Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1896-02-16 · 202 (16.2.1896) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
202 (16.2.1896)
Date
1896-02-16
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4886575-5439173-5439269--2502-4888878
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8. Freie» Blatt. Nr. i02. haben, sondern daß sie nach wie vor treu z»m Bunde stehen, entschlossen, den Kampf muthig und kraftvoll auf der ganzen Linie weiter zu führen bizum Ziel. Gerade die Bemerkungen, die an den vorgenannten Tagen gefallen sind, beweisen, baß wenigsten« unsere Bestrebungen, immer weiteren Kreise» von der gefahrdrohenden Rolhlage der Landwirthschaft Kennlniß ju geben, nicht ganz ohne Erfolg geblieben sind. Fahren wir als« wie bisher fort. Der Sieg wird -dann unser sei». Wir bitten Sie, geehrter Herr, selbst zu unserer Generalversammlung zu komme» und auch in Ihren Bekannienkreisen darauf hinwirken z» wollen, daß möglichst viele Berustgenossen erscheinen. Jeder möge eS al« seine Pflicht erachten, zu beweisen, daß der deutsche Bauer (?> sich so leicht nicht rinschüchier» läßt. .Alle Mau» auf Deck' sei die Parole!" Tie „BolkSzeitung" begrüßt diese« Rundschreiben aus das Frendigste. Tje Berliner, meint sie, find nicht unempfänglich für agrarische Elownspäße, auch wenn sie noch so abgestanden find. Tie lustigen Herren „Roihleidenden" aber, die gewöhnt find, volle Portemonnaie» mit nach Berlin zu bringen und daselbst die Goldfüchse »nd Reichrbankuoten mit gebelustiger Hand in den feinsten Restaurant« und aminirtesten Tanzlälen unter da« Publicum Zli bringen, werden den Berlinern stet» willkommen sein. 2lus antisemitischen Blättern. i Ter höchste Record des Lueger - Marsches.) Tie „Lstdeutsche Rundschau" erzählt, daß bei einem Tanzkränzchen in der Brigittenau der Lueger Manch nicht weniger al» 38mal gespielt wurde, und knüpft daran folgende Bemerlungen zur Kennzeichnung de« Wienerihum«: „TaS unheimliche L.ua»t»m dieser uinfikalischen Hekatombe erinnert beinahe an die specifisch wienerischen Record«, die von einzelneu Borstadt-Gargantua« und PantagrnelS bei WirlhShanSivetten in der Masieuvertilgung von Bier und Speisen erzielt wurde», aber die Maßlosigkeit im leiblichen und geistigen Genuffe ist nun einmal der höchste Ausdruck jener überschwengliche» wienerischen Glückseligkeit und Begeisterung, die in den Worten: .Verkauft'« mei' G'wand, i fahr' in Himmel' oder .Ter Weana haut a Loch in d' Welt' gekennzeichnet ist. Bisher konnte sich nur da« .Gott erhalte' rühmen, bei Militärparaden, Wettrennen und Bällen ähnlich oft wiederholt worden zu sein." Die um Lueger lhun, wen» e« ihnen gerade paßt, schwarz-gelb. RtchlSdestoiveniger dürften sie an dein Vergleiche mildem „Gott erhalte" keinen Anstoß nehmen. Tie sonstigen Aeußeruugen aber. inSbe'ondrre der Hinwei« auf die .WirlhSbanswette» in der Maffeuvertilgung von Bier und Speisin", werden ihnen iu dieser Notiz über den Lueger-Marich sicherlich frivol erscheine». Drängt sich doch dadurch der Verdacht au*,* daß die „Lstdeulsche Rundschau" am Ende capabel wäre, die ethische Bedeutung einer Wallfahrt zum Lueger-Bilde in Maria-EnzerSdorf nicht höher zu schätzen al« die eine« Ausfluze« nach Hntteldorf zum Besuche de« dortigen Bränbaust«. lHeitereS in ernster Zeit.) Tie letzte Rümmer der sogenannte» „Um ver' älschten Deutsche »Worte" bringt eine Reihe, derartig heiterer Rotizen, daß dieselben am Faichingrichluß zu veröffentlichen und einem weiteren Leserkrei« zuznsühren augezeigt sein dürste. Bor Allem — ab Jove sit initium — sei der Selbstoerhimmelung gedacht, mit der Schönerer seine ZukunstSrolle kennzeichnet. Im Briefkasten schreibt der bescheidene Mann: „Heil Bismarck! Dem Vater