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Freies Blatt · 1896-03-01 · 204 (1.3.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
204 (1.3.1896)
Date
1896-03-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seit« 2. Frei«» Blatt. Nr. 204. Russische Duden im Staatsdienste. tLriginal-Mittheilung brt .Freien Blatter".) Petersburg, 22. Februar. - Unter den vielen Anklagen, welche die Judenfeinde in Rußland seit Jahr und Tag gegen die Unterthanen inosaischer Konfession erhoben, ninnut jene von der angeblichen Unzuverlässigkeit im Staatsdienste einen hervorragenden Platz ein. Wiewohl diese Anklage durch Thatsachen bereits widerlegt wurde, fand sie dennoch eifrige Bertreter, so daß sogar der unter Alexander II. bestandene Plan, akademisch gebildete Inden zu den subalternen Aemtern im Juslizressort znznlasien, ausgegeben wurde. Schon damals trat der „Wjestnik Ewropy", die beste und vornehmste Monatsschrift Rußlands, für die Inden ein und bemerkte treffend, eine ge rechte Regierung müsse zuerst den Juden Gelegenheit bieten, Staatöämter zu bekleiden, bevor sie über deren Zuverlässigkeit oder Unzuverlässigkeit ein Urtheil fällt. Tie Darlegungen der fortschrittlichen Publicistik Rußlands blieben jedoch unberücksichtigt, dagegen fanden Personen Gehör, ivelche die Juden anschwärzten und ihnen jedwede moralische Befähigung zur Erfüllung der Obliegenheiten eines Staatsbeamten absprachen. So schwuren die Machthaber während der Regiernngszeit Aleranders III. auf das judenferndliche Machwerk eines gewissen Brafmann, eines Eon vertiteu, welcher, wie dies auch anderwärts geschieht, den Juden, seinen srüheren Glaubensgenossen, die verächtlichsten Charaktereigenschaften zuschrieb. Zur Ehre der russischen Gesellschaft muß jedoch hervorgehoben werden, daß sie, wenigstens der intelligentere Kreis, solchen Machwerken niemals ernsten Glauben schenkte. Als das lügenhafte Buch Brafmanu'S erschien und die russischen' Judenfeinde sich seiner bemächtigten, um gegen die Emancipation der Inden aufzulreten, waren es die „Mos towskija Wjedomosti", welche auf den mehr als zweifelhaften Werth deS Buches hinwiesen und die russische Gesellschaft vor den Angabe» derartiger Zeugen warnten. Im Vaitfc der Zeit stellte sich heraus, wie sehr diese Warnung begründet war. Als im letzten russisch türkischen Kriege die jüdischen Soldaten seltene Bravour und Kühnheit beknndeten nnd mit heldenmüthiger Todesverachtung für Baterland nnd Ezar kämpften; als der „Rcgiernngsbote" die Rainen der jüdischen Helden von Plewna, Schipka :c. publicirte, die das St. Georgskreuz, die höchste militärische Auszeichnung für Tapferkeit, «hielten — da verstummten auf eine' Weite sogar jene, die in den Inden nur Ausbeuter und vaterlandslose Geldjäger wisien wollte». Allein auch die Bersolguugen, welche die Juden unter Alexander IIl. erdulden inußten, haben den Patriotismus, das Pflichtgefühl und den Diensteifer einzelner Inden, denen merkwürdigerweise die Aufnahme in den Staatsdienst gelang, nicht im Geringsten erschüttert. Das bezeugen ofsicielle Actenstücke, welche in den letzten zwei Wochen in die Oeffent lichkeit gedrungen sind. Da ist zuerst ein Ilkas über die Feier der fünfundzwanzigjährigen Dienstzeit deS Lieutenants im Garderegirnente der Kaiserin Maria Feodorowna, Adel OschanSkij. lieber diese Feier berichtet die „PeterSburgskaja Gazeta": „Am 1. Februar wurde das Dienst ji-.biläum eines jüdischen