Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 203 (23.2.1896)
- Date
- 1896-02-23
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4886575-5439173-5439271--2509-4888884- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 .freie» Blatt. Nr. 203. ausschließlich ungeheuer drückende Lasten gebracht. Tie tolldreistesten Lügen und Prophezeiungen, deren Gegentheil sich heute vor Aller Augen erfüllt, wurden benützt, um in den Vororten jene Gereiztheit gegen die Liberalen zu erzeugen, welche Wien in die Hände der Antisemiten geliefert hat. Ta haben wir vor Allem die Bcrkehrsanlagen. Daß ein Riesenbau, wie das vielvcrzweigte Retz der Stadt- und Gürtelbahnlinien nicht über Rächt aus dem Erdboden gestampft werden könne, wird wohl jeder Mensch mit gesunden Sinnen vorhergesehen haben. Lueger selbst mußte in der Landtagssitzung vom 8. März 1892 in demselben Athem, in welchem er der Regierung Borwürfe über die Hinausschlcppung der Berkehrsanlagen machte, einräumen, daß die Pläne hiefür noch nicht fertig sein können. Nichtsdestoweniger blieb die Klage über die Bcrzögerung der Stadtbahnbauten vorläufig eine der Glanzrollen des antisemitischen Repertoirs. Im Mai 1892 erklärte Gcßmann im Reichsrathe, er möchte nicht darauf schwören, ob die Localbahnen überhaupt wirklich zur Durchführung gelangen. Lueger prophezeite am selben Tage, daß, wenn die strategischen Linien fertig sein werden, alles Andere unvollendet bleiben würde: ein paar Monate später, im August, rief er im Gemeinderathe zuversichtlich aus: „In hundert Jahren haben wir den Linicnwall auch noch nicht weg!" Allein der Linicnwall fiel, und cs kam der Moment, wo allen Prophezeiungen der Herren Antisemiten zum Trutz mit dem Bau der Stadtbahn begonnen werden sollte. Und siehe da, nun waren cs gerade die Antisemiten, welche in Gcmeinderath, Landtag und Reichsrath mit allen Mitteln den Bau hintanzuhalten oder doch zu verzögern suchten. Kein Borwand war zu läppisch, den nicht die Antisemiten ins Feld geführt hätten. Tie schönsten Gartenanlagcn, meinte Lnegcr, würden durch die Stadtbahn zerstört, die Entwicklung der Stadt nach Westen hin gänzlich aufgehalten, ganze Bezirke ruinirt, Wien „verschandelt" werden. „Wien würde dadurch zu einem wahren Scheusal werden," jammerte er am 18. Mai 1892 im Reichsrathe. Im Frühjahr 1893 erklärte der Führer des christlichen BolkeS von Wien in einer Wählcrversammlung auf der Wieden, die (Gürtelbahn sei ein Scandal sondergleichen; der von den Localbahueu erhoffte Aufschwung sei ein Schwindel: 1897 werde ein plötzlicher Abschluß erfolgen, dann werde es zur Hungersnoth kommen, zu Brotverthcilung und Krawalle», und im Juni desselben Jahres klagte er im Gemeinderathe über die Eilfertigkeit, über die Drängerei und Penzerci, mit welcher auf die Ausführung der vorgelegtcn Projekte gedrängt werde. Wie es die damalige Genieindcrathsmajoritüt hätte anstelle» solle», um es den volksfreundlichen Herren recht zu thun, ist nicht cinzusehcn; sie klagten über Berschleppnng, als man so gewichtige -Unternehmungen noch reiflich überlegte, als inan dann energisch zur Thal schritt, schrien die Antisemiten über Eilfertigkeit, suchten durch Anträge in den Bcrtretungskörpern das Ganze zum Scheitern zu bringen, und als die BerkehrSanlagencommiision die ersten Thatcn auftvics, stand Lueger als großer Mann da, jetzt war das Ganze auf einmal sein Werk. Ebenso ernst sind die Argumente zu nehmen, durch welche die Anti scmiten die Borortler gegen das in