Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 202 (16.2.1896)
- Date
- 1896-02-16
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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ttr. 202. Seift 8 > jrdn » - 1 ' - .. ' ■ verpflichtet, auch der Sterbecasse beizutreten. In Zukunft werde sich das kaum aufrecht erhalten lassen. Die Meinungen der Versammlung hierüber gingen anfangs ganzanSeinander, schließlich aber wurde betont, daß eS wohl ani besten sein würde, die Neueintretenden zum Eassenbeitritte nur dann zu zwingen, wenn sie nicht nachzuweisen vermöchten, daß sie schon anderweitig einer Easse angehörten. " AuS der ganzen Debatte — die, wie selbst streng zünftlerische Blätter berichten, „mit einer gewisien Resignation geführt wurde" — ging hervor, daß die Meister zwar uni jeden Preis die Zwangsinnnug fordern, daß aber weder sie noch die Regierung sich über die Wirksam fett, die Rechtsstellung und die Vortheile dieser Organisation klar und noch viel weniger einig sind. Kennzeichnend bleibt eS, daß gerade die wirthschaftlich Schwächsten von den „Segnungen" der Innung ansgeschloffen werden sollen, und daß die vielgepriesene „Organisation deS Handwerke»", falls man von reinen Fachgenoffeufchaften absieht und daS Hauptgewicht auf die den Grundgedanken der Berufsgenoffenschaft eigentlich schon wieder aufhebenden gemischten Innungen (Eol lectivgenoffenschaften) legt, bloß^ 00 Percent der Handwerker umschließen wird, während fast die Hälfte außerhalb der Innung wird stehen müffen. Ja, nicht einmal zur Führung der Sterbecaffen zeigt sich die, allgemein begehrte Zunft geeignet, und trotz alledem soll wegen dieses Wechselbalges die gesammte moderne WirthschaftSordnung nnigeworfe» werden? Der neue Lours. (Original-Mittheilung de» „Freien Blatte»".) Petersburg, 10. Februar. Die Leser deS „Freien Blattes" dürften sich noch erinnern, daß der ehemalige russische Minister des Innern Durnowo kurz vor seiner Amtsenthebung verfügt hat, daß beim Bau der sibirischen Eisenbahn weder jüdische Techniker und Ingenieure angestellt, »och jüdische Unternehmer beschäftigt werden dürfen. Im Protokolle deS Ministeriums des Innern, daS diese Verfügung enthielt, unternahm Durnowo den Versuch, diese seine Maßregel zu begründen,- da die Bauleitung der sibirischen Eisen - bahn der Entfernung der bei ihr angesteUten jüdischen Techniker und Ingenieure ganz und gar nicht zustimmen wollte und durch das Ver kehrSministenum um Angabe der Gründe bat, welche ^das Ministerium deS Innern zu feiner Verfügung bewogen haben. In der bezüglichen Eingabe' wurde darauf hingewiesen, daß das Wirken der jüdischen Techniker und Ingenieure, welche bei der Erbauung der sibirischen Bahn be fchästigt waren, dem Bau sowohl als auch den Interessen des Staates großen Nutzen brachte. Durnowo ließ jedoch die Kundgebung der Bauleitung unbeachtet und suchte die Bedeutung der jüdischen Techniker und Ingenieure in den Augen des Verkehrsministeriums so viel als möglich herabzusetzen. So behauptete er, daß die Strecken der sibirischen Eisenbahn, welche unter der Leitung solcher Ingenieure stünden, dem Staate doppelt so viel gekostet hätten als die von den christlichen Ingenieuren gebauten. Auch behauptete er, daß die Arbeiter, welche von Juden beaufsichtigt wurden, von Letzteren ausgebeutet worden wären, so daß ein ferneres Beibehalten der jüdischen Techniker nicht geduldet werden könne. Diese angeblich begründete Anklageschrift, des Herrn Durnowo hatte gewirkt, und die jüdischen Techniker und Ingenieure wurden, wie wir seinerzeit berichteten, von der sibirischen Eisenbahn entfernt. Nunmehr hat es sich aber herausgestellt, daß Alles, was Durnowo zur Begründung seiner antijüdischen Maßnahme anführte, erdichtet und erlogen war. Es ist kein Geringerer als Fürst Ehilkow, der gegenwärtige russische Verkehr-minister, der die Anklage des Herrn Durnowo gegen die jüdischen Techniker und Ingenieure Punkt für Punkt schlagend widerlegt und sie in daS Reich der Fabel verwiesen hat. Fürst Ehilkow, der kürzlich von einer Reise zur Inspektion der sibirischen Eisenbahn zurückkehrte und statistische Daten über den Gang der Arbeiten denn Bau dieser Bahn gesammelt hat, überzeugte sich an Ort und Stelle, welchen Vortheil die Bauleitung von den jüdischen Technikern und Ingenieuren gehabt hat. So wurde z. B. constatirt, daß die Strecke Tscheljabinsk, welche unter Leitung eines jüdischen Ingenieurs, Manker, sich befand, um 800.000 Rubel weniger gekostet hat als dieselbe Strecke bei Werchoturowsk, welche von einem christlichen Ingenieur gebaut wurde. Aber noch mehr, die Art und Weise, wie die jüdischen Techniker und Ingenieure die ihnen anvertrauten Arbeiten ausführten, wird vom Fürsten Ehilkow, der bekanntlich eine Autorität auf dem Gebiete de« Eisenbahnbaues ist, als die zweckentsprechendste und solideste erklärt. So bezeichnet Fürst Ehilkow den großen Bahnhof von Tura Blatt. und die