Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 200 (2.2.1896)
- Date
- 1896-02-02
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Freie» Blatt. Nr. 200. trctrv in »mituüifuti barer äl'cijc die deutsch-liberale Majorität dcS »lülirischc» Landcsansschusics an, lucil dieselbe die Stelle eines Direktors a» der Brünner Landesirrcuanstalt nicht cinein Juden,. sondern einem angeblichen Antisemiten deutsch nationaler Eonlcur verliehen hätte, der nicht der tschechischen Sprache kundig wäre. Hiebei warf der tschechische Judcnhasscr semitischer Abstammung de» Deutsch liberalen de» crasfcsten Repotismus vor, beschuldigte sic, für ihre eigenen Taschen zu sorgen n. s. w. Die deutsch liberale Kartei handle den Inden. gegenüber undankbar, ohne die Gelder des Parteifreunde» Herrn A u s p i tz wäre sic die aller arinüe — also perorirte der Eonvertit — und ließ dabei Hiebe ans Hiebe gegen die Juden fallen. Auf den Zwischenruf des Landtagsabgcordnctcn von Auspiv, J'öding :c., Herrn Eduard S ch l c i in a y e r: „Tic waren ja selbst ein Jude!" erwiderte der Lueger Eopist: „Wenn die Inden von Anipiv so gescheit wären, wie ich es bin, dann wären Tic kein Abgeordneter." Tr. Ttransky hat mit diesen Worten ans der tschechischen Agitationsküche in Brünn ein Gcheimniß etwas un vorsichtig ansgcplaudcrt, das allerdings für Biele schon längst kein Gelieininiß nuchr war. Tas Ttrebcn der tschechischen Agitation geht dahin, die Jude» Mährens;u bcstimincn, ans dem deutsch liberalen Lager in das tschechische hinübcr;uwandcrn. Dann würde» den Inden, so flötet cs in fügen Tvrenentönc», Bortheilc über Bortheile erwachsen, den» die Tschechen seien von 'Jfatiir ans die wärmsten Inden freunde n. s. w. Merkwürdigerweise wollen die mährische» Inden nicht so gescheit werde» wie der Eonvertit Dr. Adolf Ttransky und ’ sind gesonnen, nach wie vor zu der deutsch-liberalen Cache Iren und fest zu ballen. 'I'imsut Danavs ot ckona t'e-rsates! lind dies mit Fug und Recht Wo erschollen die erücn Ctribro Rufe in Cesterreich'? Wer vcr. anüaltetc die ersten Judcnhctze» in Defterreich? Diese ,Tragen zu beantworten sei dem „gescheite»" Dr. Adolf Ttranskn überlaste». II. Brün n, Ende Jänner. „ ifc Borgängc in der Titzung des mährischen Landtages vom LI Jänner halten die Gemütycr nicht nur in der mährischen Haupt nadt. ioiedern auch in weitere» Kreisen der Bevölkerung Mährens, besonders der jüdischen, in lebhafter Aufregung. Die östentliche Meinung steht zum grossen Theilc ans Teile des Abgeordneten Dr. T tr a n sky, ivelchcr die Majorität des Landcsansschusics, insbesondere deren Führer Tr. Prombcr der Parteilichkeit bei Bescpnng von BeamtenstcUcn be schuldigte und aut die Besetzung der D ircetorsstellc in der Brünner Landcsirrcnaiiüall als ein besonders cclatankes Beispiel hinwies. In dieiem Fälle sei ein älterer, seit Jahren im Landesdienstc stehender Bewerber, der alle T-ualisieationen besitze, inSbesonders auch beide Landessprachen beherrsche, nicht in Betracht gezogen ,worben, lediglich auS dem «''runde, weil er Jude sei, während ein jüngerer Bewerbet ernannt wurde, den schon die absolute Unkenntniß der tschechischen Tprache, welche die Umgangssprache der Majorität der Kranken bilde, zu dieser Ttcllc durchaus ungeeignet mache. Zudem sei der Ernannte ein strammer Antisemit, und deshalb allein involvire besten Ernennung einen Art erastestcr Undankbarkcit^dcr Liberalen gegenüber den Inden, ohne deren Hille die deutsch liberale Partei in Mähren überhaupt nicht