Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 200 (2.2.1896)
- Date
- 1896-02-02
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 200. Freie» Blau. Einzelnen durchzusühren nicht möglich ist, wird der vereinte» Kraft Vieler durchzusühren möglich sein, die sich aus dem Boden einer vernünstig organisirten Sekisthilse ziisammenfinde». Au« diesem Gninde erfolgt hiemit die Einladung an -alle jene Detailhändler und Gewerbetreibenden, welche nach der Nalur ihre« Betriebe« genölhigt sind, den Privalkunden Eredite zu gewähren, zur Gründung eine» Jncassovereines der Detailhändlör und Gewerbetreibenden' zusammenzulrele», welcher unter Ausschluß jeder Volks tischen Tendenz »nd jede« SonderinteresseS lediglich de» Zweck verfolget« soll: 1. s Ü r sei ne Mitglieder die Rechnungslegung sn-r gelieferte Maaren a» deren Kunde» zu besorgen; 2. s ü r sei n e.M i t g > i e d e r die Einziehung der bei den Kunde« aushaftend in Forderungen z « besorgen; 3. für s e i n e M itglieder i» weiterer Folg? die Belebniing. der bei den Kunde» a u « h a s t e n d e n Forderungen der Mitglieder zu ermöglichen; 4. die not hi gen M ä ß n a h in e n zu ergreifen, welche n oth wendig find, um mit der Zeit eine gesetzliche Regelung des EreditverkehreS zwischen den Detailhändlern und Gewerbetreibenden einerseits und dem Privatst n b l i c u in andererseits her beiz» führe n." — Wir begrüßen in dieser Anregung einen bedeutungsvollen Schrill ,ur Regelung der gewerblichen Creditverhältnifse auf dem einzig gangbaren Wege u»d köiinru naiürlich den Beitritt;» diesem Vereine allen Kleingewerbetreibenden nur auf; Lebhafteste cmpsehlen. Nähere AuSkünsie werden im Secrclariate de» oben genaiilittii Vereines ertheilt. (Freisinnige Gewerbetreibende.» Anläßlich der bevorslehkiiden GemeinderaihSwahlen Halle der Demokratische Verein im X. Bezirke am 28 Jänner i» Schmeikal's Gasthaus eine Versammlung dcr Schuhinachermeifter einberuseli, uni denselben Gelegenheit zu gebe», die sprciellen Forderungkii ihrer Gewerbes geltend zu machen. Da sich zu dieser Bersaniinlung sreisinnige, clericale, antisemitische und auch social-demokratische Schuhmachermeister eingesundeii hauen, nahm die Divcussion einen lebhaften Verlaus. Jede Partei schob die Schuld an dem Niedergang der Gewerbe der andern in die Schuhe. Tie Liberalen sprachen gegen da» Vordrängen de« ClericaliSinus, die Anlileiniten für die Ausdehnung de« Besähiguiig-iiachweisr«, die Social-Teinokcalen gegen die Agrarier. Schließlich wurde eine Resolulion angenoniinen, welche eine A e n d e r u »>g derHa » dcls' Politik und eiiieReforniirung der StrashauSarbeit i in Interesse de« Kleingewerbes fordert.^- Am gleichen Tage nahm der Verein sreisinujger G.'werbelreibender in einer auf dcr Landstraße abgehalleneu Verfaininlniig Stellung zu den bevorstrheiiden GemciiiderathSwahlen. Bon anliseniilischer Seite wurde der Versuch gemacht, den ruhigen Verlauf dieser Versammlung zu stören, und einige jugendliche Schreier unternahmen eS auch, eine lärmende Temonstralio» zu veranstalte». Soivohl die Energie deS Vorsibciiden al« die Haltung der Lersaniinlitttg inachlen jedoch dcr Scene rasch ein Ende. TaS Referat führte Modelltischler Raab. Er schilderte in eingehender Wci'e die ErwerbSverhällnisse in gewerbliche» Kreisen und richtete dabei an die aniveseiidkn Gewerbelrcibenden die Mahnnng, sich nicht durch gcwisienlose Demagogen in fruchtlose, politische Kämpse hiucinzerre» zu laste». Al« einige Anliseiniteu ihn durch Ruse störleu, wendete Raab sich direct gegen Lueger und seine Partei, denen er den Vorwurf machte, daß sie nur schüren und Hetzen. Tie Antisemiten erhoben neuerlich Lcaudal. Ter Vorsitzende verwies sie energisch zur Ruhe, und eine