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Freies Blatt · 1896-01-26 · 199 (26.1.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
199 (26.1.1896)
Date
1896-01-26
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 199. Freie» Blatt. Seite 9. ' der Juden zum öffentliche» Leben und zur bürgerlichen Gesellschaft i» ' ganz Europa und insbesondere in Deutschland vor sich ging, war keineswegs nur daS Product der fortschrcitcnden Bildung und Geisteserhebnng unter den Juden, sondern ebknso sehr der großen allgeincinen Zeitereigniffc. Denn vor den gewaltigen Erschütterungen derselben stürzten alle unnatürlichen Scheidewände von selbst znsaimnen, weil alle in gleicher Weise von denselben ergriffen, in gleicher Weise gehoben oder »icdergcworfcn wurden. Tic unverkennbare und unleugbare Ge meinschaft großer Schicksale wurde znni Verkünder und Besieger der j traurigen Verirrung, mit der man sich in gegenseitiger Verkennung von einander obgeschlosien hatte. Und wenn in Frankreich der gemeinsame FrciheitSransch und der gcnicinsamc Rnhm i» dem allgeincinen Gefühle des nationalen Stolzes .jeden Unterschied des Glaubens vcr gcsien ließ, so war cS in Deutschland noch mehr das geincinsaine Weh und die gemeinsame Erniedrigung der Nation, mit der sich das Gefühl der vaterländischen Gemeinschaft über die Gewohnheit der religiösen Sonderung erhob. Denn gerade der Jude hatte ja gelernt, in der Gemeinschaft des Leidens das festeste Band der Einheit mit seinen Brüdern zu finden; und jetzt zum crstenniale fühlte er sein Denken und Empfinden an das Schicksal eines Gemeinwohles gekettet, das nicht das seiner Glaubensgemeinschaft, sondern seines Vaterlandes >var. Er fühlte des Vaterlandes Unglück als das seinige, des Vaterlandes Schmach und des Vaterlandes Knechtschaft als die feine. Er hatte in diesem Mitgefühl des Leides sein Vaterland gefunden, und dieses in sich und für sich festznhaltcn, war jetzt die Aufgabe seines Lebens. Und was der Jude mit dieser Tiefe des Enipsindcns als sei» eigen fühlte, mit dieser Energie dcS Willens als sein eigen erfaßte, konnte und mochte ihm der Ehrist nicht versage», der in dein Schmer; der Unterdrückung gelernt hatte, für die Unterdrückten zu fühlen. Die Aufnahme und der Eintritt des Inden in den Verband der bürgcr-, lichen Gesellschaft war bereits.thatsächlich erfolgt, als das (besetz dieselbe verkündete und gewisierinaßcn nur Act von der geschichtlich voll endete» Thatsachc nahm. Der Befreiungskampf von 1813 und das Blut der jüdischen Jünglinge, die freudig für Deutschlands Befreiung in den Tod gingen/ hat vor dem Richtcrstnhlc der Weltgeschichte den Bund feierlich und unauflöslich besiegelt, de» das Jndcnthum mit seinem neuen Vaterlande geschloffen; und der Boden, ans dem dies Blut gefloffe» ist, und der von de» Werninthsthräncn selbst der altgläubigste» jüdische» Eltern benetzt ward, die ihre Kinder dem Heldentod fürs Vaterland weihten — dieser Boden wird nimmer ungestraft diese nengewonnene». Kinder verleugnen. Der deutsche Jude ist seit jenen Tagen ein Deutscher, möge auch ein itkneü Geschlecht in einer an Wahnsinn grenzenden Ucbcrhebnng die Nachkommen jener VatcrlaudSkämpscr für Fremdlinge erklären und unter Gesetze stellen wolle», welche schon das Deutschland dcS beginnenden Jahrhunderts als überlebt abzui'chütteln sich bemühte. Was der FrcihcitSkampf errungen, sollte der Wiener Eongrcß sichcrstellcn, ordnen und in gesetzliche Formen bringen für die ge saminte deutsche Nation wie