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Freies Blatt · 1896-02-23 · 203 (23.2.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
203 (23.2.1896)
Date
1896-02-23
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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jrdei Blatt. Nr. 203. Die gewerbepolitische Bewegung in Oesterreich. Die Antisemiten pflegen sich mit breitem Wohlbehagen ans die eigentlichen Mandatare des gewerbetreibenden Mittelstandes hinaus Zuspielen, weil sic diejenigen sind, welche daS Kleingewerbe „geratet" haben, vorderhand zwar nicht vom Abgründe des Verderbens, aber doch aus dem Banne des Liberalismus, der durch die Einführnug der unseligen Gewcrbefreiheit den, Handwerk seinen goldenen Boden .anSgestoßen hat. Das wird so geglaubt, wortwörtlich: die Liberalen haben das Gewerbe zugrunde gerichtet, die Antisemiten haben cs wieder ge rettet, der Antisemitismus aber ist die gewerbliche Bewegung an und für sich. Daß sich die Dinge in Wirklichkeit ein klein wenig anders verhalten, wissen Einige schon lange und haben daS Gcheimniß bei Gelegenheit auch Anderen verrathcn, aber da dies meist nicht geglaubt wird, so kann die wahre Geschichte der gcwcrbcpolitischcn Bewegung in Oesterreich gar nicht oft genug wiederholt werden. Wir begrüßen also — trotz so manchen prinzipiell trennenden Standpunktes — ein Schriftchen,*) in welchem der Sekretär des mährischen Gcwerbrvcrcincs, Herr Alois NaSke, den wahren Sachverhalt neuerlich' z» Ehren bringt. Der Berfasser hat im Großen und Ganzen das bekannte Reschancr'schc Werk sich znm Führer erwählt, aber auch viele, mitunter sehr wcrth volle Daten ans Eigenem dem Ganzen hinzugcfügt Unsere Leser dürfte ein kurzer Abriß über die Entstehungsgeschichte der gewerblichen Bewegung interessiren. Die Geschichte des BerfallS der Handwerke n»d ihrer zünftigen Organisation greift weit über daS Jahr 1848 in die Jahre der finstersten Reaktion zurück. Schon unter Kaiser Franz wurde wieder holt im BerordnungSwege vorübergehende Gcwerbcfrcihcit gewährt und neuerliche Gcwcrbespcrrc Leübt, um dem kranken Handwerk aufznhclfe», doch konnte weder eine noch die andere Maßregel einen ökonomischen Proceß — der von ganz anderen Dinge» als von der Gesctzfabrik abhängt— aufhalte». DaS Jahr 1848 gab wohl, dem altersschwachen Zunftwesen den Todesstoß — obwohl cS klare gcwcrbcpolitischc Ab sichten nicht kannte — und die Jahre der darauf folgenden Reaktion gaben sich kann, mehr viel Mühe, die Leiche der alten Zunfthcrrlichkeit auch nur zn galvanisircn. Die Männer, welche an der Seite der Schwarzenberg, Thun und Bach die Geschicke Oesterreichs »nt göttlicher Ueberlegenheit lenkten, verriethen in Sachen des darnicdcrlicgendcn Ge werbcstandeS eine höchst menschliche Unwissenheit »nd Unsicherheit. Im Jahre 1854 veröffentlichte die Regierung den Entwurf, eines „Handels» und Gewcrbcgesctzcfür den österreichischen Kaiserstaat-, der iü seinen Beschränkungen so weit ging, als die in der Zeit vor Maria Theresia giltigcn Rormcn; dieser Entwurf blieb aber Entwurf, und zwei Jahre später, 1856, legte die Regierung ein neues Projekt vor, das die vollständige Gewcrbefreiheit zur Grundlage hatte »nd die Ans Hebung aller bestehenden Zünfte und Gremien enthielt. Erst über An drängen deS Wiener Magistrates wurde nachträglich das siebente Haupt stück, das obligatorische Genossenschaften cinführt, in das Project auf genommen. — Dieser Entwurf wurde