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Freies Blatt · 1896-01-19 · 198 (19.1.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
198 (19.1.1896)
Date
1896-01-19
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 198. Frei«» Blatt. btfuntct hat, pardonnirt der „ReichSdote". Diesem evangelischen Geistlichen gegenüber di«. Macht der Kirchenbehörde anznrusen, damit sie ihm begreiflich mache, daß gemeine Lüge sich überhaupt nicht schickt, wäre aber einer protesiantisch-orlhodoxen Blatte» weit würdiger gewesen. (Im Kampfe ums Dasein.) Otto Böckel führt, seitdem er nicht mehr hessischer Banernkönig ist und seine Residenz Marburg verlasse» hat, einen schwere» Kamps um» Dasein. Der „deutsche Gastwirth" hat ihn au» seiner Stellung beim „Deutsche» B o l k» r e ch t" verdrängt. Ter Roth gehorchend, hat nun Böckel mit einem Herrn Möbiu» am NeujahcSiage eine neue Zeitung gegründet. E» ist die« eine Wochenschrift, welche „B o l k S k ä m p s e r" benannt wurde >i»d einem „Teulschwirihschasilicheu Berbande", also einer neue» Antisemitengrnppe, al» Organ dienen soll. Bei der grcßen Loncurrenz, mit welcher -der journalistische Geschäsl»a»liskinilir»i»r in Berlin rechne» muß, dürste Böckel auch mit seiner jüngsten Gründung, dem „Bolkikämpfer", schwcilich auf einen grünen Zweig kommen. Sein ReichStagS-Eollegc Förster ist al» Gründer ebenfalls nicht glückliche Da» von ihm vor Jahre» ins Leben gerufene „F r e i - D e » t s ch l a n d" kan» nicht leben u»d nicht sterbe». Scho» oft hat e» sich in „Schwierigkeiten" befunden, zeitweise seinen Betrieb ganz eingestellt. Neuerdings scheint wieder einmal eine Metamorphose eingetreten zu sei». Nach einer Bekaunimachung im „Reichsanzeiger" hat sich die BerlagSanstalt „Frei- Deutschland" durch Beschluß der Gesellschafter am!>. November 189b ausgelöst. (Osfilieller Autisemitismiis > Tie „Rastenburger Zeitun g" ist eine Specialität; sie ist nicht nur dar amtliche Organ der Krcisbehördc von Rastenburg (Regierungsbezirk Königsberg) mit der verbindliche» Publicatio»»- kraft für kreiSamtliche und polizeiliche Beiordnungen, sondern obendrein ei» antisemitisches Hetzblatt schlimmster Sorte. In eiuein Berliner Briese der Rastenburger Zeitung" war jüngst von den Jude» als Blulegeln u»d' mir anderen nicht wiederzugebende» Ausdrücken die Rede, und der Landrath sieht diesem schandhaste» Unfuge ruhig zu. Offenbar gehört er in jene Gruppe preußischer Landrälhe, die einst, durch ihren Freund und Gönner H a in m e x-. stein bewogen, für A h l m a r d t und Ahlwardticner agilirte». Feuilleton. Zur Geschichte der lLmancipation in Deutschland vor dem Jahre 18-18. (N a ch ältere» Ouelle» bearbeitet.» ii. stortsepueg.s Ter Zusammentritt der Dcputirtcu und de» 3t)ncbvituuo erregte unter den Juden nicht nur Frankreichs und Italiens, sondern auch Hollands und Deutschlands das lebhafteste und freudigste Aufsehen. Besonders glaubte man i» dem letzteren das Wiederaufleben einer alten, echt jüdischen und ' einst so bedeutsame» Institution zu erkeniren, ans deren Wirksamkeit eine mit voller Autorität und unter allgemeiner Zustimmung erfolgende Wiederbelebung und Rcngestaltnng des Judcnthums ans sich selbst hervorgehcn könnte. Und in der That schien man auch, soweit der Wille Rapoleon's herrschte, geneigt, der von ihm geschaffenen obersten Religicmsbchörde