Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 200 (2.2.1896)
- Date
- 1896-02-02
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit» 6. .freie» Blatt. Nr. 200 ständigen Denkens, am sicherste» löst. Daß dieses dnrch Dogmen nnd mystischr Formeln nicht geschehen kann, braucht nicht erst nachgewiesen jit werden." (Ein Portrag dcs Proscffors Tr. Wiedkmann.) Ter biblische Bericht über den Aufenthalt der Juden in und den Auszug ans Egypten, der naturgemäß ein unvoUkommenes Bild der damaligen Berhältniffe liefert, hat wiederbolt antisemitischen Skribenten erwünschten Stoff zu Schmülmngen der Juden, insbesondere und der Semiten im Allgemeinen dargeboten. Den Antisemiten beliebt es, auch die Inden jener Zeit als Ausbeuter nnd eine kulturell niedrig stehende Menschenart hisizustellen. In Wahrheit verhielt sich die Sache ganz anders. Wie drei Jahrtausende später in Spanien, waren Dazumal die Juden in Egypten höchlt wichtige Träger der Eultur, die ans die Mehrheit der Bevölkerung den nachhaltigsten Einfluß in allen wirlhschaftlichen nnd socialen, mit dem Gedeihen des Staates innig verknüpften Beständen segensreich ansübten. An den Folge» der Manenauswauderung der Juden siechte das altegvptiiche Staatswesen ebenso dahin, wie noch Spanien an der Inden anslreibung von 14i*2 heutigentags kränkelt Es ist nicht anders, als ob man einem Menschen bis zur Ermattung zur Ader läßt. Der 'Mensch kann freilich zur Roth »och weiter sein ('eben friste», doch mit seiner Widerstandskraft nnd (.Gesundheit ist es zumeist 'ans die Dauer vorbei. Der Bortrag zur Winckelmann freier am 0. December I de» einer der bedeutendsten Egnptoldgen der (Gegenwart, Profeffor Tr. Alfred Wieden, a n u, zu Bonn über die Eulturbeziehungen Altegvptens ,nni Auslände gehalten, zeigt io recht deutlich, wie die auf den Straßen nnd in den Kneipen sich brcitmachende Weisheit nnd Wisienichast der Antisemiten ivesentlich mir kn der Einfältigkeit und bodonloien Ignoranz ihrer Zuhörer und der autisemilischen Sndelpresse besteht, freilich, so leicht kann man die Ergebniffe ernster und emsiger Forschung nnd Tenkarbeit nicht unter das sogenannte „Bolk" bringen, das . jedem vernünftigen Nachdenken spinnefeind ist. Professor Wiedeinan» belehrt uns, daß die Semitcn zur Zeit der egyptiichen Knecht fchafl ein wichtiger Factor im socialen ('eben der Egypker gewesen, n»d die Beweise hierin- oder richtiger die C.tieUcii, aus bettet^ der Forscher diesen Nachweis schöpft, geben ihm gerade die uns erhaltenen nnd glücklich entzisferte» altegnptischen- Trigiualdcnkmäler jener Zeit an die Hand. Es liegt nicht in meiner Absicht, den in den Bonner Jahrbüchern des Bereins von Altertbumsfreunden im Rheinland«: B. Xt’IX) ab gedruckten und allgemein. zugängliche» Bortrag hier des Breite» aus znheben, aber ich kann' es mir nicht versagen, daraus eine Stelle zu Wiederbote» : „Aber nicht nur Erzeugnisie der Jndmtrie nnd der Kunil kamen i» dieier Zeit ans Borderasien in das Nilthal. Auch fremde l^ötter, Baal, Astarte und andere - werden eingesührt und sinden eine Stelle in dem egnptischen Pantheon, lind was noch mehr in das ('eben der Niltbalbewohner eingreift, die fremde Sprache spielt bald eitte schnell wach'ende Rolle. Ganz ähnlich dem Deutschen der lebten Jahrhunderte, ivelches französische Worte mit Borliebe verwendete, wird jetzt im XV—XIII. Jahrhunderte v. Ehr das Egnptische mit semitischen Cehnwörtern durchsetzt. Gut egnptische Worte werden den Fremden zu Ciebe verivorsen. lind man geht iveiter. Hatte man kein seniitisches