Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 200 (2.2.1896)
- Date
- 1896-02-02
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Sei!« 4. Nr. 200 Frei»» Blatt. semitismus nichts mehr an. Was ist auch dieser Antisemitismils? Ein geistlicher Herr, der sein Leben lang gegen die Inden geschimpft hat, kommt vor (Bericht und uinimt sich einen getauften Inden;um Bertlicidiger: die verbreitetsten antisemitischen „Zciliingeu zeigen vorne die Lchsinpicreien gegen die Juden, hinten die jüdischen Inserate. Nehmen 3ic Hihre Badener Bürger, die einmal über die Juden schimpfen und in der Saison an den Juden ihr Geld verdienen! Ist das eine politische Partei, vor der irgend Jemand aus der Welt Respect haben kann, die überhaupt irgendwo andcrs eristiren könnte'? Was ist die Grundlage aller Ethik, von der unS die Kirche lehrt'? "Die zehn Gebote. Und von wo sind sic her'? Bon Moses. Ans diesem Einen Beispiele sehen Sie iclion die Hinfälligkeit der antisemitischen Lehren." Nachdem Profcsior Soest geendet hatte, wurde er allgemein beglückwünscht nnd ihm eine Svalion bereitet. (Irr „WisirnschafUichr Clilb" llnd Zosrf Frrihcrr v Toblhoff.) Am Jänner feierte der „Wincnschastlichc Elud" das Jubiläum ieincs zwanzigjähri.qeu Bestandes. Aus diesem Anlässe kam eine kurze Geschichte des für das geinig-geseUige Leben in Wien bedeutsamen Bcreines zur Bertheilung. Im Nachstehenden bringen wir den Wortlaut der in der Form eines Toastes von berusenster Seite versizstte» Sli",e: Zum 25. Jänner 1806. 11876—1806.) Heule vor zwanzig Jahren wurde ein k.einer, einseitig bedruckter Bogen, uiiterzeichuet von einem „Mitglied« der k. k. geographischen Gesellschaft zu Wien", im grünen Saale der Aula verthcilt. Hofrath v. Hockistetter, der Präsident, wies darauf hin nnd lud mit sympathischen Worten die Anwesenden ein, sich im ..Hotel Elisabeth" nach der Versammlung einznsinden. Hofralh M. Ä. v. B ecker iagle darauf, tasi die Idee der Gründung eines CentralpunkteS für daS geistig gesellige Lebe» in"Wie», eines „Wissenichasllichen Clubs", keine neue fei. daß die bisherigen Versuche jedoch misilaugen, und schloß mit den Worten: „Fördern Sie die Sache, es liegt ein guter Keim darin." Allgemein werde ich seit lenem Tage für de» Gründer de-Z „Wissen'chafllichen Clubs" gehalten, nnverhienleS Lob wurde mir für meine ganz selbstverständlichen Bemühungen gewendet, ja noch mehr, man nannte mich die „Seele de« Wissenschaftlichen Club»", „den Vater deS Clubs" :c. Ta« ist jedoch Alles nicht zutreffend, wie ich zeigen iverde. Einen Club anzuregei', ist ja nicht schwer: Man braucht hiezu einige gesellig gestimmte Pecoiien, ein Local, mehrere Zeitungeu, Broschüre», Bitcher, Soiclkarten, viekleichl noch) ein Billard, endlich die Nähe eine« Re slaurants oder Cat'eS, wenn der Club nicht schon in einem Hotel Platz saud. u,:d die 'Grundlage ist gegeben: um dieicu Äfrti herum klystattisirt sich Gleichartiges. So entstanden gewöhnlich die Fachvereinc mit geselligen Tendenzen. Ce gibt aber auch Clubs, deren Epitheta viel größere Anforderungen a» i re «Gründer stellen, und zu die''en gehörte seit dem Tage seiner Geburt auch der „W>>.ien'cha>'tliä>e Club". Ich habe mich iür die Gründung einer Clubs in Wien allerdings bemübt, wohl wissen!