Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 199 (26.1.1896)
- Date
- 1896-01-26
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Freie» Blatt. Nr. 199. sprossen der edelsten Geschlechter Oesterreich-, denn die Fürsten Lobkowitz, Taxi- und Wi n dis'chgrätz mußten bei den letzten Audienzen dem Baron Rothschild den Bortitztt lasten Wir wisten nicht, welche große Verdienste sich der Baron Rothschild um Oesterreich und da- Erzhauerworben hat, die '.Hamen Lobkowitz, Taxi- und Windischgrätz sind aber mit den ruhmvollsten Seiten de» Hause» Oesterreich verknüpft. Wie dankbar übrigen» die Judenpreffe siir die Bevorzugung war, erhellt daran-, daß dieselbe de» Erzherzog Ludwig Victor einfach zu erwähnen .vergaß ." tFrrch, aber unwiffend.) Tie .Ostdeutsche Rundschau" übernimmt au» einem reich-deutschen Blatte die Nachricht, JacqneS Sainl-Sete wäre seinerzeit zum Ehrenbürger von Karlsbad ernannt worden, und knüpft daran folgende Beinerkung: .Hoffentlich ist die Stadt Karlsbad in der Lage, dieie Meldung in Abrede stelle» zu können, sonst würde man von den dortige» Skadtväler» sich keine gute Meinung bilden können. Eine deutsche Stadt, die auf ihre» Ruf hält, kan» niemals Juden, welcher Art sie auch seien, zu Ehrenbürgern machen." SaintrCöre ist kein Jude, Karlsbad keine deutsche Stadt im Sinne antisemitischer ^olksverderber und Landespreisgeber. Ocsterreichische Gemeinden aber können nur Inländern da- Ehrenvürgerrecht' verleihen. Ter Beschluß, HanS Kndlich zum Ehrenbürger von Wien zu ernennen, wurde vor Jabren von der Statthallerei annullirt, weil t,er rühmlich bekannte Achtundvierziger bereits amerikanischer Staatsangehöriger war. Der .Ostdeutschen Rundschau" ist dar wie so manche» Andere freilich unbekannt; da§ Sudelblatt kann nur „Hepp! Hcpp!" und „Heil!" schreie». >l5omvliment siir Frau Philippine v. Schönerer.) In seinen „Lo>«n Gedanken" schreibt der galante Masaidek: „In Währing soll ein neue» Theater errichtet werde». Ta an der Spitze des Theaterbaucomiws ei» Herr .lohn ftetjt; läßt sich jedenfalls da« Beste honen." (Warum dir Wirurr antisemitisch sind.) Mau schreibt uns: Als Sonntagsvergnüge» veranstaltete ei» hiesige- Anttfemilcnblatt im Leitartikel ei» artige» Frage- und Antwortt'piel über das Thema: „Warum die Wiener antisemitisch sind". Unter dem vielen Blödsinn, der. wie bei allen derartigen Anläffen, auch diebei herau-kam, verdient eine Antwort ganz besonder» den Preis der Dummheit. .Warum sind die Wiener antisemitisch?" frägk der Moniteur der AulisemiliSmu» und gibt sich die Erklärung: „Ter Wiener fragt sich: Woher sind denn, die Hunderte von Millionen enlstanden, die beispielsweise ein. reicher Bier konig besitzt? Woher ander-: al» daß von dem Wiener Volke für da-Bier, das o'l ein rechtes .G'i'chlader' ist, wie der Wiener sggt, ein horrender Preis verlauft wird, ti.tzdem der Hop'e» und die Gerste so wohlfeil sind, daß der arine Bauer nicht mehr die Selbstkosten dabei findet." Also weil Herr Dreher, der uuausechtbare Arier, durch sein Bier zum Millionär geworden ist, darum sind .\e Wiener — anliseinuiich > Ja, wenn da« wäre, da»» müßte» sie obendrein »dch etwas anderesein, nämlich — btivdumm. lWas ist christlich?