Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1896-02-09 · 201 (9.2.1896) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
201 (9.2.1896)
Date
1896-02-09
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
84% known words query
IRI
…/4886575-5439173-5439267--2488-4888865
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

»eit« 7. Nr. 201. freies MajestätSbeleidigung. Nunmehr ist das von dkr StaalSanwaltjchast zu Görlitz! eingeleitrte Ermitilungsversahren, in dessen Verlauf mehrere gerichtliche Zeugen-! Vernehmungen und auch die Vernehmung deS Beschuldigten erfolgt sind, wie das „Laubauer Tageblatt" berichtet, eingestellt worden. ES lvar also nichts mit dieser großen antisemitische» Heldenthat. (Eine Umtaufe.) „Bayerische Resormpar:ei" nennt sich seit etwa vierzehn Tagen die bisherige „Bayerische (antisemitische) BolkSpartei". Tie Umläufe wurde nach einer Darlegung de« ParteisührerS L e n » g als durchaus »othwendig erachtet, weil die bisherige Benennung die Ziele der Partei nicht schon in» Titel klar auSdrücke und die Bezeichnung- „antisemitisch" vielsach den Glauben erwecke, alS handle e« sich nin Judenhetze, während die Partei nur rein wirthschastliche Ziele versolge und die Lösung der „sociale» Frage" nach de» Reformgruudsätze» des Parteiprogramme« herbeisühre» wolle. Erst in ,weiter Linie, als „naturgemäße" Folge dieser Bestrebungen, trete die „Jiidensrage" in das Programm. Diese Umtause ist insoserne beachlenswerlh, als die bayerische» Zudenhasser zwar auch sernerhin die „Judensrage" als AgitationSmittel gcbiauchen wolle», daß sie sich aber der Judenhetze schäme» und nicht schon durch ihren Titel als Antisemiten gekennzeichnet sein wollen. Scham ist in solchen Fälle)» inimerhin ein guter Anfang und läßt eine moralische Gesundung ethosse». . (Conkurren; ill Amerika.) Man schreibt unS; Ahlwardt beiniiht sich im Schweiße seiner Angesichtes, aus seiner antisemitischen Lehre in Amerika Capital zu schlagen. Z» gleichem Zwecke soll sich nun auch der in Sachsen wohlbekannte F. A. Geißler dorthin begeben haben. Derselbe, ein Mitbegründer des Ziirauer AntiseinilenvercineS, war früher Marine-Unterosficier, Grenzansseher, später Eigarrenhändler, zuletzt „Gedankenleser" und sührte als solcher den Titel „Professor". Die sächsische Polizei fahndet aus ihn wegen Betrüge«. Wäre Freiherr v. Schorle mer-Alst, ein Sohn der ehemalige» LeiilrumSfvhrerS und antisemitischer Sclibent, der sich »insangreiche Wechselsälschungen zu Schulden kommen' ließ, nicht rechtzeitig verhaftet worbe», so wäre er vielleicht ebenfalls nach Amerika gegangen, um Ahlwardt Concnrrenz. zu machen. <!us antisemitischen Blättern. (Lolterieschwrsler» mit) Lottkrikbrüdrr.) Tie „Ostdeutsche R » n ds ch a u" ertheilt einer gewissen Josesa F., welche'die Beröfseiiilichung der Loltouuminern verlangt halte, die Zurechtweisung: „Schämen Sie sich denn nicht, Ihr Ansuchen mit den Worten zu begründen, daß unter u»S Antisemiten so viele Lolterieschwester» sind?" Die Art, wie gewisie Schriftleiter ihr Geschäft betreibe», läßt sie ab>r selbst al« Lolleriebrüder ericheinen. Ta siegte vor einigen Tagen im ReichSrathSwahlbezirle Steyr der Caudidat der vereinigte» reactionären Gruppen, Realschullehrer Erb. Die „Ostdeutsche Rund- - schau", welche bald durch christliche Phrasen aus Abonnenttusang ausgeht und vor Lueger tatzenbuckelt, bald wieder Schönerer captivireu will und die Erklärung abgibt, daß ihr jede Lonsession „schnuppe" sei, sprach zuerst vom Mißvergnügen der Steyrer Teutsch-Nationalcn über die Wahl Erb'«, überlegte sich jedoch die Sache und erzählte tan»; baß c« eben die Tentich-Nationalen waren, welche vor allen Andere» die Eaudidatur Erb'« freudig begrüßt hatte». Angesicht» diese» Loltospiel«, um aus irgend eine Weise einen Abonnententrestcr zn machen, siebt e« der „Ostdeutsche» Rundschau" übel