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Freies Blatt · 1896-02-09 · 201 (9.2.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
201 (9.2.1896)
Date
1896-02-09
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Frei«» Statt. Nr. 201. Inquisition ihn nicht auf dem Scheiterhaufen hatte braten können, so hatte sie wenigstens feine Familie ihres Vermögens beraubt. Bei seiner Ankunft in England im Jahre 1655 verfaßte er sofort eine „Unterthänige Zuschrift an den Schutzherrn des Freistaates in Sachen des jüdischen Volkes-; bald darauf, mich seine „Vindiciae Jiidaeorum". Von Eromwell wurde Menasseh ehrend empfangen. Die Sache selbst wurde einer Versammlung von Rechtskundigen, hervorragende» Bürgern und Geistlichen zur Beralhung vorgelegt. Viermal kamen sie zusammen; Eromwell selbst sprach in warmen Worten für die Wiederzulassung der Juden. Die Rechtsgelehrten gaben zu: es sei kein Gesetz vorhanden, das dagegen spräche. Die Bürger waren in ihren Meinungen gctheilt. Die Mehrheit der christlichen Prediger aber widersetzten sich der Forderung auf's Heftigste. Sie behauptete» : erst müßten die Hebräer zum rechten Glauben bekehrt sein, ehe man sie hcreinlasscn könne. Worauf Eromwell erwiderte: das könne ja viel eher geschehen, wenn man sie in dem Lande aufnehme und-ihnen das Evangelium predige. Am 18. December 1655 wurde die Schlußsitzung gehalten, ohne daß es zu einer Entscheidung kam. Ein großer Theil der Versammlung, durch Schriftsteller unterstützt oder angetricben, war nämlich vvn der vorher anscheinend gehegten Absicht, die Forderung zu gewähren, wieder abgegangen. M e n a s s e h selbst reiste enttäuscht wieder ab^^esgleichen mehrere andere Israeliten, die sich theils nach Genf/theils nach Italien wandten. Nichtsdestoweniger scheint sich eine »«zahl derselben, auf Grund von Eromwell s persönlicher Gunst, niedergelassenzu haben; und nach und »ach fand im Stillen eine erneute Einwanderung statt, deren Berechtigung in späteren Jahren gesetzlich geregelt wurde. Wie sehr Eromwell die förmliche Aufhebung deS vor Jahrhunderten ergangenen Austreibungs-Beschlusses gewünscht halte, erhellt aus einem kurzen, der Bittschrift des Israeliten Emmanuel Martine; Dormido angehängten Zusatze vom 6. November 1654, worin Eromwell bemerkt: „es mache ihm Vergnüge», diese Bittschrift in ganz besonderer Weise der eingehenden Erwägung des StaatSrathes zu empfehlen." Nähere Aufzeichnungen über die damals zuerst wieder erfolgte Einwanderung der Juden, in England sind nicht aufgefunden worden. Die Thalsache aber steht fest, daß es der Freislat war, der ihnen die Rückkehr zuerst wieder möglich machte. Die Midersprüche brechen auf. Wir haben schon wiederholt an dieser Stelle.auf die merkwürdige Zwitternalur hingewiesen, welche der antisemitischen Bewegung eigen ist und in jeder einzelnen Varietät von Neuem zum Durchbruch kommt. Die Verschwisterung der schroffsten sich anhculenden Gegensätze gehört zum Zeitcharakter. Wie wir jüngst an der Figur des heiligen Schuster im GerichtSsaal, wir wir an den von unseren wackeren Anli-Corruptionisten vor dem strafenden Arm der Gerechtigkeit bewahrten geistlichen Fälschern in der Landstube gesehen haben, und wie wir täglich an den jüdischen Antisemiten und antisemitischen Juden und ähnlichen kostbaren Figuren beobachten können, kommt dieser Zeitcharakter aber in einer gewissen politischen Atmosphäre besonders kräftig zum Durchbruch, und ta der innere Widerspruch eines der Grundelemente des Komischen bildet, so wirkt die antisemitische Bewegung, so wenig harmlos sic auch sonst sein mag, nichtsdestoweniger -oft wie eine einzige große Komödie. Von unwiderstehlicher Komik ist aber jene Gruppe von Antisemiten, welche sich so gerne auf die Erbpächter des Teut'chlhüms und auf die Vertreter des freiheitlichen Gedankens aufspielt. Während das Deutschthum mit seinen Gegnern auf Tod und Leben ringt, schwächen diese Urgermanen die Deutschen an den bedrohtesten Positionen, wie wir bei den letzten Landtagswahlcn in Böhmen gesehen haben.; mit denselben Athemzügen, in welchen sie der Linken Schwäche gegen den nationalen Gegner zum Vorwurfe mache», erklären sich diese lächerlichen Herostrate zu den größten Eoncessionen an die hochfahrendsten jungtschechischen Wünsche geneigt, diejenigen, welche aus Cilli ein Schwert gegen die Linke schmiedeten, machen das böhmische StaalSrecht nur mehr zu einer Frage der Zeit. Allein das ist nicht der einzige Widerspruch, an dem diese Partei der flachsten Durchschniltsköpfe krankt; sie gefällt sich auch in der grandiosen Pose des Freiheitshelden und sucht ihr Programm der atavistischen Rückständigkeit und der krassesten wirthschaftlichen Reacsion wohl auch gar als vernewerten Liberalismus feilzubicten. Da die deutsch-nationalen Antisemiten aber, wenigstens