Anzahl Wähler nalmi ilmeu gegenüber eine drohende Haltung a». Tie Schreier zogen es angesichts dieser Stimmung vor, allmälig den Saal zu verlassen. Schneiderineistcr Swatel beleuchtete in drastischer Weise die KampseSweiie dcr anliseniilischeu Wortführer im III Bezirke. Diese Gesellschaft, die Frauen Ecuventikel abhäll und forlwährend den Ruf .Kauft nur bei Christen!" erhebt,, führe die eigenen Gesiiiniingsgevosseii an der Nase herum. Die wirtlichen Einbeiuser der Fraiieiiversanimliingen im III. Bezirke, die den Bohcolt der jüdischen Firmen predigest, kaufen ihre Mantel bei eitlem jüdischen Coiisectioiiär (Gelächter ) Durch ihr Thun und Lasten zeige die gaiize Gesellschaft, daß sie nur Komödie treibe. A»> widerlichsten' haben sich die Anliseiniteu anläßlich de« Balles der Sladl Wien beuoiumeii. Tr. Lueger verstieg sich zu der dreisten Aenßerung, daß leine Partei, sobald sic in« Rathhaus einziehe. vor Allem nichts BestereS zu lh»n habe» »veide, als „den RathhauSfaal auSzuräuchern". Kein halbwegs anständiger Christ werde auf diesem Ball zu finden sein. Diese Frechheit übersteige alle Grenzen WaS sich diese anlisemitische Sippschaft gegen die Thnastie i»id die 'Regierung zu reden erfrechte,, grenze geradezu an Wahnsinn. Der könne unmöglich ein öfter, reichischer Patriot fein, der Leuten, die Alle« begeifern, deren unglaubliche Utn Verschämtheit keine Grenzen kennt, seine Stimme gibt. Wer zu sagen wage, daß der Ralhhau«saal, in dem der so bevorzugte Ball abgehalten wurde, ausgeräuchert werden miijse, gehöre zu einein ganz erbärinlichen Gesindel. (Lebhafte Zustimmung ) Der Vorsitzende Kouba wurde 'hieraus ermächtigt, demnächst eine.Versammlung einzuberufe», in dcr die Candidate» für den drillen Wahlkörper nominirt werden sollen. — Am 30. Jänner fand in der Leopoldstadr eine Versammlung sreisinniger Gewerbetreibender statt, welche ebenfalls in entschiedenster Weise sich gegen die christlich-socialen Volksverderber auSsprach. Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. >Zu den Gemcindcrathswahlcu.) Ju einer A»tiseliiiteiiversai»iullliig i»i III. Bezirke sagte der Biirgermeister-Aipirant Lueger, er hätte gegen die Auflösnug deS GemeinderalbeS keine Beschwerde eiugereichl, weiin er gewußt halte, daß man dicS zum Aulaste nehmen wurde, die Wahle» hinanSzuschieben. (TaS Reichsgericht hat übrigens inzwischen die Beschwerde als zur Verhandlung vor demselben nicht geeignet zurückgcstcllt.) Lueger iuchle sich ferner inlerestant zu machcn, indem er auf ein geheimes Motiv hinwie», welches angeblich dazu bcigelragen haben soll, ihm die Bestätigung alS Bürgermeister zu versagen, und für die Zukunft eine „Einhüllung" i» Aussicht stellte. „Man fragt sich allgemein," äußeite er, „warum die Regierung mich zur Bestätigung nicht vorgeschlagen habe. Ter eine Grund war die Furcht vor den Judävuiaghare», und dcr zweite Grund kommt erst später zur Durchsicht. Ich habe diesen zweite» Grund überdies im Parlamente ganz leise angedeulel, ich kann aber Ihne» heute den Grund nicht scholl jetzt sage», tveil ich nicht will, daß mich die Regierung bei dieser oder jener Silbe packt und mich ciniperri. Ich diu nicht geionuen, einen politische» Märtyrer zu spielen, denn mau weicht dem Carcer aus, soviel man kann; eist wenn cs sei» muß, uuu — dann muß es eben sei». Zur Kriegführung gehört nicht nur eine stürmende Kraft, sondern auch die Klugheit, »nd diese läßt mich heute noch nicht sprechen Gras Badeni hat gemeint, wenn er den Tr. Lueger nicht bestätige» wird, werden die Wiener eine» Anderen wählen. Ader die saustmüthigeii Wiener Halle» sich gedacht, „justament nicht", wir wollen den Liieger zum Bürgermeister, haben." Lueger läßt sich auch den „iauslmülhigeu Wienern" als „Riesen" anprciscii, und das Tegau. welches derzeit am meisten den Lueger-Cultus betreibt, ging in alverirer:Keclaineuiachkrei >o weit, den Ball der Stadt Wien als eine Art Temonstraliou des SlaalSoberbguptc« gegen deiz „Riefen" hiuzustelleu. Tags darauf schlug e» abc^ z» Ehren seines Abgottes einen anderen Weg ein. Aus einör Acußeruiig des Kaisers auf diesem Balle, daß hosseiulich bald ei» Gemeiudcraih zustande koinincu wurde, der etwa» sür daS Volk leiste, folgerte es eine allerhöchste Mißbilligung der bisherigen Thäligkeil der Liberalen im Ralhhause. Könnte mau nicht mit mehr Recht die kaiserlichen Worte alS eine Mahnung aussassc», nicht durch Wiederwahl eines von der Klone Rejicirleu weitere Conflicie heraufzubefchwöreu, sondern der Reich-Hauptstadt ein ihrer würdiges überhaupt zu geben und au die Arbeit zu. schreiten? — Nebenbei bemerkt, lhut jetzt Lueger in allen Aulisemitenver saminlungen sehr „teiitsch-volklich"; nichlSdestoweniger froudireu wieder einmal die „nationalen" Verbündete», und einer ihrer Kriegsherolde verkündigt, eS werde sich, wie dies schon'bei den letzten GemeinderathSwahlen in Favoriten der Fall war, zeigen, daß nicht Alles nach der Pfeise Lneger's lanze. T ö tz und seine agrarischen Genossen sind darüber ausgebracht, daß Lueger ihnen mit einer „Gehäisigkeil" begegne, alS gelte eS, „das Judenthum zu bekämpfen". V. Sonn- »nd Montagsarbcit.) Tie Antisemiten Wiens eutwickeln eine außerordcitlliche Rührigkeit, und vorigen Sonntag veranstalleieu sie au drei Telickasteu Riederösterreichs Gastspiele, in Klosterneuburg, Floridsdorf und Waidhosen an der Thaya. Auf eine Wiedergabe der aiitisemiliichen Hevvorträge kann mau um so leichter verzichten, als sie. auch nichteine neue Phraff zum Besten gaben. Erst am solgeuden Tage in einer Wiener Veriammtung raiste sich einer der Hetzkiinstler auf und brachte ein Schlagwort, ganz frisch geprägt, in den Cours- Tie Engländer, sagte er, sind „arische Juden". So wurde denn unter stürmischem Beifall einer leicht zu besriedigcuden Zuhörcrschastein Gegensätz zu den „jüdischen Aulisemiten" ge>'chafseu (Proicstjrcndc Tcchauic.s Christlich sociale Trgaue vcröff'enilicheil solgendc» Protest: „'Rach den Berichlcu mehrerer'Zeilungen Hai der RcjchS- und LandlagSabgeordukle Herr August Dötz bei kinem Rechenschaftsberichte in Zwettl die Aeußerung gcmachl: .Ich verachte jene Priester, welche Kanzel und Beicht^ stuhl inißbrauchen. Leider gibt eS auch in meinem Wahlbezirke solche.' Ta nun der gtiiaiinle Herr Abgeordnete jene Berichte, so weit wir unterrichtet sind, bi« heule noch nicht widcrru'en hat, obwohl er öffentlich dazu aufgesordert wurde, so legen wir gefertigte Techauie seiner Wahlbezirkes im Namen um'creS EleruS. gegen jene'Beschuldigung feierlich Protest und verwahren uuS für alle Zukunft gegen solche durch nicht» begründete Auwurfe." Ter Protest, daiirt von Zwettl und Wa i d h o s e u a. d. Thaya, trägt folgende Uuterichrislen : Johann Wolssegger, Dechant de» Pöllaer TecaualeS. Tr. A. Pilz, Propst und Techaut des Raabser Bezirkes. Josef W i e s i u g e r, Propst und Dechant des Waidhofeuer TecaualeS Mathias Brei t, Eousistorialralh und Techant des Wcitraer Decauatcs. I'. Kolomau A s s e m, Prior im 'Stift Zwettl, Ttchaiu deS Gerimgier Decanates. (Zub Eharakttriftik der Feichtiugcr-Partci > Im GrazerGemeiuderathe kam eS vorige Woche anläßlich der Bcralhung über eliieu Antrag der Feichlinger-Parlei auf Vermehrung der Sladlralhstellen um eine zu hefligen Auseinanderfetzunge». Herr W i l f i n g e r, ei» Anhänger Fcichtinger'S, beschwerte sich, daß seine Partei von der Majorität gcknechlet und geknebelt werde. Herr v. Schmide enlgegnete: „Von Herrn Gemeiuderalh Wunnger ist dem Ge