Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 204 (1.3.1896)
- Date
- 1896-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 204. Frei«, Statt. Seite 9. I '■ ■ ■ -Xhoben worden, denn von jeher habe», um nur ein Beispiel anzusühren, Soldaten jüdischer Abkunst in allen Staaten durch Tapferkeit sich ebenso hervorgethan wi e ihre Kameraden. Nicht nur in den Jahren 1809 1813, 1814 und 1815, ingleichen 1848 in dem Kampfe bei St. Lucia, 1849 in Ungar», 1866 in Italien und Böhmen und 1870/71 im deutsch französische» Kriege und allenlhalbeu, wo e» galt, für Kaiser und Reich Blut und Leben zu wagen, kämpsten sie wie Helden, und die Blätter jener Zeit berichten über Einzelne in einer Weise, die ihnen zur höchsten Ehre gereicht. Aber auch Geld und Gut achteten sie gering, wenn es galt, dem Baterlande helfend zur Seite zu sieben. Zu albern erscheint der Vorwurf de» engen ZnsammenhaltenS »ntercinander, des feindseligen Benehmens gegen die Christen. War da» Verhalten der Christen aller Jahrhunderte bis aus die Gegenwart geeignet, sie zu de» Juden in ein sreundlicheS Verhältuiß zu setze»? lieber ein Jahrtausend waren die Juden von den Christen aus da« Unglaublichste verfolgt und gemartert und unter Anwendung von Mittel», welche die Menschheit schändeten, von der bürgerlichen Gesellschaft auSgeschlosien, uud nach dem Wunsche uttserer „modernen" Antisemiten sollte» sie abermals auSgeschlosien werde»; wir fragen nun: find eS nicht gerade die Christen, welche sich alle Mühe gebe», AnnäherungSgesühle der Jude» mit Stumps und Stiel für immer anSzurotte»? Wenn ihnen tausendfach, statt de« verheißenen und gegen schweres Geld erkausten Rechtsschutzes, Treulosigkeit und Berrath zulheil geworden, sollen diese Erinnerungen ganz plötzlich verschwunden, vergessen sein? Wen» man sogar da» natürlichste aller unveräußerlichen Menschenrkchte, nämlich da» Recht, sich durch redliche Beschäftigung z» ernähre», alS ausschließliche» Monopol der Christen erklärte, wenn man die Ausweisung der Juden verlangte, ihre Beraubung und Verbannung austrebte, ja »och mehr, wenn jene Obskuranten dcS modernen Antisemitismus sich nicht entblödete», in unserer aufgeklärte» Zeit wie für Marder und Zltiffe Schußgeld für jeden getödteten Inden vorznschlagen, sollen da die Jude» entzückt sein und aus Liebe zu de» Christen gen Himmel springen? ■ Die jedem Gebildeten Ekel cinstößende Handlungsweise der Antisemile» würde gewiß »och tieferen Groll in den Herzen der Juden hervorrnsen, wenn nicht der eine Umstand mildernd wirkte, daß da» Gebahren dieser Ritter von der traurigen Gestalt geradezu lächerlich dumm erscheint. Ta» Treiben und Gebahren der leitenden Führer der antisemitischen Partei muß jeden nur halbweg» Vernünftigen mit Abscheu erfüllen. Ihre hohllön-nden Phrase» vor allgemeinem Wohl und BolkSbeglückuug sind nichts als aufreizende, geistlose Rederakete», welche bei jedem gebildeten und vernünftigen Mensche» wirkungslos verpuffen. Die Gilde dieser zweifelhaften Freunde deS Volke» wird nicht müde, sich zu ärgern, weil Juden den bedeutendsten Theil de» Handels und der Industrie in Händen hätte». Daß die Juden »lsprünglich kein handeltreibende« Volk waren, daß ihr/ Hauptbeschäftigung vielmehr in Ackerbau und Viehzucht bestand, lehrk die Geschichte. In Europa aber wurde de» Jude» bis in die erste Hälfte unsere» Jahrhunderts nur der^Haudel und da» Geldgeschäft eingeräumt; ist e» da zu verwundkrn, daß sie mit ihrem unverwüstlichen Erhaltungstrieb, mit ihrer nie rastenden Speculation, mit ihrer Betriebsamkeit und Sparsamkeit sich in» Lauft der Jahrhunderte zu de» Herren de» baare» - Gelbe» machten? Wer die immense Wirkung de» Capital», de» Zinses und