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Freies Blatt · 1896-02-23 · 203 (23.2.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
203 (23.2.1896)
Date
1896-02-23
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. V r e i e 5 Statt. Nr. 203 fr- * fitzende Dr. Rösicke bemerkte ausdrücklich, die Regierung könne nicht das Lertrauen de» Bunde« beanspruchen, denn fie bekunde Oberflächlichkeit. Die KönigStrene wohne nicht im Gehaste der Städte, sonder» in der Brust de» Bauer». (Gegen den von Dr. Röficke «mstruirten Gegensatz erhob Suchsland keine Einsprache.) Da» christlich-germanische, antisemitische Moment wurde i» ln Versammlung von verschiedenen Rednern betont. E» sprachen unter Anderen Diest-Daher, Liebermann v. Sonnenberg, Dietrich Hahn und Gras K a n i tz, der für seinen Antrag eintrat Eine Resolution zu Gunsten diese« Anträge«, sür dessen Jichalt Ploetz eine amschreibende Form fand, indem er ihn al» Festlegung der Grundpreise auf mittlerer Höhe formulirte, wurde einstimmig angenommen. Unter den eingelangten Zustimmungstelegrammen befanden sich auch solche au« Oesterreich. (Bom dallarburflistea Ahlwardt.) In New-Iork wurde ein gewisser Silvermann von den Special-Asflsen zu 25 D ollar Geldstrafe verunheilt, weil er Ahlwardt bei dessen Bortrag im Looper-Institute mit „überreifen" sfaulen) Eier» beworfen hatte. Der Richter erklärte bei der UrtheilSverkündigung, eigentlich hätte der Angeklagte zu Gefängniß verunheilt werden müssen, e« fei aber auf Geldstrafe erkannt, weil der Gericht-Hof für „Leute vom Schlage Ablwardt'S durchaus keine Sympathien hege". Aus antisemitischen Blattern. i Schön abbittCH!) Dar „Deutsche BoIk« bla11" fieht sich beinüssigt, folgende Erklärung zu bringen: „Ich, Hans Arnold Schwer, verantwortlicher Redacteur deS .Deutschen Bolksblatte«', erkläre hiemit, daß sür die den Herrn Franz Lacina, Schuhmachermeister in Wien, IV., Paniglgasse 13a, betreffenden ehrenrührige» Behauptungen, welche in dem irr der Nummer 2395 de« Deutschen Bolksblatte«' vom 4. September 1895 erschienenen, eine vor. Herrn ReichSraihSabgeordneten Tr. Earl Lueger in der Margaretheuer Wählerversammlnug gehaltene Rede wiedergebenden Artikel reproducirt waren, in Ansehung welcher die gerichtliche Verfolgung deS Redner« selbst wegen in Folge seiner Immunität eiugetretener Berjährung erfolglos geblieben ist, auch nicht der entfernteste Beweis erbracht werden kann. Ich bedauere daher, daß dieser Artikel, wegen dessen Herr Franz Lacina beim hohen l t. Landesgerichte Wien die Ehrenbeleidigungsklage erhoben hat, in dem von mir redigirten .Deutschen Bolksblatte' Ausnahme gefunden hat. Ich verpflichte mich gleichzeitig diese Erklärung im .Deutschen Bolksblatte' zu veröffentlichen und die Gerichtskosten zu ersetzen. In Folge dieser meiner Erklärung hat der genannte Herr die gegen mich gerichtete Klage zurückgezogen" Ebenso schön muß Han« Arnold Schwer »och zwei freisinnige Gewerbetreibende abbitten, und die Erklärung abgeben, „daß sür die ehrenrührige», die Herren Julius Stadler, Tapezierermeister in Wien, Gießaufgasse 24. und Franz Wanderer, Schuhmachermeister, V., Matzleinsdorferstraße 47, betreffenden Behauptungen, welche in Nr. 2406 vom 15. September 1895 der .Deutsche» BolkSblatteS' enthalte» und der Redaction von Seite eines, auswärtigen Berichterstatter« zugegangen waren, auch nicht der entfernteste Beweis erbracht werden kann." Die Eri klärung, in welcher der verantwortliche Redakteur des „Deutschen Bolksblatte«", Hans Arnold Schwer, Herrn Franz Lacina Abbitte leistet, ist für den Anti» iemitenhäuptling keineswegs schmeichelhaft, aber ein hübscher Beitrag zur Würdigung der moralischen WertheS seiner AgitatiouSreden, i llmgkber s Mißgeschick.) A F umgeher, ehemaliger Friseur, „Theaterdirector" und