Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1896-02-16 · 202 (16.2.1896) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
202 (16.2.1896)
Date
1896-02-16
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/4886575-5439173-5439269--2500-4888876
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Freie» Blatt. Nr. 202 feite t> allgreift. Ich finde die Gründe für ein solches Borgehen in keinem Katechismus. Dasselbe ist antichristlich und antifranzöstsch." Daraufhin schrien wieder l>eide Gruppen durch etwa fünf Minuten: „Nieder mit den Juden!" und „Nieder mit den Jesuiten!" Während dieses neuerlichen Tumultes las L'eroy Beaulicn in einem Journal, und als die Ruhe zurückkehrte, schloß er wie folgt: -„Tic entehren sich mit diesen Tcencn, die nicht christlich, nicht französisch sind, denn der Geist des Evangeliums ist der Geist dcS Friedens, der Milde und Duldsamkeit. Indem die modernen Jünger der Wisienichafk diesen Geist verleugnen, reißen sic dem Ehristenthumc seine Krone herab. Ihr Antisemitismus verstößt gegen den fraiizösischeii Geist, welcher der Geist der Freiheit, der Toleranz, der Menschlichkeit ist. Weder Ihre Empfindungen, noch Ihr Porgehcn sind französisch. Tie haben Ihre Weisheit von jenseits des Rheines, Ihre Wisienschaft kommt direct aus Berlin, Tie sind Tchülcr des Hofpredigcrs Ttöckcr. Tie haben die Gesinnungen eines Eaplans des Königs von Preußen importirt." Die Rufe:;,Es lebe die Freiheit!" gewannen nun die Oberhand über die Ruse: „Hoch Drnmont!", und Lerov-Beaulieu erntete stürmischen Beifall. Profeffor Lev» könnte dann feilten Portrag halten, wenn ihn auch hie und da Zwischenrufe unterbrachen: „Ins Ghetto!" Er sprach zu Ende und gewann die Zuhörer mit den Worten: „Mich schüchtern Tie nicht ein, mich überschreicn Tie nicht. Als ich Tergeant bei den Ehasicurs war, gab cs im Regiment keine stärkere Eoinmaiidoslimme als meine." Er schloß den Portrag unter großem Bcisallc mit den Worten: „Gott verzeihe ihnen, sie wisieu nicht, was sie thun!" (Ein Blutbeschuldigungsproceß in Palästina.) Man schreibt UNS aus Jerusalem: Hier erregt eine Blutbeschuldigung wider die Juden allgemeines Aufsehen, die unliebsame Tccne hat aber ihr vor. lausiges Ende mit der Perhastnng desjenigen gefunden, welcher sie hervorries. Eine arabische Frau war wegen des ungewöhnlich langen Ausbleibens ihres KindcS in der Tchulc beunruhigt. Da fand sich ein wolstwoltendcr Nachbar, angeblich ein griechischer Missionär NamenS I b r a h i »t, ein, der voller Thcilnahme die Bcsorgniß aussprach, die Juden könnten das Kind für das kommende Pasiah Fest abges^stachtet habe». Die verzweifelte Mutter brach in Wehklagen aus, und es kam in der Tlraße zu einem Ercessc, wobei . der jüdische "Nachbar der Araberin, M. Perlmann, geschlagen und verwundet wurde. Als österreichischer TtaarSbürger rief der Perwundete den Tchutz des österreichisch-ungarischen Agenten an. Zugleich wandte sich der geachtete Großrabbiner Eli sch er aus der Qolonie „Rischon l. Zion" an die türkische Regierung mit einer Beschwerde über die boshafte Perleum düng. Das vermißte Kind kehrte inzwischen nach Hause zurück, und nun erfolgte die Pcrhaftung des BerleumderS, der erst auf ärztliches (Gutachten wegen Unwohlseins auf freiem Fuß belasicn wurde. Das Tlrafverfahren wurde gegen ihn eingeleitet. Jntereffant ist diesbezüglich ein osicnes Tchrcibcn, das die Obrigkeit der Mission in Jerusalem au die Rcdaction des dortigen hebräischen Wochenblattes „Ha'z'wi" unten« 8. Jänner l. I. richtete. Dasselbe lautet: Geehrter Herr Redacteuc des .Ha'z'wi"! „Ich wurde auf dcn'Beriäit i» Ihrem Platte aufmerksam gemacht, der Sie Mttlhcilung