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Freies Blatt · 1896-03-08 · 205 (8.3.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
205 (8.3.1896)
Date
1896-03-08
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seit* 4. Nr. 205. .freie» Hand. Lie werden durch den Act des Rücktrittes von der strafgerichtlichen Verfolgung unS zu ewigem unwandelbaren Dank verpflichten. “ Diese Bitte des Johann Reumann wurde von seinem früheren langjährigen Chef Tr. Vincenz v. Berger und seinem Bertheidiger Tr. WolfEppinger auf das Wärmste unterstützt. Unter diesen Umstünden ließ sich Tr. Granitsch bewegen, daS vorstehende Schreiben deni Strafgerichte mit dem Benierken vorzulegen, daß er seinerseits auf einer weiteren Strafverfolgung nicht bestehe. Mit Bescheid des Landesgerichtes vom 23. Februar wurde nun Tr. Granitsch verständigt, daß die Staatsanwaltschaft von der Verfolgung gegen Johann Neumann wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit zurückgetreten ist. Aus der Begründung dieses Schrittes der Staatsanwaltschaft sind folgende Stellen hervorzuheben: »Was das Moment der Drohung anbelangt, so liegt in der dem Briefe angeschloffenen Abschrift eines Provisionsbriefes in deffen Anhang, falls dieselbe mit der Behauptung der Echtheit veröffentlicht würde, allerdings eine schwere Bedrohung an Ehre und Eigenthum; allein in dem Briefe wird nur darauf hingewiesen, daß dieser ProvisionSbrief im AnnullirnngSproceffe in der Replik als Beilage gelegt werden wird. . . Hiezu konintt aber noch die wichtige T hatsache, daß, wenn auch namentlich der auf Tr. Granitsch bezügliche Anhang zu dem ProvistonSbriese schon nach seiner Stylisirung sofort den Verdacht, daß es sich um eine Fälschung handelt, erregt, doch nicht der geringste Anhaltspunkt vorliegt, daß Johann Reumann-an dieser Fälschung betheiligt war." DaS Bittschreiben Reu- »lann's und die Begründung der eingestellten Strafverfolgung seitens der Staatsanwaltschaft zeigen wieder einmal, wie leichtfertig Gregorig unter dem Schutze der Jmmnnität im Landtage Verdächtigungen ausstrept. (Gin fillstirtks Attentat) Wochenlang verbreiteten Antisemitenorgane Gerüchte über Attentate auf ihren Führer Tr. Lueger, ui» sie dann »freudig" denientiren zu können und die Urheberschaft der »beunruhigenden" Meldung jedeSmal den „Juden-Liberalen" mit dem Bemerken zuzuschreibe», daß der Wunsch der Vater des Gedankens war. So. verfiel denn ei» in kümmerlichen Verhältnissen lebender Gärtnergehilfe auf den Einfall, ebenfalls ein Attentat auf Tr. Lueger zu erdichten, »m dabei einen kleinen Profit herauszuschlagen. Eine auS polizeilichen D-uellen schöpfende Localcorresponden; berichtet darüber: Sonntag den l. Mürz, Vormittags zwischen 0 und 10 Uhr, fuhr vor dem Hause Wienstraße 57 ein Einspänner vor, welchem ein Individuum von sehr reducirtem Aeußern entstieg, daS in die in demselben Hause befindliche Wohnung Tr. Luc,ger'S zu gelangen versuchte. Der Hausmeister hielt den verdächtigen Mann an, welcher erklärte, Tr. Lueger um jeden Preis sprechen zu müssen, denn eS handle sich um dessen Leben. Es seien ihm Tausende versprochen worden, wenn er Tr. Lnege'r erschieße oder erschlage; er sei aber Christ und werde daS nicht thnn, sondern Tr. Lueger warnen. Ter Hausmeister, dem diese Erzählung sehr zweifelhaft vorkam, mies den Mann in das Kaffeehaus an der Ecke der Wienstraße und Kettenbrückengasse, wo er Tr. Lueger treffen könne. Der Fremde fuhr thatsächlich in das bezeichnete Kaffeehaus, wo Tr. Lueger