Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 204 (1.3.1896)
- Date
- 1896-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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/ Nr. LV4. . freier die Triebkräfte der Lueger-Bewegung,. das hat auch die Verhandlung vom 22. Februar wieder gezeigt. (Waidhofeu an der?)bbs und Gottfried Jax.) Der Gemeinde rath der Stadt Waidhofen an der zffbbS hat in einer auf Antrag von acht Gemcinderäthen auf den 25. Februar ad hoc cinberufenen außerordentlichen Gemeinderathssitzung, in Anwesenheit und nach Anhörung des Gemeinderathes und Abgeordneten Jax, nachstehende Beschlüsse, und zwar, da sich die Opposition der Abstimmung enthielt, cinstinimig gefaßt: „Dem Herrn Gemeindcrathe Gottfried Jax wird für die unwahren Be Hauptungen, welche er in der Sitzung des nieder österreichischen Landtages vom 10. Februar 1*90 in seiner Eigenschaft als Landtagsabgeordnetcr in die Welt gesetzt, und durch welche nicht mir, die Gemeindevertretung, sondern die ganze Stadt bloßgestellt wurde, die Mißbilligung des Gemeinderathes ausgesprochen. Der Ge- : meinderath drückt sein Bedauern aus über die Angriffe, welchen der : Herr Bürgermeister Dr. Theodor Freiherr v. P lenk er sowie der \ Stadtrath von Seite des Landtagsabgcordncten Gottfried. Jar ausge setzt waren, und spricht dem Bürgermeister sowie drin Stadtrathe sein volles Vertrauen ans." (Gxceß eines croatischcn Studenten.) In Prag fand dieser Tage vor einem Erkenntnißsenate des dortigen Strafgerichtes die Schlnßvcr handlung gegen den croatischcn Techniker Georg Jambrisak wegen eines ExcesieS, insbesondere wegen Gutheißung ungesetzlicher Handlungen und Wachebelcidigung statt. Derselbe hatte in der Nacht zum 15. No vember auf der Straße mehrere Juden insultirt, indem er ihnen zuricf: „Taujnden! Alle Juden soll man todtschlagen. Tie Juden sind keine Menschen.". Den Wcchselstnbcnbesitzer Eduard Kisch bedrohte er gleichzeitig mit dem Stocke. Herr Kisch, der mit Gattin und Tochter eben von einer Tanzunterhaltung zurückkehrte, zog, als er sich angegriffen sah, einen Revolver. Daraufhin wich der croatischc Held zurück, setzte aber die Beschimpfungen fort. Auch zwei Mcdicincr und zwei Bank beamte wurden von ihm insultirt. Bei der Verhandlung leugnete der Angeklagte und gab vor, er sei der Beleidigte gewesen, man habe ihm das Wort „Sauchrist" zugerufcn, allein die Zeugen bestätigten die Anklage. Der Gerichtshof sprach Jambrisak schuldig und' vcrurthciltc ihn zu sieben Tagen Arrests. Das Unterrichtsministerium hatte gleich nach dem Exccffe Jambrisak'» dcffcn Juscription an der czrchischeu technischen Hochschule, an welcher er früher studirt hatte, uütcrsagt und zugleich verfügt, daß dem Ministerium über das Ergcbniß der Verhandlung Bericht erstattet werde. (Gemeiudcrathswahlen iu Lemberg.) Am 20. Februar fände» in Lemberg Gcmeinderathswahlcn statt, an denen 5083 Wähler sich bethciligten. Nicht weniger als sieben. Eandidatenliste» wurden in Umlauf gesetzt, darunter auch eine antijcmitischc, welche in Folge reger Agitation 073 Stimmen auf sich vereinigte. Auf der antisemitischen Liste sigurirtc auch der jüdische Prediger Dr. E a r o als Eaudidat; das kam, wie die Antisemiten zu ihrer „Entschuldigung" anführtcu, daher, weil sic Einen Juden für unentbehrlich erachteten, um in der künftigen Gemeindevertretung einen Referenten für jüdische Eultusfragcn zu besitzen. Die absolute Majorität erlangten 85 von ver bündetcn Bürger-Eomitcö ausgestellte