Arrangeur von Tistanzmärschen, Berfasser deS Theaterstückes „Der Herrgottsptänder von Wien", gab ein „I l l u str i r t e S. ch r i st l i ch e s Extrablatt" heraus, welche« zuerst al« Wochenschrift und dann etwa zwei Wochen hindurch täglich erschien. Dieser Tage mußte er aber die Herausgabe des Blatte» einstellen; als Grund der Sistirung werden von glaubwürdiger Seite finanzielle j Schwierigkeiten kläglichster Art angeführt, und er wird erzählt, daß mehrere Angestellte Besorgnisse wegen der Lauttonen, die sie hergebeu mußten, hegen und die strafgerich.liche Anzeige erstatten wollen. Dagegen betheuert Umgeher, daß die Störung in der Ausgabe deS Blattes nur durch eine „technische Beränderung im Drucke" herbeigesührt worden sei; er habe auch keine Lautionen genoinn.en, sondern nur von einem Administrator und zwei Expeditionsbeamten „Darlehen erhalten, deren. Rückzahlung noch nicht fällig ist". Er sei unwahr, daß irgend Jemand gegen ihn die strafgerichtliche Anzeige erstatten wolle, und zum mindesten habe sich ihm gegenüber noch Niemand in diesem Zinne geäußert. Umgeher'« Mißgeschick als ZeitungSheranSgeder wird ihn vielleicht veranlassen, wieder Friseur zu werden oder mit einem neuen, z. B.: „Expensnoten und Benscht" betitelten Stücke sein Glück zu versuchen. lTer Borauschlag der Stadkgemeiade Baden pro 189«.) Der antiseniitiiche „Bote au«dem Wienerwald" brachte einen Aussatz über den Voranschlag der Stadtgemeinde Baden für das Jahr 1896, allein die in demselben angeführten Daten waren falsch. Der liberale „Badener Bote" bedauert, daß ans solche Weise das Publicum und die Behörden irregeführt werden, und bemerkt sodann: „War die für die GumpoldSkirchener Straße angeblich zu veranschlagenden 8000 fl. aubelangt, so wissen wir, daß bereit» im Februar 1895 dafür 2H00 fl. präliminirt waren, die au» den lausenden Einnahmen ihre Deckung erhalten. Freilich wäre e« der sogenannten WirthschastSpartei lieber gewesen, wenn statt 2500 fl. 8900 fl. eingestellt worden wären, denn da» Geld wäre ja ihren Parteigängern, deren Grtindstücke mit dem Gelde recht theuer eingelöst werden sollten, zugute gekominen. Hier hätte eS also nicht geschadet, wenn Geld hinauSgeworfen worden wäre, aber für die projectirte Wasserleitung steht die Sache freilich anders!" (Jüdische Misselhateu.) Ein Innsbrucker antisemitischer Lorrespondent jammert: „Sam«tag hielt die Innsbrucker Liedertafel ihren Faschingsabend ab. Wie hat sich dieser Berein binnen Kurzem verändert. Durch die Weigening der Liedertafel, ihren Saal den Juden al« Betsaal zu leihen, waren vor circa zwei Jahren alle Juden bi« auf einen und seine Familie aus ihr geschieden. Und nun? Ein neuer Borstand, ein intimer Judensreund, trat au die Spitze, und Israel »änderte in großem Zuge wieder ei». Und fie waren Alle gekommen mit Kind und Kegel und tanzten so zierlich und manierlich, nahmen bei den Märchendarstellungen hervorragenden Antheil rc. Die Innsbrucker Liedertafel ist also wieder verjudet." Die Juden in der Landeshauptstadt von Tirol taugen und betheiligen sich an Märchendarstellungen — e« ist wirklich empörend. >' (Skdlatzkk eontra Kropatschek.) Eines der berüchtigtesten Berliner Hetzblätter, der „Deutsche Generalanzeiger", beschuldigt die gesinnungsverwandte Concurrentin „Kreuzzeitung" einer „schweren Bersündigung an dem Geist deS deusschen Bolkrthums". Die „lkreuzzeitung" hat nämlich einen Bericht über die Feier deS Geburtstages Kaiser Wilhelm» gebracht, welche» die „beütsche Lolonie Basel" veranstaltete, und dabei erzählt, daß sich in der fremdländischen Stadt Basel gegen tausend „Deutsche" zusammengefnnden haben und daß sich hiedurch da» erfreuliche Einvernehmen zwischen Consul und „Lolonie" offenbart habe. Der „Deutsche Generalanzeiger" ist außer sich, daß ein