anwesend war. Er trat auf ihn zu und sagte, er hätte ihm unter vier Angen höchst Wichfiges mitzutheilen. Tr. Lueger ging mit dem Unbekannten einige Schritte abseits, worauf ihm dieser mittheilte: Er sei beim Magistrat gewesen, um eine Unterstützung zu erbitten. Tort habe er einen Mann mit Cylinderhut getroffen, der ihm sagte, er könne sich sehr viel Geld verdienen, wenn er Dr. Lueger erschlage oder erschieße. Tr. Lueger ließ den Fremden nicht weiter reden, da dessen Erzählung in eine Bettelei anSklang, und wies ihn ans dem Local. Es gelang, den Kutscher jenes Geführtes, das der angeblich gedungene Meuchelmörder benützt hatte, in der Person des «s'uido Henlbürtsi (Einspänner Rr. 1035) ';n erniren. Der K»sicher gab an, Sonntag Vormittags von dem mehrfach erwähnten Manne auf seinem Standplatz .in der Rußdorferstraße gemiethet worden zu sein. Der Mann habe ihm mirgetheilt, daß Samstag Abends bei der Votivkirche ein kleiner dicker Mann mit Cylinderhut ihm >000 fl. versprochen hätte, wenn er die Abgeordneten Dr. Lueger und Steiner ermorde. Wenn die That vollbracht sei, möge er sich die 1000 fl. als Belohnung Montag zwischen 0 und 10 UhrAbends nächst dem Closet in der Währingerfiraße bei der Votivkirche abholen, Zugleich erzählte er von einem romantischen Erkennungszeichen, einem rothen Taschentuch mit weißem Rande, das. in der Hand gehalten werden müsse. Auf den ^»sicher habe die Erzählung sofort den Eindruck gemacht, daß sie erfunden sei, und zwar zu dem Zwecke, um Geld herauszuschwindeln. Der Fremde trat dann seine Fahrt in die Wienstraße au. Vom Kaffee- .hanse in der Kettenbrückengasse mußte der Kutscher in das Cafs Jäger auf dem Althanplatze fahren, wo ihm sein Fahrgast ein Krügel Bier zahlte. Tann gab der Unbekannte dem Kutscher den Auftrag, ihn in die Rußdorferstraße Rr. 55 zu fahren. Unterwegs hielt er noch bei Slatt. einem Branntweinschank und trank einen Schnaps. Schließlich fuhr er nach Döbling zum Hause, in dem Abgeordneter Steiner wohnt. Unterwegs gab er dem Kutscher, deffen Fährlohn fünf Gulden betrug, zwei Gulden. Es ging schon auf Mittag, als der Wagen vor dem Hause hielt. Der Fremde stieg aus und trat ins Haus, als ob er auch den Abgeordneten Steiner warnen wollte. Ter Kutscher wartete hier vergebens bis 1 Uhr, der Retter Lneger's war aber durch einen zweiten Ausgang verschwunden. Montag gelang es der Polizei, des Unbekannten habhaft zu werden. Es ist dies der 35jährige vacirende Gärtnergehilfe Johann Hanusch, aus Sternberg in Mähren gebürtig, in Währing, Anton Frankgasse Rr. 3, wohnhaft. Er ist ein notorischer Trunkenbold und hat einen üblen Leumund; er lebte mit seiner Frau und vier kleinen Kindern in Roth und Elend und sollte wegen rückständiger Miethe delogirt werden. Die ganze Attentatsgeschichte erscheint als ein Versuch, sich Geldmittel zu verschaffen, um anö einer verzweifelten Lage herauszukommen. Hanusch wurde wegen versuchten Betruges dem Landesgerichte eingeliefert. (Aus Aergcr über eine liberale Candidatur.) Am 27. Februar, Abends, wurden dem bei den Gemeinderathswahlen im dritten Wahlkörper in der Minorität gebliebenen liberalen Candidaten, dem Cafetier Josef Schlemmer, Brigittenau, Wallensteinstraße Rr. 34, mehrere Fensterscheiben durch Steinwürfe zertrümmert. Zwei Tage später wurde der Thäter in der Person des 17jährigen Schneiderlehrlings Johann Zierer, Wallensteinstraße Rr. 25 wohnhaft, ausgeforscht. Gegen den Burschen, welcher angab, daß er »aus Aerger", weil Schlemmer als liberaler Candidat