Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 201 (9.2.1896)
- Date
- 1896-02-09
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seit« 4. jttlti Blatt. Nr. 201. die Organisirung des Personalstatus des Landesarchivs und der Landesbibliothck. Für Schneider mar auch das ein Anlaß, um über die (luden herzufallen und sie sammt und sonders als Diebe hinzustellen. Man dürfe keine Juden, auch keine getauften, anstellen. Die Handschrift von Cicero's „De officiis“ sei aus dem Archiv von Peruggia verschwunden, und er habe erfahren, daß in diesem Archiv Juden an- _ gestellt waren, Professor Dr. Sucß fertigte die Schmähungen und Verdächtigungen des Stampiglienkünstlers in gebührender Weise ab; auch der Berichterstatter ertheilte ihm eine kleine Lection, indem er bemerkte: Dadurch, daß man die Juden so schlecht macht, werde man selbst nicht besser. Auf die von Schneider gestellten Bedingungen für die Anstellung könne man nicht eingehen, Lueger aber rief seelenvergnügt: „Es wird ohnehin kein Jude angestellt; die geheimen Antisemiten werden schon dafür sorgen." — In der Sitzung vom 4. d, M, wurde eine Zuschrift der Staatsanwaltschaft verlesen, womit das Ansuchen des Bezirksgerichtes Leopoldstadt um Auslieferung des Abgeordneten Dr, Lueger nach § 19 St.-P.-O. zurückgezogen wurde. Tie Antisemiten verübten hierauf unter den, Schutze der Immunität Verbalexcesse schlimmster Art. Tie Gelegenheit hiezu bot ihnen ein von ihrem Führer wieder eingebrachter Dringlichkeitsantrag, durch welchen die Regierung zur sofortigen Ausschreibung und Durchführung der Wiener Gemeinderathswahlen aufqesordert werden sollte. Gr cg orig beschuldigte abermals liberale Mitglieder des Gcmeinderathcs, sich bereichert zu haben, und Schneider war so frech, zu behaupten, daß 90 Pcrcent aller Staatsbeamten sagen, die Nichtbestätignng der Wahl Lueger's zum Bürgermeister sei nur durch Bestechung erreicht worden. Tie Antisemiten waren offenbar von vorncherein davon überzeugt, daß ihrem Anträge die Dringlichkeit nicht werde zucrkannt werden, und benahmen sich im Landtage wie in den Kneipen, deren Stammgäste sie bilden; ein liberaler Redner wurde von antisemitischer Seite nicht nur in gemeinster Weise beschimpft, sondern auch durch den Zwischenruf unterbrochen: „Wart', Bürscherl, dich werden wir kriegen". In dieser Sitzung drohte auch der heldenmüthige Pfaidler den Juden und den polnischen Ministern mit der Vertreibung aus Wien. — Kein Tag ohne Scandale! In einer Tiscussion über projectirtc Bahnanlagen, die am 5. d. M. stattfand, erhob Gregorig neuerdings gegen Dr. Granitsch wegen der Affaire des Sollicikators "Reumann Beschuldigungen ärgster Art und erklärte, er könne für die projectirtcn Localbahncn nicht stimmen, weil Granitsch als Laudcsausschuß^auf dieselben Einfluß zu nehmen in der Lage sei. Dr. Granitsch wies die Verdächtigung auf das Entschiedenste zurück und berief sich auf das Strafgericht, welches volle Klarheit in die Sache bringen werde. Allein Grcgorig fuhr in seinen Beschuldigungen fort und behauptete, die Clienten, die Dr. Granitsch zu vertreten hatte, seien Gauner, welche Organe der Regierung bestochen haben. Der Landmarschall rief ihn zur Ordnung, doch Gregorig schrie: „Sperren Sic lieber die Gauner da drüben ein!" Da er diese Worte wiederholte und unter Assistenz Schncidcr's weiterschimpftc, sah sich der Landmarschall bemüssigt, eine Unterbrechung der Sitzung eintreten zu lassen. In