Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 201 (9.2.1896)
- Date
- 1896-02-09
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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.freie* Blatt. t Hr. 201. Seite 6. Zur gewerblichen Bewegung. tVcrein für Atbeitsvermittluug.) Ter Bereit, für Arbeitsvermittlung in Wie» (VI, Gnmpcndorferstraße Nr. 64) versendet soeben seinen XI. Jahresbericht über seine BereinSthätigkeit vom 1. Jänner bi« 31. Teceinber 1895. Ueber die Kermitilungsthätigkeit de? Vereine« im abgelaufenen Jahre haben wir bereit« bei einer früheren Gelegenheit berichtet. Wie wir dein Berichte entnehmen, ist die Berein«Ieitung in diesem Jahre auch einem lange empfundenen Bedürfnisse nachgekonimen durch die Eröffnung einer. Anmeldestelle in dem industiiereichen Bezirke Favoriten, deren Bermittlungsthätigkeit im Monate August begann. Wie segensreich der Verein ganz besonder« für das Kleingewerbe wirkt, mag au« dem Umstande hervorgehen, daß die Genoffenlchast der Graveure i« ihrer Vollversammlung vom 21. Oktober 1895 beschloffen hat, e« sei die genossenschaftliche Arbeitsvermittlung ganz dem Vereine für Arbeitsvermittlnng zu übertragen. «Für das Kleingewerbe.) Ter mährische Landtag hat aus Antrag de« Abgeordneten Tr. Promber zur Anschaffung von Motoren und Arbeit«- maschiuen für Kleingewerbetreibende einen Betrog von 8000 st. votirt, uud in der Sitzung vom 4 d M. wurden an Subventionen für 82 gewe>bliche und für 8 lausmänuische Fortbildungsschulen rund 16.000 fl. bewilligt. Außerdem wurde ein sehr tiamha'ter Betrag zur Subventtouirung gewerblicher Vereine und Museal-Institutionen ins LaudeSbndget eingestellt. Hat die deutsch-liberale Mehrbeit bezüglich der letzteren Totirungeu einen sehr wesentlichen Antheil durch Stellung der ieinerzeitigen Specialanträge, so entsprang die Votirung per 8000 st. direct ihrer Initiative. Ueberdie« hat in der gleichen Sitzung Abgeordneter Tr. Promber iolgenden Antrag gestellt: „Ter Landesausichvß wird ausgefordert, der-Frage der Errichtung von Handwerker-, beziehungsweise gewerblichen Fachschulen seine besondere Aufmerksamkeit znzuwende», sohin mit der Regierung, den beiden Handel«- und Gewerbekammern und den Vertretungen van Gemeinden, wo 'olche Schulen errichtet werden könnten, wegen Aufbringung der Gründung»- und Erhaltungskosten in Verhandlung zu trete» und hierüber dem Landtage Bericht zu erstatten, sowie auch über eventuell zu diesem Zwecke zu gewährende Subventionen Anttäge zu stellen." Aus antisemitischen Vereinen und Bersammlungen. t Patriotisches Tauschgeschäft.) Pfarrer Deckert, der literarische Genosse Paulu« Meyer'«, der Client Max Anton köw'« rc., sprach dieser Tage in einer Autisemitenversammlung im IX. Bezirke und erklärte, die Emancipation der Juden müsse ausgehoden werden. Paul v. Pacher schlug hierauf ein patriotische« Tauschgeschäft vor: Man solle den Juden da« Wahlrecht nehmen und ihnen.dafür den Militärdienst schenken. Ter rassinirte BerwaltungKrath a. D. versteht sich auf seinen Vortheil. Jüdische Wahlstimmen könnten ihn um fein glücklich «kbaichte« Landtagsmandat bringen; was aber den Militärdienst anbelangt, so braucht er sich darüber, wie ein En'atz für die Tausende jüdischer Wehrpflichtiger geschaffen werden soll, nicht den Kopf zu zerbrechen. Wacker! Verflucht gescheit ist dieser Pacher. lEin bestrafter Hochruf.) In Altmannsdors fand vorigen Sonntag eine vom christlich-socialen Arbeitervereine veranstaltete Versammlung statt, zu welcher sich auch einige Social-Temokraten