Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 201 (9.2.1896)
- Date
- 1896-02-09
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 201. Frei«» Statt. Seite S bürgerliche Freiheit, ei» schlechtes Futter und auch vom Sitzen Hinter Schloß und Riegel spricht sich leichter, als man wirklich sitzt, auch wenn man sich, weil man noch frei ist, leicht mit dem burschikosen Worte Carcer darüber hinwegscherzt." Welche Wirkung diese sauertöpfische Vermahnung auf Dr. Lueger und seine Hcerschaaren machen wird, wissen wir nicht und wahrscheinlich Herr Adam Trabert ebensowenig. Dankenswerth ist aber sein Eingeständniß, daß die Kampfesweise der Antisemiten auch bereits der Katholischen Volkspartei bange macht. Der Widerspruch in der antisemitischen Bewegung ist ein unendlicher, und er muß zu stets neuen Zerklüftungen innerhalb der antisemitischen Parteien führe». Mag es gleich dem agitaiorischen Talente Lueger's gelungen sein, das Volk einen Augenblick über alle diese Widersprüche hinwcgzutäuschen, die naturnothwendige Wirkung kann nicht anöbleibe». Heule taucht bereits ein Conflict Ebenhoch-Lncger am Horizonte auf, und wenn nicht alle Aspekten trügen, hat der viel gefeierte Tribun von Wien den Höhepunkt seiner Erfolge überschritten. Lin Gewerbebund. Wie wir aus den Mittheilungen, die der Direktor der AnsstcllungSnnd VcrkaufShalle der Wiener Gewerbetreibenden, Herr Rordmann, stcnlich in einer öffentlichen Versanmilung machte, entnehme», hat sich das Direktorium schon bei Gründung der genannten Vcrkanfshallc mit der Absicht getragen, eine» großen Gcwerbcbund ins Leben;» rufen, der allen Kleingewerbetreibenden zugänglich sein soll. Dieser Plan ist nun einen weiteren Schritt seiner Durchführung näher gerückt, indem die Statthaltcrei die Statuten des Bundes genehmigt hat. Der Zweck des neuen Gewerbcbnndes soll die Förderung und Wahrung der wirth schaftlichen, geistigen und materiellen Interessen der Gewerbetreibenden sein nnd erreicht werden durch Errichtung von Ansstellnngs- »nd Vcrkaufshallcn für Kleingewerbetreibende, .Beschaffung von Rohmaterialien, Errichtung eines RothereditinstituteS, Gewährung einer Altersunter' stützung, Vorträge über gewerbliche Angelegenheiten, Schaffung von Unter' richtScursen für österreichische Gesetzgebung, Errichtung cincs Invaliden Heims, Aufstellung von Candidaten des GewcrbestandeS für alle Vertretungskörper; dieselben dürfen sich keiner Partei anschließcn, sondern müssen nur den rein gewerbcpolitischcn Standpunkt vertrete». Religions¬ und Rationalitätcnpolitik ist vollständig ausgeschlossen. Wir brauchen wohl nicht erst zu bethencrn, wie sehr wir wünschen, daß sich das von einer Reihe dem Freisinn treu gebliebener oder gesundeter Elemente unter den Gewerbetreibenden hicmit erstrebte Ziel verwirkliche, und daß sich möglichst bald alle Angehörigen dieses Standes auf dem versöhnende» Boden einer derartigen Wirksamkeit treffen möchte». Wir haben cs schon zu oft ausgesprochen, daß weder Zunft noch Befähigungsnachweis, noch eine aufreibende Agitation die . Mittel sein können, um dem Handwerkerstände anfznhclfcn. Wenn die Arbeiter hierzulande uud noch mehr anderwärts, z. B. in England, durch eine geschlossene Berufsorganisation, die obendrein durchaus der freien Initiative entsprungen war und vom Staate eher bekämpft wurde, viele Vortheile gegen die Arbeitgeber erlangten und