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Freies Blatt · 1896-03-01 · 204 (1.3.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
204 (1.3.1896)
Date
1896-03-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt Abonnemeut-prei». < Kür Oesterreich.Ungarn: «anjiätria ... 6 Kronen (ft. 3.—) Halbiädrig.... 3 Kronen 40 Heller <st. 1.70) BierieljSstrig - . 3 Kronen <fl. 1.—) 8ür tat gelammte Hullanb: Baaiiihrig.« Mart HalbjLhrig .4 Mark Ainzelne Nummern 6 kr. Unsranlirl« Briese werden nicht angenommen. Erscheint an jedem Sonntage. Redactiou und Administraliou: l. Scilcrstätte Iv. Inserate werden mit 30 Heller <10 kr.) siir die vier, mal geldalten« Nonpareillezeile derechnet. Kleiner Anzeiger da» Wort 4 Heller <3 kr.). Ausnahme von Inseraten in unserer Administration sowie im Annoncenbureau M. Duke«, 1. Wollzeile 0. Nummer 204. Wien, 1. Tlliirr 1896. V. Jahrgang. vorortkr, besinnt euch! (Ein ernstes Wort zu den Wahlen.) III. Der dritte Wahlkörper hat gewählt, und die Bewohner der chcinaligen Borortc haben sich ebenfalls wieder gegen die liberalen ans gesprochen. Alle die Namen der Antiseiniten tragenden 2tiui.m* zettcl sind hier die „Rache" für jene „Miffcthatcn", welche an den Bor- '' ortlern durch ihre Anglicderung an das alte Gemeindegcbiet verübt wurden. Welche diese Miffcthatcn, diese Lasten seien, das wisicn die braven Bürger der neuen Bezirke natürlich nicht zu sage»; auf langes, eindringliches Befragen wird man höchstens eine ganz unbestimmt gehaltene Klage über die Ausdehnung der Berzehrungsstcncr auf die chcinaligcn Borortc zur Antwort erhalten. Daran, daß die Bcrzehrungsstenerreform vor Einverleibung der Bororte stattfand, und wahrscheinlich auch ohne die Schaffung von Groß-Wien dnrchgcführt worden wäre, daran weiß sich Niemand in den Borortc» zu erinnern; die gedankenlose Menge macht ober einfach die liberale Majorität der Ttadtvcrtretung für die Btrzehrungssteucr verantwortlich, als ob in einer Steuerfrage eine Stadtvertretnng überhaupt — auch wenn sie ans lauter Antisemiten bestände — die entscheidende Stimme hätte! Und wenn wirtlich den Liberalen der „Sport" zuzuschrcibcn wäre, die Vereinigung Wiens mit den Bororten durchgesetzt zu haben, für welches zeitgemäße Werk vornehmlich dem Kaiser der Dank gebührt, deffen eine blindverhctzte Mäffe freilich zu keiner Zeit fähig ist: dann sollten die Borortlcr erst recht den Liberalen für ihren „Sport". Dank wiffen, statt sie mit ihrem Hohn, und Haffe zu verfolgen. Schon im ersten Jahre nach Einleitung der Hochquellen ist in den betreffenden Bezirken die Sterblichkeitsziffer in der auffallendster Weise gesunken. In einer der letzten Sitzungen des Beirgthcs besprach Bezirkshauptmann Dr. v. Friebeis den vor wenigen Tagen ansgegebenen Bericht des StadtphysikatS über die GcsundheitSvcrhältniffc Wiens in den Jahren, 1801—1893, namentlich im Hinblick ans die seit der Einbeziehung der Borortc erfolgte Affanirung nicht mir der alten, sondern auch der neu cinbezogenen Stadtthcile, wo die sanitären Verhältnisse vorher viel zu wünschen übrig gclaffen hatten. Er gedachte der Organisation des localen Sanitätsdienstes, der Berbcffcrnng der Eanalisirung, der Bermchrung der Eanüle um 30.000 Meter mit einem Kostenaufwande von 1,400.000 fl., der Erweiterung der Hochquellenleitnng, für welche das 35 Millionen Kronen-Anlehen verwendet wurde, und wies auf die Berbcfferung der sanitären Berhältniffe in den Schulen hin, indem für Schulbauten der Betrag von 2 6 Millionen ausgegebcn wurde. Allen diesen Bemühungen danke Wien die Herabniindcrung der Mortalitätsziffer in den neu einbezogcnen Bezirken von Ä8 8 auf 24°96 und in den älteren Stadttheilen von 20'81 auf 19 63 per Mille. Dieses Fallen der Mortalitätsziffcr ist ein Erfolg, der allein alle von den Gegnern gegen die Einbeziehung der Vororte vorgebrachten Scheingründe lahmlcgt. Wenn das Menschenleben das werthvollste und vor allem Anderes zu schützende Gut ist, dann verschwinden neben diesem außerordentlichen Erfolge alle die kleinlichen Beschwerden, ohne welche eine so tiefgehende Action einmal nicht durchzuführen ist. Die