Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 202 (16.2.1896)
- Date
- 1896-02-16
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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ZU. SO-'. Freie» Statt. Seite 5. ■ i « Catbiiial«. Zu meiner Gcielljchasl befand sich eine ebenfalls kaiheliiche, erst SamStag aus Rußland zugereiste Daine und deren ILjähriger Sohn. Wir mielheten in der Rothe» Stcrngasie den Eomfortable Nr. 1053, um nach Döbling zu fahre». TerKullcher lenkte da» Gefährte in geradezu lebensgefährlicher Weife, und wir mußten ziemlich weit vor unserem Ziele au»steigen, vor Angst, umgeworsen zu werden. Ich erlaube mir zu bemerken, daß ich sonst stet» die Taxe überzahle; diesmal beschloß ich aber, e» nicht zu thu», da der Mann e» nicht verdiente. Al» ich nun dem Kutscher die genaue Taxe von einem Gulden gebe, meinte er in zeterndem Tone: „No, dö« i» a weche Fuhr, da können S' Jhua hamgeigna lassen." Ich bedeutete ihm, daß er nicht mehr zu bekommen habe, und wir gingen ruhig unsere« WegeS. Nun fuhr der Man» in, Schritte hinter u»S drein nnd begann un» mit folgenden und andere» nicht wiederzugebenden, die Ehre sowie angrsichtS de» 12jährigen Knaben die Sittlichkeit arg verletzenden Schmähreden zu überhäufen: „Hängt'« euch auf, verfluchte» Judengesindel!", „Der Lueger soll euch Alle in die Lust sprengen, jüdische Eauh....»!", „Hoch Lueger!" rc. rc. Eine Menge Neugieriger hatte sich sofort gesammelt, alle Fenster öflneten sich, und'wir gingen, ohne eine Silbe zu erwidern, begreiflicherweise so ichnell, als wir dies vermochte», auf unser Ziel lo«. Daselbst angekomme», war die fremde Dame vor Aufregung einer Ohnmacht nahe. Ich habe über diesen Borfall selbstverständlich die Anzeige erstattet. Bitte «och zur Kenntniß zu nehmen, daß ich sowie meine ganze Familie den so entsetzlich um sich greifender; Racenhaß mit Abscheu und Mitleid betrachte»; in unseren Augen ist jeder wohlgesittete, gebildete Mensch geehrt nnd geachtet — sei er nun Jude, Heide, Christ oder war immer. (Das Ende eines antisemitischen Agitators.» Ter bekannte antisemitische Agitator Franz Meitner, ein Badener Schuhmachermeister, der wegen Verbrechens des Betrüge» und der W c ch s e l f ä l s ch u n g in gerichtlicher Untersuchungshaft mar, ist nach einer WienerRenstätzter Meldung letzthin von Tobsucht befallen worden. (Es wird besser.) Man schreibt uns aus Salzburg: Der Brief des Dr. Schöpf in der letzten Nnmmrr des „Freien Blattes^ hat lebhaftes Echo in den Herzen human denkender Menschen erweckt. Wenn man erwägt, wie heute Rachegefühl, Eifersucht, kleinlicher Ge schäftsncid den Strömungen in den Städten Richtung geben, wenn man bedenkt, wie noch vor gar nicht langer Zeit in der Stadtvertretnng fast bei jeder Sitzung Ausfälle gegen Juden und „Judenliberalc" vorkamen, so zeugt cS sicher von mehr als christlichem Edelmuthe, wenn Großindustrielle, wie der von Dr. Schöpf genannte Brancreibcsiver von Guggenthal, dann jener zu BürmooS ». A. >»., ohne Unterschied der Confessiou Wohlthaten üben, ja sogar unseren Priester» Mittel an die Hand geben, um den katholischen Gottesdienst zu fördern. Tic „Salzburger Zeitung" vom 10. Februar berichtet' daß das fürsterzbischöfliche Consistorium Herrn Hatschek für die dem Gotteshanse in Guggenthal zugcwendetcn Spenden die vollste Anerkennung ausgesprochen habe. Ich möchte gerne die Artikel clericaler Blätter lesen, wenn die Juden Salzburg» es versuchen wollten, hier eine Synagoge auf ihre Kosten zu bauen. Wir wiffen, was zur Zeit der Erbauung der protestantischen