diese Autorität bcizulkgcn. Tenn aus Italien, ans Holland und den deutschen Rhcinbnndstaalcn langten Deputationen in Paris an, ivelchc dem Shnedrinm, die unbedingte Unterwerfung unter seine Beschlüsse int BorauS zusichcrteu und auch nachträglich für deren Ainiahmc wirkten. Aber der Erfolg der ganzen Erscheinung entsprach den gehegten Erwartungen in keiner Weise, sticht nur, weil das Bestrebe» und Wirke» dieses große» und achtbaren Eollegiums ein vorübergehendes war und durch die folgende» Kriegs crcignisse und politischen Umgestaltungen ganz in Bergcsscnhcit grricth, sondern besonders, weil die ganze Entwicklung dcö Jndenthums auf eine Reform hinstrebte, die nicht durch den Machtsprnch einer einzelnen, wenn auch noch so großen Autorität und am wenigsten durch eine solche vollbracht werden konnte, die ihre Bercchtignng von einer nicht jüdischen Macht empfängt, sondern nur durch eine allmäligc innere Umgestaltung der Anschauung«-, Denk- und Lebensweise unter de» Be kennern des Jndenthums selbst, d. h. durch eine mehr und mehr zur freie» und gemeinsamen That der gcsammten Jndenheit sich gestaltende Celbstemancipation. - Darum blieben auch alle Bestrebungen erfolglos, die, wie das Synedrinm, auf Grund collegialischer Autoritätsbeschlüsie sei cs die Zulässigkeit, sei cs die Unzulässigkeit von Reformen und Gcscvvcrändernngcn zur allgemeinen Geltung bringen wollten. Repräsentativ Seitr 9. Versammlungen, die mit der Autorität der Landesregierung bekleidet waren, freie Rabbinerversammlungcn der orthodorcn und der Reform- Partei und die Laiensynode der Berliner Rcformgenosscuschaft blieben nicht nnr ohne alle» praktischen Erfolg, sondcrii auch ohne merkbare Einwirkung auf die Ansichten und Ueberzcugnngcn ihrer (Glaubensgenossen Ans demselben Grunde blieb auch die der christlichen Kirche und dem christlichen'Staate entlehnte burcaulralisch hierarchische Eo» sistorialvcrfassung nnfrnchtbar und untauglich für die religiöse Ent wicklung des Jndenthums, weil sie, ivciuc auch auf engerem Gebiete, eine Einheit nnd (Gleichmäßigkeit anstrcbtc, ivelchc d^r im Wesen des Jndenthums begründeten Autonomie der Gemeindcn und der Einzclnen (Gefahr drohte. Denn diese Anlonomic ist das sicherste Schutz mittel sowohl gegen die Bedrohung der persönlichen <Rwissc»Ssrciheit durch Eingriffe der Staatsgewalt ilud der Hierarchie, ivie auch gegen jede Hemmung in der Entfaltung jcnc^ unerschöpflich rciclien und individnalisirtcn l^cstaltnngcn, in denen das neue Lebe» des Juden thuius je nach der Bcrfchiedcnhcit der inneren nnd der äußeren Ber hältuiffe zur Entscheidung kommt. Tic französischen Eonsistoricn mögen ans eine ordnungsmäßigere (Gestaltung der Gemcindcvcrhältnissc ivohl thätig -gewirkt nnd wohl auch hier' und da einzelne Mißstände beseitigt haben. Aber ans eine allgemeine geistige Hebung der französischen Inden haben sie keinen merkbaren Einfluß ansgeübt, wo es eines solchen bedurfte, und noch »vcnigcr vermochten sich unter der beengenden Herrschaft derselben Rcformbcstrcbnugcn geltend zu machen. Selbst für eine verbessert^ Jugenderziehung haben diese Eonsistoricn wenig geleistet. Anders gestalteten sich schon die Berhältnissc in Holland, und in ein zelncn -Städten Italiens, wo sich bereits die Elemente einer höheren Bildung nnd eines religiösen Fortschrittes in den Gcuicindcn selbst vorfanden. Tenn