große Waffe betrachtet freilich allezeit die ihr zügeführten Wohlthaten als eine kleine Abschlagszahlung auf den ihr gebührenden Tribut, verwahrt sich aber auf das Nachdrücklichste gegen die damit verbundenen Unannehmlichkeiten. Was würden die Borortlcr aber dazu sagen,-wenn die bösen Liberalen ihnen heute znmuthctcn, sic sollten wieder Dorfgcincindc» werden und sich ihr. früheres, angebliches Vermögen znrncknchmen; dagegen sollte die Hochqucllcnleitung wieder gesperrt, die seither fcrtiggestclltru Eanälc zngeschüttet, die neuen Schulhünscr geschloffen, die Pflasterung eingestellt werden u. s. w. Gesteinigt würde derjenige werden, der dies beantragte, auch wenn es Lueger wäre. In einer jeden Stadt, >vo eine nrthcilsfühige Wählerschaft die Stimmzettel in die Urne legt, würde eine Partei, die lediglich vom Schimpfen, Schreien, Toben, Scandalicrcn in allen Bertrctnngskörpern, , von brutaler Verhetzung, niederträchtigster Verleumdung und faustdicken Lügen lebt,.mit dem Besen hinausgejagt werden. In Berlin hat man % die Antisemiten übersatt, und sic wurden bei den letzten Gemeindewahlen sanimt nndi sonders in Waffe ans der Stadtvertretnng hinauSbugsirt. Rur in Wien läuft eine große Schaar, unbeirrt durch sonnenklare Thatsachcn, der Lockpfeife des Rattenfängers nach, die bald clerical, bald deutsch-national, bald tschechensrenndlich dudelt. DaS Traurigste und Undankbarste bleibt die Haltung so vieler Beamter und Lehrer in den Borortebezirkcn. WaS haben gerade diese beiden Stände geseufzt nach der Einverleibung mit Wien, die den Beamten sofort die höchste Activitütsznlagc verschafft hat! Wie hat die Borortc-Lehrerschaft nach Gleichstellung mit den Wiener Eollegcn gerufen! Und als Groß-Wien geschaffen wurde, da hätte man denken. können, gerade die Borortclehrer würden die eifrigsten Bcrthcidiger 4>eS „liberalen Sports" der Bororteeinvcrlcibnng -fein und bleiben, und dies umsomehr, weil gerade daö antisemitische Häuptorgan vom 21. Dccember 1891 voll Gehässigkeit und Neid die Gleichstellung der Borortelchrer, von denen viele 500—600 fl. mit einem Schlage, die Oberlehrer gar nm 960 fl. mehr erhalten hätten, „als eine offenbare Ungerechtigkeit befehdete, weit sic — angeblich — mit dem Blntgclde der Lehrer Altwieus vorgcnommen worden sei". Eine lehrrrfreundliche Zeitung schrieb vor etwa. Jahresfrist: „In Hernals wurde vor nicht langer Zeit eine Wählervcrsammlung abgehaltcn. Unter den Anwesenden befand .sich auch der liberale Lehrer Ncnffer. Das brachte den Antiscmitenhäuptling E. Schneider derart - in Harnisch, daß er eine Deputation - an den Unterrichtsminister zn entsenden beantragte, damit den Lehrern das politische Handwerk gelegt werde!" Vierzig anwesende Lehrer verschiedenster Richtungen erhoben sich sofort und verließen die Versammlung. Also Vcrnaderung, wenn die Lehrer nicht im Troß des StanipiglicnfütschcrS einhcrtrotten wollen! Man Hütte glauben sollen, nach einer so frechen Beleidigung des gesammten LehrerstandcS würde keineinziger Lehrer in den -Vororten einem Antisemiten die Stimme zngewendet haben! Und es geschah doch bei den Septcmberwahlcn. Ist cS nicht eine Schande für den ganzen Lehrerstand, wenn sich ein Rauscher im XVH. Bezirke noch immer zum Schlcppträgcr Lueger's und Schncider's erniedrigt? Im September 1895 gab Bezirksausschuß Drechsler im XIII. Bezirke der Lehrerschaft zu bedenken: die Elcrical-Antiscmitcn lauern nur auf die Berclericalisirung des Wiener BtzirksschulratheS, nm 300 vorräthige Einschiebcmünncr, die an den katholischen Lchrerscminaricn ausgcdrütet. worden sind, an den Schulen nntcrzubringcn. Dennoch hat cs wieder viele Verblendete gegeben, namentlich jüngere, welche das alte Lchrerjoch von 1868 nicht mehr kennen, die für die antisemitischen Eandidaten gestimmt haben! Werden sie am '2. Mär; ihre Stimme abermals jenen Leuten geben, die 'für sie gar nichts geleistet, sondern überall nur hemmend, störend, verhetzend gewirkt, Gewerbe und Arbeit tief geschädigt haben und den Lehrerstand wieder unter die Macht des KrummflabS bringen wollen?

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