bestehen tonnte. Dr. Promber wies die Angriffe Dr. Ttransky's mit der Behauptung zurück, dag sich die Majorität des Landcsausschnstes lediglich von fachlichen Gründen habe leiten lasten; der nenernannte Tircetor Tr. Hcllwig fei bereits sechs Jahre in leitender Ttcllung in Troppau gewesen: ob er Antisemit sei oder nicht, sei überhaupt nicht in Frage gekommen. Er (Prombcr- sowie sein Freund (und Tckiwager) Tr. Frendek seien wohl Über den Bcrdacht des Anti icmitismns erhaben. Dbwohl diese Ausführungen Dr. Promber's vom lebhaften Bestalle seiner Partei begleitet waren, haben sie nichts dazu bcigttragcn. die Ttimmung gegen die Mehrheit des LandesanSschnstes innerhalb der Judenfchafl auch nur im «''cringstcu zu änhcrn. Eine kurze, objcctivc Darlegung des Cachvcrhaltes sei daher gestaltet im Jntcrcste der Klärung der Frage, ob durch die Behauptungen Dr. Promber's die Anklagen Dr. Ttransky's bloß in formaler , oder auch in fachlicher Weist widerlegt worden sind. Es wäre gewiss ^kiu boruirtcr Ttandpunkt, wenn bei einer Ttellenbesetzung statt der sachlichen T-nalisieation in erster Linie die politische Gesinnung des Eandidaten in Betracht gezogen würde, und es wäre gewiß ein höchst anerkennenswerthes Beispiel von Gerechtigkeitsgefühl, wenn Herr Dr. Prombcr lediglich aus Ueberzengung, dag Herr Tr. Hellwig von allen Bewerbern der fachlich weitaus am besten qualificirtc sei, die Ernennung durchgestlkt hätte, unbekümmert darum, daß er einem politischen Gegner seiner Partei in den Tattel verhelfe. Allein mau weiß hier recht gut, dag Herr Dr Promber in anderen Fällen sich nicht so leicht über die politische Färbung der Eandidaten hinwegsetzte. Es drängte sich ferner die Frage auf, ob gerade in diesem speciellen Falle derart zwingende sachliche Gründe Vorlagen, um sich ohnewciters über all die Rücksichten hinwcgzusctzcn, welche die mährischen Juden fair ihre große Opfenvilligkcit von der liberalen Partei beanspruchen dürfe». Wie die genaueste auf gründlichen Informationen beruhende Kenntniß aller Bcrhältniste lehrt, waren - solche Gründe keineswegs vorhanden. Herr Tr. Hellwig kam mit zwei im Landesdicnste stehenden Primarärzten in Bojrschlag, die nach einer in allen übrigen Ländern herrschenden Gepflogenheit in erster Linie auf Berücksichtigung Anspruch hätten, und von denen der eine, Herr Dr. Kornfeld, spceiell hier in Brünn sich des größten-Ansehens-erfreut, auf eine beinahe siebenjährige Assi stcntcndiciiststit bei Herrn Hofrath Freiherr» v. K rafft-Ebing Hinweisen durfte, nach Ausspruch von Fachautoritätcn in wisscnschaftlichcr Hinsicht dem Direktor Dr. Hellwig weit überlegen und zudem sowohl an Jahren wie auch an Dienstzeit älter als der Letztgenannte ist. Daß Herr Direktor Dr. Hcllwig kaum zwei Jahre nach erlangtem Doctorat Direktor her Droppauer Irrenanstalt wurde, und zwar nicht durch irgcnh welche Leistungen in seinem Fache, sondern lediglich durch seine bnrschfnschaftlichcu Berbindnngcn und durch Zufall, ist nur ein Beweis dafür, daß er vom Glücke cmporgctragcn wurde, nicht aber, daß er fähiger sei. -All diese Dinge wurden, obwohl Dr. Prombcr von eigenen Parteigenosse» aufmerksam gemacht wurde, ignorirt, ebenso 8er Umstand außer Acht gelassen, daß, wenn Herr Tirector Tr. Hcllwig nach Ansicht des schlesischen LandrSanSschussr« ein tüchtiger Tirector der Droppauer Anstalt war, dies noch keine Gewähr dafür biete, daß er die viermal so große, nach ganz anderem Systeme eingerichtete Brünner Anstalt ebenfalls gut