Brücke bei Ialutorowsk, welche beide von jüdischen Ingenieuren ausgeführt worden sind, als perlen der Eisenbahiitechnik überhaupt. Was die von Durnowo ausgestellte Behauptung betrifft, die Arbeiter der sibirischen Eisenbahn wären von d-u jüdischen Ingenieuren aus gebeutet worden, so ergaben die von Für» Ehilkow gepflogene» strengen Nachforschungen eher das gerade Gegentheil, indem die von Inden an geblich ausgebeuteten Arbeiter die Rücktelu dieser Juden herbeisehne». Als die Kunde von der bevorstehenden Antunst deS Fürsten Ehilkow unter den Arbeiter» der sibirischen Eisenbahn sich verbreitete, ent sendeten die Arbeiter von Tscheljabinsk, Wercheturowsk und IalutorowSk Deputationen, um den VerkehrSminister um die Wiedereinsetzung der entlaffenen jüdischen Techniker und Ingenieure in. ihre früheren Äemter zu bitten. Die Arbeiterdeputationen erklärten einhellig, daß 'sie unter den jüdischen Ingenieuren viel mehr verdient und eine äußerst gerechte und hnmane Behandlung gehabt hatten. Welche Antwort Fürst Etsilkow den Abgesandten der sibirischen Eisenbahnardeiter ertheilt hat, ist unbekannt; dagegen steht es fest, daß der Fürst »»mittelbar nach seiner Rückkehr aus Sibirien dem neuen Minister des Innern, Goremykin, einen ausführlichen Bericht über die Bethätignng der Inden beim Bau der sibirischen Eisenbahn zukömmen ließ, in welchem über deren Leistungen in Worten des größten Lobes gesprochen wurde. Als Folge all dieser Thatsache» ist ein am f>. Februar erschienener Erlaß deS VerkehrsministerinmS anzusehen, welcher der Bauleitung der sibirischen Eisenbahn das Recht einräumt, jüdische Techniker und Ingenieure unbeschränkt und nach eigenem Ermeffen anstelle» zu dürfen: Der „Woschod" will sogar iviffen, daß daS Verkehrsministerium nunmehr beschlossen habe, die Anstellung solcher Techniker auf sämmtlichen russischen Bahqen zpznlassen. Aber nicht nur auf diesem Gebiete haben sich die von Herrn Dnrnowo gegen die Inden erhobenen Anschuldigungen als jeder Be - gründung entbehrend erwiese». Auch in der Frage der Erwerbung von Grund und Boden durch Juden zum Zwecke der Errichtung von Ackerbancolonien ist dieser Tage vom Ackerbauminister Jermolow eine Entscheidung gefällt worden, welche deutlich gegen die Beweisführung deS Herr» Durnowo spricht. Im Jahre 1888 hat Durnowo den Juden, welche Ackerbau- oder Forstschulen absolvirt hatten, das ihnen von Alexander II. verliehene Recht, Grund und Boden zur Errichtung von Ackerbancolonien erwerben zu dürfen, genommen. Motivirt wurde diese Maßnahme damit, daß die in Saratow und in Worouesch bestehenden Ackerbaucolouieu angeblich nur von christlichen Arbeitern bebaut werden, während die jüdischen Gründer derselben nur Handel treiben. Damals bemächtigten sich die antisemitischen Blätter Rußlands dieser Fabel als eines neuen „Beweises" für die Abneigung der Juden gegen schwere physische Arbeit und für deren Hang zu. leichtem Erwerb. Wie entstellt und verdreht all diese von Durnowo vorgebrachten T hatsachen jedoch waren, erfährt man jetzt erst allmälig. Zum Zwecke der Grundsteuerentlastuug, welche daS russische Ackerbanministe xium durchzuführen gedenkt, wurde eine Expertencommission nach dem. Innern des Reiches entsendet, um die bäuerlichen Wirthschaften in Augenschein zu nehmen. Tie Eommission besichtigte auch die von Herrn Durnowo verleumdeten jüdischen Ackerbancolonien in Saratow und in Woronesch. Was sie jedoch über diese Eolonien zu erzählen weiß, widerspricht vollständig dem, was Herr Durnowo seinerzeit behauptete. Jivden jüdischen Eolonien in . Saratow und in Woronesch ist kein einziger christlicher Arbeiter zu finden; die Feldarbeiten werden ausschließlich von Juden verrichtet; die Eolonisten selbst werden von der Eommission als Pinsler von Ackerbauern bezeichnet. Nun hat Ackerbanminister Jermolow, deffen Gerechtigkeitssinn in Rußland allgemein bekannt ist, verfügt, daß Juden, welche Ackerbau- oder Forstschulen absolvirt haben, das Recht, Grund und Boden erwerben zu dürfen, ungeschmälert und unbeschränkt genießen mögen. Die Verfügungen der Minister Ehilkow und Jermolow sind, abgesehen von den Erleichterungen, die sie den Inden in Rußland gewähren, zugleich charakteristische Documente für die antijüdiiche Politik des Herrn Dnxnowo. Ein System voll Lüge und Entstellungen führte Durnowo ei», um die Juden im Ezarenreiche als vogelcrei erklären zu können. Ihm gelang es jedoch nur, di» Wahrheit zeitiveilig zu knebeln und zu eittstellen, aber nicht, sie zu tobten. In den Verfügungen Ehilkow'S und Iermolow's ist die Wahrheit.wieder zum Ausdrucke gelangt. Man hat in Petersburg keineswegs die Politik gegenüber den Juden überhaupt geändert, aber man hat wenigstens aufgehört, diese Politik auf Lügen und Entstellungen zu basiren. Allerdings genügt das schon den Juden, denn die Wahrheit spricht zw ihren Gunsten, mildert ihr jetziges Los und eröffnet ihnen günstige Hoffnungen für die Zukunft. Argus.