Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 202 (16.2.1896)
- Date
- 1896-02-16
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Stift 4. jt*U» Slatt. zft. 20‘J lÄuS dem nicderöfterreichischku Landtage.) Tie Vermehrung der Aerzte an der Landesirrenanstalt in Kierling Gugging gab am 7. d. M. zu einer Debatte Anlaß, in welcher eine Anzahl antisemitischer Redner jüdische Acrzte und Juden überhaupt neuerdings mit Schmähungen überhäufte. Besucher des Landhauses gewannen da den Eindruck, als ob sic wirklich in einer Irrenanstalt oder wenigstens auf einem jener gelungenen "Narrenabende wären, wie sie im Carneval von Gesangs- und anderen Gesclligkcitsvereinen veranstaltet werden. Der Vcrwaltungsrath a. D. Paul v. Pacher erzielte einen besonderen ' Heilcrkcitserfolg, als er nachstehendes Gesetz in Vorschlag brachte: „Jeder, dem man Nachweise» kann, daß einer seiner Urgroßväter dem mosaischen Glauben angehört hat, kann des österreichischen Staatsbürgerrechtes entkleidet werden, ebenso steht es Jedem, der dies selbst Nachweisen kann, zu, aus dem Staatsverbandc auszuschcidcn, auch dann, wenn er seine Militärpflicht noch nicht erfüllt hat." Daß Pacher als Gesetzgeber nicht die Form des Imperativs, kein „soll", sondern ein „kann" gebraucht, ist eine wohlthnende Beruhigung für Spitzer-Weimar, Guttmann, Geßmaun, Porzcr, Max Anton Löw, Kienzl, die Enkel des Pohrlitzcr Koh» und, wie Forscher auf dem Gebiete der Genealogie (.sieh' die Vereinsnotiz: „Nicht unbedingt capitals- und jndenfeindlich") versichern, auch für das edle Geschlecht Derer von Pacher. — An den folgenden SitzungStagen verfuhren die Antisemiten nach dem Ahlwardt'schen Motto: „Gegen Juden und Junker!" Sic beschimpften nicht nur die „eingewandcrten Asiaten", sondern auch die einheimischen Großgrundbesitzer: es geschah dies aber hauptsächlich darum, weil Neuwahlen für den Landtag bevorstehen und sie die Bauern rechtzeitig gewinnen wollen. „Armengesetz und Jagdgesetz werden die besten Agitationsmittel für die nächsten Landtagswahlcn werden" — verrietst ein enfant terribie der „christlichen Socialreformer". Aber auch die Rcgierüng, insbesondere der Statthalter, wurden mit Schimpfereien reichlich bedacht. Ein wahres Kunststück brachte Herr v. Pacher zustande. Er benützte das Uebereinkommrn mit der Landescommission für agrarische Operationen, betreffend, die Ucbernahme des geometrischen Personals in den Staatsdienst, zu einer Verunglimpfung des gewesenen Unterrichtsminifters Tr. v. Madeyski. Ein solcher Meister im Jnsultiren wie Pacher verdient es nach antisemitischer Austastung, unter allen Umständen im Vollgennffc seiner bürgerlichen Rechte zu bleiben. Man kann ib» brauchen, selbst wenn sein Arierthum nicht ganz unverfälscht iss, und man kann ja, meint Tcckcrt, Racenantisemit sein, ohne dem „talmndischen Racenprincip" zu huldigen. — Im Laufe der Budgetdebatte gristen antisemitische Redner in heftigster Weise auch den Landes ansschuß an. Der ihnen sonst gesinnungsvcrwandtc Herr Schöffel fertigte sic wie folgt ab: „Ten Vorwurf, daß ich oder der Landesausschuß faullenzt, weise ich zurück. . Es zeigt . dieser Vorwurf eine totale Unkenntniß der Landesverwaltung. Jeder Referent hat nicht bloß dazufitzen und in einer Sitzung zu plappern, er hat genügend täglich zu arbeiten, um seine Agenden fertigzubringen. Dhnn Sie, was Sic wollen, schimpfen Sic und beschmutzen Sic, wen Sie wollen, aber nicinc Person .lasten Sie aus dem Spiele. Ich