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Freies Blatt · 1896-01-19 · 198 (19.1.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
198 (19.1.1896)
Date
1896-01-19
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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rlr. 198. „ r«itt 7. freies Statt. Diaiiufacturgeschäftcs' gar kein „Berliner Jude", sondern ein guter Christ und in Berlin sogar Borstandsinitglicd der französischen Kirchen gemeinde ist. Tie Judenhetzer machen jetzt lange Gesichter, allein sic haben ihren Willen gehabt; denn nun hat Gcnthin auch einmal eine Judenheye erlebt, freilich ohne einen dazugehörigen 'Juden. (Tie jüdischen Colonisten in Canasta.) „Jewish Chroniclc" veröffentlicht einen Auszug aus dem Berichte des jüdischen Colonisationscomitvs für Canada und gleichzeitig eine Zuschrift des Präsidenten des WohlthätigkeitSvereines jüdischer junger Vcutc in Montreal. Aus beiden Publicationen geht hervor, daß die Hirsch-Colonic sich des besten Gedeihens erfreut und daß cs gelungen ist, aus den jüdischen Flüchtlingen tüchtige und zufriedene Ansiedler zu machen. Tie Zahl der. Colonisten hat sich wohl vermindert, allein 'es waren lediglich die nicht geeigneten Elemente, die sich von selbst absticßcn. Tic Schulen haben die erfreulichsten Erfolge anfzuwciscn. Die Ernte ist trotz der Unbilden der Witterung vcrhältnißmäßig gut ansgcfallc», und das Eomit» gibt der Ueberzcugnng Ausdruck, daß nach dem günstigen Ergebniffe dcS ersten Jahres die Wohlfahrt der Colonisten auch in den nächstfolgenden kciizc Einbuße erleiden wird. Zur gewerblichen Bewegung. (Ausslellungs- und Berkaufshalle der vereinigten tileingewerbtteribenden Wiens.) Diese« wirthschaftliche Uiilernehme» eines erheblichen Theiles der angesehensten Kleingewerbetreibenden Unserer Stadl ist kein Neuling mehr, aber c« verdient immer wieder. Allen a» dem Gedeihen de« Gewerbes und an dem Siege des Freisinns interessirte» Elemenlen inS Gedächtnis; gerufen, warm ans Herz gelegt zu werde». Es handelt sich hier keinestoeg« um ein Unternehmen von vorübergehender Bedeutung; haben wir eS doch vielmehr mit einer auS der freien Jnilibiive des kämpfenden GcwerbestandeS selbst hervorgegangene», rein wirthschasilichen und keinerlei Parteizwecke» dienstbaren Institution zu thun, welche seit Jahren der erste stärkere Beweis ist, daß der Geist der Selbsthilfe und Solidarität iit unseren kleinbürgerlichen Kreisen »och nicht ausgestorben ist. Eine der hauptsächlichste» Ursachen der Verarmung de« Kleingewerbes liegt in den Nothverläufen. Muß Jemanh seine Waare ohne Nutzen verkaufen, so zehrt er von seinem Betriebskapital, und wiederholen sich solche Verkäufe, so muß folgerichtig der vorhandene Betriebsfonds verschwinden; durch diese leider nur aUzuhäufige Nothwendigkeit ist es so weit gekommen, daß der kleine Handwerksmeister vielfach an den Bettelstab gebracht wurde. Line ziveite Erscheinung, die viel dazu beiträgt, die Lage zu verschlimmern, ist, daß der kleine Erzeuger immer mehr und mehr hiiiauSgedrängt wild in die Vororte, einen Verkansslade» sich nicht halten kann und so immer mehr dem directeu Käufer entfremdet lvird. TaS sind Mißstände, die vor Allem beseitigt werden müssen, um dem Klei», gcwerbe zu Helsen. Tie Nolhverkäuse sind zu verhindern, wenn eine Institution geschasien wird, wo der kleine Meister seine Waaren hiustellen kann und einen eulsprechendin Vorschuß bekommt, um warten zn können, bis er selbe mit Stutzen verkaufen kann. Weilers muß der Kleingewerbetreibende einen billigen VcrkausSstand habe», um die unerschwingliche Ladenmiethe zu vermeide» uud doch dem Publicuur seine Erzeugnisse vorsühre» zu könne». Ein solcher Mittel ist in den Verkaufs- und