Angriff genommene Werk zu verhetzen suchten. Es wäre für die Geschichte Wiens wirklich sehr inlcrcffant, zu wiffen, an welcher Stelle unsere Stadt durch die Rasirung des alten Linien'walls so „verschandelt" worden sei, daß Wien heute ein Scheusal genannt werden muß. Auch die schönsten „Gartenanlagcn" müßten einem erst gezeigt werden, welche der Gürtelbahn zum Opfer sielen. Dagegen waren es merkwürdigerweise gerade die Antisemiten, welche im Gemeinderathe durch den Mund Stciner's gegen das Zustandekomnicn der prächtigen Parkanlage in Baumgarten wie gegen etwas Ungeheuerliches eiferten, so zwar, daß sich Witzelsbcrger zu der Bemerkung veranlaßt sah, cs sei ganz unbegreiflich, daß ein Borortcvertreter wie Steiner sich dagegen stemme, wenn etwas für die Borortc geschehen soll. Die Antisemiten begnügten sich deS Weiteren nicht damit, die ganzen Bcrkehrsanlagen, welche sie früher über Rächt ans dem Boden stampfen wollten, dann, als sie gebaut wurden, als gänzlich werth- und nutzlos für die Borortler zu bezeichnen. Mit derlei Kleinigkeiten geben sie sich nicht ab. Ter Manu dergroßen Worte, Geßinann, erklärte , in einer Wählervcrsammlung in Rüßdorf, von der Stadtbahn Hütten die Borortc das Allerwenigste, aber durch die nunmehrigen, Bcrhältniffe sei eine ganze Reihe von Industrien, deren Bestand auf der früheren Trennung der Borortc von der Stadt basirt war, von Wien weggcdrängt worden. Welche diese Industrien seien, sagte Geßmann den braven Rußdorfer» wohlweislich nicht, auch nicht, daß die Zahl der G.cwerbcanmeldungcn in den neuen Bezirken seit deren Einverleibung um viele Tausend gestiegen ist, und unter den Zuhörern Geßmann's fand sich leider kein ehemaliger Borortlcr, welcher Hirn und Courage genug besessen hätte, dem Redner zu sagen, daß der Preis der Grundstücke und Realitäten in den ehemaligen Bororten gerade durch die Berkehrsanlageg enorm gestiegen sei, und daß Lueger selbst schon im September 1892 im Gemeinderathe gestanden habe, in Reu-Margarethen und Meidling hätten die Gründe durch die Bcrkehrssteigerung sichtlich im Werthe zugenommen. Statthalter Graf Kielmansegg schätzte im Landtage die Höherbewerthung auf das l4fache des Ursprünglichen. Ebenso schamlos wie die Berkehrsanlagen wurde auch die Waffcrversorgungsfrage der Bororte von den Antisemiten zu politischen Agitationszwecken ausgcbeutet. Wie dort, wurde auch hier zunächst das Glück mit Prophezeiungen versucht. Am 14. Jänner 1891 bestritt Lueger im Landtage überhaupt die Möglichkeit, die Bororte mit Hochquellcn zu versorgen, weil das Waffcrquantum zu gering sei und der Druck nicht ausreiche, um höher gelegenen Vororten Hochquellen zuzuführen. „Wafferfrage, Canalisirung und Beleuchtung," sagte er im Februar 1892, „werde» Millionen verschlingen, ohne daß die Bororte in absehbarer Zeit an diesen Wohlthaten participircn werden." Der Pfaidler Gregorig, der die Wafferfrage offenbar von Kindesbeinen an studirt hat, erklärte im Juli desselben Jahres mit aller Bestimmtheit im Gemcindcrathc, die Borortc werden statt Hochquellenwassers Donauwaffer bekommen, und sein Gcsinnungsgenoffe Gräf aus Ottakring machte dem plumpen Witz, ,cS werde nur „Bockshörndlsaft" sein. Ob zwei Jahre darauf, als bereits 3670 Häuser der Bororte Hochqncllcnwaffer besaßen, darunter viele in Ottakring, Herr Gräf auch »och über den „BockShörndlsaft" sich beklagt haben mag? Indeß erklärte Steiner, der antisemitische Redner für Alles, das Versprechen des Hochqucllcnwaffers an die Bororte