^ daß ein „Wissenichastsicher Club" noch Anderes braucht, als was ich allein erreichen koniue, denn vor Allem war eS uötbig, Vertreter der Winenkckia't, Männer von hervorragender Bedeutung sijr die Idee zu iuiere'siren. Solche Männer fand ich eben in der. geographischen GcslU-chast. Als wir am 25. Jänner ls76 uns jelwa 10 Personen) im „Hotel Elisabeth" cinget'unden, da ivurbe von sehr Verschiedenem gesprochen, vom Club nur wenig; ich emp'and damals eine Art von Entinuthigiing. Wäre mir nicht das Eneouragemenl von einer Seite gekommen („Schmieden Sie das Eisen, >'o lange eS wärm ist"), ich Kalle gewiß nicht am nächstfolgende» Tage meinen Besuch bei Hofralh Becker gemacht, welcher mir rielb, die Sache entweder mit reichen Mittel», großartig anzupacken oder auf jeden Erfolg zu verzichten. Ta« war wohl niederschmetternd; aber der lebendige Sporn war an meiner Seite immer fröhlich, man nannte damals diesen Ermulhigcr scherzweise: „Tie Amme des Wissen-chailtiche» Clubs", er war sozusagen der Retter des Cl»h- Embrno. Teunoch klagte ich nach einigen Togen dem Präsidenten v. H ochst e l l >' r meiii Leit, und dreier rieth. mir, eine Versammlung ad hoe ein- Alle jüngeren Herren/ welche damals in der k. k. geographischen Gesell'cha't arbeiteten, und ich, der ich ihnen hals, signirte» die l. Einladung zu Liner '.eien Besprechung im „Hotel Müller". Tort trafen zivar gewisse i^egenäye auseinander <„hie Hausidee", „hie Clubhüile"), aber eS war so sch.imm nicht, die Sache ging doch vorwärts. Man verfaßte eine» Aufruf. Tie ...bene Freie Presse" war das erste Blatt Wiens, welches in einem Feuilleton aui d,e Ziele deS -neuen Vereines hinwie«. Sie hat dessen ernstes Streben '>::ber ebensowenig a»S den Augen verloren wie die ganze Presse Wiens, n:.che rin Vereine mit mehreren Blättern deS Auslandes den inleressanlen Sproßliug rrner eingehenren Beunbeilung unterwarf. Die bei mehrere» Buch, l rndlern Wiens au'gelegkeu Unterschriftendögen füllten sich bald. Unter den erneu Unterzeichneten Aie'anden sich hervorragende Namen. Ter Tirector des k. I. mtlitär geographtschen Institutes, General v. Fligely, ließ sich — damals schon gelähmt — sogar in da« „Hotel Müller" trage», um der Bespiechnng beizuwohnen. An den folgenden Abenden sprachen unter dem Vorsitze des Herrn HosrathcS v. Hauer der Abgeordnete Dr. Ernst P l e n e r (über englische Clubs), Baron S chw a r z - S e » b o r n (über Geselligkeit), Hofralh Baron Sommaruga (im Namen des juridisch politischen Lesevereine«) u. v. A. Alles diängte zur baldigen Entscheidung. Di« Namen Becker, B r u n n er, Ferstel, Hauer, H o ch st e t t e r, Lützow im „provisorischen Comitö" garantirle», daß man eiwar G.diegeneS plane, ja die „Augsburger Allgemeine" sagte ausdrücklich: „Eine solche Gründung lassen wir »nS gefallen" (mit Rücksicht auf das Krachjahr 1873). Man vertheilte die Statuteneiitwürse, man hörte alle Stimmen und folgte den beste»! So konnte der Bicepräsideut der Stallhalterei, Hoseaih v. Kutscher o, beruhigt sagen: „Die klarsten Statuten, die mir noch unte,gekommen sind, sind die de» Wissenschasiliche» Clubs." Im April 1876 kam e« zur constituirenden Versammlung. Die Wahl Schmerling'« per Acclamatio», die Beglüßung der neue» Präsidenten durch Hosrath v. Hauer mit den Worten: „Wissenschaft ist Macht", die Ansprache v L ü h o w's, welche das zukünftige Clubleben in lebhaften Farben schilderte, sind Eiinnelliugk», die bei Ihne», »och eben so hell sind wie bei mir. Ter lange heiße Sommer brütete wieder bange Sorgen au«, so das Sammel» der Stifterbeiträge (Graf Wilczek gab 1000 fl, die Uebrige» 300 oder 200 fl ). Die Einrichtung des Locales verlangte viele Bespiechunge»; »och im Juli waren die Herren stets bereit, dem Rufe zu folge». So wurde e« möglich, kurz »ach der Enthüllung des Stiller-DenkmalS (im November 1876) den Wienern auch da« verschleierte Bild de« neuen Clubs zu enthülle». Hofralh Becker hielt den Festvoitrag „über Gesellschaft und Geselligkeit in Wien". Einfach, aber mit Geschmack eingerichtet, schon recht gut dotirt mit dem schönsten Wandschinucke, d. i. vielen Bücher», welche die ersten Buchhandlunge» al» Stifter