Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 199 (26.1.1896)
- Date
- 1896-01-26
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 199. .. Freie» gläsern gehauen wurde. Ein Ordner erhielt.mit einem schweren Stocke einen Hieb über den Kopf und stürzte blutend zusammen. Die Social-Temolralen wurden aus dem Saale gedrängt, aber durch den Lärm herbeigelockt, kamen ihre Genoste» aus dem Schankzimmer und den »ahegelegenen Gasthäuser», und e» schien, daß die Schlägerei sich in dem Hose de« Gasthauses und aus der Straße sortsetzen werde. Da schritt die Sicherheit-wache ein, trennte die Streitenden und räumt« den Hof. Bei dieser Gelegenheit wurden der 20jährige Eisendreher Carl L u k s ch und der 24jährige Schkostergehilse Carl Kubicek arretirt. Carl Kudicek selbst und der GeschästSdiener Carl L e i in e r sind durch Stockhiebe leicht verletzt worden. Hierauf wurde die durch den Tumult unterbrochene Versammlung im Saale fortgesetzt, während sich aus der Straße eine große Menschenmenge «»sammelte. Alnach Schluß der Versammlung Geßmann den Saal verließ, riefen ihm die Social-Demokraten Schmähungen wegen seines Verhallens zu, doch kam cs weiter zu keiner Ruhcstärung. — Am folgenden Tage vcranstaltetkn die Social Demokraten 16 Versammlungen, die sich inSgesammt für die Betheiligung an den nächsten Gcmeitzdewahlen auSsprachen. Ten nüchterne» Christlich.Socialen, welche in diese» Versambziungeii erschienen, war eS gestattet, ihre Meinung frei zu äußern; nur einem betrunkenen Antisemiten wurde daS Wort entzogen. („Alldeutsch.") Die 25jährige Wiederkehr der Gründung des Deutschen , Reicher wurde von dtn „ostmärkischen" Anlisemilen allenthalben durch mehr oder minder taktlose Reden gefeiert. DaS wird diese privilegirte» Pächter „alldeutscher" Gesinnung nicht abhalte», sich bei nächster Gelegenheit wieder mit den geichwornen Feinden deS DculschthumS zur Bekämpfung freisinniger StammeSzenoffen zu verbünden. Zu einem der auS Anlaß der GründuugSseier in Wien veranstalteten Festesten erschien auch Georg Schönerer, um' sich selbst der antisemitischen Mitwelt i» Erinnerung zu rufen. iSt. Pöltcntr und Wiruer Gäste in KrrmS.» Man schreibt UNS: Vorigen Sonntag fand i» Krem« eine vom St. Pöltener christlich-socialen Vereine veranstaltete Versammlung statt, zu der sich Wiener Antisemiten in großer Zahl cinstellten. Der unvermeidliche Lueger war auch dabei, ebenso sei» Günstling Steiner. Die Rede», welche bei dieser Gelegenheit gehalten wurden, enthielten die landesübliche» Schmähungen gegen die Jude», die Liberale», die „polnischen" Minister und insbesondere gegen Ungar». Lueger, derj in jüngster Zeit sein deutsche« Herz entdeckt hat, brachte mit dem ihm stet« zur Verfügung stehende» Brustton der Ueberzeuguug auch einige deutschvolkliche Phrase» vor, die seinen Kremser Zuhörern recht gut gefielen. Ter Schloßherr von Rosenau aber dürste kueger'S Bekehrung zum NatioiialiSinnS sehr gering schätzen und über unlauteren Wettbewerb einer von Römlingen fabricirten Taliiii-TeutschthumS Bk'chwerde führe». Doch wer kümmert sich heute um de» „österreichischen Bismarck"? Er ist für die meiste» Antisemiten politisch todt, und seine Wiederauserstehung im öffentlichen Leben wäre selbst denjenigen nicht willkommen, die ihn »och heute um seine« Reichlhnm» willen demüihig umschmeicheln. (Ahlwardt krhrl nicht wieder.) Wir erwähnten schon früher der in Deutschland circulirenden Gerüchte, daß Ahlwardt sich vor seine» Gläubigern »ach Amerika geflüchtet habe. Nunmehr will der „Generalanzeiger" fiiy Elberfeld-Barmen von verläßlicher Seite erfahre» habe», Ahlwardt werde au« Amerika nicht znrückkehren; er sei mit der Absicht dorthin gegangen, .für sich und eine» Freund eine neue Existenz zu gründen. Seine zahlreiche» Gläubiger