« Das in Bozeu erscheinende „TirolerBolkSd l a t l" schrieb unlängst: „,G e d e n k e l d e r Vögel i m W : n t e r! Dielst eine' Aufforderung, die man in unzählig-» Zeitungen jedes Jahr lesen kann, wenn Schnee und Frost eiulristt. In der Regel geht sie von Mensche» ans, die siir arme nothleidende Menschen nie' die Börse öffnen, in ihrer Sorge sür die Vögel aber eine großartige Thal zu vollbriugen meinen. Und doch ist nicht« unsinniger als diese Ausforderung, j a. s i e ist in ge w.i s s e r Beziehung sogar unchristlich. Ter Christ muß wiffen, daß es in der Schrift heiß«, daß Gott e» ist, der die Ltlien kleidet und dir Vögel ernährt: er muß wissen, daß ohne Gotte- Wille» kein Sperling vom Dache sollt. Taß im Winter Vögel sterben, ist doch nichts Wundeibares: sterben doch auch Menschen, im Winter mehr alS im Sommer, alle Menschen können doch nicht aus der Welt fortlebe», also auch nicht alle Vögel. Mit dieser Zeitungsannonce sollen mitleidige Personen aukgesordert werden, Fulierplätze für die Vögel im Schnee anzulegeu. 'Nichtist unvernünftiger als da»." — Nach dem „christlichen" Gefühle der braven Tiroler wäre es geradezu „unchristlich", etwagegen die Cholera vorznkehreu, da ja ohne den Willen Gottes Niemand stirbt, und „alle Meniche» doch nicht aus der Welt fortleben könne»". Ja, ja, dafind dieselben „Christ-'»", welche in der Iudenhetze ein äußerst gottgefälliges Werk erblicken. «Heuchelei.) Die „Deutsche Tageszeitung", da» Organ de- Bundeder Lanhwirtbe, brachte neulich nach der Schrift: Statistik der Gqinnasialabiturieriten im Deutschen Reich während\tt letzten drei Schuljahre, von Pro'effor Tr. G e m ß (Berlin 1895) eine Zusammenstellung der Berufe, denen sich die Abiturienten zuwenden. Da-Blatt hob hervor, daß von den 899 jüdischen Abiturienten: 970 In», 374 Medicin, 18 jüdische Theologie, 14 Philologie, 91 Naturwiffenichafren. 19 Chemie studirten, während 34 Kausleute und Banquier»,!'4 Ingenieure, 5 Künstler und 6 Landwirthe wurden; hämisch fügte da« Blatt btiizu: „Tie Inden fallen al!o ganz auS für da» Studium der Germanistik, iiir da« Militär, die Marine, den Post-, Steuer- und Bureaudienst, das Forst- und Bergkach u. s.-w. oder sind mir ganz niedrigen Zahlen vertreten. T aS ist eben .kein Geschäft'." Ach nein! Auch jeder christliche Abiturient wähtt sich den Beruf, bei dem er sich satteffen kann. Wird denn ein Jude zum Militär, zur Marine, zum Post, Steuer- und Bureaudienst, zum Forst- und Bergsach zugelaffen? Fast gar nicht. Und wenn e» Einem gelingen würde, Unterschlupf zu finden, hat er irgendwelche Aussicht, befördert zu werde»? Daß so wenig jüdische Germanisten (für Oesterreich können wir auf Grund von Erfahrung auch hinzufügen: jüdische Slavisten) vorhanden find, hat seinen Grund in der Thatsache, daß die einem Germanisten mögliche Earrisire al« UniversitätSdocent, Lehrer, Bibliolhekar für ihn nicht gegeben ist Und wer hat den Mutb, e« für Jdeallosigkeit zu erkläre», wenn Juden aussichtslose Berufe nicht ergreifen? Hat sich etwa Hammerstein au« reinem Idealismus der mühevolle» Redaction und Administration der „Kreuzzeilung" gewidmet? I jrciuUctan. Zur Geschichte ' der Lmancipation in Deutschland vor dem )ahre (848. (Nach ä l t e-r e u Quelle» bearbeitet.) (3 