einhält, daß ein gewisser G. Ibrahim es versucht habe, gegen Ihre Glaubensgenossen die Blutbeschuldigung heraufzubeschwören. Gestatle» Sie mir nun die Bersicherung, baß diese« Individuum;n uuS in gar keiner Beziehung steht, und daß das Blutmärchen uns ebenso anwidert wie Ihr: Glaubensgenossen, da wir ja überzeugt sind, daß dasselbe Ihrem Glaube» und Ihren Gefüblen widerspricht. Würden wir zu dem boS- | hakten Verleumder in irgend welcher Beziehung stehen, ko wüide'ich laugst mein! ThunIichüeS gelban haben, um denselben gehörig zu züchtigen. Achtungsvoll A. Hasting Kelk. Dem AuSgang dieses ProcesscS wird in Jerusalem mit großer Tpanilung ciltgegengeschen. —1>— Zur gewerblichen Bewegung. lieber Gcwerbefärderung und Gewerdegesetzgedung.) In der Sitzung des Mährischen Aewerbevereine« vom 8. Februar, hielt der Präsident deS Abgeordnetenhauses, Freiherr v. Chlumecky, vor einem zahlreichen Auditorium einen höchst beifällig ausgenommene» Bortrag über die Gewerbereform, in welche,» er beiläufig Folgende« ausführte: Tie schwierige Lage deS Bewerbe» stände» stehe außer Frage, und angesichts der Bedeutung dieses Standes für Staat und Gesellichaft sei e« Pflicht aller öffentlicheu Factoren, nach Mitteln zu suchen, um diese Rothlage zu bekämpfen und die gefundenen richtige» Mittel in Anwendung zu bringen. Hiezu sei vor Allem eine objective und eingehende Prüfung der Ursachen dicker schlimme» Lage deS Gewerbestandes nothwendig. Als solche Ursachen führt Redner unter Anderem an: die völlige Arnderung der ProdnctionSart jn manche» gewerblichen Zweigen, insbesondere also die Verdrängung der menschlichen Hand durch die Maschine und den Großbetrieb, tzann die Sumute von Erscheinungen, tvelche die ehedem engen Beziehungen zwischen Producsion und Localbedarf lösten und einen internationaleil und local uneinschränkbarefl Wettbewerb zur Folge hatten; der Verfall der frühere» Organisation dis Gewerbestande», welcher unter solchen Verhältnissen in der alte» Form unhaltbar geworden; die gründliche Aenderung deS Verhältnisses zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, endlich «ine Reche von Verhältnisse», welche speciell in Oesteireich dar Uebel verschlimmerte: die gewaltsame Niederdrnckung aller Selbstthätigkeit, die Vernachlässigung de» Volks- und FachschulunterrichteS in der Zeit des patriarchalischen Absolutismus, die frühere Zerrüttung der StaalSfinanzen, hie traurigen Credit» uud Geldoerhältnisse, daS Schwanken der Administration?»»d Gesetzgebung auf gewerbepolitischem Gebiete, der jähe Sprung von staatlichen Schutzuud Prohibiliv-Maßregeln zu völliger Schrankenlosigkeit, der Truck der öffentlichen Lasten u. s. w. Freiherr v. Cblnmecky wies an der -Hand einer Reihe historischer Thatsachen nach, daß Klagen über die traurige Lage des GewerbestandeS seit Jahrhunderten bestehen; dies entbebe aber nicht der Pflicht,! nach Mitteln zur Abhilfe zu suchen, sei e», deß man die Wirkung der nicht abwendbarer»Thatsachen zu lindern oder selbst durch geeignete Maßregeln zu bijheben trachtet, sei eS, daß man Uebelstände, deren Behebung möglich ist, beseifigt. Ei» einfaches Zurückgreifen auf früher Gewesenes sei nicht möglich. Abgesehen von allgemeinen Reformen, welche auch dem Gewerbestande zugute komine», wie Volksschulbildung, Verbesserung der Communications wesenS, Ordnung des Geld- und CreditwesenS, Verminderung der öffentlichen Lasten u. s. w., gebe e« auch specielle Hilfsmittel, welche er nur kurz andeuten wolle, um dann ziachzuweisen, wie viel ans diesem Gebiete seit dem gefestigten Bestände versassuvgSinäßiger Zustände geschehen. ES müsse eine Organisirung und Concentriruiig der eigenen