Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 198 (19.1.1896)
- Date
- 1896-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Freie» Statt. Nr. 198. stellnngen zu betrachten, al« ob nicht noch andkre Leute an der Salzach wohnen . würben, welche vermöge ihrer Xenntniffe, ihrer Studien und ihrer Erfahrungen ltarer sehen atr jene Träumer, bei dbnen es eben auch viel Mode ist, in con-!-z>eetu populi die fromme Gesinnung zur Schau zu tragen. Wenn die katholische Universität ihren engbegrenzten Wirkungskreis jemals eröffnen sollte, dann wird sie wohl an dem Uebereifer der Fanatiker und der Unzulänglichkeit der eigenen geistigen Mittel, am Bildungsmangel zugrunde gehen, denn wo immer auch bisher ein Volk zur Entwicklung kam, es geschah dies stets durch Arbeit und nicht durch Träumerei. „Warum sind die industriellen protestantischen Eantone der Schwei; in jeder Ritbtuiig voran?" fragte ich einmal einen Schweizer. „Weil in denselben der Grundsatz gilt: Arbeite und bete, während in den katholischen EantonS der: Bete und arbeite!" antwortete mir der Mann. D—f. >Zur Atiftrllling jüdischer Lehrkräfte au den Berliner Volksschulen.) Tein Vorstände der Berliner jüdischen Gemeinde ist, wie bereits gemeldet ivutde, ein Schreiben des preußischen CultiiSministers Tr. B o s s e zngegangen, in welchem mitgetbeilt wurde, daß der schon so oft besprochene Erlaß des Provinzial-SchuteoUegiumS, die Anstellung jüdischer Lehreriniieu betreffend, nicht als eine Ausschließung solcher von dem Gemeinde'chuldienst zu verstehen sei >vie mißverständlich aiigenoinmen werde. TaS Provinzial-Schulcollegium habe nichts weitet' angeordnet, als daß künftighin bei Vertretung von Lehrerinnen die Berireterin derselben Lonfelsion anzngehören habe wie die zu Vertretende. Ein wenig anders soll, sich derselbe Minister gegenüber einer antisemitischen Deputation geäußett haben, Rach der „Staatsbürger-Zeitung" batten in Angelegenbeit der .ziidi>chen Lehrkräfte der Vorsitzende des „Teutichco»- l e l v a. t i v e ii W a d! v e r e i » e S fü r Berti n", Oberst a. T. .st r a u i c, und der conservativ-antisemitische Stadtverordnete Pretzel alS Beauktragte einer Ver'ainniliiiig, welche beschloffen hatte, sich cm de» -H.iifer Wichelni mit einer Lniinediateingabe zu wende», eine Audienz beim CultuSminister. Tiefer erklärte, daß er 'eine Hand zur Rücknahme der Verfügung deS Provinzial' Scinilcollegiiuns nicht bieten werde. So lange er int Amte sei, werde er darüber wachen, daß der christliche und nationale Ebarakter der Volksschule gewahrt bleibe, und er wisse sich hierin mit den Intentionen seines kaiserlichen Herrn eins. Es wäre geradezu ein Unding, wenn ein jüdischer Lehrer in einer unistlichen Schule t. B. über die streuzzüge Unterricht ertheilen sollte. Er tbeile den StandvunI: de? Provinzial Schulcollegiums in jeder Hinsicht und werde in dieser Richtung auch ein Gutachten in Bezug au' die Immediateingabe au den taner abgebeii Tie „SiaatSbürger Zeitung" ist eine, sehr trübe O-uelle, und i» muß dabet eine JUarüeUmu; des Sachverhaltes abgewartet werden. .Zu sinanzicllklt Rölbcn.l Einer Meldung aus Breslau zufolge vers uidet d>r Bo> stand des ..T e u t s ch - > o c i a l e n Verbandes für die Provinz S ch l e i i e i." ein Rundschreiben an teilte Gesinnungsgenossen, worin er dieselben dringend au'fortert, :ur Tilgung der „drückenden Schuldenlast", u .che dtiich die Agitation chei den ReichSiagSivahten verursacht wurde. Beitrage;n leisten Ob die>'er Aunorderuiig in genügendem Maße werde entsprochen werde», erscheint ''e!.r ''raglich. >Tas öivlomaiischc Eorps eine autisemilischc Berciuigung.) Wie aus B r ü s s e t -gemeldet wird, erregt es dort Aimeben, daß einem Juden auS angesehener Familie, welcher sich zum divlomatischen Examen angemeldet