Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 205 (8.3.1896)
- Date
- 1896-03-08
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 8 Freie» Blatt. Nr. 205. ferner i» Anbetracht de« Umstandes, daß die k. k. österreichische Beamtenschaft, deren schon lange gehegte, sehnlichst erwartete, dringende Wünsche nun in sicherer Aurfichl stehen, erfüllt zu iverden, in gewohnter loyaler Weise die Förderung de« Staatswohle« in und außer dem Dienste sich stets zur höchsten Aufgabe gestellt hat und sohin auch immer eine feste Stütze der gemäßigten Elemente getvesen ist; endlich in Anbetracht dessen, daß mit diesen principiellen Anschauungen der SlaaiSbeamtenschaft e« nicht im Einklänge steheu könnte, wenn die Grineindeoerrrklung Wien« gegen die maßgebenden, der ReichShauptstadt stet« wohlwollend gesinulen hohen und höchsten Factoren im Staate sich in ultraoppositioneller Haltung befinden würde, erklärt die am 28. Februar 1896 im Dreher^Saale, III, Landstraße, Hauptstraße, tagende Bersainmluug von k. k. Staatsbeamten: Dieselbe spricht die Erwartung au«, daß die k. k. Staatsbeamten bei Ausübung ihrer staatsbürgerlichen Rechte Alle« vermeiden, was als gegen die wiederholt zum Ausdrucke gebrachten wohlwollenden Absichten der doht» Regierung,gerichtet angesehen werden müßte, und drückt bei diesem Anlasse dieser hohe» Regierung den Tank für di« bereits im Abgeordnetenhause eingebrachte Gesetzvorlage über die Regelung der Pensionsbestimmungen für die k. k. Staatsbeamten, deren Wilnxn und Waisen mit der Bille aus, die Bestrebungen der Staatsbeamlenschaft weiters durch Vorlage eines Gesetzentwürfe« bezüglich der Regiillruiig, beziehungsweise Erhöhung der Activitätsbezüge zunächst zu verwirklichen.'' Tie ankisemilischen Organe Halle» die projeclirte Versammlung den desreundeten Scandalmachern in bekannter Weis« „signalisirt". I» Folge dessen fanden sich zahlreiche Radau-Elemente ei», und e« kam zu tumultuarischen Scene», ivelch« die Wirkung hatte», daß die Bersammlung geschloffen werden mußte, eh« sie »och die Beralhung ihrer Tagesordnung begoiinen halte. Auch die mandatslüsternen Antisemiten Ingenieur May re der und Buchdruckereidcsitzer Kreisel kamen in den Saal und wurden von Gesinnungsgenosse» unter de» Leamten lebhaft begrüßt. Sie wäre» aber zu der Versammlung, welche ausschlttßlich für Staatsbeamte bestimmt war, keineswegs geladen worden, und de«halb ersuchte einer der Emberuser, der Rechnungsrarh der Forst- und Tomänen-Tirectio», Herr August X r ä n z l, die beiden Herren in höflichen, aber bestimmten Worten, den Saal wieder zu verlassen, da si» weder geladen, noä, Staatsbeamte seien. Die« brachte die Gefinnungsgenossen der beide» .Gäste" i„ die größte Aufregung. Stürmische Ruse wurden laut: .Hier bleiben! Hoch Mayreder! Ta» ist liberaleWirihichast! Ruhig, Inden! Präsidium wähle»! Lbstllnmen!" Alles «Me zur Tribüne, wo eine erregte Auseiilandersetzung zwischen den Anhängern beider Parteien playgriss. Mayreder bestieg die Tribüne und rief: .Man verbietet unS, hier zu bleiben . .Seine weiteren Worte gi»gen in einem wild ausbrechende» Lärm unter, und eS haue den Anschein, als sollte eS zu Thütlichkeuen kommen. Ta trat Pölizeirath B o o g, der in Eivilkleikung im Saale aiimesend war, in die Mitte der streitenden Gruppen und forderte Mayreder und Kreisel zum Verlassen de« Saales auf. Diese replicirten, worauf Pölizeirath Boog ihnen zurief: „In eine Versaminlung einzudringen, da« finde ich . . ." Ter Pölizeirath suchte nach einem Ausdrucke und sagte dann: „Nicht schön"! Nu» sprang Mayreder abermals auf die Tribüne und rief in de» Saal: „Wir gehen fort, bitten aber die Versammlung, zu befragen, ob wir wiederkomme» solle»." Eia neuerlich» Sturm war die Antwort. Tie Ruse: „Tie Liberalen haben die Polizei geholt! Pfui! Hier bleiben! Präsidium wähle»! Hinau« mit den Liberalen!" schwirrten