Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 203 (23.2.1896)
- Date
- 1896-02-23
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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SM» 4. Nr. 203 ,fr«ln scygebung in Ctfttrttrf), w^chcS wkdcr den politischen, noch den nationalen Parteien argend einen Tummelplatz bietet, und auf dem die Gewerbetreibenden aller Zungen, aller Religionsbekenntnisse, aller politischen Schattirungen sich zu einem gemeinsamen Handeln zusammengefunden und ihren Wünschen und Hoffnungen, ihren Klagen und Beschwerden übereinstimmenden Ausdruck gegeben haben? — Später änderte sich das.Bild." Es drängten sich die Vogelfang, R. Mayer, Sylva-Tarouca, Egbert Belcredi an das Krankenbett des darniederliegcnden Handwerke« heran mit ganz alten Heilmitteln und ganz neuen Männern, an deren Spitze der Mechaniker Schneider stand. Wie sich die gewerbepolitische Bewegung seither veränderte, wissen unsere Leser selbst. .Ob cs eine Veränderung zum Besseren oder Schlechteren war, und ob sonach die Antisemiten das Recht haben, sich auf die Retter des Handwerkes hinauszuspielen, wird die Zukunft lehren. Jedenfalls hüben sie ebensowenig Recht, sich zu rühmen, diese Bewegung in Fluß gebracht zu haben, als den Liberalen die Schuld an dem Niedergänge de« Gewerbes in die Schuhe zu schieben. Lin Mort an Herrn r>. Pacher. (Zuschrift an das „Freie Blatt".) Motto: „Der Galgen ist für »nS und für unsere Kinder errichtet . worden, wir dulden nicht, daß ein Fremder daran gehängt wird." (Gemeinde Krähwinkel Anno dazumal.) In der am 7. Februar im nicderöstcrreichischen Landtage geführten Debatte über die Erweiterung der Irrenanstalt Kierling-Gugging hat der Abgeordnete Herr v. Pacher verlangt, daß man die Juden unter Ausnahmsgesctze stelle, und seinen Anttag damit zu begründen gesucht, daß er unter Anderem sagte: „Unsere Strafgesetze sind für die arische Bevölkerung gemacht: es ist gar nicht möglich, ein Strafgesetz zu machen, welches ausreichen würde für all die Schlauheit, die angewcndet wird, um durch die Maschen des Gesetzes zu schlüpfen." Der Mann, der den Israeliten so gerne das Stigma des Verbrecherthums aufdrücken ließe, würde sicherlich anderer Ansicht werden, wenn er nur seine Gesellschaft genauer ansehen wollte; es sei ihm daher zur gefälligen. Nutzanwendung folgendes Geschichtchen bestens empfohlen: Ein in Handelssachen unerfahrener Capitalist und ein erfahrener Kaufmann ohne Vermögen hatten sich zur Gründung eines Geschäftes vereinigt, dessen Nutzen Beiden gleichmäßig zukommen sollte. Zur Sorte jener dunklen Ehrenmänner gehörig, die so leicht durch die Maschen des Gesetzes zu schlüpftn verstehen, hatte Jeder seine Hinter- : gedankcn, die er nur in intimsten Kreisen verrieth. Als dem Reichen vorgeworfen wurde, daß er sein Vermögen einem geriebenen Spitzbuben ausgelicfert, wußte er seine Freunde mit den Worten zu beruhigen: „Ich habe ihn emporgehobcn, weil ich seine Fähigkeit brauche; wenn ich ihrer nicht mehr bedarf, werde ich ihn noch rcchtzcittg gründlich fallen lassen und vor die Thüre setzen." Ter Vermögenslose hatte ein Seclcngehrimniß ähnlicher O.ualität; befragt, ob er denn glaube, daß seine Verbindung mit dem gtizigen Geldprotzen Dauer haben kann, gab