gespendet, Zeitungen, Zeitschriften, so trat der Club ins Ltbe», der iieugeboreiie, mit einem Bankett zur GrllndungSfeicr, und er erwies sich als lebensfähig. Bei der Wahl der Functionäre im Ausschüsse (der vorwiegend auS verdienten Männern der Wissenschaft bestand», wurde» zu Bicepräsidente» gewählt: Hofralh v. Hauer und Hosra h Brunner v. Wattenivyl, welche seil zwanzig Jahre» daS Wohl und Wehe deS Clubs i» treuer Liebe im Herzen trage». Mir wurde die Freude gewährt, mit Baron Carlos Gagern daS Secretarial zu führen. Wir haben das Kind gelehrt, den Kopf aufrecht halteu und aus den Füßen stehe»; wir waren die Kindergärlnerjnne» de» SprößlingS! Mit dem einen Arme ans das „Literarische", mit dem andern aus daS „WirlhschaflSconiite" gestützt, boten wir die Stirn allen auf uns einstürmenden feindlichen Gewalten, besonders der Restaurationsfrage. Der Cassier, Herr Tr. Lehrer, war. oft kleinlaut, aber die Austriile »ach dein ersten Jahre wiederholten sich nicht mehr; selbst unser Präsident, Ritter v. Schmerling, waib neue Stifter und Mitglieder. So entwickelte sich der „Club-Bub" im zweiten Jahre sichtlich, ja, er bcdurste bald der Erzieher für seine geistige Ausbildung. Diese habe ich schon nicht inchr besorgt, denn, als das Kind drei Jahre all geworden, glaubte eS mir »ichtS mehr pnd lachte schelmisch über die pha»tastischen Ammenmärcheii und die KindSsrauengeschichten; es wurde ei» nüchtern denkender AdoleScent: Moderne Jugend ün de siecle. Jene» Männern, welche sich seit der Zeit der Geburt liebevoll angenoinmeii, verdankt er es aber, daß er, gleich de» Potentaten, schon vor dem zwanzigsten Lebensjahre majorenn wurde Bei dem Festbankette »ach der Cröffnung heS Clubs, welcher auch B o d e n st e d t, L. A. F r a » k l, B a u e r » f e l d u. A. >». als Gäste beiwohnten, begrüßte Sberbaurath F. Schmidt al» Präsident des Ingenieurlind ArchitekienvereilieS den Club, und feierte Hosrath v. H ochst etter sn einer geistvollen Parallele das Werden unserer Vereinigung, indem er eine» Pergleich zog zwischen der Entwicklung des Kosmos und dem Entstehen unsere« PsikrokoSmos. Wenn er dabei meine bescheidenen Leistungen über Gebühr würdigte, so war er wohl kein Prophet; den» da» „!e clu'o c’est inoi" erwies, »aß da» „edle Metall" au» dem Festspruche Hochstetter's nicht, so widerstandsfähig war, weil dessen Schwere gleich Null gewesen. Ein „edles Metall" keuchtet im Gegentheile jetzt als stolze Krone auf dem Hause, zu dessen Mauer uoid Wände» ich die Steine und Balken getragen. Viele von der „allen Garde" fehlen heute bei dem Appell; aber eine erfreuliche ßlnzahl ist noch hier. Ich, der Fahnenflüchtige, daS biegsame Metall, ivelcheS sich in die Berge verzog, au« denen es gekommen, bin jetzt hier, um Ihne» zu danken, daß daS halte Erz der Ueberzeugung sich nicht in Phanlasien verflüchtigte, in „Nixe nnd Kobolt", daß die inaguetischc Anziehungskraft Gleichartiges beranlockte, daß dem Jüngling Club getreu zur Seile standen die Spender des Friedens! Ich erinnere an ein späteres Bankett i» dipfem Saale, bei welchem ein Mitglied das reinigende Element des Kriege» preisen wollte, u»d mein College Carlos v. Gagern sich dann erhob und auf den „Frieden" trank; wie da die Gläser fröhlich klangen, gleich FriedenSglockeu! Friede! Und Friede in geblieben in dies.,» Hause: Unberührt von den niedrige» Leidenschaften, welche die politischen Kämpfe denen brau Wen gebracht, hoch über den SumpsmiaSine», welche leidet! meine Vaterstadt in letzter Zeit verpesteten und die Arrungenschaflen von sünsunddreißig Jahren zu zerstören drohte», bleibt der Club wie vor zwanzig Iahri n ein Asyl, ein nentraler Boden, eine schützende Mauer, hinter welche sich schon so viele ernsteBestrebunge»