Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 200 (2.2.1896)
- Date
- 1896-02-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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♦ Adon«rme»t-prel». Für Oesterreich-Ungarn: GanzjLbrig ... 6 Kronen (fl. 3.—) HaldlSbriq. . . . S Kronen 40 Heller (fl. I.7V). BierleljLhrig. . . 2 Kronen (fl. i.—) ftflr da» gefammte Ausland: Ganzjährig . . . ..6 Mark Halbjährig .- 4 Mark Einzelne fiummtni 6 kr. Nnfranklrte Briefe werden nicht angenommen. Erscheint an jeden: Sonntage. Aedactio» und flbniiiiiftratiou: I. Seilerstätte 10. Inserate werden mit rv Heller (io fr.) itlr die viermal gespaltene Nonpareillezeile berechnet. Kleiner Anzeiger da» Wort 4 Heller (t kr.). Ausnahme von Inseraten in unserer Administration sowie in» Annoncenbureau M. Duke». I. Wollzeile *., Nummer 200. Wien, 2. Februar 18%. V. Jahrgang. Und wie weit nocl>? (Zuschrift a» da» „Freie Blatt".) Salzburg, Ende Zauner. Crt der Handlung: die »ikderöstcrreichische Landstube. Cf in desolates Bild! Auf der eine» Seite apathische Wurde, die maßvolle Ruhe des im Dienste ergrauten Seemannes im Sturme, aber eine vergebliche Probe der Standhaftigkeit; auf der anderen die immer wilder herantobenden Wogen, deren Gebrüll dem Lärmen der Korybanten gleicht. Ja. sie kennen keine Schutzdämme, keine Grenzen mehr, die politischen Korybanten, durch deren Kehlen des „Bolkcö Stimme" dringt, wenn wir ihnen glauben sollen. Aber eS sind Wahnwitzige, welche vorgcben, die Geschicke eines Reiches durch ihre» Rath leiten zu könne», und zugleich ihre Unfähigkeit hiezu mit jedem Worte, jeder Bewegung beweisen. In ihren Köpfen ist keine Ordnung, daS ganze wirre Räderwerk dieser Puppen ist nur geleitet durch dc» Motor „Ich" und dnrch die Flüsterstimmkn unsichtbarer Maschinisten. Träume ich? Wo sind die Denker und die Redner? Wird'de» Analphabeten der Politik, die sich gleich ungefügigen Straßenjungen benehmen, daS Feld ganz geräumt? Wenn die Regierungen schon in anderen Dingen zurückweichen, wen» sie cs nicht wage», einigen fanalische» Priestern und pedantischen Juristen zu widersprecht», wen» sie auch Zusehen, wie eS im Rachbarlande gährt und knistert, de» Herrscher und seine Räthe darf man nicht schmähen lassen! Sollen diese Korybanten die Maschinen verdamme», die Eultur ansprien, die Straßen und Canäle für nutzlos, die Eisenbahnen für ein Werk deS Teufels, jede Bank für eine Räuberhöhle, jeden Liberalen für eine» Bampyr, j'den Gebildelen für ein Scheusal erklären, daS kann »ns ja schließlich nur wie die Sprünge eines Harlekins, eine leise Lnsterschütterung auf Kost:» ihrer. Lungen sei», aber das Oberhaupt des Staates, seine von ihm gewählten Räthe, diese Symbole des ReichSbcstandeS, sie dürfen nicht öffentlich vernnglimpft werden, sei es auch nur von — Antisemiteu-Schreiern und christlich-socialen Gauklern. Der rechte Mann für diese bleibt wohl am Ende doch nur per Psychiater. Aber wir wollen eine Stentorstimme hören, nicht bloß Ordnungsrufe und wieder Ordnungsrufe, die im Sturme verklingen. Warum duldet man cö, daß der niedrige Menschenhaß in den Kinderscelen Wurzel fasse? AuS diesen Kindern werden Bäter und Müller und sie lehren ihre Kinder einst, so gut sie eS wissen. Culturrückschritt steht bevor, wenn nicht bald ein stärkeres Wort und eine stärkere That kommen! Oesterreich ist auf einer schiefen und glatten Ebene. Ein mäch. tiger Keil muß eingetrieben werden, eine aufrichtige, freisinnige Reform brauchen wir! Man verdammt die Posaunenredner, hinter ihnen aber verbergen sich die verhüllten Priester der Reaclion: die kennen kein ehrliches Spiel, die wollen nur Macht und Geld und wieder Macht. Rach welchen Principien kämpft denn