Orsiciers gefeiert, das sich zu einer wahren Knndgebnng zu Gunsten der Juden gestaltete. In Gegenwart des ganzen Garderegimentcs und des Officierscorps wurde der Lieutenant Abel Oichanskij beglückwünscht. Ter-Eommandant des Regimentes, General major Grünwald, verlas den JubiläumsukaS, in welchem die ehrliche und hingebungsvolle Dienstzeit Ofchanskij's hervorgehoben wurde und ivelche den Jubilar als Muster der Pflicht und Rechtschaffenheit bezeichnete. DaS Regiment brach in Hochrufe auf den Jubilar aus, während das OmcierScorps dem jüdischen Kameraden ein kostbares Geschenk ans Silber überreichte." So weit das Blatt. Um aber das Tienstjubiläuni des jüdischen Orsiciers vollauf würdigen zu können, muß mau bedenken, daß Abel Ofchanskij bei der Erstürmung von Geok-tepe durch Skobelew sich große Verdienste erwarb, so daß' er außer der Tour befördert werden sollte, aber in Folge von Jntriguen übergangen wurde. Tie ofsicielle Ehrung eines anderen jüdischen Soldaten fand anläßlich seines Leichenbegängnisses am 27. Jänner in Ezarskoje Selo statt. Dort starb der verdiente Feldwebel des Leibgarde-Regimentes Scholem Tscherkaßkij. tC ffreiere, Mitglieder hocharistokratischer Familien, trugen den Sarg bis zum jüdischen Friedhofe, der in eiijer Entfernung von drei Werst von der Stadt liegt. Daselbst hielt der älteste Lfncier des Regimentes eine Grabrede, in welcher er den verstorbenen jüdischen Soldaten als musterhaften Menschen, pflichttreuen Russen und als eine „Zierde der Inden" charakterisirle. Tscherkaßkij war Besitzer des Georgskrenzes, das er sich im ruisisch-türkilchen Kriege von 1877 bei der tapferen Bertheidigung einer russischen Position gegen die Türken erwarb. Eine weit größere Bedeutung für die Widerlegung der antisemitischen Berdächtigungen haben die Berdienste eines ebenfalls kürzlich aus dem Jeden geschiedenen jüdischen Militärarztes, der im russischen Staatsdienste den Rang eines Geheimrathes erlangt hatte. Es war'dies der ehemalige Leibarzt des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch des Aelteren, Dr. David Wywodzew. Als Chirurg stand er über zwanzig Jahre im Dienste der russischen militärischen Verwaltung. Während dieser Zeit wendete er seine ganze Aufmerksantkeit dem Kriegslazarethwesen zu, und seine Leistungen auf diesem Gebiete-waren geradezu bahnbrechend. Er führte и. A. Tragbahren und Hängematten eigener Art ein, wodurch der Transport von Verwundeten und Kranken erleichtert wurde, nnd seine Reformen in Milltärspitälern wurden mehrfach in Deutschland, England, Frankreich und Amerika nachgeahmt. Erst jetzt nach dem Tode dieses Mannes erfuhr ganz Rußland, wem es die vielen Verbesserungen auf dem Gebiete des Kriegslazarethwesens zu verdanken habe. Aber Gehciinrath Wywodzew war auch ein Philantrop im schönsten Sinne deö Wortes, nnd die kranken Soldaten in den Spitälern Petersburgs konnten nicht genug seine Hnmanität und Gerechtigkeitsliebe loben. Er starb als armer Mann, trotzdem er große Summen erwarb, denn er pflegte sein Geld den Familien der verwundeten Soldaten zur Verfügung zu stellest Tie Nekrologe, welche diesem Manne, gewidmet wurden,'hoben denn auch einmüthig seine hohen Verdienste um das russische Kriegslazarethwesen und die von ihm auf den Verbandplätzen während des russisch - türkischen nnd des deutsch-französischen Krieges bekundete Todes Verachtung hervor Die Verlogenheit der den Juden jeden Bürgersinn absprechenden Antisemiten