Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 204 (1.3.1896)
- Date
- 1896-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Freie» Blatt. li Nr. 204. seit einiger Zeit in dem Verdachte, „nufgegebene Gelder unterschlagen;u haben, und die „Breslauer Zeitung" brachte mit Bezug hierauf eine Notiz. Allein noch zwei Tage vor seiner Verhaftung und seinem Lebensende veröffentlichte Schulze in dem antisemitischen.„Deutschen Volksblatt sür Schlesien und Posen" eine Erklärung, in welcher er bemerkte, daß er mit der „Breslauer Zeitung" an anderer Stelle abzurechnen gedenke, seinen Freunden für die ihzn gespendeten vielen Beweise „der Theilnahme, Treue und unbedingten Vertrauens" dankte und seinen „Feinden" stolz zurief: „Bis hieher hat er geholfen, der treue Gott, er wird auch weiter helfen." - Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. «Schneider s „orientalische Phantasie".) Der Mechaniker Ernst Schneider hat, um im Antisemiien-Jargon zu sprechen, wieder einmal eine Probe seiner „orientalischen Phantasie" zu». Besten gegeben. In einer Antisemitenversamnplung, welche zu Ende der vorigen Woche in den Localüäten des von der liberalen Partei abgefalleneu Wimberger stattfand, erzählte Schneider: Ein croatischer Abgeordneter sei zu ihin gekommen und habe ihm folgendes Gesetz zur Propagirung vorgeschlagen: „1. Jedem Juden wird dar Wahlrecht genommen. 2. Jeder Jude, d e r f i ch an einer politischen Wahlhandlung berbeiligt, wird zum Tode verurtheilt. 3. Mit dem Boklzuge die» es Gesetzes wird der Abgeordnete Schneider beauftragt." Tieler Vorschlag gefalle ihm außerordentlich, und um zu bekunden, daß eS ihm um die Sache Ernst sei, wolle er das von croatifcher Seite angeregte Gesetz durch nachstehende Lestimmung ergänzen: „4. Wenn der Abgeordnete Schneider einem Einzigen gegenüber seine Pflicht nicht erfüllt oder nachgiebig ist, wird dem Sch tre ider der Kops a l>- g e s ch l a g e n." Daß Schneider den zur Ausübung des ScharfrichlergewerbeS erforderlichen Befähigungsnachweis glänzend erbringen würde, wird im .streife feiner Genoffen nicht bezweifelt. Sr ist, meint man, zu Allem fähig. «.Hoffnungen und Besorgnisse.) Man schreibt uns: Ter Advocat Lueger und andere Führer der Ehristlich-Socialen gaben in den letzten Bersanunlungen, in'welchen sie sprachen, der Hoffnung Ausdruck, daß die Antisemiteu bei den jetzigen GemeiuderathSwahlen mit einer bedeutenderen Majorität siegen werken als bei den Wahlen int September 1895. Auch von den nächsten Landtags- Wahlen, sowie von der ReichSrathStvahlresorm scheinen sie Bondeile für ihre Parteiinteressen zu erwarten. Dagegen fürchten sie außerordentlich die Social- Temokraten. Während Wortführer der Letzteren liberale.Wählerversanttulungen aufsuchen, um etwas voreilig dem Liberalismus ein Grablied zu singen, werden tu autisemitischeit Bereinen, Bersammlungen :e., welche sich sorgsäkrig vor jeder social-demoktatischen Invasion zu schützen suchen, da« communale Programm der „Jttden-Socialisten" und deren Bestrebungen überhaupt auf das Heftigste angegriffen. Tie Feinde des „jüdischen Eapitals" fürchten diejenigen, welche da« Capital schlechtweg bekämpfen, ohne aus die Consession des einen oder anderen Besitzer» Rücksicht zu nehmen. Bor den freisittnigen Gewerbetreibende» haben die „christlichen" Socialrefortner mit ihrem „Rettungspatente" ebenfalls große Angst, die sie jedoch dadurch verbergen wollen, daß sie jene Gewerbetreibenden, welche sich nicht irreführen laffeu, für „irrsinnig" erkläten. Ganz harmlos erscheinen den christlich-socialen Führern die Zumuthungen, welche die sogenannten Trutsch Rationalen