Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 202 (16.2.1896)
- Date
- 1896-02-16
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Zit. 202. Freie» bestehe », h c l f e u w o l l e g e w > st I c d e r, der i nt össc » lliche » Leben thätig ist. Selbstverständlich müsse in a n. d e i L ö s » u g der Fragen sich von dein einseitigen Partei- und Interesse n st a n d p u » l t e anf den Standpunkl der allgemeine» Wohles erheben, von welchem es gewiß auch gerechsertigt erscheint, ersüllbare Wünsche deS G e w t r b e st a » d e« zu b er i e d i g e n. (Gtstkli die BtrhttzUllg im Gewerbe.) Am 7. Februar fand in Ära, eiue große Versammlung der Gastwirthe dcS Kainmerbezirle« Graz statt, in welcher e» zu einer eclaianien Berurlheiliuig der bekaniile» Agitationen im Gewerbe kam. Zunächst lichtete Herr Peßl au» Graz in eindringlicher Weise an die Gastwirthe den Appell, jedwede Politik im Gewerbe zu vermeiden. I» Folge der »ationalen und confesfionellen Wirren gehen in Wie» jährlich Hunderte von GafiwiUhen zugrunde. Tie« müsse in Graz vermieden werden. Gemeinderath Brau» besprach sodann die verhetzende Thätigkeit eine» Theile» der Presse und forderte »iiter demonstrativem Beisalle aus, Blätter», welche zersetzend wirte», jede Unterstützung zu entziehe». (Zwilchenruse: Der Feichlinger ist ein Feind unsere» Ge >v erbe»!) Pctzelt (Graz) ver - langte die Bolicoltirnng de» autisemilischen „Grazer E x I r a b l a t t e «", da» die Gastwirthe schwer schädige, lieber Antrag de» Vorsteher» der Gaftwirthegknossenschast, Felix K lainlcr, wnrde schließlich dem Referenten Brau» und dem Telegirten de» österreichische» GastwiitheverbandeS, Kaminerralh Beysnß aus Wie», für deren gewerbliches Wirke» einhellig der Tank oo'.irt. Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen/ (Nicht lliibkdiugt capilalr- und judcnfrindlich.) I» einer Aniiscniile». Versammlung in RudolsSheii» trat neben Lueger »ud Schneider der vom Häuplling der Agitatoren selten verwendete P a I t a i aus, welcher bloß zur Tarstelluiig minder danlbarer Rollen zngelasse» wird, und warnte davaiauch nur den Schein zu erwecke», als ob >na»t. nnbedingt capiialSfeindlich wäre. Zn jener verclausulirteu Weise, die ihm eigenthümlich ist, führte Patiai den RutolfSheimer Antisemiten zu Gemüthe, lediglich da» im Besitze von Juden und Liberale» befindliche Capital als AngriffSobject zu behandeln, den „ehrlichen" Besitz aber selbst da»» zu respectiren, wenn er sehr groß sei. Kirchengilter und Fideicoinmiffe, mag deren E,itstehu»g»gcschichte wie immer beschassen sei», scheint Pattai als „ehrlichen" Besitz zu verehren: er weiß wohl — warum. Doch würde» dikjeiiigen, welche de» Neid und die Begehrlichkeit de» Pöbel« aus jüdischen und liberale» Besitz beschränke» wolle» und deren Interessen der genannte Mariahilfer Advocat i... Austrage oder au» sreie» Stücke» vertrat, im Ernstfälle traurige Ersahrungen mache» .... Ebenko wie Pattai ist b.kannttich Pacher nicht Unter alle» Umständen capiialSfeindlich. Der Zndenhaß, de» er jetzt zur Schau trägt, dürfte gleichfalls nicht ilnbedingt sein. Will er do>s als Lykurg in der niederösterreichischen Landstube dafür sorgen, daß eS auch »ach „dem Jnslebentreten eines zur Bcrfolgung der jüdische» Race bestimmten Ge setze« möglich sei, gewisse» Judeilstämmlingen mit Nachsicht ihrer Abstaminung alle Bürgerrechte zu belasse», lieber den Slaniinbaum diese» bedingten Capital« - und JudenseindeS theilt nun die „Sonn- und Montag» Leitung" mit: Die Familie Pacher, die ursvrünglich Bacher hieß (ein Talmudbesließencr wird im Hebräischen „Bacher" genaiint), stammt an« Jungfern t e i » i tz in Böhmen. Ein Bacher, NainenS Samuel, übersiedelie Ansang« dieses