Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 204 (1.3.1896)
- Date
- 1896-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 204. 's jttlt« Blatt. Seit« 3 daß trotz der zwangSwkisrn Berufsorganisation deren vorgeblich Segnungen nach mehr als elfjährigem Bestände nur 608 Percent der selbstständigen Meister zugute kommen, während 392 von je 1090 außerhalb jeder Organisation stehen. Schon diese Ziffer wirft ei» schiefes Licht auf die Zulänglichkeit dieser vielgepriesenen Organisation. Und doch ist sie noch lange nicht die ungünstigste. Die vorliegende Statistik scheidet im Einklänge mit der (Gewerbeordnung die Gcnoffenschaft in vier Kategorien: I. in reine Fachgenoffenschaften, zu welchen nur Mitglieder eineeinzigen (Gewerbes gehören; 2. in Genossenschaften für verwandte Gewerbe, d. h. solche, die hinsichtlich der Art des Betriebes eine enge innere Berwandtschaft zeigen, wie z. B. die verschiedenen Arten der Gast- und Schankgewcrbc, die Lederer nnd Gerber, die Zuckerbäcker nnd Bäcker, /Fleischer und Selcher u. s. w.; 3. in Genossenschaften für mehrere nicht verwandte Gewerbe und -4. in Collectivgenossenschaften, in welchen alle in dem Sprengel, für welche sie errichtet sind, bestehenden Gewerbe zusammen» gefaßt sind. Die beiden letzteren Arten der Genosicnschaften sind voll ständig identisch und rein willkürlich »ach der Anzahl der in der Genosienschaft zusammcngcfaßten Gewerbe unterschieden. Die zweite Art schließt zwar pur verwandte Gewerbe ein, aber es leuchtet ei», daß auch diese Art der Genoffcnschaft die heterogeüste» Elemente »infaßt, da cS ja gerade die einander nächststehenden Gewerbe sind, zwischen welchen die größte Rivalität besteht, weil hier die Eompetcnzstreitigkciten nie abreißc», wie zwischen Fleischern nnd Selchern, Seifensiedern und Parfümeuren u. s. w. Wenn man bedenkt, daß gerade die Berufsgcnoffenschaft eö sein soll, welche die ewigen Gewcrbcstreitigkcitcn beilegen und ausschließen soll — freilich ist in Wirklichkeit daS Gcgenthcil der Fall — so begreift man den lächerlichen Widerspruch, der darin liegt, wenn nian z. B. Selcher und Fleischer in eine Kanipfcsgruppc cinrciht. Aber auch zu wirthschaftlichen Zwecken wird sich eine solche „Genossenschaft verwandter Gewerbe" nie eignen, ebensowenig wie die Eollectivgenoffenschaft, die bunt durcheinander Fleischer, - Schuster nnd Pflasterer znsammenfaßt. Es kommt also als halbwegs lebensfähiges Element allein die „Fachgcnossenschaft" als der reine Repräsentant der Bcrufsgenosscnschaftcn in Betracht. Und in welchem nnmcrischcn Berhältnissc stehen nn» die Fachgenosscnschaftcn zu den übrigen „Wursst kcssel"-Genossenschaften? Bon den 5317 hiehcrgehörigcn Zwangsassociationen waren Fachgenossenschasren . . 0ö2 (10-4f„) mit 148.410 (11 9 ) Milgl. ». Angehörige» Geiiosseuschasteii fiir mehrere verwandte Gewerbe. 440( 8-3,,) „ 231 587 (18 (i „ ) „ „ „ Genossenschaflen f. mehr, nicht verwandle Gewerbe .2403 (46 i* „ )' „ 460 369 (36 0 „ ) „ „ Collectivgenosseiischast. 