am 20. Dcccmbcr 18.50 Gesetz. „Es ist gewiß cigcnthümlich," sagt Rcschancr, „daß die österreichischen Staatsbürger, denen man in jenem Zeitpunkte alle Freiheiten consiscin hatte, die damals Zcngc» waren, wie die behördliche» Or ganc nicht n»v auf die freisinnigen Ideen, sondern nuch auf für re volutionär erklärte Hüte, Eravatcn, auf langes Haupthaar eine Hetz jagd veranstalteten, des Besitzes einer einzigen Freiheit, die als ganz ungefährlich erkannt worden sein muß, gewürdigt werde» sollten, nämlich der Gcwerbcföeihcit." Die „liberale Partei" konnte also .für die Ein führnng der Gewcrbefreiheit wirklich nichts, denn fürs Erste gab cS 1859 überhaupt eine liberale Partei nicht, und wenn sie kcimartig bestand, so gab cs doch keinen Bcrtretnngöförper, i» welchem sie ihren Einfluß geltend gemacht hätte: sie war ja -int Gegcnthcil die bedrückte, viel augcfochtene nnd verfolgte Partei, der man gewiß keine Eonccssioü machte. Wenn aber die Liberalen als solche das Gewerbe nicht ans Messer geliefert haben, so chaben cs die Antisemiten noch viel weniger gesittet. Die auf daS JnSlebentreten der Gcwerbcfrcihcit folgende Epoche bis 1867 tappte in gewcrbcpolitischer Hinsicht ebenso int Finsteren wie in politischer: Projekte auf Abänderung des nencrlasscnen Gesetzes wechselten mit Gcgcnprojccten, nnd dem Gewerbe ging es dabei immer schlechter nnd schlechter. Dann folgten die Blüthetage deS Liberalismus nnd die Zeit des wirthschaftlichcn Aufschwunges. Dem Kleingewerbe ging es etwas besser, besonders in den großen Städte» nnd Jndnstrie- *) Die gewerbepolitischc Bewegung in Oesterreich und ihre Schlagworte. Bo» AloiS NaSke. Brünn 1896. Druck »nd Verlag von R. M Rohrer. Preis 40 kr. S. SB. Stlte 8 centren, „das Geld wurde leicht verdient nnd anSgegeben, der Eonsnm wuchs, die Stadtcnvciterungcn, die großen Bahnkanten »nd die rege . Banthätigkcit boten reichlichen nnd lohnenden Verdienst. Beim Weltausstellungsbau erhielten Anstreichcrgchilfcn einen Loli» von 8—10 fl. * täglich. Und jene Personen, welche cS in ihrem Gewerbe nicht vorwärts oder nicht rasch genug vorwäts bringe» konnten, fanden leichte Aufnahme in einem anderen Berufe. Die Industrie,, die Verkehrs anstalte», der Handel und selbst das Beamtcntlnnn absorbirtcn in jener Zeit eine Menge Kräfte, welche für daS Gewerbe vorgebildet waren, nnd selbst innerhalb dkS Gewerbes vollzog sich der Ucbertritt von einem . zum anderen auf Grund der Gcwcrbcsreihcit ohne Schwierigkeiten.. Daß diese Epoche, trotz der Herrschaft deS 41ii»istcrinms Hohenwart, in einem Theile derselben zur Einleitung gcwcrbepolitischer Reformen ' nicht geeignet war, ist leicht einznschcn." DaS Jahr 187:> brachte den Rückschlag: ans de» regen Unternehmungsgeist folgte die Ernüchterung, die Erlahmung, die Mißlage des Gewerbes trat wieder greller hervor als vordem, und die (bewerbe reform tauchte wieder als ein brennendes Fragezeichen ans dein dunkel» Hintergründe auf. Wer aber waren die Männer, welche das Interesse des darniedrrlicgcnden Handwerkes zu dem ihrigen mackucn'? Die Römlinge, Junker, Pfaffcnkncchtc und Judcnhetzer'? „Tic gewerbc politische Bewegung," sagt RaSke, der weder auf die „Manchesicriibcralen" noch auf die Wiener Journalistik besonders gut zn sprechen ist, „erhielt ihren ersten Anstoß durch die in dem Klrinbürgcrthum der. Wiener Vorstädte wurzelnde demokratische Partei und durch die national deutsch gesinnten Abgeordneten. Die damaligen