in den Alpcnländern, Nullen wären ohne die enge Waffenbrüderschaft mit den Christlich- Socialen und Reinclericalen, da sie auch nicht ein Mandat sich in Wien -ergattern könnten, ohne daS Geld und die zügellose Agitation der Pfaffen, so bieten sie in Stnnden freisinniger Anwandlungen eine hinreißend lächerliche Parodie des gefesselten Prometheus. Erft neulich wieder bot sich uns dies Schauspiel für Götter, als die Salzburger Deutsch-Nationalen gegen den Linzer Bischof Doppelbauer in der bekannten Fricdhofsfrage als die berufenen Vertreter der religiösen Toleranz und des Freisinns sich geberdetcn, während sie daheim mit Rücksicht auf ihre clericalen Abonnenten, Wähler und Gönner überhaupt die Gründung einer Brutstätte für confessionelle Engherzigkeit und clericale WissenSfeindschafl unterstützen lind in der famosen Angelegenheit Rößler- Virchow muthig die Partei des Bischofs gegen den deutschen Gelehrten ergriffen. Und cS gibt wirklich noch naive Gemüthlr, welche an eine Zeit glauben, wo man stark genug sein werde, der clericalen Hilfe cntrathen und die etwas anrüchige BundcSgenossenschaft gebührend bei Seite stellen zu können; die Fabel vom Maulwurf und vom Igel scheint also diesen Kirchenlichtern nicht bekannt zu-sein. Aber auch bei de» Anderen geht es ganz merkwürdig zu. Die Clericalen haben all ihr Wasser auf die Mühle des Antisemitismus getrieben, um durch deren lautes Klappern den Stunden-, schlag der Zeit zu übertönen; sie haben die phrygi'che Mütze über die Tonsur gestülpt, und der Feudalismus hat sich in eine wilde Ehe mit der rothesten Demokratie begeben. So ging es eine Zeit lang wirklich recht gut, und die letzten Gemeinderathswahlen sprachen scheinbar für die gewählte Taktik. Der Antisemitismus wurde ein mächtiger Baum, an dessen Zweigen die Früchte der Reaction reiften, in dessen Krone aber auch die Spottvögel einer zügellosen Pöbelherrschaft ungenirt ihre urwüchsigen Weisen ertönen lassen. So kam es, daß gar bald so Mancher von denen, auf deren einflußreiche Unterstützung man gerechnet hatte, sich verschnupft zurückzog: ein großer Theil des hohen CleruS und des Feudaladels und alle jene Factoren, welche früher kein Interesse gezeigt hatten, der ehedem durch die Regierung besorgten Aufzüchtung des Antisemitismus ein schn/lles Ende zu machen. Nur eine kleine Anzahl clcricaler Heißsporne blieb den antisemitischen Geschäftsträgern des Ultramonlanismus treu, selbst um den Preis eines Schismas in der eigenen Partei. Sie constituirte sich als Katholische Volkspartei und suchte sich durch einige volksfreundliche und ein paar deutschthümelnde Phrasen allen Spielarten der Antisemiterei gleich genießbar zu machen. Einige Heller sehende Köpfe dürften jedoch gleich vom Anbeginn die Schwierigkeit der Stellung gerade dieser Partei richtig erkannt haben, da es schon in den Tagen des Gründungsjubels an ernst gemeinten Vermahnungen an die Wiener Antisemiten nicht fehlte. Seither haben sich diese Letzteren in einen ausgesprochenen Gegensatz zur Krone und ihren Rathgebern gesetzt, der nicht immer die loyalsten Formen annahm „Bon einer Kampfeeweise, die uns bange macht," überschrieb jüngst Adam Trabert einen höchst larmoyanten Artikel des Organs der Katholischen Volkspartei, in welchem er in christlicher Großmuth den Antisemiten die Dienste vorhält, welche der Clericalismus und speciell die Priesterschast der Wüner Agitation geleistet hat, sich aber auch bitterlich über die Haltung der Antisemiten,' ihrer Organe und ihres Führers gegenüber der Krone beklagt. „Er darf" — sagt Adam Trabert von Lueger — „unsxres bescheidenen BedünkenS nicht so reden, wie er in einer Wählerversammlung des Bezirkes Landstraße geredet haben soll. Er darf nicht von einer Sache sprechen, die in ihrer Verhüllung räthselhaft bleibt und, wenn er den Schleier heben würde, geeignet wäre, ihn zum Märtyrer zu machen. Was die Klugheit, damit man nicht gepackt werde, zu sprechen verbietet, das verschweigt man auö Klugheit ganz. Er darf auch nicht, wenn er als neugewählter Bürgermeister bestätigt sein will, mit einer Bewegung drohen, .vor der kein Minister Stand halten werde'. / Was kann nicht Alles in eine solche Phrase hineingelegt werde,!!! Was kann nicht Alles hineingelegt und dann auch geglaubt werden!M Müssen aber so große Worte gesprochen werden, so überlasse sie der BürgermeisteramtScandidat Anderen. Sie stehen beispielsweise dem Herrn v. Pacher besser zu Gesicht als ihm, auf dessen Bestätigung wir bisher noch immer gehofft haben. Gehofft, weil auch unS vor einer Periode, die der nochmaligen Nichtbestätigung folgen würde, schon lange graut. Kanonenfutter — auch von dem soll Dr. Lueger gesprochen haben — ist unter allen Umständen, insbesondere aber für die

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