an, der obcrwähnten Josefa F. Mangel an Scham zun» Vorwurf zu »lachen. , (Triugcnd.) Wir erhalten folgende Zuschrift: Ter in Nr. 200 dt« „Freien Blattes" ans Seite 5t, Spalte 2 keproducillenAussordening eines hiesige» anrrseinitischen TagblatteS an ..zeitgenössische Schriitsteller" will ich i»nsoeher »achkoinnien, al« ich, von der Tringlichkeit de» Bedürfnisses eines „SchlagwortcS, da« die merkwürdige Eigenschaft der Teutscheu: sich von Pariser», Polen und Jude» nasführe,, zu lassen", längst überzeugt, mit Begeisterung meine ErsinbungSgabe in den Dienst dieser heiligen Sache stelle. Da die Äntisemiten unter „Deutsche»" nur ihresgleichen verstehen, so ist damit auch von vocnehereiii das Grenzgebiet abgesteckt, innerhalb welchen sich die „Erfindung" bewegen darf. Po» einer eigentlichen Erfindung im Sinne einer neue» Wortschöpfung kan» natürlich auch bei mir nicht die Rede sei», ebensowenig von irgend einer Berdeutschling eines etwa vorhandenen Fremdwortes. Er dürste genügen, eine etwa« neue und wenn nicht ganz neue, so doch vielleicht noch nicht abgenützte Wortzusammensetzung in Borschlag zu bringen; den» daS Ding an sich, der Wechselbalg, der benannt werden soll, ist gleichfalls durchaus nicht einfach mißgeartet, was jeder antisemitische Fulharker bestätigen muß. Es wäre ferner eine Ueberhebnng, wenn: ich mir einbildete, daß gerade »ur ei» Wort, daS ich just vorbrächte, für treffend befunden werde» wird, und daß dessen Einverleibung in den Sprachgebrauch keinem Zweifel unterliege Ties ruhen im Dunkel der Sprachpsyche die letzten Gründe, die für die Ausnahme eine» Worte« entscheiden. Ich halte mich auch nicht für berufen, diesem räthselhasten Borgange vorzugreise», nur muß ich ihn dem geäußerte» Wunsche zufolge eipzuleite» suche», »nd darum bringe ich eine Reihe von Neubildungen zur srenndliche» Auswahl de« geneigten Leser«: Blar«. Zweilaschensecle, Ritter vom lederneli Schnabel, Quackerratschling, Plunderzuirder, JtalopolonSki. Tcutonenstöpsel, Urgermeinolog, Urchrowoloteutling, Hinimelschnappcr, Montberglappcn, Parleistritzi, Baterlandversenchler, Echsen brülling, Lustverpestling, Patriotische Schnuddequappe, Benschelquelicher, Schn, rro polski, Pauschalienspitz, Bahngaßler, Heppheppschnalterer, Gatjengewaltiger Zanberköter, Fetischschwänzler, Lauslandpalriot, Schundschauhunding, Wampenschlepper, Patriarschling, Schiefer Mapelkracher, Schrankeniäuichler, BolkSschexwänzler, Reiseschristsiehler, Tchlampenwetzer, ZeitungSdatterich, Judendeichnüffler, Wanzoseuriecher, Pauschalknöterich, Ehrcnkork, Mauldrescher, Ritter von der gegerbten Schnarche, ituttenjäger, Äuttenichlepp, Judenmeuchler, Grammelbezwinger, Grammellöwe, Durchsallredner, Aulorenbezupser, Schnipselheld, Oberstibietzenmeister, Kittelsnmpcr, Schnatterwurz. ' 8. 8. tGregorig'S Mtidliuger Erledniß.) Mau erinnert sich »och, wie sehr die Antisemitenpreffe bemüht war, ein Erlebniß deS Psaidlcr« Gregorig aus dem Meidlinger Bahnhose zu einer sörmliche» StaatSactio» anszubauschen. Die Sache stellte sich aber als ein gewöhnlicher Raushandel heran« »nd fand dieser Tage vor ' einem Appellsenat de« Landesgerichtes eine» endgiliigen Abschluß. Ein auS diesem Anlaffe vom Bezirksgerichte wegen lörperlicher Beschädigung zu einer Geldstrafe von 5 fl. verurtheilter Bildhauer wurde sreigeiproche». Der GerichtShos ging nicht auf die AuSsührungen de« „Ariers" Porzer ein, der als Rechtsanwalt Gregorig'S für de» Angeklagten eine empfindliche Bcstrasung berbeizusühre» suchte, sondern nahm an, daß der Bildhauer lediglich die Absicht hatte, den kampslustigen Gregorig am Dreinschlagen zu verhindern. (Zur kontroverse Birchow-Rößlcr.) Man schreibt u»S au» Salzburg: Tie clericale „Salzburger Chronik" versucht es, in ihrem Leitartikel vom 31. Jänner unter dem Titel: „Noch einmal Birchow" auf die für alle. Wel ganz »»zweideutigen