Organe derselben, das .Rene Wiener Tagblatt' und die .Deutsche Zeitung' brachten in der Mitte der Sicbzigerjahrc eingehende Besprechungen über die Lage des Klein gewcrbcs. Den Demokraten Kupferschmied Löblich nnd den Redakteur der .Deutschen Zeitung' Heinrich Rcschancr finden wir von nun ab durch beinahe ft» Jahrzehnt an der Spivc der Bewegung." Diese Bewegung war damals noch nicht — wie aus Raske's Darstellung hervorgehe» könnte —1in erster Linie auf Rcubclcbnng de» Berufsorganisation nnd deS Bcjähigungsnachweiscs gerichtet, sonder» erkannte, wie auf der im Jahre 4874 von der »icdcröstcrrcichischcn Handelskammer veranstaltrtkn Enquötc über die Lage des Kleingewerbes hcrvorgeht, die Reste der alten Zunft als unbrauchbar und wünschte die Beförderung der wirthschaftlichcn Associationen des Handwerkes, vornehmlich der Erkditgcnosscnfchaftcn, die Reorganisation der Rationalbank im Geiste der Gcwcrbcreform u. s. w. Der Entwurf einer neue» Gewerbeordnung, de» das liberale HandclSministftinm auf Grund dieser Enquötc machte, war demgemäß auch im Sinne der Erweiterung dcr„ Gcwcrbefrcihcit abgcfaßt; einige andere Projekte ans den Jahre» 1875 nnd 1877, im gleichen Geiste gehalten, verdrängten das erste; che jedoch diese gcwcrbcrcfarmatorischcn Absichten der liberalen Regierung zur Ausführung kamen, mußte diese (1879) einem andere» Regime, dem deS Grafen Taasse, Platz machen. Was seither geschehen nnd unterlassen wurde, kann schon deshalb den Liberalen nicht i» die Schuhe geschoben werde», weil sic seither nie mehr eine so. prädominircnhe, cinslnßrciche Stellung cinnahmen. Die gcwcrblick>r Bewegung ging auch in den ersten Jahren Taaffc'S noch in leidlich freisinnigem Fahrwasser, nnd Rcschancr blieb einstweilen der Stenermann. Im Jahre 1876 fand in Wien der erste österreichische Handelskamipcrtag statt, welcher sich entschiedenst für den Ausbau der Gcwcrbcgcsctzgcbung in freiheitlicherer Richtung aussprach. Allmälig und langsam drangen aber auch zünftlerische Gelüste ein, und der Wunsch nach Einführung deS BefühignngSnachwriscS wurde laut, so ans einer L^ersammlnng von nahezu 1500 dilcingcwerbetrcibcnde» in Brün» im Winter 1879. Wie objektiv man aber immer noch)da»ialS in klcingcwcrblichen Kreisen urtheiltc, dafür legt eine von dem Wiener GcnossenschaftSvorstehcr R. Pctschachcr verfaßte Flugschrift Zcuguiß ab, die für die Forderungen des GcnosicnschaftstagcS cintrat, gleichzeitig aber den Gedanken verfocht, daß das Wohlbefinden des Kleingewerbes ' nnd Kleinhandels von der Prosperität der Großindustrie nnd de« Großhandels abhüngc. „In dem in Rede stehenden Zeitabschnitte" — sagt RaSke — „bewegte sich der Kampf, wenigstens äußerlich, vorwiegend auf dem festen Boden sachlicher Erwägungen, und erst nach dem ersten österreichischen Gewcrbctagc (1881) wurden die gewerblichen Fragen in den Hader deS politischcü Partcigetricbcs hineingezcrrt nnd dienten als Mittel zu ganz anderen Zwecken. Roch im Jahre 1880 konnte der Abgeordnete Reschaner, dem man einen Einblick nt die Verhältnisse der damaligen Gcwcrbcbcwcgung gewiß nicht absprcchen kann, in seinem meisterhafti und überaus gründlich und objektiv gearbeiteten Berichte an den GewefbeauSschuß des Abgeordnetenhauses über die Principien,- nach welchen dje Revision der Gewerbeordnung vorgenommen werden soll, schreiben: ,DaS Gcwcrbcwesen ist eines der wenigen Gebiete der <8c- *

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