Eandidatc», darunter 17 Juden. Für 15 Mandate müffcn noch engere Wahlen vorgcnomnien werden. (Eine Erimierung.s Angesichts der Hetze, die jetzt in Berlin gegen jüdische Mitglieder des Lehrcrstandes betrieben wird/ bringt die dortige „BolkSzeitung" eine „Erinnerung" von allgemeinem Jntcreffc. Es war zu Anfang der Sechzigcrjahre, als der Magistrat der Stadt Pose» an der dortigen Realschule eine» jüdischen Lehrer Dr. I u t r o s i n s k i (jetzt Tirector des Reichrnhcim'schen Waisenhauses) beschäftigte. Tr. Iu-. trosinski, dem die beste» Zeugnisse zur Seite standen, unterrichtete unter. Anderem in Geschichte. Mau nahm ihm diesen Unterricht ans höhere Weisung ab, weil man behauptete, er könne die Geschichte nicht „im gehörigen Geiste", d. h. im Geiste der christlichen Orthodoxie, lehren. Dr. Jntrosinski gab Gcographieuntcrricht in Sekunda. Man untersagte ihm dies, weil er dabei.Excursioncn aus das Gebiet der Geschichte machen könnte! Der junge Lehrer unterrichtete alsdann in antiker Heldenlehrc, nnd zwar in Sexta. Man nahm ihm auch diese» Unterricht auf höhere Weisung ab, weil der Unterricht in der griechi ' scheu Mythologie die Grundlagen abgäbc für die sittlickp: Weltanschauung, welche die Sextaner sich zu bilden im Begriffe stünden! Dr. Jntrosinski erwarb sich darauf, uni jeden Conflict mit den sonderbaren Anschauungen der Vorgesetzten Schulbehörde aus dem Wege zu gehen, die FacnltaS für, neuere Sprachen. Als ihn aber darauf der Magistrat der Stadt Pose» definitiv anstellen wollte, wurde diese definitive Anstellung von der Aufsichtsbehörde aus eben denselben Gründen verweigert, au« denen jetzt die reaktionäre preußische Preffe gegen die jüdischen Lehrer und Lehrexinncn Berlins hetzt. Obenan stand damals in der Agitation gegen Jntrosinski 8 l a t«. Stile ft. die „Krcuzzeitung". EultuSminister war zu jener Zeit Herr v. Beth mann-Holl weg und, da die Angelegenheit unter seinem "Regime noch nicht zu Ende geführt wurde, Herr v. M n h l c r. Am 4. Mär; 1802 kam die Affairc des Dr. Jntrosinski im preußischen Abgeord netcnhausr zum crstcnmale zur Sprache, im August desselben Jahres noch einmal. Inzwischen, am 18. März, war Herr v. Mühler CnltuS minister geworden. Bcthmaun Hollwcg wie Mühler erklärten Beide, die Berufung auf die Vrrfaffung zur Geltendmachung der Rechte Jutro sinski'ü ginge über ihr Verständniß hinaus. Unter Hinweis auf die preußische Verfaffung hatte nämlich die UntcrrichtSkommission des Ab geordnctcnhauses beschloffcn, dem Minister die Petition der Stadt Posen, welche die Genehmigung der Anstellung Tr. Jutrosinski's bezweckte, „zur Abhilfe" zu empfehlen. Was damals im Abgeordnetenhause zu Gunsten der berechtigte» Forderung der Stadt Posen geltend gemacht wurde, ist die schlagendste Widerlegung derjenigen Argumente, welche jetzt die rcactiouürc preußische Presse zu ihrem' die Verfaffung miß achtenden Sturmlauf wider die jüdischen Lehrer und Lehrerinnen Berlins vorzubringen sich nicht entblödct. Es waren damals vornehmlich die Abgeordneten v. Sanckcn, v. Hrnnig, Diestcrwcg und in der Sitzung vom 18. August der Professor Röppcll (Breslau), welche die durch die Verfassung verbriefte» Rechte der jüdischen Lehrer gegen die Angriffe der „Kreuzzeitung" und die Verkümmerung durch'die-Re girrung vertheidigten. Der Abgeordnete v. Hcnnig traf vielleicht das Richtigste, wenn er zur Geißelung des Verhaltens, weläzes einem nichtchristlichen Lehrer die Rechte des Lehrers überhaupt vorenthiclt, bemerkte, cs