Vcrständniß. Es kann dem gegenüber nicht oft genug betont werden, daß diese ganze Behauptung nichts als eitel Wind und Flunkerei ist. Roch che von einer antisemitische» parlamentarischen Partei die Rede sein konnte, war jene *> Ans dein ioeben (im Bcrtag von S. Solinger in Magdeburg, ,e»' ichieiiene» Werke „Der Antisemitismus in Dcutschland vom culturhistorischen und social-potiiische» Ltandpnnle beleuchtet", einer Reihe gründlicher und geistreicher llntersuchiingeii, die in den letzten Jahre» briichstiiekiveilc in unserein Blatte wie in den Berliner „Miltheilungen ans dein Verein zur Abwehr deS Antisemitismus" erschienen sind. Ter Preis des überaus werthvollen Buches beträgt Marl 1 50.