in Deutschland, fügt dar Blatt hinzu, würden somit das Nachsehen haben. Aus antisemitischen Blattern. (Ein Commentar zu einer kaiserliche» Kundgebung) Der Kaiser besuchte den Ball zu Gunsten deS SchulvereineS für Beamtenlöchler und erwider e - auf die Begrüßungsansprache de« Comitdpräsidcnle», SectionSchefS Dr. R. v. Mittel: „ES freut Mich, Ihren Ball besuchen zu können und so der Beamtenschaft ein Zeichen Meiner Zuneigung zu gebe». Ich bin überzeugt, daß die Beamtenschaft sich derselbe» nicht nur durch Eifer und Treue im Dienste, sondern auch durch ihre politische Haltung in jeder Hinsicht stet« würdig zeigen wird." Gewohnheitsmäßig sucht eS daS „Deutsche VolkSblatt" den voranstehenden, auf Grund authentischer Information auch von der „Wiener Zeitung" mitgetheilten Text der kaisetlichen Ansprache alS „Fälschung" hinzustellen und behauptet, der Kaiser hätte die Worte „politische -Haltung" nicht gebraucht und bloß die Hoffnung ausgesprochen, die Beamlenschaft wurde sich i» jeder Hinsicht seines Wohlwollens würdig erweisen. Die Fälschung«-Fiction hält daS aus Stimmensängerei für Wahlen stel« bedachte Antisemitknorga» nicht ab, sich füralle Fälle vorzusehen und seine TeutungSkuiist in folgender Weise zu übe»: „Wir sind der festen Ueberzeuguug, daß die Krone in einem constilutionellen Staate in die politische Agitation nie eingreisen könne und daß diese Worte daher niemals eine Deutung in wa« immer für einem Sinne zulasten. Würde aber eine politische Deutung möglich sei», so könnte sie doch nur zu Gunsten einer staatserhaltenden, nie «aber einer Freimaurer- und Koffuth- Partei gelten." Für fein Publicum hat also daS „Deutsche VolkSblatt" glücklich herausgebracht, daß die kaiserlichen Worte, wenn man sie schon nicht ableugnen kann, als eine Kundgebung für die Antisemiten auszulege» und zu verwerthen feien. Bei der Verlogenheit und schamlosen Dreistigkeit anti- Blatt. Seit» semitischer Wortführer ist auch zu gewärtigen, eS werde schon in einer der nächsten Versammlungen der anmulhigen Nelken-Damen ei» gefeierter Redner allen Ernste« sich darauf bernsc», daß auch der „erste Christ" den Wunich geäußert habe, Lueger solle Bürgermeister von Wien werden. (Vom Deutschen «chulverein.) Am 49. d. M. hatte der „Deutsche Schulverein eine^VertrauenSmänner-Versamml-nng, welche, wie ei» TagS daraus an alle Blätter versandtes Eoinniiiiiiqiw berichtete, über einige von mehrere» Seiten beantragte Statutenänderunge» und Anregungen zur Belebung der Vercinslhätigkeit zu beralhe» halte. Tie eingehenden Verhandlungen führten dazu, daß die Anhänger der verschiedene» Richtungen sich e i nst i in in i g dahin entsprachen, daß der „Deutsche Schulvereiu" in der Lage verbleiben iiiüste, seine Thätigkeit zum Schutze de« bedrohten TeutschthnmS mit »»geschwächter .Hnrt und niig.'- mindcrten Mitteln sortzilsührcn. Ebenso wurde einstimmig beschlossen, daß w c g e n H e r a n z i e h n n g d e r h e u l e d e m S ch u l verein n-o ch fern stehe » den. dentschen }i reife n » d Be rathung einiger Anträge über die Art und Weise der L r t S g r u p p e n b i l d n n g weitere Verhandlungen mit de.» Vertretern dieser Kreise geführt werden. Süiort war die anlisemitischc Preste bei der Hand, um da» Herannahen der Stunde zu feiern,, in welcher die Juden auS dem Schulverein „tiiiiailsgeworscn" würden, und da« Organ der nätionalen Anliseuiiterei behauptete dreist mit Bezug ans den letzten Beschluß: „eS handelte sich bei dieser Berathnng jedenfalls »in die Ab--' ä n d miiig de« tz 5 d er Satzungen in d e ui S i n n e, daß das bisher d c r Ve r e i n S l e i t u n g v o r b e h a I t e n e R e ch t d c r M i t g l i e d e r a u f ii a h in e in Z u k u n l t den L r t S g r u p p e » über lassen werden soll, durch welche A c n d e r n n