Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 199 (26.1.1896)
- Date
- 1896-01-26
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/4886575-5439173-5439263--2460-4888839- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 199. „ .freie “■ f-■ ' - " - liche Rede, in welcher er sagte: „Wen.» eS uns auch momentan schlecht geht, wenn auch diejenigen, die bei uns bleiben, wenig Aussicht auf Garriüre habe», wenn wir auch keine neuen Freunde bekommen, verzweifeln wir nicht, es wird besser werden. Auch die Bäume der Gegner wachsen nicht in den Himmel! Wenn die Lache allzu scharf wird, daun wird sie schartig. Halten wir treu und fest zusammen. Man darf nicht mit seiner politischen Gesinnung Schacher treibe», mau soll Treue gegenüber dem Freunde bekunden. ES wird eine ^cit kommen, in der wir mit Genugthnnug an die schwierige Zeit denken, in der wir die Sache des Fortschrittes nicht aufgegeben und treu bei seiner Fahne ansgeharrt haben." (Ein neuer demokratischer Verein in Hernals.) Dieser Tage constitnirte sich ein »euer demokratischer Berein in Hernals. Man wolle, führte einer der Redner in der von Kleingewerbetreibenden zahlreich besuchten constitnirenden Persammlung ans, zeigen, daß es im ,.schwarzen Viertel" noch nicht so schwarz sei, wie eS Liechtenstein nud Gonsorten wünsche». Ter Perein werde mit aller Entschiedenheit den Kampf gegen die Antisemiten anfnehmen, aber auch seine Mitglieder wirthschaftlich zu schilpen suchen; der Ausschuß iperde ein Perzeichniß anslegen und sich bemühen, bei gleichgesinnten Fabrikanten und Gr portenren die Interessen der Pckreinsmitglieder zu vertreten. (00 sind sic Alle.) Man schreibt uns: Ist der Antisemitismus ekn idealer Zug des.Innern oder aber ein (Geschäft? Tas ist eine alte Frage, zu deren Lösung folgender Porsall dienen möge. In der Kreuzgaffe in Währing befindet sich ein Kasfeeschant, denen Besitzer gar so gerne sein Geschäft vergrößern möchte. Zu diesem Zwecke bedarf er aber, um Billards aufznstellen und Bier schenken zu können, der I Erweiterung seiner Goneession. Lange sann der 'Mann darüber nach, bis ihm kürzlich ein Gast folgenden „Gedanken" gab: „Tu schreibst an das .Deutsche PolkSblatt, daß du alle Schmockblätter hinansgeworfen und nur christlich antisemitische Journale anflegst. T n theilst dies sodann dem Tr. Lueger mit, und er muß dir als Taut für diese That die Erweiterung der Goncession erwirten". Ter Kaffeesieder that, wie ihm gerathen wurde. Wer beschreibt aber das Gesicht des Maiuies, als »ach einige» Tagen ein Brief Tr. Lueger's anlangte, der ihm den Rath gab, sieh an den Magistrat zu wenden! Ter Man» war ent täuscht. Rasch warf er die „christlichen" Blätter hinaus, und io kan» man heute wieder die „unverfälschtesten Indenblätter" in seinem Kaffee- ..schank lese». Ter Mann, so sagt man, ist bekehrt... (Ein Arincilscst mit Hindernissen.)^ Ans dem VI. Bezirke wird uns geschrieben: Wie alljährlich veranstaltet auch Heuer die Armen Vorstellung am <>. Februar ein Bürgerkräuzchen, dessen Reinerträgniß zu Gunsten der Armen bestimmt ist. Run sollte man glauben, daß bei einer solchen Gelegenheit, wo es gilt, ein Scherflein für die Armen des eigenen Bezirkes beizutragen, jede Parteistellung verschwindet, daß Alle, die ein warmfühlendeö Her; besitzen, sich vereinige», um zum Gelingen hes ArmenfesteS ihr Möglichstes beizutragen. Anders in Maria-, hilf. In den antisemitischen Kreisen beschäftigte man sich schon lauge, mit dem Gedanke», dem Krünzchencomitä die Arbeit recht sauer zu machen, und