Jahrhunderte« nach Teplitz, ging später »ach Wien und wurde hier Armeelieferant in Heu iinb Hafer. Derselbe hatte acht Kinder, von denen sich mehrere taufen ließen. Im Jahre 1823 lebte schon in Wie» ein Großhändler Johann Marli» Pacher, Direktor der österreichische» Nationalbank, der vom Kaiser Franz in den Adelsstand erhoben wurde. Ueber sein Ansuche» wurde ihm da» Prädical .,v. Theinburg" verliehen, welches er offenbar au» Pietät für de» Ort seiner Abstammung wählte. Ein Nachkomme dieses geadelte» Johann Marlin Pacher ist auch der BerwaltungSrath a. D. Paul v. Pacher. (Gegen die Social-Temokraten.) Die Aniiscmite» sind außer Rand und Band darüber, daß auch die Social-Temokrale» für die bevorstehenden GemeinderathSwahleu Caitdidaleu ausstellen, und erklären in ihre» Bersammlünge», da» communale Programm der Socialisten enthalte neben alte» Refanngedankeu antisemitischer BolkSretter^ widersinnige und daher vollständig undurchsiihrbare Forderungen. Die Social-Demokraten verlangen: 1. die Reich-unmittelbarkeit von Wien und die Aushebung der Bestätignng der Bürgermeisterwahl durch den Kaiser; 2. da» allgemeine und gleiche Wahlrecht in die Geineindevertretung; 3. eine Reform der commuualen' Armenpflege; 4. Verwirklichung der Freizügigkeit und unentgeltliche Gewähning der Zuständigkeit i» Wien nach zweijährigem Aufenthalte: 5. Einrichtung eines städtischen. Arbeitsamtes, einer cvmmunalen Gewerbeinspection und einer städtischen Dienst- und Arbeitsvermittlung; 6. Reorganisation deS gesammten Sanitätsdienstes und Verwandlung de» Siadlphysikal» in ei» städtisches Gesundheitsamt unter einem städtische» GesundheitSrath; 7. strenge sanitäre Ueberwachung der Wohininge»: 8. Ber- Blatt. sei«, 7. sorg,„lg der Genieinde mit Brot und Fleisch unter Ausschluß jede» Zwischenhandel«; il. Uebernahme de« TranSporlivcscn«, der Straßen und Canalreinigung, de« LeleuchtungswelenS, der Elektricitäisaiilageil und der Brandichadenversicherung i» die coinuiunale Regie bei Feststellung eine« MinimatlohncS für die Arbeiter »ud achtstündiger Arbeit»zeit: 10. Brrmehruiig der Schulen Mit nicht mehr als 30 Kinder in einer Classe, Lehrmittel und Schulbücher gratis, für säinmtliche Schutlinder aukgiedige und kräftige Mitiagrlost aus Gemeindekosten; 11. Aul Hebung der Zuschlag-- zur VerzchrungSsteuor, zur MietbzinSsteuer und derZin«. kreuzer und Einsührnng einer städtischen progressiven Einkon»»»»-. Veruiögen«. und ElbschaslSsteuer. Aus eine genaue Darlegung, an» welcher klar hc'vorgebe». würde, wie die Antiseinite» denle», welche Punkte de» iocial demokratischen Lonimunalprograinvte» sie al» ihr geistige« Eigeiiihuin recläniweu, sind welche sic verwerfe», lassen sich die unterschiedlichen BereinS- und BersaininlungSredner nicht ein. Dagegen stellen sie nicht nur die Leitung der ioeiät-deinolranschLn Partei ai» durchweg» jüdisch hi», sondern auch alS — geheime Bei bündele de» Grasen Bad en i und begiündc» den Borwurs der RegierungSfreundlichleit' damit, daß einzelne osficiöie Organe sich über die Anlheilnahnie der Sgcial Demokraten am communale» Leben mit „unverkennbarer Bcsricdignng" äußern Tie Antiseinileu heucheln jetzt nicht mehr eine besondertBorliebe für da-; allge meine, gleiche und dirccte -Wahlrecht, und Lueger lhat v^reit« den Ausspruch, e» gehe nicht an, daß „ei»»ndzwa>-;igjährige Lausbuben" Wähler werde» sollen. I» allen Aniisemilenvcrsaminltltigen wird jetzt gegen die Sociäl-Tcmokrateu ebenso heftig gepoltert wie gegen die Liberalen (Tie Nklkkildamkn.) Am 12. d. M: fanden wieder zwei Praler- WirthShäusern Zusammenküusle von Nelkendamen /statt. Für da« Amnseinent an beide» Stellen sorgten al« Volksredner Prinz Alois Liech len stein uria Per hochwürdige Herr