BelehnungShallcn gefunden. Diese Jnstilnlion besteht auS alle» Handwerkskreiien, und muß der Betheiligte ein gelernter Handwerksmeister und seine Waare solid und tadellos gearbeitet sein; selbe wird übernommen, von Fachmännern geprüft und im Bedarfsfälle belehnt. Ter.Verkauf fiildet dura, die Aussteller abwechSluugSweise selbst statt; eS sind dadurch die Koste» deS Personals erspart, die jedem Einzelne» zugute koinme». TieS sind auch die Grundgedanken, auf welchen die von Herr» I. F. Nord m a » u geleitete A u Sst c l I u ii g S- und V e r k a n s S h a l l e (VIII., A l s e r st r a ß e 67) ruht. TaS Unlkrilehmen wurde am 10. October 1895 eröffnet und prosperirt in erfreulichster Weise. In den dem inodernen GeschästScomsort Rechnung tragenden AuSsteUungSIocalitäten haben bereit« 110 Gewerbetreibende aus 56 verschiedenen Branchen ihre Waaren ausgestellt, und ist schon ein bloßer Gang durch d r e A u s st e l l u n g eine höchst lohnende und empsehlens» werthe Gelegenheit, die Vortresflichkeit undLeistungSfähigkeit des Wiener Handwerke» kennen zu lernen. Die Einuahinen dl« llnternehmenS betrugen in der kurzen Zeit bi« znin 26. December 1895 fl. 10884.50, wovon GeschäftSanlheile und Beitrittsgebühreil sl. 1028 und Tageslositiigen sl. 3773.40. Demgegenüber stehen Ausgaben von fl. 9707.95, so daß daS Weihnachtsgeschäft mit einem vorhandenen Baargelde von fl. 1126.55 schloß. WaS i u dieser kurzen Zeit für da« Handwerk durch die A u « st e l l u u g «- und V c r ka u f« h a l l e geleistet wurde, geht daran« hervor, daß außer den oben a n g e s ü h r t e n T a g e s l o s u n g e n i in B e t r a g e v o n fl. 3773.40 a u ch n o ch d u r ch i n d e r H a l l e a u fg e n o m mene Bestellungen Geschäfte im Betrage von fl. 6946.30 vermittelt wurden, und daß sonach den kleinen H a n d w e r k S ui e i st e r n durch dieHallealleineinGesamint- Umsatz von fl. 10719.70 ermöglicht wurde; außerdem wurden an die b c t h c i l i g t e n Bi e i st e r Vorschüsse in d e r H ö h e v o n 2286 fl. g e w ä-h r I. Wie man sicht, ist hier 'ine kräftige wirlhschaflliche Action des Kleingewerbes im Enlstchen begriffen, und e S ist u ui s o in c h r dieh e i l i g st e Pflicht a l l e r G es i » » u n g « g e n o.ss e », d i e s e « U n lerne h in e n aus jede mögliche W.e > s c zu u n t e r st ü tz c n, a l ö die gewissen antisemitischen Retter!pcS Kleingewerbes ein ivahrhaftes Kesseltreiben gegen die Verkaufs- und Ausstellungshalle i » S Werl (eben. Aus antisemitischen Oereinen und Versammlungen. «Eilte Kundgkliuiig des „BiirgcrcliibS") Nach Mitibeilunge» der antisemitischen Organe habe,; Tr. Lueger, Tr. Kupka und Tr. Neuniatzer. offenbar auf Grund eines Beschlusses des „BürgerclubS", .dem säminttiche autisemitische Mitglieder de» ehemaligen Gemeinderaihes angehörtcn, beim VerwallungSgerichtshvse die Beschwerde gegen die Aiislösiing de« Wiener Gemeinderaihe« überreicht und die Aushebung dieser „ungesetzlichen" Piaßregel begehrt. Nach dein Wiener Geineiiidestatut ist zwar ein Recick« gegen die Anslösung der Gemeinderaihes durch de» Statthalter anSgeschloise», die Beschwerde a» den VerwaltungSgerichlshos ist jedoch «in anderes RechtSinittel. Auch an da« Reichsgericht sollen sich die Antisemiten als Beschwerdeführer gewendet haben. Turch diese Beschwerden ist eine. Aenderung der Lage bezüglich der Ausschreibung und Durchführung der Wahlen für den Gemeinderath ringetreten. ES ist ja der Fall nicht ausgeschlcsien, daß der VerwaltuiigsgerichtShos oder daS Reichsgericht der Beschwerde slattgibt, und wären bis dahin die Neuwahlen durchgeführt, dann gäbe es zwei Gemeinderäthe. LEin kleines Panama.) In einer Ncubauer Aiitiikinitenvcrsaiiimlung erllürte Greg