auftrat, die Fensterscheiben zertrümmert habe, wurde die StrafamtShandlnng eingeleitet. (Zur zionistischen Bewegung.) Man schreibt uns aus Lemberg: Ter »Dziennik Polski" widmete der zionistischen Bewegung eine Serie von Artikeln, welchen, abgesehen von einzelnen judenfeindlichen Auslassungen und falschen Angaben — das polnische Blatt behauptet z. B., die jüdischen Ackerbaucolonien in Rußland Hütten sich nicht bewährt — int Großen und Ganzen eine richtige Auffassung der thatsüchlichen Verhältnisse nicht abgesprochen werden kann. Bölkerwandernngen, sagt der »Dziennik Polski", gehören der Vergangenheit an und ließen sich heutzutage auch nicht mit Zuhilfenahme eines viele Millionen betragenden Capitals ins Werk setzen, denn die zu einer solchen Bewegung erforderlichen elementaren Kräfte lassen sich weder durch Geld, noch durch die energische Propaganda irgend welcher ComiteS gewinnen. Sollte es aber trotzdem gelingen, einen Bruchtheil der jüdischen Bevölkerung zur Auswanderung nach Palästina zu bestimmen, so würde die Lösung der „Judenfrage" dadurch keineswegs herbeigeführt werden. Tie jüdischen Colonien im gelobten Lande würden immer Colonien bleiben, die Jndenschaft hätte auch daun ihr Centrum in Europa und würde durch natürlichen Zuwachs die durch die AnSwanderung entstandenen Lücken ausfüllen. Tie nach 2000 Jahren aus Europa nach Palästina zurückkehrenden Juden kämen in Conflict mit der autochthonen mohammedanischen Bevölkerung, zumal die Türken, die immer mehr aus Europa hinansgedrängt werden, ihren Stützpunkt in Asien suchen müssen. Nicht einmal in Palästina, geschweige denn in Syrien und Mesopotamien, woselbst die Zionisten ebenfalls jüdische Colonien gründen wollen, könnten die Juden in solch einem Maße Herren des Landes werden, um dort an die Bildung eines Judenstaates zu denken. Das polnische Blatt glaubt auch nicht daran, daß die Menge kleiner jüdischer Geschäftsleute bereit wäre, auf einen Wink der Zionisten ihre Läden und Werkstätten zu schließen und sich auf den Weg nach Jerusalem zu machen. Vereinzelte Beispiele, daß jüdische.Greise nach Palästina auswandern, um dort ihre Augen zu schließen, sind auf religiöse Beweggründe znrückzuführen und berechtigen umsoweniger zu irgend welchen Folgerungen im zionistischen Sinne, als auch viele Christen aus denselben Motiven nach dem heiligen Lande ziehen. Der praktische Kaufmann in Galizien sei viel zu nüchtern, als daß man ihm zutrauen könnte, er würde sich auf eine phantastische und gefährliche Erpedition nach fernen, ihm nicht bekannten Landen einlassen. (Ter preußische Cultlisminister und der Geschichtsunterricht.) Das vielbesprochene Rescript des preußischen CultusministerS Doctor Bosse vom 27. Tecember 1895 weist die Berliner Schulbehörden an, jüdische Lehrer und Lehrerinnen vom Geschichtsunterrichte in den Gemeindeschuleu auszuschließen, und nennt unter den Gebieten, welche die Ausschließung rechtfertigen, „die Geschichte der Ausbreitung des Christen thums und der Kreuzzüße". Mit Bezug hierauf wurde der „Breslauer Zeitung" anscheinend ans IluterrichtSkreisen geschrieben: „Der Minister geht, wenn er das auch nicht ausdrücklich ansspricht, augenscheinlich von dem Grundsätze aus, daß ein gedeihlicher Unterricht in der Geschichte ohne einen tieferen und wärmeren Antheil des Lehrers an dem von ihm behandelten Stoffe nicht denkbar ist. Ter lebendige Vortrag des Lehrers soll — so darf man seine Worte gewiß motiviren — ans

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