durch den Saal. Obercommiffär Lebzelter, in Uniform, trat mittlerweile in den Saal. Nun bestieg Rechnungsrath K r ä n z l die Tribüne'und schwang mit aller Macht die Präsidentenglocke. Eine Weile herrschte dann Ruhe, und die Bersammlung nahm folgeude» Verlaus: RechnnngSrath Kränzl sagte: „Meine Herren! Im Namen eine« (Somitei .. ." (Ralfe: Welche« Comite? Namen neuner.! Hinunter Jud'! Wer sind Sie?") Mif scharfer Betonung fuhr der Redner sort: „Ich bi» der k. k. Rechnü»g«rath Kränzl. Wir haben heute eine Versammlung von k. k. Staatsbeamten kinberufen und waren der Meinung, daß dieselbe in einer der k. k. Siaaisbeamten würdigen Weife verlaufen wrde." (Unterbrechung. Rufe: Beleidigung! TaS lassen wir unS nicht gefallen! Präsidium wählen! Hinunter Jud'ü Nachdem aber Elemente in den Saal eiiigedrungen sind (neuerliche Unterbrechung) üud e« mir unter solche» Umständen unmöglich erscheint, die Bersammlniig zu einem gedeihlichen Ende zu führen, so erkläre ich dieselbe für geichloffen." Ein wülhende« Geschrei begleitete die letzten Worte Kränzl'S, in ivelcheS sich plötzlich Hochrufe auf G e ß m a n u mischten, der eben erschiene» ivar und sich auch sofort der Situaliön bemäcktigte. Er bestieg die Tribüne, nachdem sie Kränzl verlassen hatte, und ließ nach einigen Phrasen über die Beamtensreundlichkeit der Aiitisemiteiiführer die Bersammlung darüber abstimme», ob sie von den Antisemiten forizusetzen fei. Die überwiegeude Mehrzahl der Hände erhob sich für diesen Antrag, und als die Gegenprobe erfolgte, brachen eie Antisemiten in stürmische« Hohngelächter aus. Da erklärte aber Polizeirath Boog Herrn Geßmann, daß die Bersammlung von einem der Einberufer geschlossen worden fei und demnach nicht fortgesetzt werden dürfe. Geßmann rief pathetisch: „Meine Herren! Tie Bersammlung darf dem Gesetze nach nicht fortgesetzt werden. Wir Beamten find gewohnt, uns dem Gesetze zu fügen, und so verlassen wir den Saal." Mit der Drohung, daß dieser neueste Gewaltacl der Liberalen gebührend gedrandniarkl werden solle, verließ Geßmann die Tribüne, und eS folgte nun eine Reihe von Lärmscenen, welchen schließlich einflußreiche Amisemiten durch die Parole: „Wir gehe» in den kleinen Saal und bleiben dort beisammen," ei» Ende machten. Ei» Theil der Anwesenden stimmte den Lueger-Marsch an. Andere stießen Heil-Rufe aus, und unter ähnlichen Kundgebunge» leerte sich der große Saal, in welchem auch der Gemischtwaarenhändler Schneeweiß, dessen Erscheinen keine Beanstandung fand, zu sehen war. Der ausgegebenen Parole folgend, verfügten sich etwa 250 antisemitische Beamte, darunter mehrere i» Uniform, in den kleinen Saal, woselbst sie unter Bocsitz Geßmann'« eine Bersammlung improvifirten. ES sprachen der Vorsitzende, ferner Eooperator Schnabl und die beide» obgenannien mandatslüsternen Herren. Die Aeußerungeii Mayreder'« erregten, wie die „Ostdeutsche Rundschau" hervorhebt, durch die .stramme Betonung" seine« „teuisch-nationalen" Standpunktes, donnernden Jubel, und unter dem Eindrücke seiner Worte sangen die k. k. Beamten das Schön e rer-Lied: „Finden Männer sich züs a m m e n! . .." Im oberösterreichischen Landtage sagte der Statthalter Freihe'-r v. P u t h o n in Beantwortung einer Ansrage de» antisemitischen Abgeordneten B e u r l e, er glaube nicht, dag Lehrer so Pflicht- und eidvergeffen sein könnten, um sich Demonstrationen einer Partei anzuschließen, deren Bestrebungen dem Geiste der StaaiSgrundgesetze zuwiderlausen. Wie mag wohl Se. Excellenz der Statthalter in Obcrösterreich über die Radau-Elemente denken, welche sich in der am, 28. Februar im III. Wiener Bezirke abgehaltenen Siaa'.sbeamtenversammlung breit machten? Wie Se. Excellenz der Minister-Präsident» welchem die „Ostdeutsche Rundschau" zum Berlaufe der Bersammlung höhnisch gratulirt, darüber denkt, dürften einzelne Radau-Elemente früher oder später in