bin ein sehr erregter Mensch, und es könnte mir einfallen, hier im Saale Einem das Hirn aus dem Kopfe zu schlagen." War es Rücksicht für Herrn Schöstel oder fühlten sie sich durch die Annahme, daß sie im Kopfe Hirn haben, gesäimcichelt — sei dem, wie ihm wolle, die Bedrohten verhielten sich ziemlich gelassen; einer derselben gcbcrdcte sich zwar sehr couragirt, trotzdem beeilte er sich, zu erklären, er habe, als er gegen den LandcSausschnß auftrat, nicht Herrn Schöstel gemeint. Tr. Granitsch, der nicht so „schlagfertig" ist wie sein College Schöffel, wurde dann vom Pfaidlcr Greg orig neuerdings in der gemeinsten Weise beleidigt. — Eine Kundgebung anläßlich der bevorstehenden Erneuerung des Ausgleiches mit Ungarn ließen Lueger und Genossen selbstverständlich nicht vorülergchen, ohne gegen „Judäo Magyaren" und — Freimaurer ein Zetergeschrei zu erheben. Die antisemitischen Scandalmacher sorgen auch dafür, daß eine auf der Galerie untergebrachtc Elaque ihre Schimpflcistnngen i „Ungarn ist verlumpt", „Juden sind keine Menschen", „Saujuden" :c. > mit einem Bcifallsgejohle begleitet und sich gegen den Vorsitzenden ebenso renitent benimmt wie die Hetzredner selber. 'Zu dcn btvorskchkildcn Gkincilidcrathswahlcn.) Man schreibt uns: Fm X. Bezirke i Favoriten) geht endlich die Eandidatcnfragc ihrer Loiung entgegen, und die leitenden Personen scheinen denn doch ans dcn vergangenen Wahlkämpfen so viel gelernt zu haben, daß es nicht angehk, in der Bevölkerung nicht sehr populäre Personen zur Wahl zu empfehle». Schon durch die Aufstellung des Gastwirthcs Kolbcck zum Eandidatcn für den zweiten Wahlkörper hat das Bezirkswahlcomite eine äußerst glückliche Wahl getroffen, und wenn irgend wer, so ist Herr Kolbeck imstande, den Antisemiten ein Mandat zu entreißen. Kolbeck war schon Mitte der Achtzigerjahre Gemcinderath, und zwar wurde er vom dritten Wahlkörper im II. Bezirke mit großer Majorität gewählt. Er schloß sich sofort der Fortschrittspartei an und >var bis zu seiner frciwilligen-Mandatsniederlegung ein treuer Anhänger dieser Partei. Daß seine politische Gesinnung die gleiche geblieben ist, brauchen wir nicht wohl zu betonen. Der. zweite Eandidat für den zweiten Wahlkörpcr, Herr Großfnhrmann Schindler, ist ebenfalls ein Fortschrittsmann, der sich großer Popularität im X. Bezirke erfreut. — In einer Wählerversammlung im I. Bezirke candidirte neben anderen Liberalen der Reichsrathsabgeordnetc Wrabetz für ein Gcnieindcrathsmandat des dritten Wahlkörpers. Er besprach auch das communale Programm der Social-Dcniokratcu und meinte, daß man einzelne Forderungen derselben unbedingt annehmru könne, einzelne jedoch unbedingt abwciscn müsse. In diese letztere Kategorie gehöre das Verlangen nach Abschaffung der Sanction bei der Wahl des Bürgermeisters. Hier müsse man sagen, daß, wenn diese'Sanction nicht da wäre, sie eigens hätte geschaffen werden müssen. Jeder Gemcinderath könne Bürgermeister werden, aber er müsse im Besitze hervorragender bürgerlicher Tugenden sein. Dagegen aber könne zu dieser Würde nicht jeder demagogische Agitator kommen, der die niedrigsten Leidenschaften aufwühlt und nur durch die verwegensten Saltomortalcs zur goldenen Kette gelangt. Bor dieser Schmach habe uns eine Hand bewahrt. Rcichsrathsabgeordnetcr Tr. Menger nahm ebenfalls in dieser Versammlung das Wort und mahnte, mit Thatkraft in den Wahlkampf cinzutretcn, denn cs gelte eine der häßlichsten Strömungen zu vertreiben. Dr. Ellenbogen