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Freies Blatt · 1896-02-02 · 200 (2.2.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
200 (2.2.1896)
Date
1896-02-02
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Fe « te » Blatt. Seite 3 Nk. 2Ö0. freunde und Feinde des Handwerkes. Wenn cs wahr ist, daß die Großindustrie die gefährlichste Feindin des Handwerkes ist, so »mß derjenige als der wahre Freund de» kleine». Mannes angesehen werden, welcher diesem Waffen schmiedet und leihet in dem Eoncurrenzkampfc mit dem überlegenen Gegner. RichtS erhöht die Eoncurrcnzfähigkcit des Kleingewerbes aber mehr, als eine gründliche Fachbildung und technische Bervollkommnnng; liegt doch die Uebcrmacht der Großindustrie zur guten Hälfte in der rationellen Ausnützung aller Fortschritte der Technik, während der kleine Meister, an zeitraubende», kostspieligen und veralteten Arbeitsmethoden hängend, auf dem Markte mühselig nachhinkt. Wenn der Staat irgendwo ans gewerblichem Gebiete ans eigener Initiative eingreifcn sollte, so wäre es hier; denn die Erziehung ist die ausschließliche Lache deS Staates, und indem er allen Staatsbürgern die gleiche Möglichkeit bietet, sich in gleicher Weise zu ihrem Berufe tüchtig heranznbildcn, verwirklicht er die Forderung nach Gleichheit aller Bürger in dem einzig mögliche» Sinne..Es wäre also in erster Viitie Pflicht des Staates, die technische Ans und Fortbildung des Gcwcrbcstandcs selbst in die Hand;n nehme». Wo dies aber, wie bei uns, leider nicht der Fall ist, muß cs mit um.so größerer Dankbarkeit und Freude hingcnommcn werden, wenn sich eine Eorporation, heiße sic wie immer, in die Bresche stellt, um aus eigenen Mittel» und auf eigene Gefahr dem fachlichen Erzichungsbedürfniß abznhelfcn. So geschehen durch de» nicdcröstcrrcichischcn Gcwcrbcvcrei», welcher in dem Technologischen Gcwerbemnscum unter Aufwendung seines grsaninitcn EapitalcS jenen Boden ebnete, auf welchem, allerdings unter reichlicher Inanspruchnahme staatlicher Subvention, in jüngerer^eit eine der segensreichsten Institutionen für das Handwerk cmporsproß. Das Technologische Gewcrbcninscum hat einen Motorensaal errichtet, in welchem nicht nur alle für den Kleinbetrieb in Betracht kouimcndc» nenrrfnndcncn Maschinen behufs Erprobung ans il>re praktische Berwcndbarkcit ausgestellt er scheine», cs ermöglicht auch einzelnen Meistern und Asioriationcn, diese Maschinen in ihrer Thätigkcit kennen zu lernen, sich dieselben ans zuleihen oder gegen alln'ällge Amortisirnng anzuichasfen: cs hat endlich Mcistcrcnrsc eingrführt, welche den Handwerkern eine in der kleinen Werkstatt nicht erreichbare technische Schulung und bei der hcnsiczcn fortgeschrittenen Arbcitstheilung dem Einzelnen nnr schwer oder gar nicht zugängliche Kcnntniß seines ganzen (Gewerbes ermöglichen sollen. lieber die Anregung des Handelsministcrinms nnik trat das t. k. Technologische Gcwerbcinuscum an die l'andcsvcrtrctnng mit dem Ersuchen heran, cS seien aus Vandesmittcln Stipendien für Meister und Gehilfen, die in Wien oder anderen Orten Ricdcröstertcichs wohnen, im Gcsamint 'betrage von 300 fl. zu errichten, und als dieses gewiß nicht unbescheidene Ersuche» im Landtage jüngsthin verhandelt wnrdc. Im waren xs die privilegirten Retter des Kleingewerbes, dieselben Männer, welche nur den Handwerkern ihre Mandate verdanken, die gegen einen so lächerlich kleinen Anspruch an die Vandesinittel und zugleich auch gegen die ganze Institution der Fachcurse wie gegen ein Bcrbrcchcn am Handwcrtc eiferten. Um diese Haltung der Antisemiten zu verstehen, anuß man die Bcrliültnisie etwas näher besichtigen. Tic genannte vUistitution hat nämlich nicht nnr eine grundsätzliche und sozusagen theoretische Be deutung, sonders sic scheint spcricll für die Wiener und niederöstcr reichischcn Bcrhältnisse eine schreiende Rothwcndigkeit geiveien zn sein und ihre Aufgabe iin Ticnstc des darnicderlicgenden t^ewcrbcstandes geradezu glänzend zu erfüllen. Wie im Bcrlaufc der betreffenden Sivnng ans den Berichte» ronstatjrt. wurde, stieg die Halst der Schüler des Gcwcrbcmnscnms seit dem Jahre 1 ST*.