nicht mißzuverstehender Weise erfahren. (Ein Toast auf die Staatsbeamten.) Bei einem aus der Landstraße am 2. d. M. abgehallenen Siegesfeste demeutirle Dr. Lueger die Mitcheilung der „Deutschen Zeitung", daß Graf Baden! an ihn herangetreten sei, er möge seine, agitatorische Thätigkeil einstellen, damit die Regierung s.ine Wahl zum Bürgermeister von Wien dem Kaiser zur Sanction unterbreiten könne, und fügte ausdrücklich hinzu, daß diese Veröffentlichung von A bis Z erfunden ist. Tann brachte er einen Toast ans die Staatsbeamten aus, in welchem er sagte: „Man wollte die Beamtenschaft mit dem Ruse: .Wählt kaisertreu, wählt fonschrittlich! ködern, man hat un« als Revolutionäre verdächtigt u. s. w. — und wa« war aus all diese Betdächtigungen und Verunglimpfungen die Antwort? Mehr, ja bedeutend mehr Beamten und Lehrer als im September haben heute mit unserer Partei und zugleich s ü r d i e V e r u r t h e i l u n g B a d en i'S g estimmt.... Stramm, w i e f e l t e n e i n e st ö r p e r s ch a f t, h a b e u sich die Be am t e n g e h a l t e n. In alle» Bezirken, wo wir in» vorige» . Jahre gesiegt haben, haben, wir durch die lhaikrästige Unterstützung der Beamten auch jetzt wieder einen glänzenden Sieg errungen, und zwar mit steigenden Majoritäten. Er sind Alle gekommen, keiner ist zu Hause geblieben: es sind Alle geko in men mit dem Dolch i in Gewände, und jetzt liegt Graf Bade ni durchstochen von so und so vielen Tausende» von Dolchen-— und ich bin überzeugt, ein Bischen unangenehm wird ihm die Sache doch sein.... Wenn wir nun Allen danken, welche zu dem mächtigen Erfolge des heutigen Tage« beigetragen haben, so dürfen wir nicht öergessen, insbesondere einer störperschast unseren Dank auszusprechen, die sich wohl am meisten um den Sieg de« christlichen Volkes verdient gemacht hak. Es sind die« die Staatsbeamten. . . . Der Stand der Staatsbeamten ist sestgestanden auf Seile des christlichen Volke« und har ausgeharrt bis zum letzten Mann! Wenn ich so heule die Herren Beamten gesehen habe, wie Einer nach dem Anderen gekommen ist und für unsere Partei gestimmt hat, da muß ich sagen: Bewunderring für diesen Stand und Bewunderung für die Männer, welche diesem Alande angehöreii! Darum erlauben Sie mir. daß ich einen Toast ausbringe auf den Beamtenstand und speciell aus jene kaiserlichen Beamten, welche am heutigen Tage ihre Zusammengehörigkeit mit dem christlichen Volke bewiesen haben: Der Beamtenstaud, die k. k. Staatsbeamten sie leben hoch! hoch! hoch!" Lueger gedachte in seinem Trinkspruche auch nicht mit einem Worte deS „deutsch-nationalen Gedanken«". DaS dürste der „Ostdeutschen Rundschau" ebenso mißfallen, wie sie «in .keckeS Slava" genirl, welche« Rakönitzer Tschechen als antisemitische Gefinnungsgenossen der „pflichttreuen Beamtenschaft" Wien« zuseudelen. (Woher diese Duldsamkeit?! Bon einer antisemitischen Bersammlung in Wie» hätte wohl Niemand einen Act der Duldsamkeit, Achtung vor der Freiheit der Meinungsäußerung erwartet. Wurden ja sogar solche Personen aus den Versammlungen der Racen- und EonfessioiiShetzer hinauScomplimentirt, w.lche nur da» Malheur harten, „jüdisch" auszuseheu, wie dies z. B. aus einem Meeting der Nelken-Damen zwei anständig gekleideten Südslavinnen passirte. Wie es während der Wahlbewegung in Lntisemitenversammlungen zu« ging, schilderte treffend ein von den Liberalen vor den Gemcinderath«wahlea im zweiten Wahlkörper erlassener Wahlaufruf, in welchem es hieß: „Seit November vorigen Jahre«, seit der Zeit, als dem Dr. Lueger die Bestätigung als Bürgermeister verweigert worden ist, geht der Streit um «ine Person, und Alle», die Autonomie der Gemeinde, die Lösung wichtiger Fragen der communalen Wirthschast wird für nichts geachtet, um trotzig und eigensinnig gegen alle Autoritäten des Staates seinen Willen durchzusetzen. In allen Versammlungen verkünden