1832 (34 4 „) „ 406.713(32-6,,) „ „ „ Bon den gesammtcn.gewerblichen Genossenschaften erfülle» also nur 10 4 Pcrcent mit zusammen 148.419 Mitglieder» nnd Angehörigen (119 Percent der Gesanimtzahl) alle jene Bcdingnugcn, welche man billigcrweise an eine wirkliche BcrufSgenossenschaft stellen sann nnd muß. Bon diesen 148.419 Personen sind wiederum nur f>3.9f)9 (oder 9 7 Pcrcent der Gcsainintzahl) selbstständige Gewerbetreibende, nnd so stehen wir vor der geradezu niederschlagcndcn Thatsache, daß von den 910.978 selbstständigen Gewerbetreibenden, welche durch die Zwangs gcnoffenschaft „gerettet" werden sollen, blos 53.959, b. i. wohlgczähllc :’>9 von je 1000 Gelegenheit haben, einer reinen Fachgenossenschait aiizugehören. Diese gewiß nicht besonders tröstliche» Zahlen bckomnie» ihren relativ immer noch günstigen Charakter durch den Einsluß, ivelchcn die städtischen Berhältnissc auf dieselben nehme»; in den größere» Städten ist natürlich die Gliederung der Gewerbe in Fachgcnossenschaftcn viel leichter möglich als auf dem flachen Lande. Berücksichtigen, wir zur Beleuchtung der Thatsache» die Berhältnissc eines bestimmten Landes, z. B. RicdcröstcrrcichS. Hier bestanden am 31. Deccinber 1894 in. Ganzen 585 Genossenschaften mit 119.157 Mitgliedern nnd 270.704 Angehörigen (Lehrlingen und Gehilfen); hievon sind 104, d. i. 17 8 Pcrcent reine Fachgenosscnschaften, denen 25.720 selbstständige Gewerbetreibende als Mitglieder angehören, d. i., da es zu gleicher Zeit in Riederösterreich 175.243 selbstständige Gewerbetreibende gab, 140 von je 1000. Bringt man nun von diesen Zahlen die der Wiener Ber hältnisse — die natürlich der Fachgenossenschaft am günstigsten sind — in Abzug, so verbleiben für. das flache Land von Riederösterreich 459 Genossenschaften znit 49.237 Mitglieder» und 53.719 Angehörigen (Gehilfen und Lehrlingen); hievon sind 44 (d. i. 9 5 Pcrcent) Fach genoffcnschasten mit 3321 Mitgliedern. Da cs nun in Riederösterreich mit Ausnahme von Wien'etwa 105.000 selbstständige Gewerbetreibende gab, so gehören auf dem flachen Lande bei uns nur etwa 30 Meister von je 1000 einer solchen Fachgenoffenschaft air. Wie eS auf dem flachen Lande in Galizien bestellt ist, das näher zu untersuchen, wird man unS wohl ersparen. DaS bisher. Gesagte bildet wahrlich keine Ausinunternng für die Zünftler, »och weniger, die Resultate, welche diese Zwangsgenosscnschaftc» nach den amtlichen Quellen anfznweiscn haben. Doch davon das nächstcnial. llSin zweiter Artikel folgt.) (Ans bellt Abgeordnetenhanse ) In der Debatte über die Wahl ' refor»,entwürfe benützte Dr. Max Menger den Anlaß, um den Mißbrauch des Ehristenthnms zu'Zwecken der Fudcnhcvc auf das Schärsstc zn vcrnrthcilc». Er knüpfte an die Ausführungen aniiscinilischcr Bor rcdncr an „nd sagte im Wesentlichen: „Wenn cs nur bestätigt werden kan», daß die Religion nicht niißbraucht werden soll ut volimchcn Rücksichten in reactionärcr Beziehnng, wie dies ein Redner liier verlangte, dann kan» man aber auch verlange», daß die Religion nichk'mißbranrlst werde in antisemitischer, judcnhctzcrischcr Beziehnng, die gleichfalls reactionär ist. Einer der Herren Redner nieinle, daß, wenn beispielsweise gewisse, bei'der Stiftung, der Religion hervorragende Persönlich keilen. derzeit in Wien waren, sic große Schwierigkeiten hätte», im Parlamente auch nur einen Sitz zu bekomme». Meine Herren! Fch bitte doch zu erwäge»: Wenn die zwölf Apostel nach Wien kämen, wie würde» der Abgeordnete Dr. Lueger und seine Freunde sic behandeln? Das waren ja durchwegs Inden. Wie würde cs ihnen ergangen sein? Ich wundere mich über die Bezeichnung .christlich social'. Sic sind eine agitatorische, eine rücksichtslose, eine in radicalen Formell' vorgchende, vielfach reactionärc