batte, der Bescheid zuibcil wutke, er könne sich die Prüfling er>varen, da einer stillschweigenden Ueberelnkunff der stiegierttiigeit zusolge kein Jude zu einer diplomatischen Stelliii.g zngelassen werde. Au dieser iitünttichen Eonveiition haben sicherlich nur eutepaiiche Regiernngen Äntbeil, die Bereinigten Staaten von Amerika haben sich ibr nicht angeichloffen und nehmen bei der AuSwabl ihrer Vertreter ,m Äuslande nur auf die Befähigung derselben und nicht auf deren Ecn'c'stcn und Abstammung Rücksicht. Vom doUarSlllstigcll AblwaxSt. i Ter „Philadelxbia Recorder" schreibt unterm 27 v. Bc: „ES ist bedauerlich, daß Ausländer, die nach Amerika kommeii, am die Borthetle zu genießen, welche durch untere Eitirichtiingen, .>»!err Ge-cpe und durch unsere industrielle Tbätigkeit entstehen, ihren Racen- und ReligionShaß inttbriitgeit und versuchen, ib». aut' amerikanischen Boden zu vervstaiazcst. Hiedurch beeinträchtigen sie ihre Aussichten, bringen sich um ihren eigenen Friedet, und verwirken zugleich de» Anspruch auf das Bürgerrecht in einem Lande, dessen Gesetze weder Racennoch GlatibenSrinterichiede kennen, sondern vielmehr benrebt sind. Allen eine freie Lau'bahn zu eröffnen. Aber eS Ist ncch bedauerlicher.'ja tadelnswerth, ivenn ein Ausländer unser Land auf- ”.tefot. nicht um sich dort ein Heim zu gründen und Tbeil zu hoben an den! Bortbeilen *c:i ct)l wie an den Lasten, welche daS Bürgerrecht mit sich bringt, sondern um Streit anzrffachen und Borurtbeile und Feindichaiten gegen eine - andere Rate zu »rwecken, die numerisch klein ist und die im Laufe der Labrbunderte ui anderen Ländern ungeheures Unrecht und große Ungerechtigkeiten etlitter Kat. Und. doch ist dies die Mission A h l w a r d t's, der unlängst i» Amerika angekommen ist, und denen erste Erfahrung in New Sjark ihn belehren 'ollte, daß 'eine Bemühungen, eitel und daß seine Lehre und seine Abc sichten dem Geiste uniereS Volkes fremd„sind. Ahlwarbt ist im Auslände als der Apostel der AittisemitiStnuS bekannt. Er ist außerdem Mitglied des deutschen Reichstags. Ter „Recorder" hat schon seine Ansichten in Bezug auf Ahlwardt'S Besuch und deffen Ziveck ausgesprochen. Er wünscht dieselben nochmal« nachdrücklich zu betonen und seinen Abscheu vor jedem Versuch auszudrücken, der bezweckt, Feindschaft zwischen Bürgern unseres gemeinsamen Vaterlandes ztt erregen. Unsere jüdischen Nachbarn sollen, beschützt werden, allerdings nicht durch heftige Thaten, sondern durch den allgemeinen Tadel, vor jeglichem Versuche, sie zum Ziele deS Angriffes und der Verfolgung zu machen. Weniglte»? in Amerika sollten sie ungestört und unbelästigt unter ihren eigenen Weinstöcken und Feigenbäumen sitze» können. Sie gehören im Großen und Ganze» zu unseren besten Bürgern. Den Gesetzen sind sie gehorsam, ihrem Berufe treu und fallen durch ihren Fleiß und durch ihre Sparsamkeit nur in seltenen Fällen den Gemeinden, in denen sie leben, zur Last TaS Mitglied de« deutschen Reichstage«, welche« über das Weltmeer gekommen ist, um sie anzugreifen und andere zu ihren Angreifern zu machen, thäte bester daran, seine Heimat aufzusuche» und seine Thatkraft al« Gesetzgeber anzuwenden, um Reformbedürftiges in seinem eigene» Baterlaiide zu reformiren. Tie Bürger der Bereinigten Staaten sind auch ohne seinen Rath und seine Führung vollständig imstande, für sich selbst zu sorgen." 2lus antisemitischen Blattern. (Entweder — odcr.j In Paris wurde in einer Erpreffungs-Astaire der Mitarbeiter des „Figaro", Jacglie? SainI - Eüre, verbastet. Ta seine Familie, die ursprünglich Roientbal hieß und auS Bayern nach Frankreich lam, vor dein „reinigenden" Bade der Taufe der israelitische» Eonfeisio» angehörte. spricht die „R e i ch S p o st" von einem „jüdischen" Gauner. Lst aber Herr Anton Weimar, besten Ettern von niiverfäsicht jüdischerAbstainmnng wirren. Spitzer hießen und au« Breslau nach Oesterreich wanderten, ein österreichischer jiatbolik, dann ist ailch Saint-Evre kein „jüdischer" Ganner. Entweder sind Weimar und Saint-Cvre Beide Katholiken, dieser ein französischer, jener ein österreichischer, oder Spitzer-Wciniar hat das gleiche Anrecht aus da« Epitheton „iükiich" wi^ Saint Core Ro'entKal. 