de« Bat.rlande» Heil! Da« deutsche Vaterland, e« blühe, wachse („wachse" ist im Druck hervorgehobeu. A. d. Red.) und gedeihe! Heil dem Bismarck der Zukunft!! Heil Schönerer!!" Daß t« diesem Bismarck der Zukunft vorderhand nicht besonder« gut geht, da« beweist der Stoßseufzer, reu er al« „Eigenihümer" der „Unverfälschten Deutschen Worte" in die Well sendet. In einer etwa« unstylistisch gehaltenen Notiz ist zu lesen, daß vom 1. Jänner an „über hundert der birherigen Abnehmer nicht mehr erneuert haben". Dafür hat Schönerer die Genuglhuung, daß er von de» „Mittelschülern in Krem« zur — Schlußcolouue" (weshalb nicht „Schlnßreigen"?) ' eingeladen wurde, wosür ir auch unverfälscht deutschen Dank ausspricht. ES ist geradezu rührend, wenn man sich vorstellt, wie der ZukunflS-BiSmarck auf einem Mittelschüler-Sränzchen in Krem« den Reigen eröffnet. Man muß sich aber zu trösten wiffen, und Schönerer ist hierin ein Meister. So läßt er sich eine Zuschrift kruden, in der e» heißt: „Wenn .Leitartikel' schreibende .... unseren Schütterer lodtsagen .. so gibt e«, Gott sei Dank, noch Tausende deutscher Männer, die gleich nn» rusen: Hoch lebe Schönerer!'" Daß Herr Schönerer sich selbst hoch leben läßt, ist wieder ein neuer Beweis von seiner urteutschen Bescheidenheit. Leider ist er nicht gewillt. Andere hochleben zu lasten. Dafür spricht die Notiz, die er gegen die „D e u t s ch e Z e i t u n g" in Wien richtet, und au« welcher wir ersahren, daß diese« deutsch-national-antisemitische Blatt am 25. Teccmber 1895 Rr. 8617 nicht weniger al« sechs jüdische Ankündigungen gebracht bat. Herr Schönerer und sein Troß find überhaupt aus die deutsch-natioualen Antisemiten anderer Eouleur nicht gut zu sprechen, wie au« folgenden Worten erhellt, die nach dem Rosenauer AmtSblaite ein gewiffer Herr Stein neulich gelprocheu haben soll. Dieselben lauten: „Da« Vertreten eine« österreichischen Profestoren-Teuffch-Nationali«mu« in der deutschen Turnerschafl ist uns nicht von Vorthest, ja mit Recht dürfen wir sagen, der unverfälschten Jahn-Sache abträglicher als der judendentsche Standpunkt der sogenannten deutschen Tnrnerschaft." Nichts minder gut ist Schönerer auf Lueger zu spreche». So läßt er z. B. seinen politischen Leibhusaren gegen die famosen Franenversainmlungen reiten, in denen mitunter Gaukler, auch Gauner da« deutsche Weib sittlich und national machen wollen." Der Anhang de« Zukunfts-Bismarck wird dadurch »nter den „Profestoren-Deuksch Nationalen" und. den Frauenversaminl»ngS-A»tisemiten keine«- weg« steigen. Aber auch die Racenantisemiten wird er sich — mehr al« durch seine wohlbekannteu Beziehungen znm alttestamentarischen Priestergeschlechte — durch Aeußeruugen verfeinden, wie di« de» mehrfach citirien Redners, welcher die Preußen vor dem Borwurs, sie seien keine Bollblutgermanen, sondern germanische Slave», mit den Worten vertheidigt: „Ein Volk, das sich zu wiederholtenmale» für Deutschland' geopfert, hat sich mit Blut in Deutschland angekauft." Bravo, Bravissimo,, da» gilt wortwörtlich auch von den Juden. (In der Adveulzrtt.) Aus Unkenntniß katholischer Bräuche oder im Vertrauen auf die Gedankenlosigkeit seine« Publicum» schrieb da« Vergani-Blatt z» Hetzzwecken: „Im Monate December fanden in den Kirchen Am Hof, bei St. Michael und St. Peter gar keine Trauungen und in sämmllichen sieben Kirchen der innere» Stadt im Ganzen nur vier Trauungen statt; dagegen wurde» im israelitischen Tempel der inneren Stadt nicht weniger als 68 Paare getraut. Diese authentischen Ziffer» sprechen mehr als ganze Bände für die Berechtigung de« Antisemitismus." Da» „Vaterland", welche» einem liberalen Blatte höchlich verübelt, wenn eS eine» Meßner nicht gebührend titnlirt, nimmt an dieser Notiz keine» Anstoß. Wohl