Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 198 (19.1.1896)
- Date
- 1896-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. F,reies Blatt. Nr. 198. sich in fast birectcr Abhängigkeit von ihm befanden. Im Großherzogthnme Berg wnrde sofort 1807 und im Königreiche Westphalen am 27. Jänner 1808 die volle bürgerliche und politische Gleichstellung der - Inden proclamirt, im letzteren Staate auch alsbald die Berufung von Abgeordneten und die Einsetzung eines jüdischen Consistoriums nach dem Borbilde der französischen Institutionen angeordnct. Wenn hier die Wirksamkeit des Eonsistorinms auch in religiöser Hinsicht als eine erfolgreiche erscheint, so liegt die . Erklärung hievon öffenbar nur in der durch diese Institution momentan gehobenen und verstärkten Wirksamkeit von Kräften nnd Bildungsclemenken, die bereits lange vor Errichtung dieser Behörden und vor Gewährung dieser Rechte nach dieser Richtung in Bewegung waren und eine freie Sclbskcntwicklung vorbereitet hatten. Hier hatte der wohlhabende, für die Förderung der Bildung und der Sittlichkeit sowie der Gerechtsame seiner Glaubensgenossen nnermüdlich strebsame Israel Jacobson schon 1801 die treffliche und muffcrgiltige Schule zu Seesen errichtet, und als deren Zweck hatte er ausdrücklich die allgemeine Mcnschcnbildung und die Erziehung der jüdischen Jugend zu deutsche» Männern nnd Bürgern neben der Weckung und Befcstigung eines freieren und bewußte» religiösen Sinnes bezeichnet. Hier war Isaak Herz Samson 1807 dem ehrenvollen und erfolgreichen Bor bilde seines Schwiegersohnes durch Gründung einer Freischulc in Wolfcnbüttel gefolgt, die ihre Zöglinge besonders für den Ackerbau, das Handwerk nnd die Höherskrcbenden für Industrie und Knnst zu bilden bestimmt war. Auf diesem Boden war auch bereits eine dritte Muster fchüle Franzschule) zu Dessau errichtet worden, welche unter Leitung des Sr. David Fränkcl und unter dem Schutze des Herzogs stand' nnd gleich den anderen beiden auch zahlreiche christliche Zöglinge zählte. In diesem (Geburtsorte Mendelssohns wurde von demselben Sr. Fränkel auch bereits die erste jüdische Zeitschrift in deutscher Sprache heraus gegeben, die bc'onders die Erweckung des religiösen Sinnes durch er bauliche Aufsätze und die Bcrbrcitung eines freien Wissens nnd Tenkens bezweckte. Sie enthielt manche verdienstliche Arbeit von verschiedene» Autoren und fand auch eine erfreuliche.Bcrbrcitung in Mitteldeutsch land. Sas jüdische Eousiskorinm nnd die organisirtc Landeskirche West phalcnS in natürlich mit dem Reiche selbst untcrgcgangcn. Fan der letzte Staat, der in Sentschland der allgemeine» Zeitbcwcgnng für Aufnahme der Juden in den Staatsocrband nachkam, war Preußen, das erst durch das Edict vom 11. März 1812 die Juden für Staatsbürger erklärte, ihnen aber auch jetzt von Staaksümtern nur das akademische Lehr und Schulamt und außerdem öffentliche Gemeindcämtcr zugänglich machte. Sie Bcstimmuiigen über Enltus und Ilnterrichtswcscn sowie über Gemeindevcrfaffung sollte» späteren Beiordnungen Vorbehalten bleiben nnd für deren Feststellung das Gutachten achtbarer und kcnntnißrcicher jüdischer Männer erfordert werden. Sic Berwirk lichnng dieser im 8 des Edictes gegebenen Berheißung hat mehr als ein Menschenalter auf sich warten lasten, während in vielen anderen deittschcn Länder» die Organisation einer jüdischen (Gemeinde und Kirchenvcrfaffnng schon längst ins Werk gesetzt und, wie cs schien, in erfolgreicher Wirksamkeit war. Sas preußische Edict vom 11. Mär; 1812 zählt nicht als Rümmer - in der großen Reihe der Iudencdicte, die sämmtiich auf Grund der Erklärung j der Menschenrechte in Frankreich und der Rapolcon'ichen Gesetzgebung »ach und nach in den verschiedenen deutschen Staaten zu Sage kamen, »in zum , Tffcil nur zn bald wieder mit der Napolconffchen Autorität zu verschwinden. . Es ist vielmehr ein Glied in der Reihe der großen Stein Hardcnberg'fchcn «Gesetzgebung, durch welche der preußische Staat seine innere Wiedergeburt > anirrcbtc und erlangte. Stein war bekanntlich ein Judenfeind, aber er! erkannte doch im Intereffe des Staates nnd im Intereffc der Grund säee, denen' er in dem Wiederaufbau desselben folgte, die Rothwendigkeit, j die Inden ans der unhaltbaren Stellung einer'krankhaften Schmarotzerpflanze heranszuhcbcn nnd sie zn einem organischen Gliede des staatlinsen Gesainnitkörpcrs zn machen. Sic Bedeutung der Emancipation