Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 205 (8.3.1896)
- Date
- 1896-03-08
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 205. Frei», die Zöglinge so stark wirken, daß sie einzelne Gestalten der Borzcit nicht nur kennen, sondern auch lieben lernen, .l’eetus est quod fucit disertiira* denkt der Minister dabei, und das ist ei» Standpunkt, den man wohl begreifen kann, auch wenn man ihn nicht theilt. Er wird gewiß für seine Auffassung viele freunde finden, aber wir glauben, daß eS ihm schließlich zu viele werden könnten. Denn was für die Bolksschule richtig ist, »»iß doch in noch weit höherem Grade vom Gymnasium und Realgymnasium gelten, und man darf von der ge schickten Leitung unseres Ecntrums mit 3idicrl)cit erwarte», daß cs liier ‘ einsetzcn wird, um ans Grund dcS ncncsten Erlasses die Recht Mäßigkeit seiner alten Forderung nach besonderem Geschichtsunterricht für katholische Schüler an protestantischen Gymnasien zu betonen. Eine große Zahl unserer katholische» Mitbürger hat — und wer will ihnen das verdenken? — ihre besondere Geschichtsauffassung. An den Uni versitäten;n Bonn und BreSlan bestehen Lehrstühle der Geschickte, die stiftnngSgemäß nur durch Katholiken besetzt werden dürfen. Schon zur Zeit der Kölner Wirren ist betont worden, daß ein protestantischer Lehrer der Geschichte den Bedürfnissen katholischer Schüler nicht gerecht werden könne, und thatsächlich hat ja ei» Gpinnasinm (das zu Frank surf a. M.) dies Bcdürfniß durch Anstellung eines katholischen Lehrers der Geschichte befriedigt. Auf das neue Ministcrialresrript aber wirdsich das Ecntrnm mit Recht berufen können^ wenn es mit dieser alten Forderung aufS Rene anftrctcn wird. Unsere katholischen Mitbürger werden eS selbstverständlich den Protestanten nicht verargen, ihre Gc> schichtSauffasinng an stiftungsgemäß protcstanlischcn Schule» vortragc» zu lassen, aber sic werden bei einer passenden Gelegenheit — und das ist eine Eonseguen;, a» die der Herr Minister schwerlich gedacht hat — zweifellos, ans das ncnc Rcseript gestützt, verlangen, daß nur katho lischt Lehrer an de» höheren Schulen Katholiken Unterricht in der. mittelalterlichen nnd »eueren Geschichteerkheilc». Man darf gespannt sein, wann diese Forderung erhoben werden und wie sich der Minister zu ihr stelle» wird." Dr. Bosse nahm mittlerweile die Gelegenheit wahr, im Abgeordnctenhausc dem Ecntrum gegenüber zn betonen, daß er ein „protestantischer" Minister sei, d. h. daß er das, was seinem Dafürhalten »ach,den Inden recht ist,' keineswegs billig finde, wenn es sich um Katholiken handelt. (Gin Darlehensgeschäft Haminrrstein'S.) Das Berliner Gericht beschäftigte sich dieser Tage mit einer Privatklagc des Herr» v. K n n o w S k i, Direktors einer Bcrsichernngsgcscllschaft in BreSlan, gegen Hanö Randow, Rcdactenr der „Deutschen BcrsichcruugS-Zcilnng". Den Mittelpunkt der Berhandlung bildete ein Darlchensgeschäft des Herrn v. Hamnierstein, früheren Rcdartcurs der „Krcuzzcitung". Dieser war seinerzeit Borsitzcndcr dcS BcrwaltnngSrathes der „Borussia, HagclversicherungSgeseUschaft ans Gegenseitigkeit in Berlin", bei der Herr v. KnnowSki die Stellung eines Generalagenten innchattc. Im Jahre 1885 wurde Herrn v. Hamnierstein ans der Easie der „Borussia" ein Darlehen von 15.DUO Mark gewährt. Er hatte dafür ein Pfand hingegcbcn, desicn Sicherheit einigermaßen zweifelhaft gewesen;n sein scheint. Sb die Behauptung wahr ist, daß cs conponlose