Kirche ins Treffen geführt wurde! Wenn in dem Salzburger Gemcinderathe jetzt unter der Herrschaft der christlich-socialen nnd deutsch-nationalen Majorität ein etwas milderer Ton vorherrscht, so hat dies vor Allem seine Ursache darin, daß die Herren doch zur Ein sicht kamen, es könne nicht so fortgehcn, ohne die Saisonstadt zu schädigen, und weil die Entrüstung der gebildeten Kreise über das Benehmen von Lueger und Consorten doch immer deutlicher zu Tage tritt. Auch die Beamten wiffen jetzt, seitdem die Maske siel, was sic von dem Tictator von Wien zu halten haben, und sie werden nicht mehr blind zu seiner Fahne schwören. Jeder Act von GcstnnnngSrohheit der antisemitischen BolkSvertreter ist ein Spatenstich zun. Grabe des Antisemitismus! DaS arme Oesterreich hat eine schwere Krankheit durch gemacht, der Manu mit der eisernen Hand ist sein Arzt, und nicht wenig wird die- Wendung zur Bcfferung zu danken sein der klugen, cdelmüthigen Haltung der Juden gegenüber den Rohheiten der ver einigten „Christen" nnd judenhassendcn Deutschthümler. I)—f. (Hammerstein's Heimkehr.) Die Auslieferungsformalitäten nahmen viel Zeit in Anspruch, und erst am I I. d. M., um 6 Uhr Früh, traf der gewesene Chefredactcur der „Kreuzzeitung", Freiherr von Hammcrstein, auf dem Anhalter Bahnhöfe in Berlin ein. Es hatte sich, wie das „Berliner Tageblatt" schreibt, einiges Publicum trotz der frühen Stunde auf der Ankunftsseite des Münchener Zuges cingefunden, doch wurde der Gefangene derart answaggonirt, daß er den meisten Harrenden unsichtbar blieb. Man sah plötzlich mehrere Herren, die sich dem Ansgange zuwendeten. In ihrer Mitte ging ein mittel- -großer Mann in hellem sommerlichen Pelerinenmantel, dessen hochgestellter Kragen im Vereine mit dem tief' in die Stirne gedrückten weichen Filzhnte das dem Anscheine nach schlecht rasirte Antlitz fast völlig verbarg. Finster hlicktc er vor sich hin: cS war der Enipfängcr des Scheiterhaufenbriefes, der „unglückselige Mann", wie chu Stöcker unter Umgehung seines Rainen« jüngstgenannt hat. Kaum eine halbe Minute nach dem Eintreffen des Zuges, nnd nur von Wenigen bemerkt, hatte er de» Bahnsteig und durch die Scitcnlhür den Bahnhof verlosten. Unten harrte eine Droschke zweiter Elasse, 'die ihn und' seine Begleiter, Criminalcommiffär - W o l f nnd zwei Beamte, aufnahm. Roch ehe die Leute, die unten, durch die nnisormirten Polizeibeamtcn auf »lerksam gemacht, hinzucilten, gewahr wnrden, was vorging, war die Droschke in der Dunkelheit verschwunden. Etwa 15 Minuten später pochten und schlugen die begleitenden Beamte» an das Thvr des Untersuchungsgefängnisses i» Moabit,, das sich ans der Rathcnowcrstraße öffnet. Doch es wurde ihnen nicht anfgcthan, osicnbar batte man die Ankunft des Gefangenen auf" dieser Seite des Gefängnisses nicht erwartet, Roch einmal mußte dieser seine Fahrt antrcten, die ibir diesmal »in daS Criminalgcricht herum nach der Straße Alt Moabit führte. Dort öffnete sich die Pforte, der Wagen rollte in den Hof, und Freiherr v. Hainmerstcin überschritt die Schwelle des Hauses hinter dem Jnstizpalastc. Was in diesem Augenblicke in ihm vorgcgangcn, wird sein Gcheimniß bleiben, in ihm, . der so Manchem, der den gleiche» Gang gethan, ein „nnntliemn sit“ zngernfc». (Zum Solle 2d)orlemcr.) Die in der vorige» 'Runimer des „Freien Blattes" ausgesprochene Bermnthung, daß der antisemitisch conscrvativc Baron Schor leine r »ach Amerika gcgaugcu wäre und dort Ahlwardt Eoncurrcnz gemacht hätte, wenn er nicht rechtzeitig verhaftet worden wäre, erscheint um so