handle sich hier um „kleine Ungesetzlichkeiten, die so nebenbei nnd durch allerlei Künste der Sophistik zwischen de» Zeilen dcS Gesetzes hindurch zur Anwendung kommen". Und der Breslauer Professor . Röppcll sprach in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom l 8. August 1802 dem damaligen Eullusminister v. Mühler ins Angesicht über den Fall Jntrosinski: „Meine Herren, indem ich als.Referent um das Wort gebeten habe, habe ich geglaubt, cs zu thun im Interesse der Sache, die ich. als Referent zu vertreten habe. Erlauben Sic, daß ich im Interesse derselben Sache Sic zunächst daran erinnere, daß es gegenwärtig 50 Jahre gerade her sind, daß der Grundsatz der Eman cipation der Juden iu unserem Staate zum crstcnmale zur Anerkennung gekommen ist. Das Edikt vom 11. März 1812, in der großen Zeit der inneren Wiedergeburt unseres Staates erlassen, sprach diesen Grundsatz nicht nur im Allgemeinen aus, meine Herren, sondern cs bcstimmtc auch in Bezug auf die Sphäre der UutcrrichtSvcrwaltnng in seinem r? 7, daß Juden akademische Lehr, Schulnnd Gemeindeämter, zu welchen sic sich geschickt mache», bekleiden tonnen. Äieine Herren, seitdem ist ein halbes Jahrhundert vcrflvffcn, und dennoch ist dieseshohe Haus heute wiederum in der Lage, darüber verhandeln zu müffcn, ob ein Jude, der sich zu einem Lehramt geschickt gemacht hat, den die kompetente Behörde;n diesem Amt berufen hatob dieser Jude das Amt wirklich crhgltcn soll oder nicht. Ich glaube, meine Herren, Sie empfinden mit mir, daß zwischen diesen beiden Thalsachen, zwischen dem Edikt vom 11. Mürz 1*12 in seinem 8 7 und dieser Verband lnng, an deren Schwelle wir stehen, ein schneidender und greller Eon traft 'besteht. Der Eoutrast wird aber noch greller, wenn Sie sich daran erinnern, daß zwischen dem Edikt vom n l. Mär; .1812 nnd dieser Verhandlung auch der Erlaß vom «> April 1*4*, auch noch unsere Verfassung vom Jahre 1*50 mit ihren Artikeln 4 nnd 12 steht, nnd da scheint cs denn doch .in der That nach so vielen Jahren hohe Zeit zu sein, daß diese Divergenz, dieser Eontrast zwischen dein Gesetz nnd deni Recht auf der einen Seite und nach, der thatsächlichen Praxi» auf' der anderen Seite endlich einmal ei» Ende nimmt." Röppcll wies im Einzelnen nach, .wie unhaltbar rechtlich nnd moralisch. die rcindlichc Stellung der obersten Schulverwaltung gegen Dr. Jntro sinski im Besonderen nnd gegen die jüdische» Lehrer im Allgemeinen sei; er wie» cs.nach unter dem Beifallc der großen Mehrheit des Hanfes, das dann auch ini Sinne Röppcll'» belchloß. Der Enltnsminister v. Mühler hatte als Erwiderung nur Verlegcnheitsphrascn, wie sic einige Wochen zuvor sein Vorgänger v. Bcthmaun Hollwcg ge habt hatte. Beide beriefen sich aus den angebliche» „christlichen Eharakter" der Poscncr,Realschule, obwohl von diesem nicht in der StiftungSurkundc und auch sonst nirgends die Rede war. (Das Ende eines Antisemitenführers.) Der Postafsistent Schulze in Wohlan, ein bekannter Führer der Antisemiten iu Preußisch-Schlesien, dcffen Verhaftung wegen Vcruntrenungen wir in der vorigen Nummer des „Freien Blattes" erwähnt haben, hat sich, wie aus Breslau berichtet wird, gleich nach feiner Verhaftung erschaffen. Als ihm nach einer Revision des Postamtes durch einen Postinspector erklärt wurde, er sei verhaftet, zog er einen bereit gehaltenen Revolver aus der Tasche und tödtetc sich in Gegenwart des Postinspectors und des Postmeister« durch einen Schuß in den Mund. Schulze stand schon