Kraft deS GewerbestandeS sowie auch ein zielbewußteS Einwii^en der Regierungsgewalt und der Gesetzgebung eintreten, um segenbringende Effolge im Interesse de« GewerbestandeS herbeizuführe». Als solche specielle HijfSmittel bezeichnet Redner die Förderung der Association, die Förderung de« fachlichen Fortschrittes durch Fachschulen, Museen Und Fachvereine und durch Maßregeln, um dem Kleingewerbe die Bortheile technischer Verbesserungen zugänglich zu mache», die besondere Sorgfalt für die Ausbildung der Lehrlinge, die Organistrung des GewerbestandeS durch staatlicherseitS geschützte uhd angeordnete Einrichtungen, die Organisation deS Gewerbewesen« durch eins sach- und zeitgemäße gcwerbepolitische Gesetzgebung, gesetzliche Abhilfe gegen Anwüchse und Unehrlichkeit in der Erzeugung uud im Handel durch Regelung vier Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern u. s. w. Freiherr v. Chluznecki kam sodann auf dasjenige zfl spreche», wa» dieSfallS insbesondere feit; dem Jahre 1871 geschehen. Er citirle die Gesetze und die Actionen zur Förderung des wirthschastlichen GenoffenschastSweseus uud besprach eingehend die Acliionen zur Förderung der Fachbildung. Da« ReichSbudget verausgable hiefür im Jahre 1S71 263.000 fl., für da« Jahr 1896 seien nahe an drei Millionen präliminirt. Ta« Museum für Kunst und Industrie und das HandelS-Museum in Wien haben zur Hebung de« KunstgewerbeS überaus segensreich gewirkt, und die Erkenntniß, daß e« nicht minder wichtig fei, den tech»ischen Fortschritt im Gewerbe zu fördern, habe zur Gründung de» von ihm seinerzeit alS SjtaatSaustalt geplanten technologischen Museum« seitens deS Riederösterreichischen Gewerbevereines unter staatlicher Unterstützung geführt. Redner besprach! sodann eingehend die Action zur Förderung deS Kleingewerbes in Ausführung deS bekannten Antrages Menger und insbesondere die Erfolge aus dieses« Gebiete in Mähren. AuS LandeSmittel» und Mitteln der Handelskammer iftfii für da« Jahr 1H96 81.000 fl. gegen 4700 fl. im Jahre 1891 gewidmet.!Ter Staat erhalte 2 Staatsgewerbe- und 11 Fachschulen in Mähren: eS bestehen nun schon 92 gewerbliche und commercielle Fortbildungsschulen im Lande, j Die Gewerbe-FörderungSaction habe zur Zuwendung zahlreicher Arbeitsmaschinensan verschiedene Genoffenschaslen geführt,, wozu da» Land jährlich 8000 fl. midiste. An dem trefflichen Gewerbemuseum sei eine permanente Ausstellung von Maschinen und Werkzeugen, ähnlich dem Kleingewerbesaale de» technologischen MfiseumS, eingerichtet. Der Mährische Gewerbeverein übe eine! überaus dankenSwerthe Thätigkeit zur Unterstützung de« Kleingewerbes und Verbreitung von Fachbildung, und die mährischen Handels- und Gewerbekammern wirken gleichfalls.sehr verdienstlich durch materielle Unterstützung und warm, Vertretung der.dijeSsälligen Interessen. Der Redner besprach weiterS die Actio» der Gesetzgebung!zur Bekämpfung der Auswüchse im Handel und Gewerbe, sowie zur Regelung der Verhältnisse zwischen Arbeitgebern zind Arbeitern, endlich die legislatives Action aus gewerbepolitischem. Gebiete unter Darlegung der HauptgesichtSpunklje der dem ReichSrathe nun vorliegende» Gewerbenovelle, welche in mehrfacher Beziehung den von den mährischen Experten in der Enquete vom Jahrs 1893 ausgesprochenen Ansichten entspricht. Freiherr von Chlumecky schloß! damit, er glaube, daß auS seiner Darstellung hervorgehe, wie alle in aßgebenden Factoren, seitdem freiheitliche Institutionen in Oesterreich bestehen, ihre volle Aufmerksamkeit den gewerblichen Fragen widmen. Wenn a u'ch über die Art der Hilfe Meinungsverschiedenheiten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.