Fortsetzung.) Die limancipation, die <‘iii Preußen und in den kleineren deutschen Staaten durch die CKsetzgebnng dieses Jahrzehnts, wenn nicht vollbracht, so doch constatirt wurde, bereitete sich auch in Oesterreich durch die allmälige Ausgleichung der bürgerlichen Gegensätze zwischen Christen und Inden und durch die sichtbare Zunahme der Bildung und der gemeinnützigen CrwerbSthätigkeit vor, mit welcher diese in den Kreis des öffentlichen Lebens mehr und mehr eintraten. Iü Prag, Wie», Lemberg, Brody, Tarnopol, Preßbnrg entstanden tüchtige Elementar schulen aus der freien Thätigkeit der Gemeinden, nnd bald erhob die Regierung dir Einrichtung derselben zum allgemeinen Gesetz. In Lemberg, Wien und Prag waren jüdische Druckereien in Thätigkeit, und die daselbst gedruckten deutschen und hebräischen Schriften von Peter Beer, Her; Homberg, Jeitteles und Anderen verbreiteten Bildung und Aufklärung unter ihren Glaubensgenossen. In Prag, Wien, Brünn und anderen großen Städten Oesterreichs wurden von Juden Fabriken errichtet und andere Gewerbe betrieben, und die Regierung fand sich ver anlaßt, ihre Znlaffnng zu denselben gesetzlich festzusteUen. Jüdische Jünglinge traten freiwillig und in großer Zahl in die Reihen der Baterlandsvertheidiger und wurden nach Berdienst zu höheren Chargen befördert. Der Einfluß, den die in Deutschland überall fortschreitende Bildung und Erhebung aus die große Zahl der polnischen Juden ausübte, ist unverkennbar und sehr bedeutend. Reben der großen Mehrzahl derer, die an der starren Orthodoxie oder gar am Chassidismus festhielten, fühlten sich die höher und vorwärts Strebenden mehr als je auf die Bildungselemente angewiesen, die ihnen aus Deutschland zuströmten und die sie aus dem Geschäftsverkehr von dort in ihre Heimat brachten. Unverdorbene deutsche Sprache, deutscher Indifferentismus wurde mit deutscher Tracht und Sitte unter der wohlhabenden, jüdischen Kaufmannswelt Polens, heimisch. Deutsche Philosophie und deutscher Skepticismu« riß die rabbinisch gesinnten Jünglinge unwiderstehlich mit sich fort und machte sie nicht selten zum Gegenstand fanatischer Ber folg»,ig in eben dem Kreise, der ihren talmudischen Kenntnissen eben noch ehrfurchtsvoll Bewunderung gezollt. Die heimische Verfolgung und ihr Wissensdrang trieb diese Jünglinge meist nach Deutschland, wo sie zum Theil eines der lebenskräftigsten Elemente der Reformbeioegung der Vierziger- und Fünfzigerjahre bildete». In der socialen Stellung der polnischjen Juden, bildete die Entstehung eines großen Kaufmanns¬ und Fabrikslntrnstandes, daneben xrber auch die wachsende Neigung der Unbemittelten für den Ackerbau ein wesentliches Moment des Fortschrittes. Letzteres war jedoch in noch höherem Maße in Rußland der Fall, wo ist der Ukraine und in der Kritn zahlreiche und gedeihlich fortschreitende jüdische Ackerbancolonieu entstanden nnd durch das muthige Unternehmest des Rahum Fnnkelstein sieben Judendörfer mit selbstständiger Muuicipalverfaffung ins Leben traten, in denen sogar die Rabbiner und Culkusbeamten ihr Feld selbst bebauen mußten. Der große und allgemeine Umschwung, der während des ersten Jahrzehnts: dieses Jahrhunderts in der inneren und äußeren Stellung