Wort zur Hand, so schrieb und sprach man die egnptische» wenigstens so, daß sie eine» semitischen Eindruck machten, was feiner und gewählter klingen 'ollte Auch hier haben wir am Deutschen des vorigen Jahrhunderts eine Parallele, welches gleichfalls deutschen Worten ein französisches Aussehen zu geben suchte." Profeffor Wiedemaun bespricht .auch die Eiiistüsie auf gesellschaftliche Sitten und Unsitten, die erst nach Jahrhunderten dem Griechenthum weichen mußten, bis im (III. Jahrhunderte unierer Zeitrechnung neuerdings semitisches Bolksthum nnd eine semitische Sprache in Egvpten die Sberhand gewannen, die sie auch noch bis auf unsere Tage nnbestritten behaupten. Ist'. I-. di. K. AlltistM im Eonflict mit den SttafsitseykN.l Der als konservativ antisemitischer Agitator bekannte Mechaniker Bluhm, der lange Jahre im königlichen Fenerwerkslaboratorium in Spandau beschäftigt war, batte sich am 15, Jänner vor dem Schösiengericht der genannten Stadt wegen Unterschlagungen zu verantworten Er hatte gegen sh u tz.Mark veruntreut, die er, als Bertrauensmann seiner Arbeitscollegen, für Kohlenlieferungen an sie vereinnahmt, aber für sich verbraucht hatte. Seine mißliche wirthschanliche Cage suchte er damit zu entschuldigen, daß ihn die Agitation für den konservativen Reichs- und Candtagsabgeordneten Pastor Schall zu Kladow bei Spandau sehr viel Geld gekostet habe. Bluhm wurde zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt. Die Angabe über die Ursache seiner Geldverlegenheit beruht ans Wahrheit. Bluhnr war ein sehr eifriger Agitator für konservative und anti semitische Zwecke. Während der Wahl reiste er, obwohl er Arbeiter einer königlichen Fabrik war. im Wahlkreise umher und trat in Bersammlungen als Redner für Schall auf. Er spielte viele Jahre eine große Rolle unter den Eonservativen des Wahlkreises und war auch eine Zeit lang Stadtverordneter. Er hat nicht nur sein Geld dabei geopfert, sondern auch seine Arbeit vernachlässigt. — In Mannheim ist der anti semitische Pfarrer und Decan a. D. Ei »Wächter, welcher in seiner Eigenschaft als Borsitzender des Hüffenharitzer „Heiligen- und Kirchenalmosenfonds" Unterschlagungen in der Höhe von circa 38.000 Mark begangen hat, zu sieben Jahren Gefängniß. verurtheilt worden. — Der Prokurist Priemer des im Falles Hammerstein vielgenannten Papierlieferanten der „Kreuzzeitung", Flinsch, in Berlin ist plötzlich verschwunden. Priemer hat seinen Ehef um 50.000 Mark geschädigt. Rach dem „Cocalanzeiger" rühre» diese Unterschleife von W e ch s e l v e r b i n d l i ch k e i t e n her, mit welchen Haiumerstein in Zusämmenhang steht. Priemer wäre ein Hanptzeuge im Prozeß Hammerstein gewesen. — Wie ans Dresden berichtet wird, wurde der dortige Restaurateur Birth er, einer der „strammsten" Antisemiten, wegen Wuchers zu süns Monaten Gefängniß und 300 Mark Geldstrafe verurtheilt. (La propaiMlide par Io fait.) Wie wir seinerzeit mittheilten, hat in GclsenJirchen am Abend des 3. September v. I. eine von antisemitischeNjAgitatore» aufgestachelte Rotte das Haus deS jüdischen Handelsmanns Block am Borabend der Hochzeit seiner Tochter durch Steinwürfe arg verwüstet nnd einen beträchtlichen Schaden angerichtet. Die Menge machte schließlich sogar Front gegen die einschreitenden Polizeibeamten, die der gewaltigen Ueberzahl gegenüber machtlos waren. Rnnmehr hat das Effener Candgericht gegen sieben der Unrnhestifter verhandelt und drei wegen La n dfri eden sbr»chs zu je drei Monaten Gefängniß verurtheilt. (Tcr 4liitiscmitisunis in der