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Freies Blatt · 1896-03-08 · 205 (8.3.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
205 (8.3.1896)
Date
1896-03-08
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 205. jreli« Blatt. Seite SL i jfcuülctou. Zur Geschichte der Emancipation in Deutschland vor dem Jahre 1848. ■'(Wart) ältere» Quelle» bearbeitet) <!>. koils-l!»ng.) Indem nun die preußische Regierung 1847 mit ihrem Gesetzent würfe dem vereinigten Landtage gegenubertrat, befand sie sich gerade in der entgegengesetzten Stellung, in der sich die wnrttembergische Regierung 1dL8 befunden hatte. Selbst die preußische Herrencnrie fand Rückschritte in dem Entwürfe; noch weit entschiedener aber wurde die reactionäre Tendenz desselben in der zweite» Enrie heransgehobe» und angegriffen. Es trat hier also das eigene Berhältniß ei», daß die Opposition gegen die Emancipation von der Regierung vertreten wurde, während die Stände ihr das Wort redete». Geht man auf die hauptsächlichsten Gründe ein, welche in. den preußischen Verhandlungen von 1847 gegen die Gleichstellung der Inden mit de» Ehristen angeführt -wurden, so muß man sich zuvörderst darüber wunder», daß die zwanzig Jahre zuvor in Württemberg mit so vieler Energie hervorgetretene Besorgniß für den Nahrungszustand der christlichen Landleute und Gewerbetreibenden bei den preußischen Ständen mit geringen Aus »ahme» fast gaikz unvertreten blieb, obgleich die früher erwähnten Rach Weisungen von Seite rheinländischer Gerichtsbeamten Vorlagen. Zwar tauchte auch hier der gemeine Judenhaß, das blinde Borurtheil, das sich selbst seiner eigenen Bornirtheit rühmt, in vereinzelten Stimmen auf; in vornehm romantischer Weise -bei einem Grafen, in gemeiner Pfahibürgerlichkeit bei einigen Abgeordneten der Städte und Land gemeinde». Aber diese Stimmen blieben vereinzelt, wenn auch schon in manchen Abstimmungen vielfache Sympathie mit ihnen sich verborgen haben mag. - Eharakteristisch aber für die preußischen Verhandlungen war der Umstand, daß die überwiegende Opposition gegen die Inden - emancipation vom kirchlichen und, besser gesagt, vom staatsbürgerlichen Gebiete ausging. Die dem Entwürfe beigelegte Denkschrift sagte dies zwar keineswegs offen, sondern versteckte sich vielmehr hinter einen an deren, weit gewichtigere», von der Rationalität hergenoinmenen Ei» wnrf. Allein während der Berhandlnng machte die Regierung gerade diesen Einwnrf kaum geltend und setzte vielmehr ihre ganze straft an die Behauptung des Dogmas vom christlickpn Staat. Wäre die Ber stocktheit und Berblendung der damals am Ruder befindlichen Staats münner nicht auch sonst bekannt, so würde inan sich über die Unklug heit ihres Operationsplanes nicht genug wündern tonnen, da,ihnen so viele bessere Waffe» ,31t Gebote standen und ihre mystisch-romantische Schönrednerei eine Niederlage nach der anderen erfuhr. Sie ließen sich nämlich nur angelegen sein, die beiden großen Errungenschaften der. "Neuzeit, die Idee des Staatsbürgerthums und die Forderung der Indifferenz des Staates gegen das religiöse Glanbensbekenntniß feiner Angehörigen, zu bekämpfen. Ein AngriffSpnnkt war so übel gewählt als der andere. Es schien fast, als sei man absichtlich darauf anS^- gegangen, die öffentliche Meinung vor den skopf zu stoßen. Als be> zeichnend mußte es ''besonders gelten, daß der Angriff gegen die Idee des StaatSbürgerthuins nicht in der zweiten Enrie, sondern in der Herrencnrie erfolgte, weil man in dieser eher auf feudalistische S»>» pathien rechnen zu dürfen glaubte. Der Eultnsiniuister Eichhorn ließ hier das Dogma vom christlichen Staat, mit welchem sein College in der anderen Enrie debntirt hatte, mehr beiläufig anklingen, ohne Zweifel in der BorauSsetznng, daß die Herrencnrie damit ohnedies schon einverstauden wäre. Dagegen beschäftigte sich sein Bortrag vorzugsweise mit dem Princip corporativer Bereinigung oder, wie er sich ausdrückte, organischer Bildung. Der Gesetzentwurf hatte nämlich die Bildung von Judenschasten zunächst behufs der Besorgung der Eultnsangelegenheiteu angeordnet, war aber über diesen nächsten Zweck auf bedenkliche Weise hinaus gegangen, indem den Jndenschaften such in bürgerlichen Beziehungen EorporationSrechte beigelegt wurden. Hiegege» hatten sich schon gleich mäßig die Gutachten der Abtheilungen beider Eulien ausgesprochen. Insbesondere wurde hervorgehoben, daß dadurch der einzelne Jude seine bisherigen Rechte einbüße, indem daS Jndividunm in der Corporation aufgehe und nur letztere, den Antheil an der bürgerliche» Berfaffnug erhalte. Richt miiibcl wurde Unter Berufung auf die sehreinsichtig abgefaßten Gutachten der Regierungen von Posen und Bromberggeltend gemacht, daß jene