eingesundeu hatten. Wie überall, wo Antisemiten zusainmenkommen, in Kirchen, auf Bällen rc., wurde auch in dieser Versammlung für den antisemitischen Wahlfonds gesammelt. Nachdem zwei BereinSmitglieder, von denen eine« sich sehr wegwerfend über da« allgemeine Wahlrecht äußerte, gesprochen hatten, zog Lueger gegen die Engländer, diese neuesten Feinde de« Wiener „christlichen Volke»", ferner gegen die Social-Temokraten, die Juden und den Grafen B a d e tt i los. In seiner Kampfrede wurde der Antisemitensührer plötzlich durch den Zwischenruf eine» der anwesenden Social-Temokraten unterbrochen, was einen ungeheuren Tumult zur Folge hatte. Dem Vernehmen nach hatte der Social-DeMokrat „Hoch Badent!" genilen, der Ruf scheint aber ironisch gemeint gewesen zu sein. Trotzdem entstand hierüber unter den Christlich Socialen eine furchtbare Entrüstung. Ter Hochrufer wurde von mehreren Ordnern gepackt und unter - Püffen und Stößen zum Ausgange gedrängt. Hier wurde er io heftig an die Thürgeschleudert, daß die Glastafeln derselben in Trümmer gingen. Der gemaßregelte Hochrüfer erlitt durch die Glarscherben eine Verletzung an der linken Hand,' woraus.er in brutalster Weise auf die Gasse geworfen wurde. Nach diesem Zwischenfalle konnte Lueger sein Geschimpfe ohne jede weitere Störung sortietzen, und die Versammlung schloß zu seiner höchsten Zufriedenheit unter Abfingung de« Lueger Marsche«. ((gegen Bergauf uud Geßmaau.) Ter Bund deutscher Landwirthe in der Ostmark hielt am 2. d. M. in Braunkirchen (GerichtSdeziik Mautern) eine Versammlung ab. In derselben wurde, wie wir I bei» jetzt gegen die christlich-sociale Oberleitung srondirenden Spatzenblättchen entnehmen, „der Bauernschaft dieser Gegend in'« Gtdächtniß gerufen, -daß ihr Vertreter im Landtage, der .Ehren'-Bergani, al« Defraudant von Amt«- und Annengelder» uud al« Anpreiser de« 25 kr.-Weinpantscher wohl nicht mehr die Ehre verdiene, von deiitscpeu Hauern gewählt zu werden". Derselben Quelle verdanken wir auch eine Mittheilung über ein» etwa« vorzeitige Landtag»- candidatur „Ehren"-Geßmann'S. Dieser möchte gern auch Landtag-abgeordneter werden, da aber die Wiener Bezirke „camptet" sind, so sah man sich für ihn um ei» Landgemeindenmandat um. Al« solche« schien bas de« letzigen Lande«- auSschusse« Dr. W e i t l o f passend. Die Antisemiten halten c« nämlich für eine ausgemachte Sache, daß dieser liberale Abgeordnete in Langenloi«, Horn rc. nicht mehr werde wiedergewählt werden. In einer Versammlung zu Langenloi« wurde nun der Versuch unternommen, Geßmanu al« Nachfolger Weitloj'« zu proclamiren. Der Erfolg aber war nicht der gewünschte. Der Gastwirth Joses Weber gab den Gefühlen der einheimischen Antisemiten Ausdruck, indem er erklärte, daß sich die Langenloiser für eine fremde Eandidatur nicht bindend anssprechen können, so lange e« nicht ausgeschlossen ist, daß ein einheimischer Candidat aiiftritt, und die Proclamiruug Geßmann'« al« Bewerber - um das noch gar nicht vacante Mandat unterblieb. Zu diesem Verhalten der Langentoiser bemerkt auch die „Oesterreichische Landzeilung": „E« scheint sich jetzt die Gewohnheit einbürgern zu wollen, für da« Land sich nur Abgeordnete aus der großen Residenzstadt ausdräugen zu lasse». Darin liegt aber für un« Provinzler ein Annuthszengniß von so beschämender Bedeutung, daß man wahrhaftig den Muth derjenigen bewundern muß. die sulche« dem Grundbesitzer¬ und Kleinbürgerstand auf dem Lande zu bieten wagen. Diese« .Scherwenzeln' der Wiener um die Gunst der .biederen