S ch c i ch e r. Max Anlo» Löw wird er mit der Zeit vielleicht auch dahin bringe», vor Nelkendameit austrele» zu dürfen/Vorderhand muß er sich damit zufrieden gebe», Versaminlungen christlich-socialer Arbeiter durch 'Borträge über die Schlechtigkeit seiner StammeSgenossen zu belustigen. - (Sountagsarbkit.) In Schivadors fand vorigen Sonntag eine große Vorstellung statt, in welcher nebst dem Auserkorenen de« Bezirkes dein Branulweinschänker P o l z h o f e r, , auch da« aiilisemiiische Kleeblatt Lueger- Schlesinger-Stein er sich producirtc. Da nicht nur da« zahlreich herbeigeströnite Pnblicuin, sondern auch die Localitäte» beschränkt waren, sah man sich veranlaßt, die Vorstellung in zwei Abtheilungen abzuhalten. Nach der ersten räninlen die Besucher den Saal und inachten wieder anderen Neugierige» Platz. Bei einem Festmahle, welcher dieser SonntagSarbeil der Wiener Gäste folgte, wurde eine stattliche Menge von Trinkiprüchen «»«gebracht. Lueger trank aus da» Wohl der „geistlichen und weltlichen Macht von Schwadors", während ihm selbst die Freude zutheil wurde, in einem Trinkipruche al« „künftiger Bürgermeister von Wien" gefeiert zu werde». — An demselben Tage veranstaltete der Bund d e u t s ch er L a n d w i r t h e eine Bersammlnng i» Lichten au. Daselbst wurde, wie wir einem Berichte der „OstdeutschenRundschau" enlnehinkn, die Wählerschaft daraus ausmerksam gemacht, daß sie sich bri der kommenden LandtagSwahl erinnern möge, daß ihr derzeitiger Abgeozducter ein „Verrälher a» der nationale» Sache und ein Gemeiiidedefraudant" sei. Für die SonntagSalbeit in Schwadors findet da« „Tcuffche VolkSblan" des Herr» V e r g a n i sehr viel Raum, dagegen auch nicht da« bescheidenste Plätzchen für die Lichtenauer Versammlung. (Stöcker gegen die lrouservakiven.) Am 7. d. M. sprach Stöcker in Berlin vor einer von 3000.-Personen besuchte» Versammlung über die Beweggründe für seine» Austritt an« der conservative» Fraclion und da» Programm der neuen christlich-sociale» Partei. Er berichtete Über die innere» Vorgänge in den drei Sitzungen de» Elfer-Ausschusses Tie lange vorbereitete Absicht der Conservaliven, besonder« de« Grasen S ch l i e s f e » und de« Prinzen H o h e nlohe, war e», ihn zu euiserne», wiewohl er immer nachgiebig wax/Tie Co»= servativen ^haben eS ausgegebe», Locialrefvrme» anznstreben Tie christlich sociale Partei wtrde unter seiner Leitung selbstständige Wege gehe» und diese Resormen im tlftistlich-socialen, nicht mehr im conservative» Sinne anstreben Keine bypnitinische Kirche mehr, ries Stöcker apS, sondern der Vernich, die Social Demokratie zu versöhnen! Wie die Letzteren diese Periöh»»ng«vers»che ausnehme» werben, darüber ist wohl Stöcker selbst längst im Klaren (Agrarischer Fastnachtsspuk.) Für den-18. d M. (Fastnacht) ist im Circu« Busch zu Berlin ein großer agrarischer FastnachlSspuk an^eraumt, bei welchem anlisemitischr Kräfte Mitwirken werden, die sich schon aus Tivoli und im Feenpalast bei den früheren Vorstellungen zum Besten der „nothleidenden" Landwirthe hervorgethan haben. Direclor Tr: H. S n ch S l a n d erließ nämlich ei» „streng vertrauliche»" Rundlchreibe», in welchem e« heißt: „Im Hinblick aus die Ablehnung de« Anträge« Kanitz im Reichstage am 16. und 17. Jänner d. I. und aus die Art und Weise, wie er von den Herren am BundeSrath« - tische bekämpft worden ist. erscheint er hervorragend wichtig, daß unsere Generalversammlung am 18. Februar im Steinbau deS CircuS Busch zu Berlj» eine imposante Kundgebung werde. Wir müssen unsere» Gegnern dadurch de» schlagenden Betvei» liefern, daß die Vorgänge im Reichstage dar Interesse der Mitglieder on den wirthschastSpolitische» Bestrebungen de» Bunde« nicht gelähmt