aber weisen freisinnige Zeitungen daraus hin, daß in der kacholischen Kirche Trauungen im ganzen Monat Drcember (Adventzeit) und von Neujahr bis inclusive 6. Jänner (Fest der heiligen drei Könige) nur auS'iahmSweise, nämlich »nr mit besonderem bischöflichen DiSpen«, zulässig sind, da diese ganze Zeit zu den sogenannten „verbotenen Zeiten" gehört. (Seltsame Druckfehler.) Rach dem vor dem Mardurger Schöffengericht verhandelten JSkraut-Proceß hatte die antisemitische „Staatsbürge r- Zeitung" einen Bericht gebracht, der die Richtigkeit der in freisinnigen Zeitungen veröffentlichten llrtheilSbegründung anzweifelte und in de», eS hieß: „In dem offenbar von Stengel verbreiteten Berichte rc. tc." Herr Profestor Dr. Stengel sah sich auf Grund dieser Bemerkung veranlaßt, der „StaatSbürger-Zeitung" »nter Berufung auf da« Preßgesetz ein Berichtigung zu übersende», in der er die Behauptung, er sei der Berfoffer der in den fteifinnige» Zeitungen verbreitelerr Berichte, für unwahr erklärte. Die „Staatsbürger- Zeitung" bringt diese Berichtigung, fühlt aber den Druckfehlerleusel als Entschuldigung an. In ihrem Manuscipt sei gestanden: „In dem offenbar von durchaus unfähiger Seite verbreiteten Berichte rc. t:.", und der „Druckfehler" sei geradezu unbegreiflich. Diese kleine Berichtigung ist aber ei» Beispiel dafür, wie scharf der antisemitischen Preffe ans die Finger gesehen werden muß, sie enthält öfter derartige „Drucksehler". Auch in die Protokolle der Zeugenaursagtn, welche anliscmitische Ehrenmänner vor Gericht oblegen, scheinen sich häufig solche „Drnckfehler" einzuschleichen. Dem gerichtlichen Protokoll zufolge hat z. B. der in demselben Proceffe als Zeugevernommene Liebermann v. S o n n e n b e r g die Verbreitung der von der antisemitischen Partei zu Agitationszwecken in Druck gelegten Klageschrift gegen Profestor Tr. Stengel gewistermaßen al» einen Fehler hingestellt und angegeben, daß er mit dieser Verbreitung nicht einverstanden gewesen sei. Allein daS „Golhaische Tageblatt" bringt die Berichtigung, daß Liebermann v. Sonnenberg selbst dieses Flugblatt in öffentlichen Wahlversammlungen stoßweise vor sich liegen hatte und durch seine mitgesührten Agitationsjünglinge vertheilen ließ. „Druckfehler" dieser Art sind, wie männiglich bekannt, dem GotteSmanne Stöcker ebensalls passirt. Auch ist e« nur auf einen „Druckfehler" zurückzusühren, wenn nach dem anttlichen Protokoll auch die antisemitischen Mitglieder des Wiener „BeiratheS" für die Erhöhung der Wastergebühren gestimmt haben sollen. (Tie „Bolksruudschauen" im Verschwinden.) Dr. Friedrich Lange ist gegangen worden, und von seinen journalistischen Schöpfungen, den „BolkSrundschauen" in verschiedenen Städten Preußens, verschwindet nu» eine nach der anderen. Neuerdings hat ein AuflösungSproceß der „Magdebnrger B o l k « r » n d s ch a u" ein jähe» Ende bereitet. (Unter sich.) Die „Deutsche Wacht", Ctgan des sattsam bekannten Zimmermann, schreibt gegen ein Loncurrenzblatt: „Die .Dresdener Na ch r i ch t e n' bringen einen Artikel gegen die deutsch-sociale Refornipartei und deren Vertreter, der in allen seinen Theilen so unter aller männlicher Würde und Ehrlichkeit 'steht, daß wir nicht in der Lage find, an dieser Stelle un» ferner mit diesem Blatte zu beschäftige», besten einziges Bestreben die Eins ührung de» GaffevjungentoneS in der deutschen Preste zu sein scheint. Wer so schamlo« zu lügen »nd zu verleumde» versteht, hat da» Recht auf die Achtung verloren, die für jeden ehrlichen politischen Meinungsaustausch nothwendige Voraussetzung ist. 8nnt pueri pueri, pueri puerilia tractant — und mit Buben sich zu schlagen, ist deutscher Männer unwürdig!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.