* in stetiger Progression von -l-t auf 803 und hat in diesem Jahre die Halst 1IMK) bereits über schritten, an nnd für sich ein glänzender Beweis für die Zweckmäßigkeit der Anstalt. Tic größte Anzahl der absolvirte» Schüler wnrdc als Gesellen dem betreffenden' Gewcrbszwcigc zngcführt nnd verblieb sonach beim Kleingewerbe, während nnr ein geringer Bruchthcil als Werk führcr zur Großindustrie übertrat oder ins Ausland ging. Wie sehr den Schülern, die hier Ausbildung fanden, die genügende Fachtcnntniß fehlte, beweist z. B. der Umstand, daß von 40 Thcilnchmcrn an dem Eursc für die Schuhmacher nnr sehr wenige imstande waren, leisten nnd Muster zn schneiden, i)0 Pcrccnt konnlcu nicht einmal Maß nehmen, 30 Perrcnt keine Bodenarbeit machen; von der Fnßanaiomie und bei-* Ealculatuni hatte kein einziger der Meister ^odcr (''ohilfeii trotz Be sähignngsnachwciseS eine Ahnung; daß dies leider der normale Zustand im Wicncs Schuhniachcrgcwcrbc ist, zeigte sich, als Tank den großen Bemühungen freisinniger Abgeordneter ein tljtil der Militärlicierungen dem Kleingewerbe zngcwcndct wurde; cs war in de» ersten Jahren mehr 'als die Hälfte der gelieferte» Arbeit Ausschuß. Einmal mußte sogar eine besondere Bewilligung des Kaisers für die Annahme des Gelieferten eingcholt werden, damit die Vcutc nicht allzusehr geschädigt würden. Heute wird schon ein gutes Bicrlrl der Schnhwaarcnlicfcrnngcu für das Militär dem Kleingewerbe überlassen, allein — und nun kommt der wunde Punkt — die Ausführung erfolgt;»»> größten Thcilc in Böhmen. Während nämlich andere Länder, besonders Böhme», durch reichliche Vandesstipcndien es ihren .Kleingewerbetreibenden möglich machen, in größerer Zahl die Eursc des Technologischen Gcwerbcmnsciims zu besuchen, während thatsächlich die Mehrzahl der Schüler dortsclbst sich ans Böhmen rcrrntirt, und während endlich diese letztere» klug genug sind, die vom' Technologischen Gewcrbcmnscum gebotenen Maschinen io viel als möglich auszunützc», verhalten sich die Wiener Kleinmcistcr der ganzen segensreichen Institution gegenüber wenn nicht ablehnend, iö doch gtbichgiltig. Westen Berdicnst dies ist, braucht nicht gefragt zn werde». Wird doch seit Jahr und Tag in den antisemitischen" Bersammlnngcn gegen diese Einrichtung ein sörmlichcr Kreuzzug gepredigt. Warum V Tas kann keinem Heller Sehenden verborgen bleiben. Tie Vt|»tc leben eben politisch nnd znni Thcile auch ganz materiell von der' wirthschanlicheu Ber zwcislnng des Handwcrktrstandcs. Ohne denen Hilf und Rathlofigtcit wären sic nie groß geworden. Sic zehren von dem Elende der Klein gewerbetreibenden, und diesen ivirtlich helfen, heißt ihre vorgeblichen Retter rninircn.' Instinctiv sind die antisemitischen Abgeordneten gegen jede Maßregel, welche geeignet wäre, das Selbstgefühl nnd die Sclbständigtcil der von ihnen irregeleiteten Masten zu erhöhen.: und deshalb traten sic im Landtage auch gegen eine «"eldlristnng ans, welche keineswegs dem von ihnen bestgehaßten Gcwerl>c»i»icnm, sondern bloß ein paar Meistern »nd Gehilfen zugute kommen wird, . die