an dieselben stellen. Lhneweiters concediren sie den Brüdetn im Antisemitismus, denen die Conse-sion- „schnuppe" ist, den künftigen ersten Bicebürgermeister. der gleichsam zur Controle über da« «pristttch. sociale Stadtoberhaupt ausersehen sein soll. Wiffeu sie doch nur zu gut, daß. io lauge sie. ei ten PersonettcltltuS betreiben, welcher den Charakter directer Auflebnuttg gegen den obersten StaatSwilleu angenomnten hat, es weder zu einem christlich-socialen Bürgermeister, noch zu einem ihn überwachenden dcntlch-ttatiottaleu „Bice" kommen werke. Tie B'erlogenbeit, diese« bervorragettdste MerkMal aller Antisemiterei, gibt sich ntsbewndere darin kund,' daß die Judensrefler „christlicher" und „nationaler" Färbung, während sie zusammengehen, bemüht find, einander zu übervortheilen. Wie soll doS aber enden? Ta« weiß kein Mensch. Rur so viel ist sicher, daß gewiffenlose Streber hoffen, nn Trüben suchen zu köunen, hochachtbare, ihrer Vaterstadt aufrichtig zugethane Wiener aber um die Zukunft der Commune lebhaft besorgt sind und in Folge der schon widerwärtigen Luegerei die Autonomie als gesähtdet erachten. (Walkürrnwrihe.) Aus Brünn wird uus geschrieben: Zu Weihnachten w-irden die Mitglieder des BereineS „Deutsche« Haus" in Brünn vom Tbmantte dtcic« BereineS, Friedrich W a n n i e ck, ReichSrathSabgeordneten der Stadt Brünn, mit einer literarischen Weihnachtsgabe bedacht, betitelt „Wallürenweihe". Ueber den literarffcheu Werth diese« selbstredend in allteutscher, geschmacklos überipannt archaistischer Form gehaltenen Werkchen« ein Wort zu verlieren, ist rein überflüssig. Ter Berfaffer List imittrt und copirt geradezu Wagner und Jordatt .aus das Allergetreueste und folgt der unter den „Teutschen strengster Observanz" herrschenden Richtung, de» AsencultuS aus da« Blödsiitnigste zu verherrliche». Doch nicht von dem Stabreim wollen wir sprechen, andern von der Tbatsache, daß der Verein „Deutsches Hau«" seine» Mitgliedern eine derartige Gabe anzubieten wagt, welche direct aus eine Verhöhnung der Juden hinaurläuft. In dem Borgesang, anspielend auf die prähistorische Zeit der Deutschen, findet sich folgende geschmackvolle Stelle: - Und schon bedrohen weit widrig're Wühler, Mein fürstliches Volk in« Mark zu treffen Mit galligem Gift; die Gaben gehrend, V. Die gütige Götter dem Lande verliehen. ' Doch nimmer int wogenden Ringen der Walschlacht Mit schwirrendem Schwertschlag, E« wagten die Feigen, Bom treuen Bolle da« Gut zu ertrotzen, . Sie kamen geschlichen auf Pascherpsaden, Mit schmutzigem Schacher voll Trug und voll Tücke Tie Früchte deS Fleißes mit Gier zu ergattern. ES ist notorisch, daß zu den Kosten der Errichtung des „Deutschen Hause»" in Brünn aus jüdischen Kreisen mehr als die Hälfte beigetragen wurde, und eS ist fürwahr ein schnöder Undank, die thatkräftige, opferwillige Förderung,der DeutschthumS in Brünn seitens der Juden durch die Propagirung de« Werkes eines derartigen Dichterling» zu lohnen. Gerade weil da« Poem einer hochsinnigen Dame gewidmet erscheint, ist eS wenig geschmackvoll, Mitbürgern gegenüber einen derartigen Ton anzuschlagen, zumal die oft verlästerten Juden erwiesenermaßen speciell an der Götterdämmerung und auch an „Wallhall« Zerfall" keine Schuld treffen kann. Ob die Juden Brünn« sich wohl noch immer scheuen werden, au» dem Verein „Deutsche« Hau»" auSzutreten, oder ob sie warten wollen, bis sie auf noch „geschmackvollere" Art vor den Kopf gestoßen werden? I)r. E. lStöcker und die Conservativen.) Dieser Tage wurden die Protokolle jener beiden Sitzungen de« conservativen „Elser-AuSschuffeS" publicirt, deren zweite vom 1. Februar