Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 203 (23.2.1896)
- Date
- 1896-02-23
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JTr. 203. Freie» Blatt. seit« 5. i mehr dieselbe, die sie vor 25 Jahren gewesen, so ist dieser Borwurf nicht gerechtfertigt. Sie ist stets eine mannhafte Bertheidigerin der modernen Schule und der Lehrer gewesen. Der heute herrschende BnreankratismuS in der Schule ist ihr nicht zuzuschreibcn. Das Circular fordert die Lehrerschaft auf, auch geeignete Candidaten aus dem Lehrerstandc aufznstellen, und schließt mit den beherzigcnswerthcn Worten: „Bleiben Sie, geehrte Collegen, der Vergangenheit der österreichischen Lehrer treu! Tragen Sie dadurch, daß Sic die fortschrittlichen Can didatcn wähle», dazu bei, daß das Reichsvolksschulgesetz ungeschmälert aufrechterhalten bleibe." (Baron Hirsch Stiftung.) Das Curatorium der Baron Hirsch Stiftung beschloß, mit Beginn des nächsten Schuljahres mindestens fünf neue Stiftungsvolksschulcn in Galizien zu errichten. Cs wurde» hiebei Orte in Aussicht genommen, wo der Schulbesuch bei der zahl reichen schulpflichtigen Jugend ein äußerst spärlicher ist. Die Stiftung wird demnach mit Beginn des nächsten Schuljahres neben den von ihr subventionirtc» Schule» rund vierzig eigene Boltsschnlc» erhallen. Entsprechend der im laufenden Schuljahre in Folge der Ercirung von zehn neuen StiftnngSschnlcn stattgehabtcn Vermehrung dcS Lehrpersonals und der Vcrbcsiernng der Bezüge der Stiftungslchrer wurde auf Grund einer genauen Berechnung die Stärkung dcS mit Schluß der abgclaufencn Gcschäftsperiode aus einem Stammcapitale von circa l 10.000 fl. bestehenden PcnsionSfonds um weitere 40.000 fl. beschlossen, wodurch dieser Fonds auf eine Reihe von Jahren hinaus eine vollständig anS reichende Dotirung erhielt. <Die Zahl der Juden in Oesterreich.) Rack, den Aufzeichnungen der statistischen Ccntralcommission beträgt die Anzahl der Juden in Oesterreich 1,141.105, die sich ans die einzelnen Kronländcr wie folgt vertheilen: Ricderösterrcich 128.784, Oberöstcrrcjch 1078, Salzburg 157, Steiermark 1979, Kärnten 104, Kram 89, Küstenland 5208, Tirol 737, Böhmen 94.479, Mähren 45.324, Schlesien 10.042, (Galizien 770.408, Bukowina 82 717, Dalmatien 329. Auf je 1090 Einwohner der Monarchie kommen 47 Juden. (Ehrcnbeleidignng.) Das Bezirksgericht Mariahilf vcrnrthciltc den antisemitischen Landtagsabgeordnctcn Ferdinand Log»an-wegen Ehrcnbelcidigung, deren er sich in einer an den Holzhändlcr Julius Ehrmann adressirten Correspondcnzkartc schuldig gemacht hatte, zn einer Geldstrafe von 50 sl. i (Die Trnckschristcn des Pfarrers Tcckcrt.) Das Amtsblatt vom 20. d. M. enthält folgende Kundmachung: Das Landcsgericht Wien als Preßgericht hat auf Antrag der Staatsanwaltschaft erkannt, daß der Inhalt des Druckwerkc'S mit dem Titel „Der wahre Israelit vor den Wiener Gcschworncn" vom Pfarrer Dr. Josef Tcckcrt, Wie», Verlag des „Sendboten des heiligen Josef", Wcinhaus, XVIII., in Commission bei H. K i r sch, I., Singcrstraßc 7, 1890, Mcchithariste» Bnchdruckcrei, Wien, VII.,' in den Stelle»: 1. von „ Hum Schlüsse möchte ich" bis „hinreißcn lassen" (Seite 00 bis Ol), 2. von „Ich habe diese" bis „abgestandenes Fischblut" (Seite 0? bis „09), 3. von „Diese Charakteristik" bis „menschlichen Fehlern" (Seite 7.5 bis 70), 4. von „Damit ist ein großer Thcil" bis „nntcrdrücknngslustig" (Seite 79 bis 80) und 5. von „Das ist wie gesagt" bis „schon lange genug Amboß gewesen" (Seite 81 i das Vergehen nach tz 302 St.