Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 202 (16.2.1896)
- Date
- 1896-02-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 9 Frei», glatte Nr. 202. und zwar, ohne daß der Gemeinderath befragt worden wäre, erfolgte. Man hat in den Bororten übersehen, daß die Regierung auch ohne Einverleibung der Bororte die Berzehrungssteuerlinie hätte hinauSrückcn können. Dann hätten allerdings die Bororte nur den Schaden ohne den geringsten Bortheil zu ertragen gehabt. DaS Vorhandene in den Bororten war indcß nichts weniger als danach angethan, die liberalen Gemeinderüthe Wiens nach Annexionen lüstern zu machen. Im Gegentheile wendete sich am 1. Decembrr 1891 im Landtage Tr. Albert Richter nachdrücklichst gegen die Einverleibung ferner liegender Landgemeinden ins Wiener Stadtgebiet, zumal gegen die zwangsweise, indem er vorhersagtc, daß diese Gemeinden, wenn sie mit Wien verbunden sein würden, an die Großcommune herantreten und die Erfüllung aller Wünsche aus ihrem Säckel verlangen würden und daß dann Vieles wegen der großen Auslagen nicht erreicht werden könne, die Unzufriedenheit groß sein und eine Alles lähmende Opposition in dem neuen Stadtvertretungskörper die Folge sein werde. Wie genau Dr. Richter'« Borhersagung eingetroffen ist, weiß Jeder. Aber die Stadtvertretung befand sich in einer Zwangslage, sich mit dem auf 2 7» Millionen bewertheten Geschenke der Linicnwälle und der Herab; setzung des Berzehrungssteuertarifes zufrieden zu geben oder sich einer noch minder günstigen Sachlage fügen zu müffen. Die Antisemiten versuchten gegen das Landesgesetz, betreffend die Einverleibung der Bororte, eine lange Obstructionsdebatte. Lueger & Comp, kramten alle möglichen und unmöglichen Anträge aus und faselten außer anderem albernen Zeug von einer Mauthlinie, die mitten durch Groß-Wicn gehen werde: dem Abgeordneten Hanck wies Dr. Albert Richter nach, daß er die betreffende Vorlage, gegen die er spreche, gar nicht gelesen habe. Hätten die liberalen. Gemeinderüthe unter diesen schwierigen Verhältnissen nicht um des Guten willen auf das Bessere verzichtet, sie wären hinterher von Lueger wahrscheinlich als „kleinliche Geister mit Maulwurfshorizont", als „bornirte Bezirksbergcr ohne Verständniß für den Aufschwung einer Weltstadt" verhöhnt und für das Scheitern der Bereinigung verantwortlich gemacht worden; ein Wolkcnbruch von Schmähungen und Verdächtigungen seitens der Lueger-Knechte . war ihnen in jedem Falle gewiß; sie mochten die Frage anfassen, wie sie wollten. Statthalter Graf Kielmanscgg gab den Antisemiten damals zu bedenken, daß in den Vororten die Pflastermauth wcggefallen sei; die Stadt Wien zahle fortan weniger für die Polizei; der Staat werde die Communal Mittelschulen übernehmen; für die Vororte seien die Postzustellungsgebührcn herabgesetzt worden, entgegen.ihren Klagen über den Rückgang" des Gewerbes stehe die Thatsache, daß die Gewerbeanmeldungcn bedeutend, um 8000, zugcnommen hätten. Tr. Grübl erklärte es am 8. Mai v. I. in der Stadtvertretung als aufgelegte Unwahrheit, daß die Borortler seit der Vereinigung mit Wien höhere Lasten hätten, den Bierkreuzer hätten sie, wenn die Linien nicht hinausgeschoben worden wären', jedenfalls, wenn auch in anderer Form vielleicht, bekommen, vielmehr seien im Ganzen die Vororte