sich in ihrem Berufe weiter zu bilden streben und nicht damit begnüge», in antisemitischen Ber sammlungcu über den Ricdcrgang des Gewerbes znraisonnirrn. Es braucht lange, che den Kleingewerbetreibenden die Augen anfgchen wollen, aber wir hegen die sichere Zuversicht, daß cs doch'endlich geschehen muß nnd daß sic erkennen werdet,, wo die Freunde und wo die Feinde des Handwerkes eigentlich stehen, ob in den Reihen Jener, welche cs mit (Gebeten und Bersprcchungen unnölhiger (besetze vertrösten, oder bei Jenen, welche nirentwcgt an dem Banner der Freiheit nnd Selbstständigkeit fcsthaltc». lTie Hiiisiilllstkcit der l»itiscmitische» i!khrtli.) Tic Antisemiten sind bemüht, tagtäglich durch ncnc Schimpfereien nnd Bcrdächtigungeil von sich rede» zn machen. Tcr Pfaidler reg orig stellte djescr Tage in der Vandcsvcrtrctung die Eominnnc Wien als insolvent hin nnd erhob gegen frühere liberale GeMcinderätbe, ohne jedoch Vsamcn zu »ciinen, die Beschuldigung, daß sic ihr Mandat znm Gelderwerbe ansgenützt hätten, Grcgorig nnd seine Schiinpfgenossen verbreiten die ehrenrührigsten «Gerüchte gegen achtbare Männer nnd nehme» gcsinnnngsvcrwandtc Fälscher geistlichen und weltlichen Standes i» Schuh, gcberdcn sich aber als die Pächter aller Redlichkeit, alles Anstandes, als die ausschließlich privilegirten Bolksfrcnndc. Wie hinfällig jedoch die antisemitischen Vchrcn sind, legte Professor Sncß >.» ciizcr,vortreislichc» Rede dar, welche er vorigen Sonntag im Bad» er deutsch'fortschrittlichen Bcrcinc unter stürmischem Bcifallc zahlreicher Zuhörer hielt. Ter hochverdinile Parlamentarier sagte u. A : „So etwas, wie jetzt vorgeht, habe ich »öct, nicht gesehen. Ein offenbar c» aufrichtig meinender Mann ans Ihrer Mille hat über den Hancrstand getagt: .Ja, inwendig sind sie nicht Antisemiten, sic sind es nur auswendig!' Und>das sagt Ihne» auch der Geschäftsmann in Wien. Fragen Sic ihn, warm»? Weil sich Einer vor dem Andern fürchtet, niest in die ganze Bevölkerung' der Terrorismus gedrungen ist, der. zeigt, bis zn welchem l^rade die Setbstsländigleit des Eharattcrs in Schatten tritt gegenüber einer Organisation, die eines Tages zerspringen wird wie eine Seifenblase. Was wir erlebt l,aben im Vandtagc bei einer Tcbatte, in welcher auch der Kaiser genannt worden ist, das war ei» tchpfclpunkt, über welchen hinaus nichts. Aergeres zu denken ist. Bo» diesem Angenblistc -an hat sich nicht nur »nlcr »us, sondern in de» Augen vieler Vcnte, die heule im entgcgcngeschtcn Vager siild, die Meinung Bahn gebrochen: da» ist denn - doch ein Unsinn! .Tic Geschichte fängt damit an, daß man das Boll anwcist, das Wissen gering zu schähen. Es ist jene Richtung, ivclche sich das thörichlc Beginnen seht, den Fortschritt bekämpfen zu wollen, ^chcn wir »ns näher die Methode an, wie cs möglich sein kann, ein Bolk zn solchen Ansichten zn bewegen. Tas Snstcm dieser Herren besteht darin, daß sic die önentlichen Körperschaften, ivclche mit administrativen Arbeiten wie Straßen, Spitäler, Schulen :c. beschäftigt sind und eigentlich außerhalb jeder Partei sein sollten, in ihrer Arbeit zu hindern suchen, indem sic ablcnkcndc Anträge hincinwcrsen. Wenn das Publicum nur etwas feine Sinne zusamincnnchmcn würde, müßte cs ja sehen, wie immer nnr Tinge gemacht werden, die nur de» .Hwcck habe», den Landtag in seinen Arbeiten zn hindern. Jeder,- der im össcnrlichcn Vcben steht, hat gewußt, daß der Jude in diesem Treibe» nur so vorgrgankclt wird. Schon vor Jahren hat ein Univcrsilütsrcctor gesagt: Tic Inden geht der"Anti-

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