-G. begründe, und es wird nach 8 493 St.-P. O. das Verbot der Wei tervcrbrcitnng dieser Druckschrift ausgesprochen, die von der Staatsanwaltschaft verfügte Beschlagnahme nach 8 489 St. P. O. bestätigt und nach 37 Pr.-G. ans die Vernichtung der saisirten Exemplare erkannt. (Egidy über seine Stellung 311111 AntiseniilisinnS) I» Berlin hielt kürzlich Herr v. Egidy einen Vortrag-, in welchem er sich über feine Stellung 511111 Antisemitismus anssprach. Es gebe, führte er ans, abgesehen von dem schmutzigen Gcschäftsantiscmilismns, über den er nicht reden wolle, drei Arten, drei Standpunkte, von denen ans die 4lbncigung gegen die Inden begründet werde. Zuerst sei cs der coit» fcssionellc Standpunkt. Verschwände, wie er (Egidy) cs verlange, die Confessio» überhaupt aus nnscrcm össcntlichcn Leben, um einer wahren Religiosität Platz zu machen, überließe man cs dem Einzelnen, wo er die Wurzeln seiner sittlichen Kraft fände, bei Buddha, bei Moses oder bei Jesus, nrthcilte man allein nach dem Satze: „An ihren Früchten sollt ihr sic erkennen", so gäbt eS nach der Seite keinen Aiitiseniitisinns. Ernster sei dic> Frage vom Raccnstandpunkt ans. Da stände der Arier dem Semiten nicht gegenüber (denn das Wort anti, das die Gegner schaft bedeutet, sei doch des vernünftigen Menschen, geschweige denn des Christen unwürdig), sondern neben ihm. Als Deutsche haben wir allerdings das Recht, unsere Einrichtungen nach unserem eigenen Empfinden zu gestalten, aber kein Jude wird sich diesem Wandel in unseren Zuständen ans Grund seines Judenthums widersetzen. Haben mir Einrichtungen, wie er (Egidy) sie erstrebe, so gehe die Judenheit > . von selbst in der Eultnrwelt auf. Gäbe es dann allerdings noch Juden, die Werth darauf legten, nur Inden und nicht Deutsche zu sein, dann müßten sic sich gefallen lasten, nicht unfreundlich, aber als Gäste, als Fremdlinge betrachtet zn werden. Wer heute durch die Verfastung Deutscher sei, könne sich weiter als Deutscher betrachten, wer sich heute Jude nenne, könne bcstinimcn, ob er Deutscher sein wolle, oder sich selbst als Fremdling fühlen. Der dritte Standpunkt sei der: gewistc üble Eigenschaften, die man besonders entwickelt bei den Juden an nimmt, bekämpfen zu wollen. Da sei cs doch erst zn entscheiden, ob rS berechtigt sei; diese Ilcbel in unserem Volke, die allerdings zn be kämpfen seien (Wucher, Auswüchse der Spcculatio» 11. A. , den Jude» zuznschreibcn. Müsse er (Egidy) die Frage mit „Ja" oder „'Rein" - beantworten, so sage er „Rein". Die Christen seien doch seit Hunderten von Jahren Herren im Lande, habe man jbn Fehler gemacht, so sei das ihre Schuld; sielen den Juden bisher gewistc Beritte und Bcschäs tigiingen zu, weil andere ihnen verschlossen waren, jo sei das nicht deren Schuld. Man habe ihnen die Bürgerrechte verliehen und sic doch nicht ganz als zu uns gehörig betrachtet, und das räche.sich. Es wäre aber eine Schande, und er als- Deutscher würde sich schämen, auch nur die Besorgniß zu äußern, daß 49 Millionen Deutsche sichvon den Inden, deren Anzahl nicht einmal eine Million bilde, vcrge wattigen lasten oder deren etwaige schlechte Eigenschaften annehmcn. würden. Was schließlich die jogenanntc Sympathie oder Antipathie betreffe, so sei das vielfach Gewohnheits- und Modesache und eine sehr ernste Erzichungsangclcgcnhcit. Die