an Umlagen und Zinskreuzcr um jährlich 653.360 fl. entlastet worden! Erst jüngst haben die liberalen Abgeordneten die Verlängerung der Frist für die Gleichstellung der Vororte betreffs der Hanszinssleuererhöhung mit den alten Stadttheilen erwirkt. Für Alt-Wien wurde damals die Steuer auf Fleisch und Wein ermäßigt, auf viele Artikel zugleich ausgelassen. Tic Alt-Wiener nahmen diese mit keiner Mehrbelastung verbundenen Verbesserungen wie etwas Selbstverständliches ohne Tank für die liberalen Urheber hin, die Vororte aber zürnten wegen Entgang eines Privilegiums, das keine Regierung länger aufrecht erhalten hätte, den — Liberalen! Ja, P. Schnabl rief pathetisch im Landtage: „Die Liberalen haben das Volk belogen und betrogen!" Dr. Albert Richter konnte diesen Phrasenhelden sofort erklären, daß die Vororte bei Schul- und Straßenbaukosten allein mindestens um eine halbe Million jährlich entlastet werden. Bei einer anderen Gelegenheit wies er nach, daß vor der Vereinigung alle Vorortegemeinden Auslagen von ettvas über drei Millionen hatten, ohne die Ausgaben für Schul- und Straßenbezirke zu rechnen. Groß-Wien aber hat für Schulbauten in den Porortebezirkcn im Jahre 1894 allein ausgegeben 790.000 fl., für die alte Stadt 980.000 fl., also erstere Ziffer für etwa 400.000, letztere für 800.000 Bewohner; mithin muß man mit den Schulbauten in den neuen Bezirken stark im Rückstände gewesen sein. Für Pflasterung wurde in den neun neuen Bezirken fast ebenso viel aüsgegeben, 178.000 fl., als in den zehn alten, 179.000 fl., für Wasserleitung wurde im alten Stadtgebiete ausgegeben gar nichts, in den. neuen zusammen 1,100.000 fl., Canäle wurden in der alten Stadt gebaut für 60.000 fl., in den neuen Bezirken für 560.000 fl. Im Jahre 1889 hatte die alte Gemeinde für Lehrergehalte 27, Millionen aüsgegeben, 1894 für das ganze Stadtgebiet 4ljt Millionen, also um 1,750 0O0 ft. mehr, wovon auf die neuen Vorortebezirke 1,500.000 fl. entfallen. Und. da reden die Antisemiten davon, daß die liberalen Stadtväter der alten Wiener Gemeinde nur deshalb nach der Bereinigung mit den Bororten getrachtet haben, um die Stadt vor dem drohenden finanziellen Ruin zu retten. Zur Gewerbereform in Deutschland. Bekanntlich plant nun auch die deutsche Regierung, dem Drange der rcactionären Wirthschaftspolitiker nachgebend, eine Reform der Gewerbegcsetzgebung auf Grund der zwangsweisen Berufsorganisation. Wie wenig sich jedoch Volk und Regierung über die Wirkungen einer solchen Maßregel klar sind, und wie man bloß fordert und gewährt, weil sich die „Innung" nun einmal die Bedeutung eines gewichtigen Schlagwortcs erobert hat, das geht recht sonnenklar aus einer „Besprechung" heraus, welche Ende Jänner in Breslau die ständigen Deputaten im Breslauer Jnnungsausschuffe und die Obermeister der Breslauer Doppelinnungen in Anwesenheit der Commissarc des Ministers für Handel und Gewerbe pflogen. Gegenstand der Besprechung war, wie wir der „Schlesischen Zeitung" entnehmen, der nach seiner ersten Lesung im Handelsministerium nunmehr vorliegende Gesetzentwurf des Herrn v. Berlepsch zur Reorganisation des Handwerkes. Ministerialcommissar Geheimrath Sieffert stellte in Aussicht, daß der neue Entwurf im Mär; an den Bundesrath gelange und vielleicht noch dieses Jahr vom Reichstag