Pfandbriefe gewesen, ließ sich nicht mehr fcststcllcn; dagegen bekundete der Direktor Eck von der „Borussia", daß ihm, alö Hanimcrstcin die 15.000 Mark nicht pünktlich znrückzahlte, das Pfand nicht rzcckügend schic» nnd er seinen eigenen Ercdit in Anspruch »ahm, um die 15.000 Mark der Easie znrückznzahlcn. Hanimcrstcin hat dann »ach kurzer Zeit seine Schuld beglichen. Fünf Jahre später, am 20 Rovcinber 1800, er stattete Knnowski gegen die Bcrmaltnng der „Borussia" eine Anzeige, worin gegen die Direktoren der Gesellschaft schwere Anschuldigungen erhoben wurden nnd auch daS Darlehensgeschäft mit Hammcrslcin zur Sprache gebracht wurde. Es wurden daraufhin cingchcndc Unter suchungen angestellt, die daniit endeten, daß einige statufenwidrige Un regelniäßigkekten zwar fcstgcstcllt, strafbare Handlungen der Direktoren aber nicht nachgewicsen werden konnten, v Knnowski ist im Anschluß an diese Borgängc seinerzeit von dem Direktor Krüger gefordert worden; er hat das Duell abgelchut mit der Erklärung, daß Krügcr nicht satiSfactionSsähig sei. Das SfficierS Ehrengericht hat diesen Grund nicht für stichhältig erklärt, Knnowski hat aber doch das Duell nicht angenommen, wcjl Krüger inzwischen den Klagewcg bcschritten hatte, und ist deshalb vom Ehrengerichtshofc des Titels eines Rittmeisters und des Tragens der Uniform für verlustig erklärt worden. Er hat in Breslau eine das Princip der Gegenseitigkeit nicht vertretende BersichrriingSgcsellschaft unter dem "Rainen „Sstdeutschcr HagelvcrsicherungSverband" begründet, und diese wirkt naturgemäß als Gegnerin der „Borussia". Sachwalter des Herrn v." Kunowski in feinen Eivilänsprüchcn gegen die „Borussia" war der Rechtsanwalt Feige in Breslau. Dieser hat nun, nachdem er seinem Elientcn davon Mittheilung gemacht, die „Hammersteiniade" in einer Bersammlnng des freisinnigen Bolksvercines „Franz Ziegler" in BreSlan zur Sprache , Blatt. reite 5. gebracht und dabei den Direktoren der „Borussia" vorgcworfcn, daß sic, um das Hammerstein'sche Darlclic» zu verdecken, falsche Bilanzen ausgestellt und sich gegenseitig Provisionen aus der Easie bewilligt hätten. Gegen Feige ist inzwischen von de» Direktoren der Strafantrag* gestellt worden. Die Miltlieilnnge» des Rechtsanwaltes Feige wurden in einer Breslauer Eorrespondc»; der „Bossischen Zeitung" wiedcr gcgcbk», sic ginge» hierauf i» andere Blätter über und crfubrcn eine Berichtigung durch das eontrolirendc Anfsichtsyub.sniitglicd der „Borussia". Die /.Deutsche Bcrsichcruiigszcitniig" bat dann den Artikel der „Bofsi scheu Zeitung" und die Berichtigung abgedruckt und in ciiicm selbstständigen "Rachsatzc il>rcn Lesern klar zu mache» gesucht, wer Herr v. linnowski eigentlich sei. linker Hcrvorlicbiing der Eiitsernung deS selbe» aus dem Sjsikicrsstandc wurde ihm vorgeworie», daß er als -> Direktor einer feudalen Hagelvenichernngsgeiellschafk de» politischen Gegnern der Mitglieder der letzteren vcrgiskclc Wanen in'die Hand gegeben nnd mit unbegründeten Dennneiationen operiri babe, die unter dcm Deckmantel eines politischen Zweckes ttmnu berechnet icic», eine Eonkurrcnzgesellschaft in' ein böses Licht zn bringen. Landtagsabgeord nctcr a d b >> l als Bertretcr ltnnotvski's hielt de» in dein. Artikel cntlialtcncn Schlag gegen die Elirc feines Elientcn für icbr schwer und beantragte deshalb auch eine nachdrückliche Strafe. Der Berlhcidigcr machtc für den Angetlagtcn geltend, daß dieser als Herausgeber einer dcn