endlich entschloß ma'n sich zu einer Aktion. Es ivurde vorige Woche eine Persammlung ins Gast- Föderl in der Gumpendorferstraße einberufen, welcher auch zahlreiche Frauen foivie Abgeordneter Pol;Hofer beiwohnte». Hier wurde der Plan ansgearbeitet, und man einigte sich, in folgender Weise vorzugehen: .Ta die Armen - verwaltnng aus circa 100 Mitgliedern besteht, von denen die eine Hälfte der fortschrittlichen, die andere der antisemitischen Partei an gehört, so sollen die liberalen Mitglieder ihre Parteistellnng zu verspüren bekommen; man müffe ihnen ein Schnippchen schlagen, und zwar sollen die Placate den Grund bilden, um das Armenfest unmöglich zu machen. TaS Gomitä hat nämlich Placate afsichiren laffen, auf tvelchen der Permerk stand: „Der Reinertrag fließt den Armen des Bezirkes zu". Als aber eine zweite Auflage dieser Anzeige nothwendig wurde, da passirte dem Drücker die Ungeschicklichkeit, diesen Permerk wegznlaffeu. Und das wurde nun ausgenützt. „Wir wiffe» aus bester Quelle," schrie einer der Einberufet in die Persammlung hinein, „daß die Liberalen es im Krünzchencomitö durchsetzten, daß das Erträgniß nicht für die Armen, sondern für den liberalen Walsi fonds zu verwenden sei!" Das zündete. Und als der Vorsitzende sodann an die Persammelten die Aufforderung richtete, nicht nur selbst dem Feste fernzubleiben, sondern alle Bekannten von dem Besuche ab zuhalten, da war man von der Wahrheit der „judenliberalen" Ab sichten vollends überzeugt. Merkwürdig an der Sache ist jedoch, daß als Obmann des Armeninstitnts, refpective Ballcomitvs, der auf das antisemitische Programni gewählte Bezirksausschuß E n d r e S fungirt. Herr EndreS zählt freilich zu den gemäßigtesten Anhängern Lneger's. Die Agitation gegen das Fest zu Gunsten der Armen wurde derart betrieben; daß wenige Leute im VI. Bezirke eristiren, die nicht von dem N l a t t. Seite ü. Beschlüsse der Antisemiten Kenntniß hätten. Dieser Feldzug der picken tirten Ghriiten gegen , die Abhaltung des Armenfestes ist jedoch nicht der erlle. Schon früher gab ihnen das Engagement einer Militärkapelle zu einer förmlichen Gamvagne Anlaß „Die MilitSrinusik," sagten sie, „darf den Lueger Marsch nicht spielen, nud deshalb werden wir de» Ball nicht besuchen °, wir christliche» Wiener haben ein Recht, un seren großen Polksmanu zu feiern." Der Gomitc'-obmann Gndres aber meinte: „Wir bleibe» zwar bei der Militärkapelle: wollen Sie jedoch den Lueger-Marsch, so engggire ich für das .("ennitlilidie' ei» Quartett, »nd dieses muß vom Anfänge des Festes bis Früh nichts Anderes spielen als den Lueger Marich . ' ." Schließlich wollen wir der Hoff nung Ausdruck geben, daß die gesund deutende Bevöllernng den edlen Zweck, den das Armentränzchen verfolgt, wohl berücksichtigen und durch eine» Massenbesuch zeigen rverde, daß ihr die Armen mehr an, Herzen liegen als die Ltänkereie» der Antisemiten. (Wenn mail für einen Znden gehalten wird.! Einem Wiener Kaffeesieder widerfuhr neulich das Malheirr, für einen Juden geballen und als solcher nicht nur von einem anderen Kaffeesieder beschimpft, sondern auch von. eiickr Meuscheniuenge bedroht zu werden. Joses Smerda, ein in Mariahilf etablirter Kaffeesieder, hatte seinem Aerger darüber, daß - der ihm benachbarte Bernfsgenoffe Michael S chöiuc-r ihn wegen Ileberfchreitung der Sperrstunde angezeigl hatte, dadurch Ausdruck gegeben, daß er Schöner, als dieser ahnungslos-vor der Thür seines Geichäftslocoles in der Laimgrnbengaffc saß, übersiel, ihn an der Kehle packte nud mit den