Blatt, welches täglich durch seine Klagen über den Rückgang de« DeutschthumS in den Ostmarken und Oesterreich-Ungarn feine deutsch-nationale Gesinnung in ansdringlicher Weise zu beweisen suche, Sine kerndeutsche Stadt, wie Basel, aus die gleiche Stufe mit einer Stadt in Marokko oder Hinterindien, wo sich am Geburtstage des deutschen Kaiser« die „deutsche Loloztie" zusaininenfindet stelle. „Derartige kleindeutschostelbische Beschränktheiten," so schließt die Strafpredigt, „waren in der Kreuzzeitung' unter Leitung Hammerstein'« denn doch nicht zu finden. Und fast wird man zu der Annahme verleitet, als hätte der gegenwänige Leiter de« Blatte«, Professor Kropatschek, seine tschechisch-slavische Abstammung doch noch nicht ganz überwunden." Der Humor der Geschichte liegt darin, daß der über den tschechisch-slavischen Kropatschek herfallende Leiter de« „Deutschen Generalanzeigers" den urdeutschen Namen — Sedlatzek sühet. (Bloß beleidigend, nicht beschimpfend.) „Der jüngste Rituali» o r d," so war ein im antisemitische» „D e u t s ch e u G e n e ra l a n; e i g e r" vom 6. October v. I. erschienener Artikel betitelt, wegen dessen der Redacteur Earl Sedlatzek sich dieser Tage vor der achten Straskammer deS Berliner Landgerichte« I wegen Gotteslästerung >uid Beschimpsung der jüdischen Religionsgesellschaft und ihrer Einrichtungen und Gebräuche zu verantworten hatte. Ein aus Ungarn gemeldetes Borkmnmniß, bei welchem er sich um einen „Ritualmord" handeln sollte, hatte Anlatz zu jenem Artikel gegeben. Der Angeklagte bestritt seine Schuld. Sein Bertheidiger, Rechtsanwalt D o s i n g, beantragte, die Herren Dr. Ecker, Rohling, W a h r m u n d, W e i ß b a ch, Pfarrer D e ck e r t und Caplan D a ß b a ch darüber zu vernehme», daß der „Ritualmord" wirklich existirte, um sestzustellen, daß der Judeugott ei» anderer Gott sei als der, ^welcher durch tz 166 St. G geschützt werde» soll. Staatsanwalt Kanzow widersprach diesem Anträge, da über den „Ritnalmord" ernsthast doch wohl nicht zu debattiren sei. Der Gerichtshof lehnte den Antrag ab, weil e« Sache des Gerichtes sei, den Gottesbegriff nach tz 166 festzustellen, e« gerichtsnotorisch sei, daß über da« Borkommen von „Ritualmorden" die Gej lehrten uneinig seien und dem Angeklagten eingeräumt werden könne, daß er an „Ritualmorde" glaube. Staatsanwalt Kanzow hielt die Thatbestand«. Merkmale de« § 166 für vollständig erfüllt.. Der Jndengott sei derselbe Äotte«- begriss wie der der christlichen Kirche im alten Testamente. Der Artikel richte sich nicht gegen die jüdische Race, sondern gegen die jüdische ReligionSgemein- ^fchast. Wie jeder Mensch in Deutschland verlangen könne, daß Niemand feine Sachen oder seine Ehre antast», so könne jeder Mensch und auch der Jude verlangen, daß man seinen Glauben nicht angreife. Mit Rücksicht darauf, daß e« sich hier doch um eine recht trübe Quelle bandle und in heutiger Zeit, dem Racenhaffe und Elaffenhasse überall energisch entgegengetreten werden müsse, beantrage er gegen den Angeklagten drei Monate Gesängniß Der Angeklagte und sein Bertheidiger bestritten, daß e« sich um einen Angriff aus die jüdische Religionsgemeinschaft handle. Der Angriff richte sich vielmehr gegen die jüdische Race und gegen de» „Talmudgolt", der durch den tz 166 nicht geschützt werde, da er einen vollständig anderen GotteSbegriff darstelle. Der Gerichtrhos äußerte die Ansicht, daß der Judengott durch tz 166 ebenso geschützt werden solle, wie der Christengott, und daß sich der Artikel gegen die jüdische Religionsgemeinschaft richte. Dagegen vermißte der Gerichtshof die strafbaren „beschimpfenden Aeußerungen", die etwa« Anderes als bloße Beleidigungen seien, und erkannte deshalb auf Freispruch. i. .. ....

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