Bestimmungen auch dem Staatsintereffe nicht förderlich fein könne», weil sie nur zu einer schärfere» Absonde rung der Inden von den Ehristen führen. Rame'ntlich war die, wenn auch nur facnltativ angeordnete Bertretnng der Jndenschaften als Körperschaften in der Genieindeverfassung beanständet worden. "Nicht minder bedenklich hielt mau die Anordnung eigener öffentlicher Juden schulen. Auch fand man in der angeordneten Ileberwachung der jüdi scheu Jugend nach vollendeter Schulbildung durch den Borstand der Judenschaft nicht allein einen störende» Eingriff in die Aaniilienrechte - der Juden und eine Schmach für die unter Vormundschaft gesetzte jüdische Bevölkerung, sondern namentlich wieder eine» bedenklichen Ber j such, den Borstand der Judenschaft als eine abgesonderte Eorporatio» i zu einem polizeilichen Organ des Staates zu stempeln. Ebenso war man gegen die Bestimmung mißtrauisch geworden, welche dem Borsland., der Jndenschaft schlechthin die Berwaltung aller für Inden bestimmte» Armenfonds übertrng, weil er dadurch wiederum die znin Separatismus führenden Functionen einer weltliche» jüdischen Obrigkeit erhallen würde. Endlich hatte man sich gegen die der-Regierung eingeräumle Befugniß, an solchen Orte», wo sich mehrere christliche Schule» be finden, die jüdischen Einwohner entweder einer von diesen Schulen ausschließlich zuznweise» oder unter dieselben nach einer bestimmten Bezirksabgrenzung zu vertheilen, aus dem Grunde erklärt,. weil man befürchtete, es in achte dadurch in die Hand der Regierung gelegt fei», die jüdische Bevölkerung eineS Orles indirect zum Zusammenwohnen z» nöthigen und dadurch neue (Ghettos herzustellen. Alle diese Punkte schienen niehr oder weniger mittelalterliche Reactionsgelütte;n vcrrathen und waren deshalb von den Abtheilnngen beider Enrie» angrsochten worden. Allein der Eultnsiniuister, statt nach dem Beispiel des Eonnniffärs in der Ständeclirie die verdächtigen Bestinnnnnge» preiszngeben, gefiel sich vielmehr darin, dieselben' gerade als Ausfluß einer tieferen Weisheit darznstellen. Er klagte darüber, daß die gegenwärtige Zeit eine Scheu vor „allen solchen organischen Bildung»» in de» gesellschaftlichen Zuständen habe, daß sie aus Inacht vor der Wiederkehr früherer Zustände überall widerstrebe, wo ein Kienes corporatives Leben sich bilden wolle". Offenbar zeige sich doch iuoem lebhaften Triebe der Zeit nach Associationen, nach Bereinen das Be dürfniß nach solchen Gestaltnngem Die meisten Versuche der "Neuzeit, jenen Trieb zu befriedigen, scheitern darum, weit sie keinen recht festen Mittelpunkt, keinen siern finden, an-.den sie sich anschließen können; so bleiben sie denn nur Eouceptionen, zerrinnen und lassen nichts hinter sich zurück. Die wahre Staatsknnst erfordere daher überall, wo etwas von selbst auftauche, was ein organisches Leben gewinnen, wolle, die (Gelegenheit ja nicht zu versäumen, »in „den leeren Raum mit neuen Lebensformen anSznfüllen". Was der Minister darunter verstand, konnte nicht zweifelhaft fein, da er selbst auf die Analogie des Zunftwesens verwies. Auch sprach er bald darauf in Betreff der Universikäten solche Ansichten auS, nach welchen das ganze Streben nach Geltendinachnng des Principes der freien Wissenschaft, daS seit einigen Jahrzehnten den Stolz und Ruhm der deutschen Universitäten ausniacht', für eitel Thorhtit und Frevel gehalten und eiligst dazu ge schritten werden müßte, diesen freien kreist bestmöglichst ins liebet »nd in den siappzani» zu nehmen, damit auch die Universitäten wieder ganz zu „organischen (Gliederungen" im Sinne des Herrn Ministers geformt würde». Uebrigens fruchtete die ganze beredte Empfehlung der organischen Gliederungen nichts. (Fortsetzung stlgt.) Juden als Nordpolfahrer. Die wenn auch derzeit noch wenig beglaubigten sensationellen Erfolge des "Norwegers Fnthjof Nansen auf dem Gebiete der Pplarforschung habe» die arktische Wiffenschaft wieder für eine Zeit lang in de» Vorder grnnd des allgemeinen Interesses gestellt, lieber Inden als Rordpolfahrer finden wir in den Berliner „Mittheilnngen aus dem Berein zur Abwehr des Antisemitismus", folgende Daten: Schon im XVI. Jahrhundert hatte der holländische Jude PlanciuS die Theorie vom offenen Polarmeere anfgestellt, und durch diese den theoretischen Grund zn>» Versuche der "Nordostpassage und der Fahrten.;»»> Pol gelegt, lü'.sti schossen einige reiche Amsterdamer sianfleute Geld zusammen und schickten Barentz mit sieben Schissen, schwer mit Waaren beladen, in die Äara-See. An Borh befanden sich auch mehrere Inden, die als Dolmetsckser bei den saracenische» Völkern dienen sollte», die man in Ostsibirien verniuthete. Das unglückliche

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