saftigiten antisemitischen Schimpsworte» über häufte. Obwohlnun Schöner aiff solche Behandlung gar kein Anrecht hatte, weil er sich der nnverfälschtesteu arischen Abstammnng erfreut, genügten die stets wirksamen Schimpfworte, »in die ganze Umgegend zu alarmiren, und bald hatten sich, wie de^Polizeihrricht con statirt, mehr als zweihundert Brenschen, znm großen Theile halbwüchsige Bnrsche, angesamnielt, welche eine drohende Haltung aiznahnien und Miene machten, unter den Rufen: „Rieder'mit den Inden!", „Hant'S ihn nieder, den Juden!", „Schlagt ihn nieder!", „Die Indei'.bägage!" n. f. w. das Local zn stürmen Schoner vermochte sich tanni der stets anwachsenden Menge zn erwehren und konnte es als OHiirf betrachten, daß es der von feinen Bedienstete» herbeigernfenen Sicherheitswache, gelang, die Ercedenten zu zerstreuen, wobei Smerda . auf Peranlaffung Schöner'» als Rädelsführer verhaftet wurde. 'Roch während der Escortirung zum Gommiffariate elgiug sich die st),enge in Befchimvfnngen und Drohungen gegen die Juden überhaupt, in Folge deren ein Bursche Ramens H u b e r verhaftet und später wegen Aufreizung gegen eine Religionsgenofienfchaft vernrtheilt wurde. Tie llnterfnchung gegen Smerda wurde, nachdem er drei Tage in Hast gewesen, vom Landes geeichte eingestellt, da Schöner und dessen. Angehörige in sehr zurück hallender Weise ansgesagt und insbesondere erklärt halle»,, daß sie nur Beichimpfniigeu, nicht aber bestimmte'Drohungen aus dem Munde Smerda's vernommen »ud auch keine Furcht enipsunden hätten. Da gegen wurde der Act wider Smerda wegen Ehrenbeleidigniig an das Bezirksgericht Mariahilf abgetreten. Aber auch Smerda halte wider Schöner eine Ghrenbeleidigungstlage überreicht, ilnd das Ergebniß der gleichzeitig dnrchgeführten Perhandlungen war,, daß Smerda, weil er den Schöner wörtlich imd'thätlich angegriffen, zu drei ragen Arrests, Schöner aber zu acht Tagen Arrests vernrtheilt würde, weil er in der Gegenwehr Smerda im <Besicht verlest und ihn fälschlich einer straf bare» Handlung, nämlich der Beleidigung einer Religioiisgefellschast, be schuldigt und dadurch dessen, dreitägige Hast veranlaßt halle. Beide appellirle.ii: die Berufung Smerda's wurde jedoch vom (Berichte znrückgewiesen,' dagegen jener Schöner'» insofern stattgegeben, als er bloß der Berletzung Smerda's schuldig befunden und seine Strafe ans achtnndvierzig Stunden Arrests herabgesetzt wurde. In gewisser Beziehung erinnert der Fall Schöner an das seinerzeit viel besprochene Erlebnis; eine» steierischen' Landesbeamte», der im Wirthshanie eines Marktfleckens ebenfalls fälschlich für einen Inden angesehen und einzig und allein deshalb von den „Honoratioren" des Ortes iin'iiltiit wurde. (Ehrcndclcidignng. Der Taprziere.rmeister AiigllW 'Adamek wurde, da er einem jüdischen Braunlweinschäiiter antisemitische Be schimpfnngen zuichlenderte, wegen Ghceubeleidiguiig zu einer Geldstrafe von 10 fl., im Richteinbringiiiigsfalle. zu 48 Stunden Arrests vernrtheilt. (TtUlsch-libcralc Ktlllügebllltg.) In Leoben fand am 22. d. M. eine von :>00 Wählern besuchte Persammlung statt, welche den Berickff des Abgeordneten Lorber über feine parlamentarische Thätigkeit mit lebhafter Zustinimuug eiltgegennahm und mit allen gegen drei Stimmen folgende Kundgebung beschloß: „Die versammelten Reichsrathswähler der Stadt Leoben halten fest an dem Grundsätze, daß die nationalen Güter der Deutschen in Oesterreich unter allen Ilniständen hochgehalten und alle Persuche irgend, welcher Schmälerung derselben ans das Ent-,