Antipathie gegen die Juden, wie der Antiscinitisinns überhaupt, sei aber ganz plötzlich gckomincii. Vor 25 Jahren habe man nichts davon gewußt. Vor etwa 30 Jahre» sei dagegen die Abiicignng zwischen den deutschen Stäminen so groß ge wesen, daß cs für einen preußischen Ossicicr fast unmöglich war, ein badisches oder sächsisches Edelfränlein zu heiraten. So veraltcL uns das jetzt berühre, sv unzcitgemäß werde uns auch einst die Abncigung gegen die Juden erscheinen. Der Antisemitismus müste aus nnscrem Leben verschwinden: was wir dafür brauchen, das sei die Aiiticorrnption; wo und wie wir die Hebel finden. (Der Bcrlinrr Berti» zur Abwehr des Aiitlscniiiisuius.) Der hierein zur Abwehr des Antiseniitismns in Berlin hat in der ab gelaufenen Woche die Rcuwahl seines Vorstandes vorgcnommen, und zwar gingen anS der Wahl Abgeordneter R i ck e r t als erster, Archivar Dr. Winter ans Magdeburg als zweiter Vorsitzender, der frühere Reichstagsabgeordnetc L. Jordan als Schatzmeister und ber^Schrift steiler Dr. L. Jacobowski als dessen Stellvertreter hervor, Dem Berichte des Vorstandes zufolge hat die Verbreitung der vom Berliner Bureau hcrauSgcgcbenciu „Mitthcilnngcn" erheblich zngenoinnicn. Sic werden zur Zeit in einer Auflage von 7000 Ercinplarcn gedruckt. Im letzten Jahre sind außerdem 17.352 Einzelnummern versendet worden In diesem Wochcnblattc wird die Thätigkcit der gegnerischen Prcstc und der Redner in antisemitischen Versaininluiigen sorgfältig verzeichnet und vom Bureau durch Corrcsponden; mit den auswärtigen Mitgliedern auf die 'Richtigkeit der thatsächlichcn Aiiisaben und Bchanptiingen geprüft. Durch diese Thätigkcit ist ein erfreulicher Erfolg erzielt worden. Außerdem wurde eine neben den- „Mitthcilungcn" wöchentlich erscheinende „Wochcncorrcspondciiz für Hcitungs rcdactioncn" veröffentlicht und an circa 300 Zeitungen nnent gcltlich regelmäßig verschickt. Ein groß-r Thcil der Presse, und nicht allein der lsbcrale», pslegt von diesen Richtigstellungen Rotiz zu Nehmen. Auch sonst" ist das Berliner Bnrcan nach allen Richtungen hin mit Rath und That den Kämpfern gegen den Aiitiseniitisinns zur Seite gestanden, insbesondere bei Wahlen, für ivclchc antisemitische Candidaten in Frage gekonimen sind. Eine wichtige und nnentbchrliche Thätigkcit hat das Berliner Bnrean in Bezug auf die i» tei Voltsllertrctuugcil zur Verhandlung gebrachten Fragkn entfaltet. Es hat das historische, juristische und statistische Material beschafft und gesichtet, ivobci cs von hervorragenden Antoritäten der Theologie, JiiriSprudciiz und Geschichte unterstützt wurde. Den Geschäftsumfang des Berliner Bureaus mag man daraus ersehen, daß 3532 Briefe cingingen, 4148 auSgingen. Cs find an Drucksachtcn versendet worden n. A.: 18.997 Druckschriften, Broschüren und Bücher.; 23.150 Flugblätter. Die Zahl der Mitglieder, deren Beiträge vom Berliner Bnrean cingczogcn werden, hat im Jahre 1895 »in 217 zngenoinnicn, nni 145 durch den Tod, durch Wegzug :c. abgcnommcn. (Aiitiskm im Conflicte mit dr» Strafgesetze».)'Die Strafkammer Bromberg verhandelte vor Knrzem wegen Betruges gegen den Restaurateur Gustav Brandt und dcstcn früheren Buchhalter Richard Albrecht. Brandt war ein Führer der Brombcrger Antisemiten und sein Local ausschließlich von Gesinnungsgenossen besucht. Er betrieb skit Ostern 1895 ein BiervcrlagSgeschäft, in welches am 1. Juli 1895 der Angeklagte Albrecht als Buch-