Folge der Grcgorig'schen Angriffe fand sich Dr. Granitsch auch veranlaßt, beim Disciplinarrathe der niederösterreichischcn Advocatenkammer um Einleitung einer Tisciplinaruntersuchung gegen sich zu bitten. Boshaft bemerkt ein neues, von Carl Hron herausgegcbcncs Antisemitcnblatt, der seit 3. £. M. bis auf Weiteres erscheinende „Reformer": „Abgeordneter Gregorig ist offenbar entschlossen" dem Tr. Granitsch den Garaus zu machen, und ihm schwebt dabei als Vorbild vermuthlich eine mittelalterliche Ebcrjagd vor Augen. Und der Zweck?! Wenn sich Herr Gregorig so sehr für die .Purificirung' der Landtage intcressirt, sollte er doch auch nicht auf die Mühldorfer Gemeinderechnungen vergessen!!" — Am 6. d. M. kam cs im Landtage zu einer erregten Scene außerhalb des Sitzungssaales. Drei Studenten ließen den Antisemitcnführer Lueger Herausrufen und wollten ihn, wie sic nachträglich versichern, schön bitten, seinen Einfluß zu Gunsten des Technikcrstandcs geltend zu machen. Lueger aber wies sie in schroffster Weise zurück, da er ihr Erscheinen dem Umstande züschrieb, daß er neulich in öffentlicher Sitzung eine abfällige Aeußerung gegen die Techniker gethan batte. Tic jungen Leute sind eben keine Wähler, and ein „populärer Mann" kann ohneweitersmit ihnen grob sein. (Zur Auflösung des Wiener Gemeinderathrs.) Die öffentliche mündliche Verhandlung über die von Dr. Lueger, Dr. K u p k a und Genossen beim Vrrwaltungsgerichtshofc cingcbrachte Beschwerde betreffs der Auflösung des Wiener Gemeinderathrs findet, nachdem die Statthalterei auf die Erstattung einer Gegenschrift verzichtet hat, am 22. d. M. statt. (Ter Fall Krehl-Bretschneider.) Wie seinerzeit gemeldet wurde, hat der Calculant des Finanzministeriums, Herr Bernhard Brets ch n e i-b e r, in der Rächt vom 5. zum 6. September v. I. in einem von gewissen „Damen" frequentirten Gasthause in der "Weihburggaffe ein sonderbares Abenteuer erlebt. Herr Bretschneider verlangte ein GlaS Wein, allein der Wirth Ludwig Kreyl rief ihm zu: „Für so an Saujuden g'hört a Gift, den Juden hau'n ma nieder!" Bretschneider entgegnete, er sei zwar Christ, würde sich aber auch nicht schämen, wenn er Jude wäre. Da stürzte der Wirth aus ihn lo^ zerriß ihm die Beinkleider und drohte unter neuerlichen antisemitischen Beschimpfungen, Bretschneider werde die Gaststube nicht lebend verlaffen. Auf Grund einer Anzeige wurde nun der Wirth wegen gefährlicher Drohung in Untersuchung gezogen. Er gab, wie dies Autiscmitenbrauch ist, zu seiner Entschuldigung an, er sei in jener Nacht total betrunken gewesen und wisse sich an nichts zu erinnern. Da. sein Kellner dies bestätigt, ivurde gegen ihn bloß die Anklage wegen boshafter Beschädigung der Beinkleider erhoben. Er ist jedoch seither flüchtig geworden und wurde polizeilich currensirt. Bei seiner Einvernahme hatte er u. A. behauptet, Bretschneider habe damals im Gasthause neben einigen „Damen" Platz genommen und mit denselben ein anstößiges Gespräch geführt. Die Folge hievon war, daß sich Bretschneider kürzlich vor dem Bezirksgerichte Alsergrund wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit zu verantworten hatten Er schilderte, in welch brutaler Weise er von Kreyl behandelt wurde, weil ihn derselbe für einen Juden hielt, und fügte hinzu, es sei eine böswillige Erfindung, daß er ein derarsiges Gespräch geführt habe. Der Richter ging mit einem Freispruche vor und begründete ihn damit, daß die notorisch