Schweiz.) Angesichts der großen Eoncnrrenz, welche sich die antisemitischen Parteien und Fractiönchen in Deutschlitnd untereinander machen, ist es nur begreiflich, daß sie nach „Expostgebieten" Umschau halten; allein die Expansionsbestrebnnge» des deutschen Antisemitismus sind nicht überall von dem gewünschten Erfolg begleitet. Der Berner „Bund" schrieb dieser Tage: „In letzter Zeit will sich der Antisemitismus bei uns regen; auf unseren Redactionstisch flattert ein kleines Fetzchen Papier, auf dem eine sogenannte .Berbrecherstatistik' steht, die — nicht etwa die Berbrechen — sondern die Anklagen auf die Eonfessionen vertheilt und, heransfindet, daß die Katholiken percentual verbrecherischer angelegt,sind als die Evangelischen, die Juden aber wahre Scheusale von Delinquenten. Woher diese Sta tistik koNimts ans welchem Lande, wie die Grnppirung vorgenommen ist u. f. tu!, verschweigt das Blättchen sorgfältig. Es wird uns aber versichert -— nnd das veranlaßt uns, die Sache niedriger zu hängen — daß diese .Statistik von Herisau in Tausenden von Eremplaren verbreitet werde. Wir glauben zwar nicht, daß bei dem Bildungsniveau unserer Bevölkerung diese plumpe, aus Rorddeutschland iinportirte Agi tation Erfolg haben wird; es liegt aber im Interesse der Er- * Haltung des konfessionellen Friedens, auch den Anfängen zu wehren: wir bitten deshalb Alle, an die solche Machwerke gelangen, uns davon Miltheilung zu machen nnd womöglich den Absender zn nennen. Im Cicht der Teffenllichkeit wird man die Gesellen bald erkennen, die dahinter stecken." Zur gewerblichen Bewegung.- (Eine battketiswerthe Anregung.) Ter ,.£ esterre i chisch-n I, garische I n c a s s o vere i n" (Wien, I., Reuthorgaste 6) erläßt folgenden Ausruf: „Wie allgemein bekannt, ist die Lage de» Tetailhändler» wie der Gewerbetreibenden keine günstige; die Ursache hievon ist nicht nur in den allgemein geänderten ivirtbschasiliehen Verhältnissen, wildern auch darin zu suchen, daß sowohl der Tetailhändler, als auch der Gewerbetreibende heute genöthigt ist, seine» Abnehmern, den Privalkuudeu, Credite zu gewähren, wenn er die gekauften oder . erzeugten Waaren absrtzen tvill. Tie Pcivatkunden aber haben sich im kaufe der Jahre gewöhnt, diese Credite als etwa» Selbstverständlichei» Ansvruch zu nehmen, ohne zu bedenken, daß diese Creditinanspruchnahme auch Berpstichiungen in sich schließt, die in bestimmter Zeit erfüllt werden sollen und erfüllt iverde» müssen. Taher kommt es, daß der Tetailhändler und der Gewetbetreibende, tvelche ihre verfügbaren Mittet bei der Privatkunde auSstehen haben, nicht ln der Lage sind, ihren Berpflichtungen gegen ihre Creditgeber, die Zwischenhändler oder Fabrikanten, rechtzeitig zu entsprechen, und in Folge besten genöthigt sind, zn diesen oder zu Geldgebern in ein mitunter recht drückende« Abhängigkeitrverhältniß zu treten. Dadurch we-.den aber die Jntereffen sowohl der Detail- Händler al« auch der Gewerbetreibenden aus da« Schwerste geschädigt. Gegen diese Lerdältniste erweist sich die Kraft de« Einzelnen als machtlos. Und doch ist eS eine unerläßliche Nothwendigkeit, daß der Creditverkehr zwischen dem Tetailhändler oder Gewerbetreibenden einerseits und der Privatknnde anderseits bald in einer die Allgemeinheit befriedigenden Weise geregelt wird. Diese Regelung kqnn aber selbstverständlich nur von jenen Faktoren angebahnt werden, welche alltäglich den innigsten Verkehr mit dem Privatpnblicnm untei halten, d. i. von den Detailhändleru und Gewerbetreibenden selbst. Wa« der Kraft des *