Landleute', wie sie uns unter vier Augen nennet,, gleicht schon dem reinsten Gimpelfang! Mit der Bauerit- Freundlichkeit der Wiener sieht t« seit jeher verdammt .lausig' au«." Unsere» Erachten« bat die Volksfreundlichkeit der Antisemitensührer überhaupt ein „ver' dämmt lausige«" Aussehen. (Woher gewisse Leute die Agitatiousgclder haben.) Graf Ferdinand Z i ch y, der Führer der Katholischen Volkspartet Ungarn», richtete unter dem 22. v. M. ein Rundichreiben an sämmliche ungarischen Tomcapitel, in welchem er darauf hinweist, daß bei den verschiedenen Capiteln fromme Stiftungen verwaltet werden, deren Zweck im StistSdriefe nicht besonder« definier ist und die lediglich pro pijs finibus bestimmt find „Ich bitte da« hochlöbliche Capitel nnterthänigst," heißt e« in dem Schreiben, „fall« es eine derartige Stiftung verwalten sollte, die Zinsen derselben mir ganz oder t heilweise für ein bi« zwei Jahre zur Verfügung zu stellen, deunnachineinerUeberzeugung gibt e« zur Zeit und in unserem Baterlande keinen froinmeren Ziveck al« die Verwirklichung jener großen und heiligen Grün dsätzt, für deren Sieg die katholische Agitation eingeieitet w u r d e." E« heißt, daß einige Capitel den Grafen Zichy mit dem Ansinnen bereits abgewieseu habe». Es ist jedenfalls eine höchst eigeiithümluhe Art der Geldbeschaffung für die Zwecke der Volkspartei, wenn die Zinsen frommer Stiftungen dafür in Anspruch genommen werden, aber vielleicht ist Ferdinand Zichy auch nicht einmal in dieser Methode der Geldbeschaffung originell, und vielleicht hat er da« Recept hiezu von denselben Leuten in Oesterreich, welche ihm als politisches Vorbild dienen. IStöcker uud die Tivoli-Partei.) Der gewesene Hosprediger Stöcker wurde vor einiger Zeit von der Centralleitung der Ttvoli-Partei entschieden aufgefordert, sich von jenen Christlich-Socialen, deren Resormpläne auch den Junkern chäufig unbequein sind, loszusage» und seine Berbindnttg mit dem „Volk" zu löse». Nach längerem Hin- und Herschwanken entschloß sich Stöcker am 1. Februar, diese Zumitthung abzulehnen und nicht nur au« der Leitung der Tivoli-Partei, sondern auch au« dieser selbst auSzutreten. Der Entschluß scheint ihm sehr schwer gefallen zu sein, denn wenige Tage, bevor er ihn kund gegeben hatte, sprach er in einer Dresdener Bersammlung, brachte aber dort nur allgemeine Phrasen vor und vermied e«, Fatbe zu bekennen. Ob die Tivoli-Partei nach dem Ausscheiden de« Freiherrn v. Hammerstein Und Ehren-Slöcker'S sich auch von dem demoralisirenden Geiste dieser „Größen" befreien werde, wird erst die Zukunft lehre». (Mißglückte Deuuociatiou.) Der GöLlitzer antisemitische „Reform- Verein" veranstaltete am 11. Tecember v. I. eine Versammlung in L a u b a n. In derselben bot ein Vorkommniß den Herren Antisemiten Anlaß zu einem ihrer würdigen Denunciantenstreiche. Am Schluffe der Bersammlung brachte nämlich der Vorsitzende, Major a. D. Schmidt au« Görlitz, nicht ein „Hoch", sondern dem antisemitischen Jargon treubleibend, ein „Heil" aus den Kaiser Wilhelm au«. Der freisinnige Redacteur Meister jedoch, der zum Zweck der Berichterstattung sich eingesundeu hatte, war nicht gewillt, die in der Ersetzung de« gewohnten „Hoch" durch den antisemitischen Erkennung«ruf „Heil" zum Ausdruck gebrachte parteipolitische Demonstration mitzumachen, und so setzte er sich, nachdem er sich in Erwartung de« üblichen „Hoch" bereit« erhoben halte, während ^de« zweiten und dritten Heilruse« wieder nieder. Darauf denuncirten einige Herten Antisemiteu den unbequemen Gegner wegen