Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 202 (16.2.1896)
- Date
- 1896-02-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Abonoement-peki». Kür Oesterreich.Ungarn: Vaiiijährig . . . S Kronen (fl. 3-) dolbidbriö .... 3 Kronen 40 Heller (st. 1.70) BierteljShrig... 3 Kronen (fl. i.—) rsür da« gelammte »uoland: VanuShrig. Haldjälzri- . . /. Einzelne Nummern 6 kr. 6 Mark 4 Mark Unfrankirte Vriefe werden nicht angenommen. 4 Erscheint an jedem Sonntage. Rebactiou und Administration: l. 'jEtilcrftätte 10. 3n|cratr merken mit M Heller (10 (r.) Ulr die viermal gespaltene «anpareille^ile bereis net. meiner Hn|ei|er da» wart 4 Heller (* Ir.). klufnakmc van Inseraten in unterer klkminiftration fomie im flnnanccnkureau M. Duke». 1. Wallzeile 8. Nummer 202. Wien, 16. -februnr 1896. V. Jahrgang. Vorortler, besinnt euch! (Ein ernste» Wort;» den Wahlen.) I. Bei den letzten Wahlen in die Gemeindevertretnng Wiens haben fast alle vorortlichen Bezirke Lnegerianer in die Stadtvertretnng entsendet. Diese bedauerliche Erscheinung findet theilweise ihre Erklärung in der alle Begriffe übersteigenden Frechheit, womit die anlijemitischen Straßenhänptlinge in den verschiedenen Versammlungen faustdicke Lügen und empörende Verleumdungen vorbrachten und offenkundige Thaljachen in kecker Verdrehung ans den Kopf stellten. Vor den leichtglünbir.en Wählern wurde ein solcher Phrasenbrei auseinandergerührt, daß nur wenige Selbstbeobachter, Selbstdenker so viel Besinnung behielten, um sich tatsächliche Wahrheiten nicht hinweg- und Lügen anfdispntiren zu lasten. Im Jänner 1801 haben in Groß-Wien nicht weniger als 45, Versammlungen stattgesunden, in denen dem Kaiser für die Sanc tion des (Gesetzes, betreffend die Einverleibung der Vororte, gehuldigt und gedankt wurde. Auch Dr. Pattai hielt eine solche, in der er bemerkte, seine Partei sei nie gegen Groß-Wien gewesen, sondern nur gegen daS neue Gemeindestatut. Dagegen müste protestirt werden, daß die Antisemiten eine große Idee verkannt hätten. Hierauf wurde in einer Resolution die Schaffung Groß-Wiens „freudig begrüßt". Trotzdem haben von Anfang an die Antisemitenhäuptlinge eine tolle Hetze gegeit die Vereinignng Wiens mit den Vorortlern loSgelasten; diese That sei, wie Lueger im Gemeinderathe einmal sagte, ein „Fluch" für sie gewesen, sie hätten nur Rachtheile ohne den geringsten Vortheit davon; das ganze Werk der Einverleibung sei ein „liberaler Sport", eingeleitet zu dem Ende, den „drohenden Bankerott Alt Wiens abzu wenden" und damit die „liberal» Gemeindewirthschaft noch eine Zeit lang fortznfretten". Wir wollen in nachstehenden feilen ein wenig das Gedächtnis; der Vorortewähler auffrischeu und ihnen klipp und klar den Beweis liefern, daß die Vorortler 'vielmehr aus der Vereinignng mit Wien große Vor theile gezogen haben, daß ihre Gesammtbelastnng eine geringere, da gegen der Grnndwerth und Werth der Häuser ein erheblich größerer geworden ist. Lueger -hat die Vereinignng der Vororte mit Wien eine „überstürzte" genannt. Früher noch als im Jahre 1-^84 gab es über die Frage der Vorortevereinignng Engm-ten,. ganze Stöße von Elaboraten, Questionnaires, ein Erecutivcomiti' der Vorortebürgermeister, S ubromiti'-s:r. Schon lange zuvor ertönte aus der Brust Hunderttansender der Ruf, und im Reichsrath wie im Landtag hallte er wieder: Rieder mit den Linienmüllen! Die Regierung selbst konnte sich der Erwägung nicht verschließen, daß eine enorme Ungerechtigkeit darin liege, den einen, X., Bezirk Wiens außer der Verzehrnngsfteuerlinie zu belasten, ein Privileg zu schaffen, das wie die damaligen Zustände überhaupt förnilich nach Beseitigung schrie. Die Zustände innerhalb der Linie,, die drohende Versumpfung der Hauptstadt einerseits, die Zustände außerhalb, ein wahres EhaoS, ein Rattenkönig von Eonflicten ein zelner Vorortegemeinden imtereinander, drängten gebieterisch nach Abhilfe. Um nur die SanitätSpslege in den Vororten zu erwähnen, hatte nnter sSmmtlichen Gemeinden nur eine einzige — SechshauS — ein Spital, und das war auch darnach, nur eine einzige hatte einen SanitätSdieuer auf 400.000 Vorortler! Die BxzirtShanptmannschaft SechShanS hatte einen förmlichen Kampf mit den Gemeinden des SanitätSwefenS wegen zu führen; sie hatte 1880 gedroht, auf Kosten dieser Gemeinden zwangsweise ein Spital bauen zu lasten; viele Vor ortegemeinden hatten absolut nicht die Mittel, Eanalbauten. vornehmen zn lasten; Penzing z. B. hatte mit Alt Wien wegen des Anschlustes an den Hauptsamuielranal einen jahrelangen Kampf des strittigen Rechtsverhältniffes. wegen zu bestehen; nach der Vereinignng war der Eanal, welcher der Gemeinde Penzing ein unerschwingliches Geld gekostet hätte,* in einem halben Jahre fertig. In anderen Vororten stand es mit der Eanalisalion auch nicht bester, dagegen womöglich noch schlechter mit dem Straßenpflaster. Vor uns liegt eine Reihe von Zeitungen ans den Jahren 1884 und 1880 mit verschiedenen „Eingesendet" aus den Vororten, in welchen über die Kleiustädterei vor den Linien gejammert wird. Wenn die Wühler über einweniger löcheriges Gedächtniß verfügten, müßten sie sich auch erinnern, wie es mit den Schulen stand. Ta fanden sich Zustände, die aller Beschreibung spotten. Es gab Gemeinden, welche statt für ungefähr 500 Kinder nur für 200 Schul räume besaßen; über die Frage, wie.viele der vorhandenen auSsähen, schweige des Sänger« Höflichkeit. Das größte Elend -war aber der Wasterniangel. Vor uns liegt ein Hilferuf von Anno dazumalaus Ottakring: „Waffer! Wasser, wir gehen zugrunde! Unsere Häuser sind nichts werth. Wir können ja keine ZinSparteien erhalten ohne Wasser, ohne Eanüle, ohne Pflaster!" Bei den fadendünnen Anslauf brunnen wurden alltäglich Schlachten geliefert. Viele Vororte hatten gar kein entsprechendes Aintshans. In einem Vororte besaß mau nicht 40.000 fl., um ein solches zn errichten; nach der Vereinigung erstand dort eilt AmtshauS für 250.000 ft. Die Döblinger werden sich wohl noch entsinnen, daß es später nach der- Vereinigung gerade die antisemitischen Vertreter im Gemeinderathe waren, welche sich der Errich tnng des Döblinger Gemeindehauses als Rothsiandsbaues widersetzten. Gerade einer der wüthendsten Antisemiten, R. v. Smolski, hatte am. 2. Mär; 1800 in einer Hausbesitzerversammlung der Vororte am lautesten geschrien: „Wir brauchen Verkehrsmittel, wir wollen Hochgnellenwasier!" Dabei ließen die sinanziellen Zustände in manchem Vororte sehr zn wünschen übrig: nur Bauingarten allein war in der Lage, keine Gemeindeunilagen einheben zn inüsten: dafür hatte es erst nach der Einverleibung um 07.000 fl. Gasbeleuchtung und einen Park erhaltzm. Es ist eine zitfermäßig bei der städtischen Buchhaltung niedergelegte Dhatsache, daß das Budget der alten Stadt Wie» vor der VorÜrl'e einverleibnng ein sehr günstiges, dagegen bei malen Vororte» das Gegen theil der Fall war und Groß Wien auch einen Paisivllaiid von einverleibten Gemeinden übernahm. Um so dnmmdreiller war eine Lüge Vergani's, der n. A. sagte: „Es war der Traum des Dr. Prir, den leeren Easten der Stadt Wien durch Einverleibung der Vororte abznhelfen." ' Es hätte wohl noch lange debattirt, refolutionirt, rommistionirt und guestionnirl werden können, ohne daß eine Vereinigung zustande gekommen wäre: denn die Statthalterei erhielt, wie Graf KielmanSegg -in einer LandtagSsitznng vovbrachte, jahrelang auf diesbezügliche Znschriften keine Antwort: es. war kein „liberaler Sport" oder ei» Traum des Dr. Prir, sondern ein Machtwort ans dem Munde be«_ Kaisers selbst gelegentlich der Eröffnung de« Parke« ans der Türkenschanze, wodurch der gordische Knoten endlich entzweigehauen wurde. Heute hat man leider in den Kreisen der verhetzten Vorortler total vergesten, daß die Verzehrungssteuerrefori», ein Werk der Regierung, beileibe keiner liberalen, ein Werk des von keiner Wohlwollensregung für Wien angekränkelten Dr. Dnnajewski, vor der Vororteeinverleibnng,