in Amsterdam sehen wir unter der Räpoleon'schcn Herrschaft sehr bcachtenswcrthc Bestrebungen zu einer durchgreifende» Eultusreform in der (Gesellschaft „Adath Jeschnrun" hcrvortrctcn, nnd in Livorno organisirtc man ein jüdisches Schulwesen,,.dessen Leistungen zu den glänzendsten der Zeit gehörten. Ebensowenig wie in Frankreich ->var diese Eonsistorialvcrfassnng von ticsczehcndcm und bleibendem Erfolge in Drntschland. Doch fand dieselbe hier bereits die Grundlage einer sich frei entwickelnden Annäherung an die Eultur der Zeit und eines inneren FortsklzritkeS zur religiöse» Sclbstcmancivation, die, äußerlich dieser Institution sich anschließend, alsbald eine fruchtbare Lebenskraft entfaltete. Tic deutschen Rhcinbundstaatcn, überall dcnc Borbilde und der Anlcitung der Rapolcon'schr,» Bcrfassnug folgend, trafen in den Jahre» 180i> — 1Ö1 iS sämmtlich Jsiaßregeln, um das Los der Inden zu verbessern, ihre politische (Gleichberechtigung entweder sofort zu prorlamircn oder vorznbcrcitcn, ihre innere corporative nnd religiöse Berkassung zu ordnen nnd zu beleben. - Ter Lcibzoll wurde überall schon int Jahre 1 HOT anffzehobc». Baden proclamirtc 1 den (Grundsatz der <^e Währung des unbeschränkten Bürgerrechtes an die Juden, ordnete jedoch bis zur Pollen Bcrwirklichung dieses (Grundsatzes rorläusig eine» llebcrgangsznstand au, während dessen die noch vorhandenen llebelständc von beiden Seiten allmälig beseitigt werden sollten. Tic Leitung 'der inneren nnd religiösen Angelegenheiten der Juden aber wurde unter die Aufsicht nnd Machtvollkommenheit eines jüdischen Sbcrrathcs gestellt, der mit der vollen Autorität der Regierungsgcwalt bekleidet ward. In Sachse», Württemberg, Hessen Tarmstadt, den sächsischen nnd an hattinischcu Hcrzogthiiincrn wurden von 1807—1810 den Juden größere oder geringere politische Eonccssioncn gemacht und fernere Aussicht auf Erweiterung ihrer Rechte eröffnet. Im Teecmbcx 1*11 crtheille der Fürstprimas auch den Juden von Frankfurt a. M. das volle Staats biirgerrecht, nachdem dieselben durch Errichtung des jetzt noch bestehenden trefflichen PhilanthrovuiS l 1 '011 nnd der K arlsichule (1808, sich cm hohes Bcrdicust um Bcrbcsscrüng des sti di scheu Schulwesens erworben nnd auch sonst ihr freies Streben bekundet hakten, sich der Eultur der Zeit nnd der vaterländischen (Gemeinschaft durch Förderung der öffent . lichcn Interessen auzusetzlicßc». Im Jahre 181erließ auch der Groß Herzog von MecklenburgSchwerin eine „landesherrliche Eonstitnlion", nach welcher die Inden für Inländer erklärt nnd ihnen bis auf die Bekleidung von Staatsänitcrn gleiche 9cechte mit allen übrigen Landes lindern zugcsichcrt, die (Gerichtsbarkeit der Rabbiner und der Eid moro jnsiuieo aufgehoben sowie endlich die Ehe zwischen Ehristcn und Juden gestattet ivnrdc. In demselben Jahre wurde von Preußen das l Judtn Edict'vom 11. Mar; 1812 erlassen, ans das wir noch zuriicttoiumen werden^ mid am 1". Juni 1813 gewährte endlich auch Bauern seinen jüdischen' Staatsangehörigen größere Freiheiten uud 'siechte, als sic bisher genossen hatten. ■ Entschiedener und bedeutsamer aber traten die Emanripations grundsätzc und deren Wirkungen in denjenigen deutschen Landen hervor-, die durch deu Willen des französischen Kaisers entstanden waren nnd

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