noch 1893 für eine erbärmliche Bauernfängerei, und Lueger ztveifeltc bei der Verhandlung über daS Wasser anlchen, ob diese Beträge überhaupt jemals den Vororten zugute kommen werden. Im November 1895 war das große Sammclbassin, das koloffalstc von ganz Europa, mit einem Faffungsraum von 460.000 Hektolitern fertiggestellt, und keine Seele fragte sich mehr, wie es denn mit der Wahrheitsliebe der Antisemiten bestellt sei; die Stimmung gegen die Liberalen war einmal da und schaffte sich bei den Wahlen kräftigen Ausdruck. Aber die „wahren Bolksfreunde" waren auch nie verlegen, der Sache stets neue Seiten abzugcwinucn, die ihrem BerhetzNngswerk förderlich sein konnten. Sic verstanden cs von Hans ans, die Bereinigung Wiens mit den Vororten als die Onclle aller Hebet für Alle hinzustcllen. In den Vorstädten sagte man, der Nutzen werde allein Alt-Wien zufließcn, und in Alt-Wien bemühte man sich darznthun, daß auch die alten Bezirke diese Bereinigung im Grunde als Fluch empfinden müßten. Den Handwerkern und Weinbauern gegenüber spielte man die Schaffung von Groß-Wien als ein Werk, das bloß den Großen und Besitzenden zugute komme, aus. Da man aber auch die Hausherren fangen wollte und diesen mit ähnlichen Phrasen nicht kommen durfte, sagte man hier, die enorme Schuldenlast der Gemeinde werde eine enorme Steigerung der Zinskrcuzer hcrbeisühren, die auf den Hausherren lasten würde. Im Tcccmber 1892 erklärte Liechtenstein in einer Hausherrenvcrsannnlung in Hernals, das Deficit von fünf Millionen jährlich — das Sc. Durch laucht nämlich prophezeite — müsse gedeckt werden, das könne aber nur geschehen durch Erhöhung der Zinskrenzcr, also auf Unkosten der Hausherren. Dieses jährliche Deficit von fünf Millionen ist nicht cingetretcn, eine Erhöhung der Zinskreuzer auch nicht, im Gcgentheile, die diesbezügliche Entlastung der Bororte beträgt jährlich 653.000 fl. Nichtsdestoweniger sind die Hausherren dem schwarzen Prinzen aufgesesscn und haben ihr Müthchcn an den schrecklichen Liberalen gekühlt. Ucberhaupt wurde die Bereinigung der Bororte als die O.ucllc des wirthschaftlichcn und sinanzielleu Ruins hingestellt. Es wurde so gemacht, als ob die Stamnibczirke nur die in den Borortc» aufgesammeltcn Riescnschätzc cingesackt und dann sich nicht weiter um die Bororte bekünnnert hätten. Wenn dagegen die Borortler auch nur ein bischen rechnen wollten, so würden sie mit Leichtigkeit hcrausbekonimcn, daß sic mit jenen Gelder», welche angeblich die ehemalige Gemcindcrathsmajorität cingesackt habe, sich kaum jene Communication mit dem Ccntrum der Stadt, jene BelcuchtungS-, Canalisirungs-, Pflasterüngsanlagen u. s. w. angeschafft hätten.' Aber es wäre freilich »och viel schöner gewesen, wenn man die Gemeindegeldet hätte behalten, selbstständig wirthschasten und dabei alle Bortheile von Groß Wien hätte genießen können. In den alten Bezirken hingegen stellte man die wirthschaftliche Seite des Bereinignngswcrkcs wieder so dar, als ob die in den Vororten cingesackten Gelder einfach verludert worden mären. Lueger jammerte zum Steinerweichen über die schlechte Wirthschaft der Majorität und prophezeite, die Sache werde so kommen: „Bereinigung der Vororte, erst Anlchcn, dann Stenercrhöhnng, dann Bankerott!" Lueger selbst war eS, der das 29 Millionen-Aulchcn beantragte. Tie letzte Rcchnnngslegung Wiens endete mit Caffcn überschüssen, aber das Alles gcnirt die wackeren Anhänger des unver glcichlichen Bolksmannes nicht — der Jude muß verbrannt werde».