er zur Antwort: »Wir gehören nur vorläufig zu einander; er hat das Geld und ich die Erfahrung, nach einem Jahre werde ich das Geld! haben uud er im Besitze der Erfahrung sein." Welcher von den wackeren! Iftuten an Erfahrung gewonnen, darüber schweigt die Geschichte. Was sie aber deutlich sagt, ist, daß das Compagnieverhältniß, über welches; sie berichtet, so beschaffen war, wie es jetzt zwischen den Deutsch- Nattonalen und Ehristlich-Socialen besteht. Man plaudert wohl vor dem „Volk" die Geheimnisse nicht ans, aber die Führer und Hintermänner wissen sehr gut, daß Alles darin auf Täuschung begründet ist. Tie Chefs der Frömmler »sehen, wie die Verächtlichmachung des Semitismus durch die Raccntheorie und die d'rum- und d'ranhängenden Verunglimpfungen dem Christenthum an die Wurzel greifen und denken dabei: „Wir werden mit den Ketzern noch rechtzeitig fertig werden." Die Wodan Verehrer wissen ebenfalls, was sie von ihren Compagnons zu erwarten haben, denken sich aber: „Nach Jahr und Tag werdet ihr bloß die Erfahrung haben." Trotzdem watet man, das Panier mit dem Chamäleon als Wappenthier hochhaltend, .Hand in Hand durch alle Sümpfe, verdreht die Augen, belobt sich gegenseitig und jubelt einander zu. Ist das nicht der größte Schwindel, der ärgste Bettug, den die Geschichte kennt? Und den Antisemitismus wird doch Herr v. Pacher nicht den vorwiegend von Juden betriebenen Geschäftszweigen beizählen wollen? Der gute Mann möge nur seinen blinden FanattSmus für eine Weile auf¬ Blatt. geben und die Augen öffnen, dann wird er sehen, daß viele von denen, die, von den gröbsten Maschen des Gesetzes umschlungen, hoch in der Luft gezappelt, weniger schamlos, weniger gcniein und nicht so cntnienscht waren, als manche unter seinen Kampfgenossen. Xsriso. (Aus dem Abgkordnetcnhanse.) Bei der ersten Lesung der Wahlreformentwürfe polemisirte Lueger gegen den Grafen Falkenhayn und verwahrte sich gegen die Jdentisicirung des Glaubens an Gott niit den Bestrebungen von Junkern. Dabei zog er die Person des Heilands in die Debatte uud meinte unter Anderem, wenn er wieder auf Erden erscheinen und in das Abgeordnetenhaus gewählt würde, so könnte ihn selbst Prälat TreuHfels nicht dazu bewegen, in den Hohenwart-Club einzutretcn. Die Lueger'schen Spässe wurden vom Präsidenten und vom Frciherrn v. Dipauli als „die religiösen Gefühle verletzend" gerügt. Wenn ein Liberaler oder gar ein Jude die Aeußerung gemacht hätte, daß Christus als Advocat kein Anhänger des „Beuschlherausnehmens" gewesen wäre, so würden ihn die Antisemitcn sicherlich wegen Blasphemie dem christlichen Volke denuncircn. (Zu den Gemelnderathswahlcn.) Die Antisemiten wenden wieder ihre terroristischen Agitationsmittcl an und blockirten zu Ende der vorigen Woche eine Versammlung der Brigitten au er freisinnigen Wähler, um deren Berathung über die bevorstehenden Gemeindcrathswahlett z» vereiteln. Geschrei und Poltern verhinderten eine Weile die Discussion, doch wurde im Ganzen der Zweck, den die Scandalmacher verfolgten, nicht erreicht. Die Versammlung konnte doch abgehalten werden. In derselben sprachen unter Anderen Dr. Grübl sowie die gewesenen Gemeinderäthe Seiler und Bernert. Der ftühere Bürgermeister sagte in seiner Rede: „Wir werden vielleicht