ZinseSziufe» begreift, wird de» Reichlhum des Haufe« Rothschild und Anderer al» ein ganz natüiliche» Ergebniß begreifen. Das canoiiische Recht, alS Gesetz für die Christeuheit, namentlich aber al« gellende» Recht für Teutichland, bedrohte den Zinswucher mit Excommunicalion, dem Verluste der TestameutSfähigkeit nnd der Versagung eine» christlichen Begräbnisie«. Nur die Juden hatten daS ausschließliche Privilegium, Wucher zu treiben, d. h. Geld gegen Zinsen an Christen zu verleiht», selbstredend gegen eine mehr alS üOpercentige Abgabe a» ihre christlichen Schutzherren. Durch da» canoiiische Recht alS Gesetz für die Christenheit aber wurde insbesondere christliche» Kausleutcn und Gewerbetreibenden jener Elements welches als Mittel alles Wohlstände» und der Macht zur Ansammlung und Bildung von Capital förderlich ist, entzogen. Durch dieie« Gesetz ward auch da» Körperlcben vieler Christen vo» seiner Grundbedeutung abgeleitet und für jene Bestrebungen empfänglich gemacht, welche den Verkehr mit einer höheren Welt sich zum Ziele setze» und nicht in der Vermehrung von vergänglichem Gute uud irdischer Macht, sondern in der Erweiternng de» Reiches Gottes Genugthnung suchen. DaS Kirchliche ragt über daS Zeitliche, der Wahn über daS Reale, und bei diesein Verhältuiß wurden nicht allein christliche HimnielSdürgec der Vergangenheit, sondern auch ihre Abkömmlinge materiell bankerott und gingen unter dem Drucke nicht de» jüdischen, sondern de» internationale» Großkapital» zugrunde. ES bleibt solchen Christen nicht» übrig, al» kräftige» Erwachen auS Trägheit und Philister'hum, nichts übrig alS gleiche Anstrengung, gleiche Betriebsamkeit, gleiche Beharrlichkeit und Einigkeit, um der jüdischen Concurcenz zu begegnen und sie zu überflügeln, waS in Wirklichkeit allenthalben und mit rücksichtsloser Ungebundenheit von Seile zahlloser Christen auch geschieht. Denn unter den CapiialSmächlige» finden wir nicht allein Juden, wir finden unter ihnen „christliche" Fürste», Grafen, Freiherren, geistliche und weltliche Würdenträger, Katholiken, Protestanten, Hrrreuhuter, Ouäcker, Methodisten, Baptisten, ' Hochkirchler, kurz Bekenner aller Confessionen der Welt. Untersucht man die im Kreise der Jrregesührten herrschende „össentliche Meinung" näher, so löst sich schließlich die „Gedankenübertragung" dahin auf, daß Jeder znsrieden wäre, wenn er nur die Gewißheit hätte, daß ihm in seiner Branche, in seinem Gewerbe kein Jude Concurrenz machen oder ihn bteinträchlige» würde. I» der Zeit der Gewerbejreiheit aber ist jeder Uoternchmer der Gefahr-der Concurrenz, sei eS durch Christen oder Juden, auSgesetzt. Allein wer mit Geist und Capital ausgerüstet in de» Wettbewerb tritt, braucht sich nicht zu fürchten. Unternehmer init unzureichende» Mittel» werden vo» christlicheu Concurrenten mit denselben Mitlel» auS dem Felde geschlagen wie vo» den jüdischen. Fürwahr, nicht» ist schändlicher, alS wenn von Antisemiten da» Christenlhuni, die „Religion der Liebe", in die Komödie gezerrt wird., Wenn aufrichtige christliche Nächstenliebe nicht »nr gelehrt, sondern auch geübt werde» wird, wild auch -die zwischen Christen und Juden bestehende Schranke verschwinde». Schon ^Gerechtigkeit, Klugheit und Humanität eisorderu dies. § i t e r a t u i\ Aust riu erlt in orlie ultlinn Ein Ausweg auS dem Labl)>i»th. Wien 1890. CommissionSverlag vo» Emil Soeding Nachfolger (Georg Wiedersinn). Preis >>> kr. Die vorliegende „Studie über die gegenwärtige politische Situation" geht von dem heute oft al» höchste politische Weisheit verzapften Satz au», da» Gros jener Wähler, dk dem Anhänge Lueger'» ihre Stimmen geben, stehe gar nicht auf dem Standpunkte des AntisemiuSmuS, man sei nur mit d:r