provocirten Aeußerungen des Angeklagten vor Personen solcher Oualität nicht das zum 8 516 des Strafgesetzes erforderliche „öffentliche Acrgcrniß" hcrvorzurufcn geeignet waren. (Bubenstreich eines greisen Mödlinger Würdenträgers.) Ter Modewaarenhäudler Herr Carl Kulka in Mödling entdeckte im Monate Dcccmber vorigen Jahres zu wiedcrholtcnmalen, daß irgend ein unbekanntes Individuum die Schaufenster seiner Auslage angespuckt hatte, weshalb er sich mit seinem Personal Mühe gab, den Thäter zu ertappen. Als am 23. Dccember v. I., Abends 1/l7 Uhr, Frau Kulka im Gewölbe einige Kunden bediente, sah sie durch die Spiegeltafeln der Auslage, daß der pensionirte Südbahnbeamte, Gemeindcrath, Armenrath und Ausschuß der Mödlinger Sparcaffe, Stefan Krickl, ein Mann von 60 Jahren, zu wicderholtcnmalcn sich räusperte und die Tafeln anspuckte. Fran Kulka verständigte sofort ihren Gatten, welcher aus die Straße trat und Krickl zur Rede stellte. Letzterer drohte nun Herrn Kulka mit Ohrfeigen und sagte, er solle schauen, daß er weiter komme. Dieser Vorfall rief auf der Straße Aufsehen hervor. Gegen den greisen Gemeindefunctionär wurde hierauf beim Bezirksgerichte die Anzeige erstattet, und dasselbe verurtheilte ihn dieser Tage zu zwanzig Gulden Geldstrafe, im Nichteinbringungsfalle zu vier Tagen Arrests (Sigmund Hatschek.) Wir erhalten aus Gnggcnthal vom 3. d. M. folgende Zuschrift: Seit August 1875 ist der Großgrund- und Brauereibesitzer Herr Sigmund Hatschek mein Nachbar. Einen besseren und humaneren Nachbar habe ich noch nie gehabt. Jedem Wunsche und Ersuchen kommt er promptest entgegen, meistens zuvor. Seinen vielen Arbeitern ist er ein wahrer, sorgsamer Vater. Zu Weihnachten werden alle ausnahmslos beschenkt, und wenn einer erkrankt, steht ihm die Equipage des Herrn zu Gebote. Deshalb ist er auch in der ganzen Gemeinde hochgeachtet und wurde einstimmig in den Gemeinderath berufen. Was ich ihm jedoch zu besonderem Verdienste anrechnc, ist seine noble Haltung gegenüber der Kirche. Bei dcr.Grundvermessung hat er großmüthig auf nicht unbedeutende Stücke des ihm gehörigen Grundes zu Gunsten der Kirche verzichtet. Neuestens hat er nun ganz auf seine Kosten die elektrische Beleuchtuug der Kirche hergestellt. Dadurch strahlt so viel Licht, daß die Andächtigen ihre Gebetbücher gebrauchen können und daß auch der Organist auf dem Chore keines weiteren Lichtes bedarf. Selbstverständlich habe ich diesem Wohlthäter des Gotteshauses meinen wärmsten Dank ausgesprochen und erhoffe das Gleiche anch von Seite der kirchlichen Behörde. Aber nicht bloß der Herr, sondern auch seine ganze Familie und Verwandtschaft ist musterhaft. Da könnten sich die Antisemiten ein Beispiel nehmen und sich ihres giftigen Gekläffes wider die Juden schämen. Leider ist bei diesen Leuten Alles umsonst, wie Beseffene bohren sie fortwährend in das eine und selbe Loch/ Wozu braucht man in der S a i s o n st a d t wieder ein neues Antisemitenblatt? In Salzburg, wo höchstens ein Dutzend höchst ehrbarer Israeliten wohne»! Schämt euch! D r. Schöpf. (Bictor Hugo und Ernest Renan über das Blutmärchen.) Der „Ncmzet" veröffentsichtc dieser Tage zwei im Besitze des Abanj-Szcntoer Rabbiners befindliche Briefe von Victor Hugo und Ernest Renan, in welchen sich die beiden großen Franzosen über das Ritualmordmärchen, das seinerzeit auch in Ungarn seine Opfer zu heischen drohte, aussprachen. Victor Hugo schrieb: „Es schmerzt mich tief, daß das