g in a u die Deutsch-Nationalen und mit diesen frische, belebende Kräfte für den morsch g e w o r d e n e n V e r c i n w i e d e r; u g ew i n u c n Hofs t." Wie bekannt, dreht eS sich hier um einen alle» strittigen Punkt, um die Abänderung jenes Paragraphen, welcher e» verhindert, sogenannte „ludeurcine" Ortsgruppen zu bilden, riesc» alten Steins de« Anstoßes für di« anliseinilischen Studenten. Wie wir aber aus Grund authentischer Information zu coiislaliren in der Lage sind, hat die „Ostdeutsche Rundschau" sich bloß die Freiheit einer kleinen Eifindnng genommen. Ter Wahrheit entspricht vielmehr, daß die Vertrauensmänner der „Deutschen Schul Vereins" ohne Rücksicht ans i h r e p o l i t i s ch e A n s ch a u u u g, von - der Nothwendigkeit der Erhaltuiig de« Vereines durchdrungen, sich darüber «inigten, über die Heranziehung der heute dem Schnlvereine noch sernestehende» deutschen Kreise und Berathnng einiger Anträge über die Art und Weise der OrtSgrnppeiibilduvg unter A n f r e ch t e r h a I t u n g de« durch den 8 5 der S ch n l v e r e i n « s a tz u n g e-n ausge spräche neu Charakters dieses Vereines in die erforderlichen Verhandlungen c i ii; >i l r e t e ii. (RaccirfraglichrS.) Das „T e u l j ch c V o l t S b l a l i" hält trotz seiner guten Beziehungeü zu Tr. Max Löw, Ar. Porzer und anderen antisemitischen Parttigrößen, deren Ahnen am Jordan-wandelten, unverwüstlich an der heiligen Fahne de« RaceiiantisemitiSmuS fest. Vergani besitzt einen bewndcrS feinen, ans die Racendistiiiction hressirtcn Spürsinn, wie man z B. anläßlich der Vorgänge im Raiinutid'Thealer sieht, die er glücklich als Racensrage und als eine jüdische Hetze gegen den arischen Tireclor Herrn A. Müller-Gultknbriinn erkannt», während die Übrige, stiliiipssiiiiiige Welt bi«'jetzt glaubte, daß gerade Inden die wärmsten Vertheidigcr und gute Arier die erbitterlsten Gegner deS TirectorS seien. Anläßlich eines ganz dummen Artikel in der „Libre Parole" gegen England trinmphirt Vergani, der sich ebenso gerne aus de» Urdcuischcii wie aus Trninont'S Freund hinans-pielt, und sieht in dieser Abneigung „der Franzolen" gegen England, die ein Weg zur Verständigung mit. Deutschland sei, und in der allgemeinen Abneigung gegen alles Fremde, die immer weitere Kreist' der Franzosen ergrSisi, einen Sieg der a,iliscniitischen Wcltaiiichannng. „Hiezu trägt," nach Vergani, „nicht znni Wenigsten dal- Judeiilhiim bei, welche» au» aller Herren Ländern seine vielsprachigen Vertreter , in Massen an die User der Seine, 'entsandt hat, um sie theiliiehmcn zu lassen an-dem Mahle, da» ibre Glaubensgenosse» vom Schlage der Cornelius Herz u»d Arten ihsten .dort anfgelischt habe». Tiejenigeu anlisemilischen Kreise Frankreich» aber, welche die Judenfrage durchaus als eine wirlhschaflliche und Racensrage a n s s a s s e n, haben sich schon längst daran gewöhnt, den s ch l i in in st c n G e g ii e r Frankreich» i u E n g l a u d zu sehen, dessen S n st c m der capitaiislischen lliilerjochung de« ganzen Erdball« ihnen, man'in ächte sagen, als da» lebendig g e w o r d e n c jüdische P r i n c i p erscheint." Also weil die Franzosen in der Jndensrage eine Racensrage sehen. Ha,fen sie die _ wie wir »ns bescheiden zu beiiierken erlauben — der Race nach germanischen, Engländer „als da« lebendig gewordene jüdische Princip"'« Gott, wie talentvoll sind unsere Edelleut' auS Verona! (Heiteres.) In der vom „Arier" Spiver-Weimarredigirtcn „Reichspost" lesen wir: „Es wurde vielfach bemerkt, daß die christliche Presse bei dem letzten Lall bei Hofe insofern eine Zurücksetzung hinter der jüdischen Preffe erlitt, al« derselben keine Einladungen zu diesem Hosseste, beziehungsweise keine Mittheilungen zukamen. Die.christliche Presse lheilt diese Zurücksetzung mit den