mit dem Ausscheiden Slöcker'S au« der conservativen Partei endete. Ter Charakter deS „edlen GotleSmanneS" spiegelte sich in den Worten wider, welche er in der Sitzung vom 1. Februar gesprochen bat. Es handelte sich nämlich darum, daß Stöcker in der von ihm verlangten öffentlichen Erklärung sage, eö sei selbstverständlich, daß er seine Beziehungen zu der Zeitung „Bvlk" abbreche. Deffeu weigerte sich Stöcker, iuden, er bemerkte, da« wolle er im Elfcr-AnSschuffe allerdings versprechen, aber in der Oeffentlichkeit könne er so iveit nicht gehen, denn er habe mit populären Strömungen zu rechnen, eS handle sich um eine Frage der Macht, und er dürfe feinen Feinden auch nicht den mindesten Anlaß zu der Annahme geben, daß er den Racken gebeugt habe, da er dann ein politisch lodter Mann sein würde. Heimlich wollte er sichuntezwetfen, öffentlich als der Unbeugsame seine Rolle weiteri'pieleu. Ein boshafter Zufall fügte eS, daß gleichzeitig mit der Veröffentlichung der Protokolle, des „Elfer-Ausschuffes" die „Tilsiter Zeitung" mittheilte, Stöcker habe gegen sie Strafantrag gestellt, weil sie ihm „Doppelzüngigkeit" vorgeworfen hatte. — In Frankfurt a. M. fand am 26. Februar ein Parteitag der christlich.socialen Partei statt. Aus demselben hielt Stöcker einen Bortrag über die Organisation der Partei. E« wurde dann eine von Pfarrer Wähl beatttragte Resolution, welche eine klare Abgrenzung der älteren christlick-socialen Partei von der R a u m ä n «'scheu Richtung forderte, nahezu einstimmig angenommen. Auch eine Resolution Stöcker's, betreffend die Stellung der christlich-sociale« Partei zu den Conservativen, gelangte fast einstimmig zur Annahme. Ju derselben wird die Constituirung zu einer selbstständigen Partei ausgesprochen, und eS werden nachstehende Forderungen ausgestellt: Ablehttung einer jeden Richtung, welche den Mittelparteien grandsatzwidrige Concessiouen macht; Bekämpfung aller Theorien, welche eine absolute ökonomische Gleichheit vertreten; Erstreben einer größeren ökonomischen Gleichstellung von Reich und Arm; endlich gesetzliche Unterstützung der'Bemühungen der wirthschaftlich Schwächeren. Ta« Blatt „Volk" in Berlin wurde zum Parteiorgan erklärt. (Im Circus Busch.) In der am 18. Februar im Circus Bu-'ch zu Berlin vom Bunde der Landwirt he veransialteten Galavorstellung k herrschte, wie nachträglich verlautet, der gemeinste Radauton. Als Direktor Dr. S u ch « l a n d den Namen Caprivi auSiprach, erhob sich nicht nur ein unbeschreibliches Gejohle, untermischt mit Pfuirnseti, sondern man vernahm auch da» Schimpfwort „Schweinehund!" Der alte Diest-Daber befleißigte sich ebenfalls großer Rohheit und that mit Bezug auf den LandwirthschaftS- « minister Freiherr« v. H a m m e t st e i u - L o x t e n und Tr. v. Bennigsen (Gegner de« Kauitz'schen Antrages) den Ausspruch: „Ra, die Herren sind Beide au« Hannover, dte beiden Herren können uns sonst wa«!" L i e6 e..t nt a tt n v. S o n tre n b erg. der an der Galavorstellung im CitcuS Busch theilnahm, war Gegenstand stürmischer Ovationen. Vielleicht dachte man sich nitchts dabei.'Auch Diest-Daber, welcher in der „Kreuzzeitung" in der Form einer Berichtigung daS Geständniß ablegt, dem LandwirlhschaftSmitiister und Herrn v. Bennigsen das Anerbieten gestellt ,u haben, „tut» sonst gewogen zu bleiben," will glauben machen, er hätte dabet nicht an den bekannten Ausspruch des Götz von Berlichingen gedacht. (Bom vollardurstigeu Ahlwardt.) Wie Rew-Norker Zeitungen berichte», setzt Ah-lward t mit abwechselndem Glücke seine Gastspiele in verschiedenen amerikanischen Städten.fort. In einem seiner Borträge machte er