und P e r n e r st o r f c r griffen die liberale Partei an, und der Erstere, welcher sagte, seine Partei freue sich über den Sieg der Antisemiten, denn diese haben die liberale Partei endlich „erschlagen", erregte dadurch lebhafte Entrüstung. Als „Todtcnbeschauer" in politicis hat sich Dr. Ellenbogen ganz überflüssigerwcisc blamirt. — Die am 19. d. M. in der „Wiener Zeitung" erscheinende Wahlkundmachnng enthält nachstehende Bestimmungen: Die Wahlen finden statt: . I. sür dcn dritten Wahlkörpcr am 27 d. M., eine, eventuelle engere Wahl am 29. d. M.; 2. für den zweiten Wahlkörpcr am 2. März, eine eventuelle engere Wahl am 4. Mär;; 3. für den ersten Wahlkörper am 5. Mürz, eine eventuelle engere Wahl am 7. März. tAlls dein Bezirksschulrathk.) In der am 12. d. M. stattgehabten Sitzung des BezirksschulrathcS gelangte die Beschwerde des Lcopoldstädtcr OrtsschulrathcS gegen den Eoopcrator und Katecheten T ittrich wegen der von ihm inscenirten Wahlumtriebe zur Bcrathung. Ter Bezirksschnlrath erklärte sich zur Entscheidung in dieser Angelegenheit incompetent und beschloß, den Fall der Landcsschulbehördc vorznlegen. In der Debatte, welche dieser Beschlußfassung vorausging, kam cs zwischen dem Eanonicns Walther und dem ehemaligen Gemcindcrathe Frauenbcrgcr zu einer lebhaften Auseinandersetzung, in welcher der Letztere in scharfen Worten seinen Tadel darüber anssprach, daß ein katholischer Priester als Dbinann eines politischen Vereines fungirc und als solcher Führer der antisemitischen Partei in der Lcopoldstadt sei, während Eanonicus Walther den Eoopcrator Dittrich in Schutz nahm und das Verhalten desselben zu entschuldigen suchte. In derselben Sitzung wurde ein Auftrag des LandeSschulrathes bcfanntgcgebcn, in welchem der, Bczirksschulrath anfgefordert wurde, gegen dcn bei den letzten Wahlen von antisemitischer Seite in FünfhauS in den Gemcinderath gewählten Lehrer Paul T o m a n e k wegen einer von ihm in einer Wählerversammlung in Hietzing gehaltenen, und in einem Anliscmitcublatte verbreiteten aufhetzcnden Rede die Disciplinarvcrhandlung cinzuleiten. (Wiener Straßenscencil.) Am l l. d. M., Vormittags, singen etwa 159 Bäckergehilfen, welche im Rufhause auf dem Salzgries anwesend waren, plötzlich an, Lieder zu singen und thcils „Hoch das allgemeine, gleiche und dirccte Wahlrecht!", theils aber „Hoch Lueger!" zu rufen. Ter Gcnosscnschaftsvorstchcr sah sich veranlaßt, die Intervention der Wache in Anspruch zu nehmen, die auch »ach kurzer Zeit das Rufhans räumte. Auf der Straße wiederholten sich die Rufe, trotzdem tvnrde die Ruhe bald wieder hcrgestcllt, doch wurden zwei Arretirungen wegen Nichtfolgclcistung und des Rufes „Rieder mit der Polizei!" »orgenommen. Der Escortc zur Polizcidirection schlossen sich alle Gehilfen an, und unterwegs stießen noch circa 200 Personen zn dem Zuge, j die sich ungeachtet wiederholter Aufforderung nicht zerstreuen wollten. Wegen Richtfolgelcistung wurden daher neuerdings zehn Verhaftungen borgenommen. Das war eine Straßeusceue, wie sic hentzutagc in jeder großen Stadt vorkommt. Specisisch „wienerisch" ist dagegen ein Vorfall, welcher sich zwei Tage vorher zutrug und über dcn die Kaufmannsgattin Frau Toni Euny v. Picrron dem „Wiener Tagblatt" berichtet: Mein Aame ist Toni Euny v. Pierrou; ich entstamme der echikatholischen Familie Dhg las. Mein Mau» ist auch Katholik, und einer seiner Ahnen war im XVI. „Jahrhundert Erzieher des Herzogs von Lothringen, nachinaligeu'