'Lueger als jüdischer Eultusvorstchrr.) TaS hiesige Fachblatt für den Lueger Cult berichtet mit grinsendem Behage» von einem Vorfall, der sich jüngst in Lemberg ereignet haben — soll. Mehrere arme Luden hätten sich bei einer LiauidatiouSMgfahrt durch ihren iehr reichen CultttSvorsteher verlürzt ge glaubt und wären darauf in die Rufe: „TaS ist e i n f a u b e r e r C u l t u S Vorstand" — „Lueger lallte unser Bürgermeister werde n, das wäre der r i ch t i g e M a n n!" „Hoch Lueger!" u. wansgebrochen. Weint daS „VolkSblatt" initiier „Geschichte" nicht überhaupt ansgesesseii ist. was will es denn eigentlich damit beweisen? Daß sehr viele Leute, die „Hoch Lueger!" rufen und ihn zum Bürgermeister wünschen, nicht wisien, wer eigentlich Lueger ist. oder daß Lueger auch für da; Amt eines jüdischen EultuSvorsteherS der richtige-Bctiiiii ist? (Tic Eichhörner Seusations-Asfairc.) Ter vom „Sendboten des heiligen Loses" zu einer SensationS-Afiaire hiiiaiilge'chranbte Diebstahl von Heu in der Gemeinde Eichborn, der schon wiederholt da? Bezirksgericht Zistersdorf beichäftigte, kam dieser-Tage wieder vor dem Preisgerichte Korneuburg zur Verhandlung, bei welcher alle Angeklagten freigesprochen wurden. Ob die Sache auch eine!, Wiener Preßproceß zur Folge haben wird, ist noch nicht feststehend. lEinc Sicgmuudsdcrbcrgcr Ehrung.) Man schreibt n»§: Tas vom Sotecer Urgermanen heransgegebene Fachblatt für Lueger CnltnS brachte in seiner SonntagSiiummer vom 12. d. M unter der Spitzmarke: „Eine Lueger Ehrung" folgende Notiz: „Wie uns a»S SieginnndSherberg gemeldet wird, wurde bei der in dem Hotel deS Herrn Mader daselbst abgebaltenen Sylvester stier, an der die Honoratioren des Ortes theilnahmeii, der Wiener Führer Tr. Lueger begeistert geleiert." Darnach muß man wohl glauben, daß SiegmiindSherberg ein bedeutender Ort sei, das ist aber gar nicht der Fall, vielmehr ist er ein kleine; und dazu recht armes auS neunzehn Bauernhäusern be stehendes Törschen, i» daS man mit der Bahn von Horn in einer halben Stunde-gelangt. Ein Hotel besieht dort nicht, eS würde auch keinem Bedürfnisse entwLechen. wohl aber findet sich auch dort, wie in jedem Torfe, mag eS noch so klein sein, ein bescheidenes WirthShaus Zur Ehre unserer Dorfbewohner muß jedoch bemerkt werden, daß nach giitein Brauch der anständige Landmann die Weihnacht und den Sylvesterabend im .'ireife seiner Familie zu verbringen pflegt, da« WirrbShaus aber meidet. .- - IC. (agnü schickt sich für einen Geistlichen?) Ter protestantisch-orthodoxe „R e i ch s b o I e" regt sich über den Pfarrer Ä i e f e r auf, welcher neulich in Balborir im Elsaß der Einweihung einer Synagoge beigewobnt und dabei ge sagt hatte, „daß, wenn es auch verschiedene Religionsbekeniitniffe gibt, alle dennoch ein gemeinsame« Ziel verfolglen, den Willen Gölte« zu thnn und ihn in den Werken der allgemeinen Nächstenliebe zu bethätigen". Darauf hatte-er mit der Bitte geschloffen: „Valer unser, der du bist im Himmel, kein Name werde geheiligt." Ter „Reichsbote" ruft an«: „Ta fragt man denn doch: Ist denn keine evangelilche Kirchenbehörde da, welche einem evangelischen Geistlichen begreiflich macht, war Christenthiim ist und wa« für einen Geistliche» al« Vertreter deSstlbe« sich schickt?" Ten Pfarrer I S k r a tt t, welcher, wie gerichllich festgestellt wurde, sich gemeiner Lüge schuldig gemacht und niedrige Gdsinnung