Interesse» der Gcgcnscitigkcitsgcscllschaftcn dienende» Zeitung bc-- - rcchtigä: Jnlcrcsscn gewahrt habe, als er dcu mittelbaren Urhcl>er der Mitthcilungen dcS Rechtsanwaltes Feige in seiner wahren (Gestalt seinen Lesern vorführte. Der l^crichtshof dielt Beleidigungen für vorliegend, erkannte auf 200 Mark Geldstrafe und sprach dem Kläger die — Bcfngniß zur Bcröfscntlichnng des llrtdcilcs zu. (Earl Paasch.) Der durch seine Angriffe gegen den früdcrcn denk scheu Gesandten in Edina, v. Brandt, in iveitcrcn Kreisen bekannte^ Antisemit Earl Paasch, Über dessen Geisteszustand die Irrenärzte gethcilter Mcinnng waren, wird nun von der Berliner Staatsanwaltschaft steckbrieflich verfolgt. Paasch, der eine dreizchnmonatlichc Gefängnißstrasc abznbüßcn hat, war zuletzt in Leipzig wohnhaft, soll aber, wie Schneider im niederösterrcichischc» Landtage erklärte, von ihm persönlich durch Scstcrrcich in die Schweiz gebracht worden sein. (Wieder Einer!) Ein eifriger Wortführer der sächsischen Antisemiten, der Lehrer S o b e, welcher früher in Brand bei Frcidcrg und zuletzt in Ane angestellt war, ist dieser Tage vom Landgerichte Ztvickau wegen schivcrer Sittlichkeitsverbrcche.il an Schnl kindcrn zu sechs Jahren Zuchthaus nnd zechn Jahren Ehrverlust vcrnrtheilt worden. Was wird der sittenstrenge Stein - wcndcr dazu sagen? (Zilin Bluihcschilldiguiigsproccß in Palästina.) Mit Bezug aus die in Rr. 202 dcS „Freien Blattes"- ciithaltenc sicotiz, welche „Ein Blutbeschuldigüngsprokeß in Palästina" betitelt war, schreibt nns Herr Alfred (Zeiger, Schriftführer des Bcrcincs zur Erziehung jüdischer Waise» in Palästina, anö F rankfurt a. M.: Jnthüm licherwcisc wird in der Rotiz der „("'roßrabbiner Elischer auS der Eolonie Rischon le Zion" angeführt. Der Großrabbiner heißt Eliaschar und führt als Ehacham-Baschi von Jcrnialem den Beinamen Rischon le Ziou (Erster in $ioii|- Daß eine Eolonie, welche de» Anfang machte, sich ebenso nanntc, hat mit dem Großrabbiner Jacob Saul Eljaschar nichts zu thun, der sich mit der Beschwerde über die Bcrlcnmdung der Inden als ofsikicllc Persönlichkeit naturgemäß an seine - Vorgesetzte Behörde, die türkische' Regierung, wandte. 2lus antisemitischen Vereinen und Oer sannnlunaeu. (Radau Elemente unter den -laatsdcauitc».) Die Verrohung und Verloiterung, welche gewissenlose Demagogen nnd die Miedertracht -ihrer Hinter- . männer hohen geistliche» und wellliche» «Alandes bei einem große» Theile der Wiener Gesellschaft hervorgerusen haben, gibt sich fast in jeder Aulisemitenversainmlnng kund Besonderdnitlich trat dies am 28. Februar zu Tage. Fitr de» Abend derselben hatte ein Comite von Staatsbeamten an etwa tausend College» die Einladung zu einer im großen Dreher-Saale ans der Landstraße abzuhaltenden vertraulichen Staatsbeamten Versammlung ergehen laste». ES sollte eine Besprechung der SlandeSsragen sowie der Jntercsten der Beamtenschast an den Wiener Gemeindeaiigelegenheiten' und endlich die Beschlußsastung ' über nachstehende Resolution erfolgen: „In Anbetracht beste», daß die in Wien domicilirenden k. k. Staatsbeamten gleich der Mehrheit der Bürgerschaft dagrößt: Interesse an einer geordneten ruhig schastenden Geinjindeverwallung haben, welche sich die wirthschastliche, sanitäre und sonstige Ausgestaltung und Verschönerung der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Witn sowie die weitere aitSgedehnte Förderung der Schule in dieser Stadl jut einzigen Ausgabe stellt: