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Freies Blatt · 1896-02-09 · 201 (9.2.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
201 (9.2.1896)
Date
1896-02-09
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Freie» Statt. Nr. 201. S»r Kenerbeftattoig-fraste.) Dir clericsle „Salzburger Chronik" ließ sich am 5. b. M. au» Wien schreiben: „Der Feuerbestattung»-Berein .Flamme' in Wien hat bei dem Magistrate um Ueberlaffung einer Grundfläche auf dem Centralfriebhofe für eine Urncnhalle zur Beisetzung ber Aschenreste verbrannter Leichen angesucht. Auf' bem Wiener Eentralfriebhofe besteht aber eine israelitische Abtheilung. Weshalb berFeuerbestattung «-B er e i n .Flamme'' nicht b i f f c, ioribtrn bie christlichen Gräberreihe» zur Verwirklichung seiner heibnischeu Ideen ansvricht, wird schwer zu erklären sein. Vielleicht hätte mau die ungeheuerliche Zumurhung nicht gewagt, wenn bie gewesene jubenliberale Aera ber Gemeinbeverwal'ung dem Wiener Centralfriebhofe den christlichen Charakter mehr gewahrt hätte " Da» Organ für unverbürgte Citate will bamit wohl sage», baß man au» Rücksicht für bie religiösen Gefühle ber Juben bie christliche Abtheilung burch eine „heidnische" Institution wie die Urnenhalle schänden wolle, gegen die sich natürlich bie Juben verwahren würben. Dem gegenüber ist zu bemerken, baß die Juden, wie wir erst unlängst berichtet, percenttiell viel stärker dem Brauch« der Leichenverbrennung anhäugen als die Nichtjuden, und daß der Verein „Flamme" nicht bei der jüdischen und nicht bei der christlichen Abtheilung, ioudern beim Magistrate der Stabt Wien um Ueberlaffung einer Gninbfläche de» Friedhöfe» ansuchte. Ohne eine kleine Ungenauigkeil geht es bei den fromme» Scribente» nicht. (t „Deutsches Bolksrecht".) Da» ehemalige Organ A h l w a r b t« uub Böck rl’», welcher sich zuletzt im Besitze de» „deutschen Gastwirthe»" befand, hat, wie än»'B e r l i n gemeldet wird, zu erscheinen ausgehört. Ein Hamburger Antisemitenblatt soll einige noch übrig gebliebene Abonnenten und den Namen „Deutsche» Volksrecht" erben. (+ „Norddeutsche Reform".) Tie antisemitische „Norddeutsche Reform" in Papenbutg (Lstfriesland) ist nach einjährigem'Bestände eingegangen. (>*011 ölet.) Tie „Torrespondenz de« Bunde» der Lanbw i rth e" schreibt: „Die .Bolksrundschau' hat in letzter Zeit kräftig gegen de» Antrag slanitz gehetzt und schreibt al» würdige» Seitenstück b^n neuerding» : ,Am 18. Februar soll übrigen» auch die Generalversammlung de» Bunde» der Landwirthe stattfindeu, und' zwar diesmal im Circa» Busch in Berlin. Da wird e» stürmisch zngehen. Dauer» diese Stürme fort, dann wird bald niöglicherweiie ein conservativ-christlich-social-agrarische» Chao»- entstehen.' Tiefe« ,Ehao»' ist wohl schon lange bei der .Bolksrundschau' eingetreten, an» deren .Politik' kein Mensch mehr klug werden kann. Ta» Blatt bringt an hervorragender Stelle de» Namen seine» ,Geschäsl»führer»' — nicht, wie sonst üblich, de» Redacteur». Da» ist aber bezeichnend: c» soll wohl andeute», daß bei der .Bolksrundschau' da» .Geschäft' die Hauptsache ist. Als Motto empfehlen wir .uon ölet'. Unsere Freunde aber möchten wir vor der .Bolksrundschau', wie sie heute geworben ist, ganz eiitschieden warne» und ihnen empseblen, der Verbreitung de» Blatte» entgegenzuarbeiten." Ta» Organ der antisemitischen Agrarier Teukschland» lhut so, al» ob e» im eigenen Lager nicht Bescheid wüßte und noch nie eyva» vom GeschäftsantisemitiSmu» gehört hätte. Die „Bolksrundschau" ist doch nicht da» einzige antisemitüche Blatt in Berlin, welche» das Wort „non ölet" beherzigt. Ter dortige S e d l a tz e k'sche „Generalanzeiger", welcher systematisch die Ehrabschneiderei betreibt und neulich wieder wegen Verleumdung eine» achtbaren jüdischen Kaufmannes zu 300 Mark Geldstrafe verurtheilt wurde, speculirt aus die Schmäh- und Klatschsucht der gemeinen Antisemiten. Auch ^Freideutschlaud" ist derzeit »ach einer Erklärung Paul Förster« nur ein geschäftliche» Unternehmen: der genannte Änrisemitenführer gibt Folgende» bekannt: „Die Zeitung .Freideutschland' ist au» dem Berlage einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung, dir au» Parteigenoffen bestand, in die Hand eines einzelnen Besitzer« übergegange», der nicht verpflichtet ist, sie im Sinne unserer Grundsätze und Forderung-n sortzuführe»: die Zeitung darf sich also nicht mehr mit Fug und Recht al« unser .Parteiblatt' ausgeben. Au» diesem Grunde habe ich auch untersagt, daß mein Name al« der de« .Begründer«' der Zeitung fernerhin im Kopse der Zeitung geführt werde; und wenn er*dort weiterstehen sollte, so geschieht da« durch Mißbrauch." Sollen wir schließlich der österreichischen Antisemitenblätter erwähnen, die nur SpeculalionSzwecke verfolgen? Man kennt in Wien die Be rg^ui'sche Theorie von der Hose mit zwei Säcken; es ist ferner, um ein zweite» eclalante« Beispiel zu elwähnen, wohl bekannt, daß der „ÄiftritP antisemitische „Witze" feilbieret, weil die Erzeugniffe seine« „humoristischen Kleingewerbe«" bei verwöhnten liberalen Herrschaften keinen Absatz finden konnten. - (Stirrkämpfe im Jahrr 1895.) Wir lesen in einem Antisemitenblättchen: „Nicht weniger als 781 Stierkämpse fanden im Jahre 1895 in Spanieu, Portugal und Frankreich statt. Die Zahl der getödtelen Stiere 'beläuft sich aus 3657, die der dabei zersteiichten Pferd« auf 8000." Die antisemitischen Andächtigen werden aus der lehrreichen Zusammenstellung wohl die Ueberzeugung schöpfen, daß auch an diesen mit empörender Vergeudung von Nationalverinögen verbundenen Ausschreitungen roher Vergnügungssucht nur die Juden Schuld tragen. Lehren doch die Apostel de« Raceuhaffe»: „Da» Unheil kommt von den Juden", und die Armen am Geiste sind besonder» in der Anrisemitenwelt sehr gläubig. jfeiullctnu. Zur Geschichte der f (Snxancipation in Deutschland vor dem )ahre 1848. (Rach älteren Quellen bearbeitet.) (5. BortfUjutij-) Noch kein Berathungsgegenstand seit Einführung der Verfassung hatte in Württemberg ein so lebhaftes Interesse erregt. Insbesondere war seit dem Bekannttvcrdcn des Entwurfes die Presse sehr thätig gewesen, und die Mehrzahl der Stimmen erklärte sich wohl gegen die freisinnigen Vorschläge der Regierung. Und doch sollte es sich keineswegs um eine vollständige, schon durch die Verfassungsurkunde ausgeschlossene Emancipationdcr Inden, sondern nurum ein bürgerliches Erziehungsgesetz handelri. In der Thal konnte damals die Gesetzgebung in Württemberg kaum weiter gehen. Die weit überwiegende Mehrzahl der Juden wlsr, wie nicht anders möglich, ausschließlich dem Schacher ergeben und lebte in Armuth und Dürftigkeit. Die meisten hielten sich in kleinen, früher reichsritterschaftlichen Orten auf, wo sie der Grundherr des Schutzgeldes wegen ausgenommen und sich um ihre NahrungSqucllen wie um ihre sittliche und geistige Ausbildung 'nicht bekümmert hatte. Der Gesetzgeber wollte daher nicht den Inden in Masse bürgerliche Rechte einräumen, sondern nur den bereits dazu Erzogenen. Als Merkmal hiefür stellte er ans: Wer sich den bürgerlichen Gewerben oder dem Ackfrban oder Künsten und Wissenschaften widnic, der sei zu den Erzogenen zu zählen, während der auf dem Schacher Beharrende eben nur die Ansprüche machen dürfe, welche nach dem Naturrecht allen Menschen gewährt werden müssen. Mit religiösen Ansichten, urthcilte er, habe es der Staat nicht zu thun, sobald nur der Jude zu den bürgerlichen Richten erzogen sei, so müssen sic ihm auch gewährt werden wie den Christen. Diesen Zweck durch gute Cult- und Schuleinrichtungen zu befördern, sei die Pflicht des Staates. Gleichwohl wurde der Entwurf , von der öffentlichen Meinung hart angegriffen, und die Regierung brachte denselben nur unter heftigem Kampfe und unter wesentlichen Beschränkungen durch. Man hat es damals bemrrkenswerth gefunden, daß" die Opposision hauptsächlich von den Handelsgremien aller bedeutenderen Städte des Landes ansging, während von den Ackerbau treibenden Oberämlern und den Zünften keine Petzsion gegen das Gesetz ringing. Allein man darf daraus nicht schließen, daß gerade die ländliche Bevölkerung weniger bei der Sache intcrcssirt gewesen sei. Wenn sich auch das Landvolk in seiner Unmündigkeit nicht selbst rührte, so wurden doch in der Ständeversammlung in seinem Namen genug Gravamina gegen die Juden geltend gemacht., Ter hefsige Widerstand der städtischen Handelsgremien war indessen hiebei ein völlig verwerflicher, weil er einzig und allein von der feigen Furcht vor der Concurrenz der Inden auSging. Begreiflicherweise härte nämlich das Gesetz, wenn es irgend praktisch werden wollte, den meist in Dörfern und unbedeutenden Ortschaften aufeinander gedrängten Juden ein Zwangsübcrsiedluugsrecht einrüumen müssen, und eben dies war es, woran sich die Engherzigkeit des christlichen Krämergeistes stieß. Treffend sagte hierüber der Minister des Innern: „Wäre die bürgerliche, die geistige und moralische Veredlung des Jndenvolkes, die der Gesetzentwurf beabsichtigt, wirklich nichts als der kosmopolitische Traum eines guti..üthigcn Menschenfreundes, wie unsere Gegner sich zu bereden suchen, mären die Juden wirklich so tief, so unrettbar gesunken, daß weder, die Belohnungen, noch die Strafen, . die \ wir ihnen bieten, sie aus ihrer Lage herauszureißen vermöchten, so würden jene Liberalen uns recht gerne ein so unschuldiges Phantasiespiel gönnen. Wenn nur ihr Gewerbe nicht Noth litte, so würden diese Patrioten alles Uebrige vertrauensvoll der Regierung anheimgeben. Wenn nur die Städte den Juden verschlossen würden, so möchten sie dann auf dem platten Lande nach Belieben schachern und wuchern, nach Herzenslust an dem Mark des Landes saugen, ihr Vieh den Bauern in die Ställe stellen und ernten, wo sie nicht gesäet haben. Die einfälsigen Bauern und Taglöhner da draußen möchten dann selbst zuschen, wie sie sich dieser ungebetenen Gäste erwehren! WaS man unverzeihlich findet,-das ist, daß der Gesetzentwurf nicht wie daS Gesetz i von 1809 dem Juden die freie Wahl zwischen Schacher und ordent I

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