für deren Angehörige jüdischen (Glaubens. Die gerechte und wohlbcgründete Hoffnung beider ist, wie man weiß, nicht erfüllt wbrden. Trotz der wohlmcincndcn Absichten -Hardenberg'», der öffentlich und ausdrücklich erklärte: „die Bewilligung der vollen Bürgerrechte an seine jüdischen Einwohner müffc die ernste Absicht des gcsammten Deutschland sei», und die Sache des Ehristcnthums könne dadurch nur gewinnen, daß die schwere Schuld vieljähriger, zum Thcil grausamer Unduldsamkeit ans dem gerechtesten Wege gelöst werde," und trotz der übereinstimmenden und ernsten Bemühungen Metternich'» erzielte man ans dem Eongreß für die Inden doch nichts weiter als de» bekannten 8 16, der die definitive Bcschlußnahmr dem Bundestage anhcimstellte und ihnen neben der Aussicht auf den Geiinß der bürgerlichen Rechte gegen die Ucbrrnahme aller Bürgerpflichten nur noch die Erhaltung der ihnen in den einzelnen..Bnndcsstaatcn bereits cingcrünmtcn Rechte zusichcrtc. Es ist bekannt, daß die Verwirklichung jener Aussicht durch den Bundestag niemals erfolgte, und daß auch die bereits erworbenen Rechte in den meisten deutschen Länder» de» Inden wieder entzogen und verkümmert wurden, da man de» £ ll> dahin nmwandelte und nmdcutclte, daß nicht die in den einzelnen Bundes staaten, sondern nur die von den rechtmäßigen Regierungen derselben ihnen verliehenen Rechte erhalten werden sollten. Selbst in Preußen wurde das Edict vom 11. Mär; 1812 in seiner Ansführnng ver kümmert und verkürzt, die akadcipische» Lehrämter den Juden vorent halten, und die mit dem Ehrcnkrenz und dem Tssiciersdiploi» ans dem Kriege zurückgckchrtcn jüdischen Freiheitskämpfer mußten aus dem . Kriegsdienste scheiden, wenn sie sich nicht zu Gemeinen degradirt sehe» wollten. Die Regierungen glaubten, wie ans anderen (Gebieten, so auch den Juden gegenüber geschichtlich vollendrte Thatsachc» durch solche Maßregeln verlöschen zu können. Aber wie die Resultatlosigkeit des Wiener Eongreffcs und der Rcactionsepochc, die dcpisclbcn folgte und welche natürlich auch an die i» der Napolcon'schen "„Zeit - de» Inden zncrkanntcn Rechte Hand zu legen suchte, die deutsche Nation zur politischen Mündigkeit und Selbste thätigkeit erhoben hat, so sind auch die Inden wahrend dieser Zeit zu einer inneren Reise gelangt, die ilmcn für den großen äußeren" und inneren Kampf einer nahe» Zukunft die nöthige Kraft und Sicherheit verlieh. Im volle» Selbstgefühl einer Rechtsstellung fühlten sic sich stark genug, dieselbe als eine wohlerworbene f-stz»haltc» »nd jeden Versuch ans Schmälerung' nud Verkümmerung dickes Rechtes zu be kämpfe» und znrückznwcisc».'Das Vaterland, das ihnen als eine innere Errungenschaft zn eigen geworden war, konnte und.sollte ilmcn nicht wieder genommen werden. I» diesem Bewußtsein mußten sie ebenso furchtlos den Kampf gegen rractionäre Regierungen wie gegen eng' htrzigc und feindselige Schriftsteller n»d. selbst gegen de» roden Pöbel anfuchmcn. Es galt nicht mehr, nach einem lang cntbclirten Besitz zn streben, sondern sich in dem endlich errungenen zu schützen Diesen Standpunkt sehen wir . die Inden bereits cinnclmic», indem sie ans' dem Wiener Eongrcß durch einen eigenen Vertreter, Dr. Bnchholz, für die Wahrung ihrer Rechte gegen die Verlesung derselben durch die freien Reichsstädte protcstircn; noch entschiedener aber, als'der Senat »nd die Bürgerschaft der freie» Stadt Hamburg cs gegen die Best'»» innngen der Bundcsacte versuchten, sie dcS bereits geübten vollen Bürgerrechtes