leiten' werde. Auffällig ist auch die Thatsache, daß nicht, wie j in anderen Ländern üblich, die Eompetcnzgcsuche dem Sanitütsrasthc vorgelegt wurden, daß eine Fachautoritüt nicht zu Rathc gezogen wurde, und daß entgegen einem bestimmt ausgesprochenen Versprechen dc-S Referenten in dieser Frage, Herrn Dr. Ritter v. Nro>», nicht einmal der einzige objektive Cachvcrstündige im Landesdicnste, der Direktor der Tternberger Irrenanstalt, Herr Dr. Schubert, mit der Ausarbeitung des Borschlagcs betraut wurde. UeberdicS beliebte cs Herrn Du Promber von vorneherein, Herrn Dr. Kornfeld als gar nicht i» Frage kommend hinznstcllcn, wobei er sich auf das Gutachten eines Beamten, des Landcsrathcs Mauer, berief, der das Referat über die adminsstrativcn Angelegenheiten der Irrenanstalten hat, also jeden falls ein -sehr kompetenter Bcurthcilcr der Fähigkeiten eines ArztcS ist. Als hierauf nach Abgang des Direktors Cter; nach Graz Herr Dr. Kornfeld mit der provisorischen Leitung der Anstalt betraut wurde, war es wieder Herr Tr. Prombcr, der - ans die definitive Besetzung der Stelle drängte, wiewohl nach dem Urtheil aller maßgebenden Faktoren gerade während der Leitung durch Dr. Kornfeld in derselben die musterhafteste Ordnung herrschte. Dies hinderte Dr. Promber und ihm nahestehende Personen nicht, Aeußrrnngcn in dem Sinne zu machen, als ob man dem Provisorium wegen der in der Mistalt eingerissencn Mißwirthschaft schleunigst habe ein Ende bereiten niüssen. Als der neue Dirtctor seine Stellung antrat, war es Herr Dr. Promber, der ihn unter seinen besonderen Schutz nahm, und vielleicht ist cs auf seine Einwirkung zurückznführcn, daß der neue Direktor a» den Landesaus schuß eine Eingabe über die in der Anstalt Vorgefundenen Zustände machte, deren Inhalt.von Herrn Dr. Ritter v 8rom mehreren Herren mitgetheilt wurde. Als dann auf die unglaublichen Entstellnngrn, llebcrtreibnngen und Unrichtigkeiten dieser Eingabe hingewiesen wurde, ließ der Landesausschuß diese Eingabe verschwinden, d. h. er behandelte dieselbe als „vertrauliche Mitthcilung"! Da die Details dieser Angelegenheit, wie nur selten, in allen ihren Phasen durch ein Zusammentreffen verschiedener Umstände genau bekannt waren, wurde das Jntercsic der mährischen Judenschast durch mehrere Wochen rege erhalten. Man betrachtete dieselbe als einen Prüfstein''des Liberalismus Dr. Promber's, znnial man wußte, daß gerade die cnragirtcstcn Antisemiten Brünns für Hcllwig Stimmung machen, nnd man einer Bcrpflanzung des Droppauer Geistes nach Brünn nicht glcichgiltig entgegensetzen konnte. Daß Dr. Promber trotz alledem doch die Erncnnnng Hcllwig'S durchsetzte, dys läßt nach Ansicht vieler Juden keine andere Deutung zu als die, daß er die Antisemiten, die ihn stets sehr angcfeindet haben, captivircn wollte. Allerdings darf auch nicht verschwiegen werde», daß nach Aussage von Hellwig's Freunden der Statthalter zu Hellwig's Gunsten einen Hochdruck geübt hat, nnd daß dies vielleicht für Tr. Prombcr bestimmend war. Sicher ist, daß in dieser Ast'aire dem Herrn Dr. Promber so zahlreiche Widersprüche und Unrichtigkeiten nachgcwiesc» wurden, daß er das Bertrancn eines große» Dheiles der Inden verloren hat. Innerhalb der mährischen Judenschast bereitet sich eine Bewegung vor, deren Eonsequenzen schon bei den nächsten Wahlen zur Erscheinung kommen^dürfte». In einer Zeit, in welcher der deutsch-liberale» Partei von vielen Seiten Gefahren drohen, hätte Herr Dr. Prombcr viel vorsichtiger nnd corrcctcr handeln sollen.