diese schwarze Armee? Wir haben es vor Kurzem gesehen: Ein Jesuitenbuch von zweifelhaftem Werthe genügte einem kirchlichen Würdenträger, um eine Leuchte der Wissenschaft ösfenllich in de» Staub zu ziehen. Ein anderer Bischof will die Leichen der Protestanten, gleich denen von Selbstmörder», in einen Winkel des Friedhofes verweisen, damit ja kein Tropfen katholischen Weihwassers ihre Gräber tteffe, und der CultuSminister sollte doch wissen, daß Protestanten auch Christen sind. Eine Schule nach der anderen wird den Jesuiten auSgcliescrt, den Männern von KalkSburg und Feldkirch; warum erweist man solche Gefälligkeilen , den Gegnern der Enllur und der Aufklärung?'Eine radieale Eur dieser traurige» Zustände, ist sie »och möglich? So lange man bloß die Plänkler des spcculativcn und streitbaren Ehristenlhumü zur Ordnung ruft, die Korybanten der Landstubc, aber das schwarze Hauptquartier zugleich vcrprovianlirk, wird eS nicht besser werden in Oesterreich. Denn der Ruf „Zar Ordnung" ist »och nicht stark genug; er sollte gewisse dicke Mauern durchdringen und die-verborgenen Wühler im schwarzen Rocke aufschreckcn wie die Posaune des Gerichtes. I)—1". Der Lall Hellwia. - Die im mährischen Landtage zur Erörterung gelangte Besetzung der Direclorsstelle qn der Brunner Landesirrcnanstalt wird in ganz Mähren vielbesprochen. Wir erhalten hierübermus Brünn, Olmütz, Znaim, Mährisch-Weißkirchen re. eine Reihe von Zn schrifle», von denen wie jedoch nur zwei wiedergeben, da sie unseres Erachtens den Gegenstand, jede von einem rinderen Standpunkte, genügend klarstelle». Ei» der Abwehrbewcgung trui ergebener und an der Rechtsgleichheit unverbrüchlich fcflhaltinder Christ legt die Beweggründe dar, welche de» seinen früheren Glaubensgenossen nichts w»niger als geneigten Führer der mähr ijchcn Junglschecheii. Dr. Slransly, bestimmt habe», als Anwalt eines angeblich zu Guiiften eines AniiseMite» zürnckgesctzten Juden im Landtage aufzutrele». Ans jüdischen Kreisen bringen wir eine Beschwerde über, das Verhalten des Dr. Prombcr. Wiewohl »ns dieselbe von sehr glaubwürdiger Seite, znkommk, geben wir sie bloß als eiuen Siimmungöbericht wieder. Dr. Prümber hat während seines vieljährige» öffentlichen Wirkens stelö feine ehrlich liberale Gesinnung belhäligt und gehört;n den von deft Anti jcniitcn am »leisten angefcindelcn Foilschrillsmännern. Rach seiner ganzen Berga»ge»he>t erscheint cs, wenn auch verschiedene'Anzeichen gegen ihn spreche» sollte», ausgeschlossen, daß rt sich in seine» Entschlüsse» vou co»fcjsio»ellcn Borunheilen oder gar von dem Streben, die Gunst der Antisemiten zu gewinnen, hätte leiten lasse». Für den Angegriffenen und jür die gcjammte liberale Partei geht aber a»S dieser Beschwerde eine beherzigenswerthe Lehre hervor: die schmachvolle antisemitische Bewegung hat einen starken Brnchlheil der jüdischen Wählerkreije mißlranisch gemacht, und es ist-heutzutage ein grvßtr Fehler, auch nur den Schein auf sich zu laden, alö ob man, gleichviel auö welchen Motiven immer, die Grundsätze des Liberalismus „zurückftcUcn" wollte. Rur deshalb reproduciren wir im Rachstclftiidcn neben dem Briefe, welcher eine Würdigung deS Ltransky'jchen Kunstgriffes enthält, auch daS gegen Dr. Promber gerichtete Schreibe»: I. Dlmütz, 27. Jänner. Tr. Adolf Stransky, ein getaufter Jude, gefüllt ^fich seil seiner kurzen Thätigkcit als Landtagsabgeordnetcr darin, den Tr. Earl Lueger ins Tschechische zu übcrsctzcu, wobei er sich selbstverständlich mn die (besetze der Logik und der allgcincin giftigen Sitte blutwenig. künttnert. Eine Probe seiner Leistungsfähigkeit genüge statt vieler: 'In der Sitzung des »lährischen Landtages vom 21. Jänner griff dieser tschechische Vcr- /