zu.berauben und sic auf den Standpunkt der „Stältigkcit" von 1Ü10 znrückzuführc». Die entschlossene und ronsequente Energie, mit welcher hier zum rrstenmalc eine Jndenschaft gegen ihre Regierung mit dem Anspruch auf ihr Recht vor das Forints einer höheren Autorität tritt, die das Gesetz zn schützen berufe» ist, muß uns als ein sclbstrcdcndcs Zengniß von der nngehencren Umwandlung dienen, die während eines halben Jahrhunderts mitdem inneren Be wnßtsoin und der äußeren Stellung der Inden vor sich gegangen war. Die endliche Erledigung dieses Kampfes, wie gering auch die erstrittenen Rechte waren, ist ei» glänzender Triumph zur Eonstatirung der Thatsachc, daß eiidlich auch für den Inden die Zeit der Rechtlosigkeit und der Willkür vorüber. Wir wollen hier nicht die zahlreiche» mittelalterlichen Beschränkungen anszählen, die man in der Rcactionsepochc von 1815 bis 1830 den Inden wieder anszncrlege» bemüht war, »nd die Mittel, deren sich . die Regierungen »nd "deren Srganc bedienten, »in solche Maßregeln vor dem Richtcrstnlsic der Humanität,, der Bnndesversaffnng und ihrer eigenen (Gesetzgebung zn rechtfertige». Es liegt nies ebensowenig ob, die literarische Polemik zn verfolgen, in ivelcher ein RnhS, Fries, Drcsch, Lips und Andere -zur.'Unterstützung der Regierungen die Unfähigkeit und Unwürdigkeit der Jude» zur Ausnahme in den bürgerlichen Verband unter Aushänfung aller möglichen Beschuldigungen »ach znwcisen und Männer, wie Zimmern, Heß, Hellwitz, Krciznach, Weil und Andere diese Anfchnldignngen vom jüdischen Standpunkte ans zn widerlegen suchten. Aber erwähnen wollen wir, daß auch christ liche (belehrte, tote Ewald, Schmidt nnd selbst Paulus, vom theologi scheu, staatswissenichaftlichc» nnd geschichtlichen Standpunkt ans jenen Angriffen cntgLgcnzntrctcn für Pflicht der Hnmanität und der Gerech tigkeir hielten, Ganz ähnlich wie heute verbreitete sich damalseine „Hep, Hep" Manie plötzlich gleich einer Epidemie über Deutschland, die offenbar nur ein erfolgreicher Versuch war, die allgemeine nnd leicht erregbare. Verstimmung des Volkes über die öffentlichen Zustände von dem nnerrcichbarcn Gegenstände seines Unwillens auf einen leicht z» treffenden nnd schwer zn schützenden (Gegenstand zn lenken. Es wären alle diese judenseindlich'en Erscheinungen, die sich in den vcr schicdcnstcn Sphäre» des öffentlichen Lebens knndgaben, jedoch nichts als ~ ein ohnmächtiger, aber natürlicher Versuch der-immer tbäligen Wider-r standspartci, eine geschichtlich vollendete nnd auch im öffentlichen Be wnßtscin sich vollendende Thatsachc als das haltlose nnd lebensunfähige Product einer vorübergehenden »nd überwundenen Rcvolntionscpoche zu bezeichnen und - mit allen Waffe» gegen deren Forlbcstand zn kämpfen. Tont commü eliez muis. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Vl»t. lieber M.cwchcrepfcr bei dey Serben berichtete ich jüngsthin schon i>» „Freien Blatte". Tic Mitiheitniigen sanken in der Gelelsrtenwelt gebührende Beachtung, weit sie mittelbar ans eine» Culinrzustand Bezug »ehinen, den die westlichen Völker Europa» längst überwunden haben. Längst zwar, koch ist e« nicht so lange her, daß deren Erinnerung völlig verwischt erschiene. Tie Antiseinitc» freilich, die mit ihrer phantastisch verlogene» Weisheit so gerne ei» angeblich »msterhast sittliches Urgermanentbum als Ideal det modernen Eiltinr inenschheit ausschwatzen inöchte», »in ihrem Jndensrassc den Schein einer cultur

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