noch erlangen, so ist daS gar kein Grund, zu glauben, daß dieselbe Kampfcsorganisation; und Kampfpolitik auch auf den Stand der Gewerbetreibenden anwendbar sei. Man muß in erster Linie im Auge behalte», daß die Arbeiter nicht selbstständige Producenten find und daß sie nur um möglichst günstige Arbeitsbedingungen, Kürzung der Arbeitszeit, Erhöhung der Löhne, EoalitionSfrciheit, Arbciterschntz u. dgl. ringen könne», daß in diesem Kampfe sich zwei vollständig bekannte Gcgner mit vermeintlich grundverschiedene» Interessen gcgcnübcrstchcn. Alle llcbcl der Ansbcutnng des Schwächeren durch den Stärkeren, welche durch das sogenannte „individuelle Markten" hcrbcigcfnhrt wurden, .sollten dadurch wett gemacht werden, daß durch die genossenschaftliche Zusammenfassung aller einer Bcrnfsbranche angchörigcn Arbeiter dem Arbeitgeber ein gleich starker Eollectivkörpcr gegcnübcrgestcllt wird, welcher dann über die gegenseitigen Bedingungen der Arbeit bcrathen soll. Tics ist int Großen und Ganzen die Idee, die Geschichte des Ursprunges und die einzig mögliche Wirksamkeit der Bernfsgenossenschaft,. welche, wie man sicht, in erster Linie eine ^Kampfcsorganisation ist. Fragen wir »ns nun, welche Wirkung di: Rachahmung einer solchen Berufsorganisation im Handwerke haben soll. Vor allem anderen, gegen wen kämpft das Handwerk? Man sagt kurzum gegen das Großkapital, allein die Arbeiter wären wohl nicht um Haaresbreite weiter gekommen, wenn sic ihre Gegner nicht genauer angcbcn könnten, als mit so unfaßbaren Schlagwortcn wie Großindustrie und Groß kapital. Soll doch irgend ein Handwerker einmal genau sage», wer sein Ausbeuter ist, und das Ziel feines ewig knatternden Pclotonfcncrs mit Namen nennen! Es wird da gar oft sich zeigen, daß die erbittertsten Gcgner im wirthschastlichen Kampfe ganz anders wo stehe» ats in den Reihen der Großindustrie »nd des Großcapitalcs; der kleine Tischler.;. B. steht int Eoncurrenzkampfe keineswegs dem großen Möbelfabrikantcn so schroff gegenüber wie dem Schlosser, ivclchcr es ihm verbietet, die Schlösser an den fertige» Tisch anznschranbcn, wie dem Anstreicher, welcher, ginge cs nach seinem Kopfe, dem Tischler den (Gebrauch von Pinsel und Farbe überhaupt untersagen würde n. s. m. Während also im Lohnkampfe der Arbeiter auf der einen Seite ein meist indivi- . ducll genau bezeichnctcr Factor und ans der anderen eine vollständig solidarische Schaar von Arbcitsgcnoffcn steht, in dies nii Kleingewerbe ganz und gar nicht der Fall? und ein Blick in die gcwcrbcrcchtlichcn Streitigkeiten der letzten zehn Jahre belehrt uns, daß die brrnfsgciiosscNschaftlichc Organisation unter den Handwerkern nur dazu dient, den Kampf des einen Gewerbes gegen das andere zu schüren und zu ermöglichen, während sic doch zum Schutze des kleinen gegen de» großen Gewerbebetrieb gemeint war. Es ist aber mich gar nicht abzuichen, .»