Erklärungen Birchow'S zu entgegnen. ES wird gesagt, Birchow bekenne, daß die ihm unbequemen Citale de« Bischofs ans Angaben au« dem Buche eine« protestantischen Landpredigers sich stütze». ÄlleS Mögliche wird hieraus i»S Treffen geführt, natürlich aus die Jude» in gewohnter christlicher Milde geschimpft, Luther für die katholischen Auiisemiie» in» Treffen geführt, aber man sucht in dem Leitartikel vergebens »ach einer Widerlegung der Worte Birchow'S, nach einer wirksamen Bertheidigung deS Bischofs, welcher Sätze citirte, die von Birchow »jemals gesagt und geschrieben worden sind. Die ganze Erwiderung ist z»sami»engesetzl au« persönliche» Ausfällen, jesuitische» Luflhiebe»; eine sachliche Lewcissühruiig aber bleibe» die Clericale» in unbefangenster Weise schuldig. Sie sind eben gewohnt, hinter ihre publicistischen Aussälle daS Dogina zn stellen. Allerdings imponiren sie Jenen, welche längst die Freiheit ihres Gedankens geopfert habe». Denkende Bäler aber werden sich wohl hüten, die geistige Ausbildung ihrer dem Kampfe mir dem Leben entgegengeheitde» Söhne einer Hochschule anzuverlrauen, deren Gründer nicht einmal den Jichalt ihrer wiffenichastlichen Citale vertrete» können, weil sie die Literatur nur an« zweiltr Hand lei ne», welche erschrocken die ruhig obverlangte Rechtsertignng in der AuSrede auf ziveifelhafte Quelle» bieten und damit die Berantwortung für daS von ihnen Gesagte von sich ablenken wollen. Der Protestant ist manche» Vertretern der clericale» Partei zwar nicht einmal gut genug, um neben Katholiken bestattet;» werden (siehe Linzer Friethosfiage), aber als Helfer in der Noih, um auS ein^r Enge zu entwischen, ist selbst ein protestantischer Pastor al» letzter Rettungsanker lehr willkominen, Wir meinen, wen» die clcricalen Hitzköpfe ihren fatalen Mißgriff mit deinüthigein Stillschweigen. Übergänge» hätte», es ivärc wohl klüger gewesen. Rach Professor Birchow'S niederschmetternder Entgegnung sinden sie ja doch leinen AnSweg mehr. Ter Treppenwitz der „Salzburger Chronik" schuf nichtsdestoweniger am 1. Februar »och einen Leitapilel nnter dem 'sich förinlich entschiildigenden Titel: „Rur eininal noch Pcosessor Birchow'. Weniger böslich ist aber die darunter platzende KnaUbombe, ein Meisteistück clericalcr Rriegsknnst. Diesmal werden wieder neue Zeugen aäfgrboten, so der todte Windlhorft, die „Germania", Mallinckrodt, lanler gewichtige Stimme», ganz im Sinne der clericale» Sache. DaS kleine Provinzblüttchen grberdel sich bei seinem Wiilbansalle ganz erheiternd. Ter To» beweist wiedernin. daß Leute, welche ihr Unrecht fühlen, eS aber nicht zngestehcn wollen, durch Grobheit zu imponiren glauben Tie Herren Seligmacher und Co. vergeffen dabei, nur,' daß auch effrige Leser ihres Blatte« sich über solche Form mißbilligend anSsprechen und daß. wer den Anstand wahr», bereit« einen moralischen Sieg über den erfochten, welcher denselbe» nicht kennt. Selbst i» dem Falle, daß Birchow'S Briese nicht zur bloßen Abwehr geschrieben worden wäre», ist ei» solches Benelffnen nicht gerechtfertigt. Ganz beunruhigt ist die „Salzburger Chronik" auch durch die Tharsache, daß Birchow vom Tode Pachtler'S nicht« zu wisien scheint. Wir fragen: Gehören denn die „Stimmen ans Maria Laach" zur wiffenschastlichen Literatur? Ist Pachtler ei» Man» der Wissenschaft'? Auch Tod«' Bedeutung in der Wissen schaft wurde »ur von Pachtler und Rößler behauptet und gewürdigt. Die beiden Leitartikel der „Salzburger Chronik" vom 31. Jäliner und 1. Februar haben den Clericale» in keiner Weise genützt, denn sic bleibe» unS noch immer die Antwort schuldig, wo und wann Professor Birchow die ihm von Bischof Rößler zu Salzburg am 12. Jänner in den Mund gelegte» als wörtlich cilirle» Aussprüche geihan, oder wo dieselben »nler AnsührungSzeichea abgedruckt s-ien.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.