bis. herigeu Situation nnzufriede», könne sich für die liberale Partei nicht begeistern, und versuche eS darum mir den Antisemiten u. s. w. Diese Kaffee hauSlogik zerstiebt natürlich in alle Winde, wenn man fragt, warum denn diese hyperlibcrale», Elements denen die liberale Parte, zu wenig radical ist, nicht socialistisch wähle»? Oder wird tlwa jede Gemeinheit, die Schneider und Gregorig im Landtage Vorbringen, vo» diese» Herren bejubelt, werden die Kirchen schaarenweise besucht, knsien jene Herren jedem Caplan bloß deshalb die Hand, weil ihnen die Liberalen — nicht liberal genug sind? Wer lacht da? Jahresbericht und Mitglieücrvcrzkjchnjß der Oesterrkichlschen ÄrscUschast , der FrikdcnSsrklinde 1895. Wien 1896. Verlag der Otsterreichischcn Ges.llschaft der Friedensfreunde. - Da» vorliegende Büchlein, da» sich vorzüglich zur Agitation für die FriedenSsache eignet, enthält außer dein Berichte über die vorjährige Hauptversannnluug und dem Verzcichuiß der Mitglieder der Gesellschaft auch eine für die Idee deS Weltfrieden« glühende Rede deS RcichSrathSabgeordneten Freiherr» v. Pirquet und eine „Kleine Citatentafel", Aussprüche bedeutender und einflußreicher Staatsmänner und Fürsten über die Friedensbewegung cnthallend. Schule und Hau». Ellernzeitung zur Förderung der Erziehung nnd des UnierrichlcS. HtrauSgegebe» unter Milwirknng hervorragender Fachleute von Eduard I o rd an. 1896. XII1. Jahrgang. Leitung und Vermattung.Wie», lll/l., Slreichergasie Nr. 10 Preis 2 fl. jährlich, einzelne Hefte 30 kr. Ter Inhalt der Februar-Nummer ist folgender: Tie Vorbildung der Mütler. Vo» Richard Ernst. — Geistige Erziehung: lieber die Geinüthsbildung unserer Kinder. Von Viclor Z w i l l i n g. —Gesundheitspflege: Tie Kinderstube. Von Irene S p o » n c r - W e n d t. — Ans der Kmderwelt: DaS große Menschenmädel Von P. R o s e g g e r. — Gesetzliche Besti»i,n»»gen: Die Volksschule. —. Benrlheilungen: Vincenz, der Köhlerbub. Von Ludwig Pan er. — Hauna, eine Erzählung von I. Mach. — Di« Topspflanzcnzucht rc. Von E. Eichel. — A»S aller Zeit. Von Rudolf Eckart. — Sprechhalle: Miltheiluugen und Auskünfte. — .Allerlei WiftciiSwerthe«. — Erzählnttge»: Burgl. Von A. Bogner. — Den Großen sür die Kleinen: Schneeglöckchen. Vo» Mila Reiner. — Februar. Dcr Stkill der Wcisr». Jllustrirte Halbmonatschrikl stir Hau« und Familie, ilnlcrhallung nnd Belehrung anS allen Gebieten des Wisse»«. Ä. Hartleben'S Verlag in Wien. VIII. Jahrgang 1896. ' DaS soeben versendete 5. Heft hat nachfolgenden Inhalt: Tie Befruchtung der Orchideen durch Insecten lmit Tasel); DaS Hol; al« Brennmaterial; Die „Prop.'llcrinsel" (eine I. Berne'iche ZukunslSphaniasie mit vielen interesianten Abbildungen); lieber lcuchteude El,kirodei»»alerie (mit 9 Abbildungen, die EntwicklungSgeschichtt der Rocntge»'sche>r X-Strahle» behandelnd, eine sehr lesenowerlh« Abhandlung, welche den Zusammenhaug der diesbezüglichen Erperimenle behandelt). Ferner die iltustrirlcn Notizen: Merkwürdiger Erseubahnnnsall, Schifte im Ei», LachSfang am Fraser River, Bo», Kutschiren, Astronomischer Kalender für den Monat März (mir Sternkarte), Notizen für Han« und Hof ». s. rv. Der „Stein der Weisen" erscheint m reich illustrirten halbmonatliche» Heiten uud ist in jeder Buchhandlung erhälilich. Vlieskasten. P. R., VII. Da« Ende de» Falle« Neumann illustrirt den Wcrlh der Gregorig'tche» CorruplionSriecherei. R. K., XVIII Daß sich Schönerer schon jetzt al« künftiger Vertreter .der fünften Wahlcurie feiern läßt, ist drollig. Aber mit jenem Postofsicial, welcher vo» einer „neuen WcllordnuNg" und einem „Cabinele Aloir Liechtenstein" schwärnrte, kann man de» „besten Man» der Ostmark" doch nicht aus gleiche Stufe stellen. _