noch eine ganze Reihe von Gemeinderathswahlen durchführen. Warum und wozu? Monate-, ja vielleicht noch ein Jahr lang wird die Bevölkerung damit in Auftegung erhalten werden, und zwar zu einer Zeit, wo man sich sagen muß, daß die wichtigsten Fragen ihrer Lösung harren." Herr Bernert bat die versammelten freisinnigen Wähler, ihm den Fehler, daß er sich seinerzeit von den Antisemiten candidiren ließ, nachzusehcn; er versicherte zugleich, daß er die antisemitische Partei gründlich verachte und ein Freund des Fortschrittes sein werde, so lange er lebe. — Mit besonderer Befriedigung ist die Thatsache zu verzeichnen, daß ein aus achtzehn angesehenen Mitgliedern des Lehr erst an des gebildetes Comite an die Lehrerschaft Wiens ein Circular gerichtet hat, in welchem cs dieselbe auffordert, wie Ein Mann für die Candidaten der Fortschrittspartei zu stimmen. In denr Circular wird darauf hingewiescn, daß die Christlich-Socialen die Verbündeten der Clericalen und daher die Vorkämpfer für die Wiederherstellung der confessionellen Schule und damit der alten Lchrersclaverci seien. Beweis hicfür sei die Antheil nähme Lueger's an den Katholikentagen; Prinz Liechtenstein sei es gewesen, der sogar den betreffenden Anttag im Rcichsrathc -ein* brachte. Die Candidaten dieser Partei haben wiederholt für Verminderung der Schulausgaben und Wahl eines clericalen Bezirksschnlrathes gesprochen. Wie könne ein denkender Lehrer an einem solchen Selbstvernichtungswcrkc Mitarbeiten? Besser kein Lehrer im Gemeinderäthe als ein Dutzend solcher, welche die Lehrerschaft der alten beschämenden Knechtschaft zuführen wollen. Die Lehrer haben, führt das Rundschreiben ferner aus, kein Recht, über die liberale Partei zu klagen. Im Jahre 1870 bestand der Gehalt eines Bolksschullehrers in Wien in 600 fl., einer zehnpercentigcn Alterszulage und 120 fl. Ouartiergeld, seit 1801 ist der Gehalt auf 800 fl. gestiegen, die Alterszulage beträgt 100 fl.,, das Ouartiergeld wurde auf 300 fl. und 400' fl. erhöht, so daß die Gesammtbezüge, im Jahre 1870 bei zwanzigjähriger Dienstzeit 980 fl., heute 1600 fl. betragen, mährend die Bezüge der Bürgcrschullchrcr entsprechend' höher sind. Weiters wird der Ouinquennal- und der Personalzulagen gedacht, sowie des Umstandes, daß bei Einbeziehung der Vororte, in welchen die Lehrer bedeutend mindere Bezüge hatten, sämmtliche Lehrer den Wiener Lehrern gleichgestellt wurden. Früher hat ein Volksschullehrer nach vierzigjähriger Dienstzeit eine Pension von 1100 fl. bezogen, heute gebührt ihm eine solche von 1500 fl., dem Bürgerschullehrer von l 700 fl. Die Avancemcntsverhältnisse der Lehrer sind durch die Einverleibung der Bororte bedeutend gebessert worden. Die Höhe der Activitätsbczüge der Lehrerschaft ist in fortwährendem Steigen begriffen. Sie betrug im Jahre 1893 3,662 136 fl. und 713.958 fl. an Ouariiergeldern, im Jahre 1896 4,370.540 fl. uud 840.670 fl. an Ouartiergeldern. Die Schulumlage mußte, um diesen Anforderungen gerecht werden zu können, von 3*/« kr. auf 4'/, kr. erhöht werden. DaS beweist, daß die liberale Gemeinderathsmajorität, wenn sie auch nicht allen Wünschen gerecht werden konnte, doch das Möglichste für die Lehrer gethan habe. Wenn gesagt wird, die liberale Partei sei nicht