Partei. Christlich aber - sind Sic nicht und social im guten Sinn des Wortes sind Sic auch nicht. Kann man cS christlich »cnnc», wenn Sie die wichligstcu (Grundlagen der christlichen Religion ins Gegknthcil verkehren? Denn was ist die ^rnndtage der christlichen Religion, die trotz aller Angriffe'der historischen Forschung, trotz aller Angriffe seitens natnrhistorischcr Schriftsteller immer ein so großes Ansehen sich erhalte» hat? Es ist das die Ansicht, daß die "Liebe die Grmidlagc dieser Religion ist. Sic aber wollen die Liebe durch den Haß verdränge». Wir aber ivollcn den Mißbrauch der Religion in jeder Weise ausschließen; wir bewahren für nnS die Freiheit des Gedankens auf religiösem wie auf anderem Gebiete." — In der Debatte über den Boranschlag der Hochschulen verwies Mechaniker Hauck ans eine Broschüre über die angebliche Bcrjndung der Wiener Universität und brachte eine Raincnslistc' von Professoren ungarisch-jüdischer Abkunft zur Berlcsnng. Hofrath Dr. Beer als Berichterstatter bemerkte hierauf: „Ich will die Liste nicht einer kritischen Revue unterziehen, aber ich muß doch darauf anfmerksam »lachen, daß einige dieser Männer zu den ersten Gelehrten gehören, welche in diesen Fächern überhaupt in Europa cxistirc». Der Erste, den der Borxedner genannt hat, Pro fcssor Stricker, hat einen weitverbreiteten Ruf; der Zweite, Professor Zuckcrkandl, gehört heute zu den ersten Analomen, die wir überhanpt haben; er ist einer der bahnbrechenden Forscher ans dein (Gebiete der Ethnographie, der Eraniologic unid der vergleichenden Anatomie. Die Professoren Politzer und Grusier sind Ohrenärzte, deren' 'Rainen weit über die (Grenzen Oesterreichs hinarrsrecchc». Fch möchte namentlich daran erinnern, daß Erstcrer auf jeder incdicinischcn Bcrsanimlnng Präparate ausstcllt, die von der geiammten mcdicinischcn Welt einfach bcwnndcrt werden. Ob bei solchen Rainen die Herkunft ans Ungarn oder aus Oesterreich, die jüdische oder die christliche Ab stammung i,i Betracht konnnt, möchte ich jedem Einsichtigen »»tcr den Herren'überlassen. Fn dieser Beziehung har die Wissenschaft bisher wenigstcns an dem Standpnnkte festgehalten, daß sic kosmopolitisch ist »nd die besten Männer dort nimmt, wo sic sie findet, sic mögen dem einen oder anderen Stamme »»gehören " Herr Hanck meinte nun. er habe nichts in Bezug auf hie „Wissenschafllichkcit" der von ihm angeführten Personen vorgcbracht, allein er wünsche, daß die Wiener Universität deutsch bleibe und daß der „kosmopolitische Sinn" an derselben niemals übcrhandnehme. Professor Dr. .Zuckcrkandl, dem TagS darauf seine Hörer als Protest gegen die Hauck'fchc Heperci eine Ovation bereiteten, sagte: „Wir besindcn nns hier an einer der Lehre gewidmeten Stätte, und ich will mich daher über Rei'chsrakhs Anthropologen und Bezirks-Ethnographen gar nicht auslaffen." — Um die zehnte Stelle in der O.uotc» Deputation kämpften drei antisemitische Gruppen, deren Eandidatcn Lueger, Stcinwcnder und Ebenhoch -waren. Der Kampf schloß mit dem Siege des Letzteren, des BcrtrancnsmanneS der Katholischen Bolkspartei. <Tie GcmeillderalhSwallleil.h Tcr vom dcutsch-sortschrittlichcn Ecntralwahlcomitö vor den Gemcindcrathswählcn erlassenen Aufruf an die Wähler der Stadt Wien führt eine würdige Sprache und wcudet sich ebenso an den gesunden Menschenverstand wie an das Rechts- und Pflichtgefühl der Mitbürger. Er besagt: , '