Tder Juden in Preußen vom Jahre 1812 liegt also darin, daß sie nicht in Nachahmung der französischen Freiheitsgrundsätze und nicht aus Schonung oder Toleranz gegen die Juden, sondern im StaatSintereffe Preußens trotz der Feindschaft gegen die französischen Institutionen nnd trotz des christlich-exclusiven StaatSbcwußtscinS erfolgt ist, das die Regierung dieses Staates wie wenig andere" festzuhaltcn bemüht war. Daher hat auch dieser Staat alle diejenigen politischen Rechte den Juden vorenthalten, für deren Ausübung er eine christliche Gesinnung und Denkweise fordern zu müffen glaubte. Dagegen hat aber auch kein Staat eine so hohe Achtung vor dem SelbstbcstimmungSrecht des Iudenthunis ' in seinem 'religiösen Leben bekundet, eine so enthaltsame Scheu vor jeder Einmischung in die sogenannten inneren Angelegenheiten der Juden wie der preußische. (Fortsetzung folgt.) Literatur.^ Tie Wassk!> nieder! Schauspiel i» fünf Auszügen von W FrisiuS. Truck von R. L^ndner, Leipzig-Anger. TieseS Stückest wohl, upe der Bersaffer aus dem Titelblalte bemerkt, „zur Eriiliierslng an das 25. (Aedenkjahr der große» Krieger" erschienen — er ist aber eit Tendenzstück für den Frieden. Da« scheint ein Widerspruch, ist aber keine-. Tenn was könnic wirkung-voller für den Friede» sprechen al» der Krieg «selbst? Tic Handlung der Stückes, die am Tage der Capitulaiio» ■ von Paris spielt, dreht sich um die Zerstörung einer Eisenbahnbrücke und eines Tunnels im Rücken der kämpsendeu deutsche» Heere, um einen Angriff auf die wichtigste Berbindting derselben mit der Heimat und i»n die 45«» lheidigung dieser Objecte durch deutsche Krieger gegen Franc-TireurS. Zwei Männer, ein Teutscher und ein Franzose, beide feurige Bekenner ihrer BolkSthum», stehen im Mittelpunkte dieser kriegerischen Handlung und ringen auf Tod und Leben am Pflicht und Ehre. Der Bersaffer bringt diese beiden Vertreter ihrer Nation in eine Lage, welche sie zwingt, aus Rettung bedacht zu sein; sie ist nur mit gegenseitiger Unterstützung, nur durch Zusannnenhelse» möglich. Ihr ehrenmännisches Verhallen gegeneinander führt diese Männer zu gegenseitiger Achtung und das Stück zu einem Abschluffe, der deffen Titel rechtserligt. Eine Frau, welche der Bersaffer zwischen die Kämpfenden gestellt bat, vertritt die Idee des Frieden« als Forderung allgemein menschlichen Mitgefühles nnd Erbarme»«. Der Bersaffer hat sich bestrebt, in dem enge» Rahmen eines Theaterstückes die tausendjährige Fehde zwischen Franzosen und Ttnischkn aufzurollen und die Sliinmunge» und Wallungen der beiden Völker bei dein letzten große» Ringen zur Anschauung zn bringe». Ec. sucht dabei de» Eigenschaften und der Tenkweise Leider gerecht zu werden und sich über den alten Völkerstreit zur möglichsten Unparteilichkeit auszuschwingen — keine Perhiminelung für die Deutschen, keine Kränkung für die Franzosen — eine Mahnung zur Versöhnung! Pionuicr. Zeitschrift für volkswirlhschaftlichen und sittlich! n Fortschritt, für Schulwesen, Htzgiene und Medicinalreform. Berlin, XII. Jahrgang 1896. ° Der Inhalt der vorliegende» ersten Niiminer deneucn Jahrganges ist: Ten Mitglieder» des Nationaloereine» zur Hebung der BolkSgesundheit zur Nachricht. Po» Freiherrn v. Broich.'— Tic volkSwirthschaftliche und gesundheitliche Bedeutung der rauchfreien Feuerung. — Zucker als Nahrungrinillel. Bon Dr."We i l, Berlin. — lieber den Z isainmenhang von Witterung und Krankheit. (Nach einem Bortrage von Tr. Jessen- Hamburg) — Ehrliche Arbeit sei'S Panier! Bon Ev. S e l ch o w - R u d n i f. — Schwarm - geisteret? — lieber de» Rückgang des ZinSsußeS. — Zwei neue Kund gebungen Tolstoi'S. Bo» Alfred Lill v. Lilienbach — Ta» Äeheimniß der Handdenterei. — Beilegung eines SireilfallcS. Erklärung von M. von E g i d ». — Büchertisch. Briefkasten. Max Müller, (rzernowitz. Wie Sie wiffe» dürsten, erscheint unser Blait in deutscher Sprache. Wen» Sie dieselbe nicht schreiben könne», dürsteii Sie dieselbe auch nicht lese» können. Nnkündigungen des „Freien Rlattes". Inserate werden angenoinmen, sowohl in unserer Administrativ», alS auch im Annonce» Bureau M. Duke». Etablissement ONACHER — , _ TO gl ich Direction: F. Krlebaiim. Rossau, Wasagasse Xr. 33. — Telephon 636. TäglicH : ausserordentlich reichhaltiges Internationale Künstler-Vorsteilnn Programm. IW- Neues Programm. "WM Region pricite 8 Uhr. | Eröffnung V,7 Uhr. Anfang Uhr, St'as-^ Eröffnung 7 Uhr.