>» was die Handwerker den» eigentlich mit Hilfe der Beri»fsgc»ossc»schaflr» kämpfen wollen: um billiges Geld, um besseren 'Absatz oder.um eine' leichtere Beschaffung der Prodnctionsmittcl, nach welchen Tinge» bei den Arbeitern gar keine Frag? ist? Es ist thatsüchlich die unvernünftigste Verpflanzung einer Form des Kampfes auf nrverschicdcnc Verhältnisse, wenn man durch eine Kampforganisation etwas erreichen will, was sich durch keine Macht der Welt, auch nicht durch die der gottseligen Pharaonen Jemandem abtrotzen läßt, Der Kleingewerbetreibende ist und bleibt vorderhand gegenüber dem Arbeiter ein selbständiger Prodnccnt, dessen Rachtheilc dem wirthschastlichen Gegner gegenüber, in der Schwierigkeit, der Beschaffung des Bctricbscapitalcs, der Rohprodukte und eines günstigen Absatzes, sodann aber auch in der geringeren technische» nnd merkantilen Befähigung liegen. Wenn der Einzelne nicht imstande ist, über diese Mängel im Eoncnrrcnzkampfc hinansznkommen, so sind - cs vielleicht doch mehrere Berufsnnd L.cidcnsgcnosscn mit vereinten Kräften. So wie die Arbeiter, unwiderstehlich gedrängt durch die Verhältnisse, sich freiwillig und ohne jeden Zwang zu einer diesen Vckhältnissen angc paßtcn Organisation zusannncnfandcn, so werden sich die Gewerbetreibenden, wenn sie durch Schaden oft genug klug gemacht fein werde», schon selbst aus freien Stücken zu einer ihren Verhältnissen angcpaßten Organisation znsammeufinden. Dieselbe ist bereits gegeben nnd bekannt in den freien Erwerbsnnd Wirthschaftostenoffenschaftcn, wie wir eine solche in der Verkaufs »nd Ausstellungshalle der Gewerbetreibenden vor »ns haben, die sich nun im großzügigen Stnlc zu entwickeln bestrebt. Wir brauchen cs nicht noch einmal zu wiederholen, >vie sehr wir cs begrüße», die Handwerker endlich wieder einmal auf dem richtigen Wege zu sehe», »nd wie sehr wir ihnen «''liirf zind Erfolg ans denselben wünsche». Allein wir'müssen uns mit einigen ernsten Worten doch auch noch an Andere'wenden, welche selbst nicht in der bedauerlichen Lage sind, durch einen schweren 'Act der Selbsthilfe fick, im Kampfe ums Dgjcin erst eine bescheidene Eriftenz erobern zu müsse». Es ist ja wahr,- daß die freie Selbsthilfe allein zu einem Erfolge im großen Stnlc führen kan», allein die augenblickliche «Geschäftslage, die ganz besondere» localen Schwierigkeiten, mit welchen unsere wackeren Pionniere da draußen an der Alserlinie zu kämpfen haben, machen eine Abweichung von dem starre» Principe geradezu zur Pflicht. Es ist die Aufgabe aller Jener, für welche Liberalismus nnd Volkssrcundlichtcit keine hohle Phrase sind, es ist ihre heilige Pflicht, die Kämpfer für die wirthschaftsgenoffenschaftliche Idee auf das Thatkrättigste auch materiell zu unterstützen und dem Handwerker, fg zu zeigen, daß man zwar nicht geneigt ist, zünftlcrischcn Vornrthcilen Rechnung zu trage», wohl aber eine wirklich fruchtbringende Organisation des Handwerkes thatträfkigst zu fördern. I» erster Linie ist cs die liberale -Partei, welche hier nicht die Keime einer schönen Pflanze verkümmern lassen darf, sic soll vielmehr ihren ganzen politischen Einfluß, der, wie cs neulich einer ihrer Führer sagte, jetzt vielleicht größer ist als seit langer Zeit, cinsetzen, um cs dem Gcwcrbcbnnde zu "ermöglichen, sein großes angestrcbtcS Ziel auch wirklich zu erreichen. Wir find überzeugt, daß dann auch wieder bessere Zeiten hcreinbrcchcn werden für die «Gewerbetreibenden und die liberale Partei in Wien. lAlls dem niederösterreichischen Landtage.» In der Sitzung vom d. M. wurde das Ansuchen des Bezirksgerichtes Lcopoldstadt um Bewilligung zur strafgerichtlichcn Verfolgung des Abgeordneten Dr. Lueger - tvegcn Ileberirctung des 8 491 des Strafgesetzes sind des Artikels :> des Gesetzes vom 17. December 18(>2 ' zur Kcnntniß gebracht. Am Schluffe der Sitzung referirtc Abt Karl über den Bericht, betreffend