ist aber auch auS den Urtheilen ersichtlich, welche russische und polnische Blätter' über einen in Warschau kürzlich verstorbenen jüdischen Banquier gefüllt haben. Der Name dieses Juden ist Nathansohn; er war eine in der russischen Finanzwelt wohlbekannte Persönlichkeit. So schrieb der „Kraj": „Nathansohn hat die Legende von der Habnnd Ausbentungösucht der Juden gänzlich zerstört. Er stellte seinen Reichthnm in den Dienst des ehrlichen Gewerbes nnd der redlichen Production, er hob die Jndnstrie im Weichselgebiete, er schuf neue Erwerbsquellen für die Armen, ja er opferte sogar seine eigenen Interessen zu Gunsten des allgemeinen Wohles." Und der „WarschawSkij Dnewnik", den es offenbar genirt, einem Juden ein günstiges Zengniß ansznstellen, meint, Nathansohn habe die über die Jitdeii im Allgemeinen herrschende Ansicht ganz und gar nicht gerechtfertigt und sei ein Jude gewesen, der den Namen eines Russen verdient hätte. Der „WarschawSkij Dnewnik" könnte wahrlich auch unter den lebenden Juden gar viele finden, die in seinem Sinne den Namen von Russen verdienen. strßus. Die gewerblichen Genossenschaften in Oesterreich, Wir haben unseren Standpunkt gegenüber der sogenannten berufSgenossenschaftlichen Organisation deS Gewerbes von dieser Stelle ans wiederholt und in eindringlicher Weise gekennzeichnet. Wenn er kein besonders freundlicher war,, so hatte dies seinen Grund in socialpolitischen Erwägungen, welche nicht aus einem „abstracten Principe" herrühren — es ist heute ja geradezu gefährlich nnd altmodisch, ein Princip zu haben — sondern sich auf Thatsachen stützen. Wir sehen eben in der Berufsgenossenschaft eine von der Arbeiterbewegung herübergenommene Kampf- und Widerstandsorganisation, welche dem wirthschaftlichen Charakter des Gewerbes absolut nicht angepaßt ist nnd nicht anpaßbar ist. Eine Verquickung rein wirthschaftlicher Institutionen mit dieser AssociatiouSform halten wir aber anS' von uns eingehend erörterten Gründen für vollkommen aussichtslos. Wenn eS für diese Ansicht noch eines Beweises bedurft hätte, so wäre dieser durch daS äußerst umfangreiche Zahlenwerk „Die gewerblichen Genossenschaften in Oesterreich" geliefert worden, das vom statistischen Departement i>» к. k. Handelsministerium verfaßt und herausgegeben wurde und jüngst in der Staatsdruckerei erschienen ist. Dieser amtlichen Ouelle entnehmen wir folgende Taten mit eigener Nutzanwendung: Die Zahl der gewerblichen Berufsgenossenschaften in Oesterreich betrug am 3. December 1894 5317 mit einem Stande von 1,247.088 Personen, von welchen 554.335 Mitglieder, d. h. selbstständig ausübende Meister, und 692.753 Angehörige, d. h. Gehilfen und Lehrlinge waren. Das sind allerdings recht stattliche Zahlen, die daS Herz eines strenggläubigen Zünftlers entzücken dürften. Allein sein Wonnerausch dürfte bald zerrinnen, sobald er mit uns etwas näher den Zahlen ins Gesicht blickt. Wir werden uns im Nachfolgenden vorwiegend mit den selbstständigen Meistern (also mit den Mitgliedern der Genossenschaft) befassen, weil ja sie den Grundstock und das wesentliche Element des Gewerbes bilden. Am 31. December gab es in den im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern 910.978 selbstständige Gewerbetreibende; da aber die gewerblichen-Berufsgenossenschaften zusammen nur 554.335 Mitglieder zählen, so ergibt sich die höchst bemerkenswerthe Thatsache,

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