orig, daß er/durch den Besitz von in Sicherheit gebrachten Acten ein kleines österreichisches Panama liefern werde, worüber die Herren der Re-, gicrung sehr verblüffte Gesichter »lachen.werde». Eine neue Ehrabschneiderei ist also i» Sicht. (Weniger Licht!) Man schreibt »II» au« Salzburg, 15. Jänner: Im Cur» Hause zu Salzburg wurdt am 12. Jänner die Generalversammlung des Vereines zur Gründung einer kjatholischen Universität in Salzburg abgehalten. Man kann sich denke», daß hiebei die Gasflammen nicht höher gedreht wurden und die Devise: „t'iat lux" nicht gekört wurde. Ten auSsühilichstcn Bericht bringt nächst der clericalen „Salzburger Chronik" daS neue „de»tsch-»arional"-antiseinitische „Salzburger Tagblatt", welches seine Lerehrung für den großen Geist Virchow'S damit bekundet, daß c« folgende (in der „Salzburger Zeitung" wohlweislich mit Verschweigung von Virchow'S Name» gebrachte) Stelle in den Berichteinfügt: Redner (Bischof Tr. Rößler) citirt diesbezüglich den Hochschullehrer Virchow zum Beweise, daß die gegenwärligen Hochschulen Materialismus und Atheismus befördern, und die Giundsätze Nathan« de« Weisen den Hörern predigen. Wir zweifeln, daß Virchow die^Absicht gehabt habe, durch irgend eine Kundgebung jemals Solches zu beweise». Der Ausspruch Virchow'S. selbst ist nicht gebracht. Der Linzer Domprediger B ermann s ch l ä g e r meinte, Salzburg wolle der „wahren Wiffenschast eine Stätte bauen". Auch die französische Revolution sei i» die Masse» erst eingedrunge» durch den atheistische» Einfluß akademisch gebildeter Kreiie. Ter größte Theil der htutigen Universität«prosefforen bestehe aus ausgesprochenen Feinden des ChristenthnmS, und jene« Christeiilhuni. welche» sie übeibaupl. gewähren, sei schal und verwässert ivie der Wein in siner Judenichänke. Fragen wir doch, I welchem Getränke da« Christeulhum gleicht, welche« sich mit den Feinden der freiheitlichen StaaiSgrundgesetze und Ordnung, mit den prosessioiiSmäßigen Scandalmachern und mit den Aufhetz-rn des Wiener Pöbels verbündete'? Solches Christeiilhiim möchten wir wohl einmal von wahrbaft christlicher Seite . gcbraudmarkt hören. Geschieht da« niemals? Ter Idealismus der Aerzte, heißt eS in der Rede weiter, wird an der Hochschule nicht genährt. Ta« „Warum" vergaß der gründliche Redner. Von der Lehrkapzel anS wird gegen diesen Idealismus nicht gesündigt, wohl aber von den mit christlich-socialen Predigern verbündeten Anlisemitcn und gewiffen Schönerianer», welche die akademische Jugend moralisch vergisten. Traurig ist e», daß ein „deutsch-national" sich nennendes Blatt kein Wort der Mißbilligung findet gegenüber den.tendenziöse» öffentliche» Angriffen auf die deutsche» Hochschulen und deren Lehrer. DaS ist die Allsklärung, welche der deutsche Stamm in Oesterreich pflegt. Auch officielle Personen verleihen durch ihre Anwesenheit einer solchen Versammlung stets Nachdruck und glauben dadurch populär zu werde», weil die Gewerbetreibenden Salzburgs sich günstige Auspicicn sjir Handel und Wandel von einer katholischen Universität verspreche». ES ist großartig, wie verblendet diese armen Leute sind; sie haben iminer neue Hoffnungen, dabei aber nicht einmal die geringe Krast, die mit clericalem Sand gcsülllen Augen zu reiben, um etwas heller zu sehen. Die Redner sind unklug »nd gcwissenlo« genug, die Leichtgläubigkeit dcS PublicumS zu benützen und statt einzulenken oder eine halbwegs glaubwürdige Perspective zu stellen, die wiffenschaftliche Welt zu verhöhnen, leicht widerlegbare Behauptungen lluszustellen und heute schon die Stadt Salzburg nur mehr als Hintergiund und die Bewohner als Statisten ihrer alljährlichen Dar-

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