erledigt werden könne. Der neue Entwurf sehe die Zwangsorganisation -des Handwerkes vor, allerdings unter der Voraussetzung einer Mindestzahl von Mitgliedern für jede Innung, die aber im Gesetze selbst nicht festgelegt werden solle. Die Zwangsinnungen sollten reine Fachinnungen oder Innungen für verwandte Gewerbe werden, von trer Zulassung gemischter-Jnnungen als solcher sehe der Entwurf ab, wohl aber sollten die nicht in Fachinnungen znsammenzufassendcn Handwerker eines Bezirkes, etwa eines Kreises, in dem Jnnungs- oder, wie er jetzt genannt werden solle, Handwerkerausschuffe des Bezirkes gleich den Fachinnungen durch Telegirtc vertreten werden. In der sich hieran knüpfenden Debatte wurde von den Jnnnngsmeistern durchwegs der gemischten Innung vor der von dem Minister vorgeschlagencn Organisation der Vorzug gegeben. Aus den in der Debatte von den Ministerialcommiffaren gegebenen Mitthcilungen sei noch Folgendes hervorgchoben: Der Handwerkcrausschuß soll die Jnnungsrechte und .-Pflichten der nichtincorporiktcn Handwerker seines Bezirkes wahrnehme» und überdies sämmtliche Handwerker seines Bezirkes vertreten. Tie Innungen verwandter Handwerker sollen über größere Bezirke, jedoch höchstens über einen Regierungsbezirk, zugelaffen werden. Außerhalb der Jfinung zu bleibe», soll an Orten mit einer genügenden Zahl von Meistern des betreffenden Gewerbes nicht mehr gestattet sein. Nach der vckr einiger Zeit in verschiedenen Theilen Deutschlands, und zwar im Ganzen auf etwa dem dreißigsten Thcile seiner Fläche, vorgenom mcnenl Enquc-te würden, vorausgesetzt daß zehn Meister zur Bildung einer Innung für genügend erachtet würden, von 27.257 mit Hilfskräften arbeitenden Meistern 23.799 oder 87 3 Percent in Innungen kommar. Erachtet man freilich mindestens 20 Meister zur Bildung einer Innung für erforderlich, dann können von jenen 27.25? Meistern nur »och 20.573 oder 755 Percent in Innungen zusammengefaßt werde», bei 30 Meistern aber nur noch 64 9 Percent. Ferner erörterte; Gcheimrath Sieffert die Frage, ob die Meister, welche weder Gesellin noch Lehrlinge halten, in die Innung zu nehmen seien oder nicht.! Der Minister ist gegen die zwangsweise Hcreinnahme dieser Meister in die Innungen: die Beittagsleistuug würde ihnen schwer fallen,; umsomehr als die Innung ihnen nur wenig zu bietc.n vermöge salso den Schwächsten). Die Breslauer Redner sprachen sich abermals im Gegensätze zu den Regierungsvertretern fast ausnahmslos dahin aus, daß in die Zwangsinnung auch die Kleinmeistier aufzunchmen seien. Die Ministerialcommiffare betonten demgegenüber hauptsächlich die Gefahr einer Majorisirung der anderen Meister in einer Innung durch die Kleinmeister. Eine längere Erörterung knüpfte sich an die Frage, was auö den bestehenden Innungen werden solle. Gcheimrath Sieffert wies darauf hin, daß bei ihrer Umbildung in Zwangsinnungen ihre rechtliche Stellung eine ganz andere werden würde. Der Zuwachs von Mitgliedern würde sehr groß sein, ^etwa^ebenso stark wie der vorhandene Bestand. j^Das Vermögen der bisherigen Innung sei der neuen zu überlassen. Zur Antheilnahme daran seien künftig Leute zuzulassen, die sich bisher^sernhielten. Wie sollte es nun mit den alten Caffeneinrichtungen werden, z. B. den Sterbecassen? Jetzt sei der, welcher der Innung beitrete.