begründeter, als der edle Baron schon in Amerika gewesen ist.. Bor Jahren war er Ofsicicr'- eines sächsischen Rciterregimcntö, mußte aber wegen Wcchsclschwindcleien über . Rächt seinen Abschied nehmen und flüchtete nach Amerika, wo er abwechselnd als Droschkenkutscher, Dicnstmann :c. sei» Leben fristete. Da von einer Anzeige Abstand genommen war, konnte Herr v. Schorlemer, nachdem seine Verwandten die „gefährlichen Sachen" aus der Welt geschafft hatten, unbehelligt zurückkehren. Er verheiratete sich mit einerangeblich steinreiche» Witwe und wurde von den sächsischen conservativcn .Antisemiten, dcncn er sich als Agitator gegen ihre Eoncurrenten, die sogenannten „Reformer", anbot, auf da« Herzlichste empfangen. Wie ein Organ der Letzteren versichert, hat er dann auch alle Mittel gegen sic angewendet, welche Ricdcrtrachl und Skrupellosigkeit nur crsinden können. Gegenwärtig werden dem Baron, welcher in Wort nnd Schrift für konservativ-antisemitische Zwecke rastlos thätig war, Wechsel - fälschungcn zur Last gelegt, die sich auf einen Betrag von circa 80.000 Mark erstrecken. Ter conscrvativc Landesvercin Sachsens soll die Absicht gehabt haben, zur „Regelung" der Verhältnisse Schorlemer's 20.000 Mark hcrzugcbcn, ließ sie aber fallen, als sich herauSstcllte, daß die Summe, auch nicht aunähernd hiureiche, die Gläubiger;n befriedigen. Schorlemer war, wie sich zeigt, ein kleiner Hammcrstein. (Ankichristlich und aiNisranzösisch.) Aus Paris wird ei» Antisemitcnfcandal gemeldet, bei welchem jedoch die Herren Scaikdalmacher schlecht davongckommcn sind. Die dort vor einigen Jahren vom berühmten Volkswirth Paul Leroi, Bcaulicn gegründete (Gesellschaft für socialen. Fortschritt hält regelmäßig populär-wissenschaftliche Vorlesungen ab. Ani 7. d. Ri., Abends, sollte im Stndcntcnquarticr dcr Prvfcffor der E<-ole de* scimces politiques, George Lcvy, über die Bertheilnng des beweglichen Vermögens in Frankreich lesen. Fast 2000 Personen waren anwesend: davon schienen aber 1000 gekommen zu sein, um di« Bcrsammlung zu stören und den.Portragcndeki nicht sprechen zu lasten. Biele Weiber und Geistliche waren in dieser Gruppe, welche die linke Seite des Saales cinnahm, während die liberalen Zuhörer die rechte Seite besetzten. Bei dem Erscheinen de« Vortragenden erhob sich ein ohrcnzcrreißcndes Geschrei. „Rieder mit den Juden!" schrien die Einen, worauf die Anderen mit den Rufen cntgegneten: „Rieder mit dcu Jesuiten!" „'Ricdrrmit den Pfaffen!" Eine halbe Stunde dauerte der Tumult. Lcroy Bcaulicn erhob sich, um zu sprechen; man.verhinderte ihn aber mit den Rufe.:: „Glieder mit den Juden!" „Es lebe die Commune!" „Rieder mit den Prussieus!" DaS ging eine Weile fort, und erst als die Menge vom Schreien und Toben ermüdet mar, konnte Lcroy-Bcanlieu sich Gehör verschaffen. Er rügte die Ausschreitungen nnd bemerkte: „Wir kennen keine RcligiovSverschicdcnheit nnd scheu bei unseren Vortragenden bloß auf Ehrenhaftigkeit, Fähigkeit und Muth. Als wir kürzlich vor «den Socialistcn sprachen, haben diese uns gegenüber mehr Höflichkeit und Bildung an den Tag gelegt, als heute die linke Seite des Saales zeigt. Wir richte» an jene Herren die Aufforderung, sich in Bezug aus Lebensart mehr als Franzosen zu zeigen." Diesen Worten folgte wieder Spectakel, wddei sich zwei Personen mit Stöcken blutig schlugen; beide waren royalistisch antisemitische Studenten. Rach einer längeren Panse konnte Leroy-Bcaulicn fortfahren nnd sagte: „Ich laste nicht zu, daß man eine ganze Classe Menschen wegen ihrer Abstammung oder Religion l