Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 198 (19.1.1896)
- Date
- 1896-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite *5. Nr. 198. Freie, eine hohe (iultur sich zu eigen gemacht hat und bis auf den heutigen Tage zum Gemeinwohle der Menschheit nach Kräften beiträgt. Dieses Volk, welches „die Pforte der orientalischen Eivilisakion" genannt wird, welches ansehnliche Repräsentanten hat alS Literaten, Handelsleute, Professoren, Diplomaten, ja sogar Minister und Feldherren, dieses arme Polk, heute tödtlich ins Herz getroffen, wendet sich an Ihr menschenfreundliches Her; und sieht um Gnade und Erbarmen. Aus den zerstörten und verödeten Wohnstätten wenden heute zu den Wohl» thütekii in Europa ihre mit Thränen erfüllten Augen die armenischen Witwen und Waisen, welche ans den Grabhügeln ihrer theueren Angehörigen schluchzend knien, die Greise und die verwundeten Männer, der Arme und der ehemalige Reiche, welcher heute auf den Bettelstab sich stützen muß, denn die Wohnungen sind niedergebrannt und alles Besiizthnm geraubt und geplündert. Wie sich so Manches durch Gottes unerforichliche Fügung im Pölkerleben ändert!• Om Xl. bis XIII. Jahrhundert war eS, zur Glanzzeit deS armenischen Königreiches, in Kilikien. Ta erschienen an der E'renze Armeniens die erschöpften, von Feinlkkn schwer bedrängten Kreuzfahrer. Tod und Perderben drohte - Allen. Tie Armenier empfingen sie mit offenen Armen, öffneten vor ihnen in gastfreundlicher, christlicher Liebe nicht nur ihre Tpeisekammern, 'sondern boten ihnen auch ihre friedlichen Wohnungen zur Raft und . Erholung, an und kämpften später, an ihrer Seite als treue Waffenbrü'der in^lntiochien und Jerusäleüi wider die gemeinsamen Feinde des Kreuzes. Und heute erheben die schwergeprüften Ueberreste jenes armenischen Polkes ihre bittenden Hände vor den -Nachkommen der Kren; . fahrer und flehen, sich ihrer zu erbarmen, damit sie nicht alle rettungslos zugrunde gehen. Wird ihnen eine rasche und ausgiebige Hilfe nicht geboten, so werden sich die Cpfer des Todes nicht nur verdoppeln, sondern mehrfach vervielfältigen. Bauend-aus die bekannte großherzige - 'Opferwilligkeil Testerreichs und Europas überhaupt, richtet die gefertigte Eongregation mit Pertrauen an alle edle Herzen, an alle Menschen fteunde die inständigste Bitte, milde, hochherzige Gaben zur Linderung der äußersten Roth im Ciicnte unter der nachstehend ver zeichneten Adresse zu senden, damit die gefertigte Eongregation in der Lage sei, dieselben sofort durch amtliche Personen den Nothleidenden Ui übermitteln. Möge Gott allen Wohlthüteru auch die geringste. Gabe hundertfältig vergelten! Adrene für die Zusendung milder Gaben: Mechilüariflen Eongregation, Wien, VII/2, Mechitharistengaffe 4. Wien, Tecember l-'-lCr Hochachtungsvoll ergebenst für die Mechitharisten Eongregation: Arsenius A i dch n, Erchischof und (seneralabk. l Unser Nachwuchs.) Man schreibt uns aus Budweis:, Tie stramme ."Haltung der hiesigen jüdischen Wähler bei den letzten Land ragswahlen im Sinne der hartbedrohten deutschen Partei kann, die Antisemiten, welche bekanntlich das Teutschlhum gepachtet haben, gleichwohl nicht von ihrer alten Taktik abbringen. Es wird lustig weitergehetzt, und der Erfolg bleibt nicht aus. Ein Fall für viele: Sonntag den 5. Jänner, Abends, es war jnst zur Eorl'ozeil, verfiel ein Schüler derachten Elaste des Sraatsgymnasiums, Z., nachdem er sich vorher in Gesellschaft von Eollegen intor poouln die gehörige Begeisterung verschafft hatte, auf die ingeniöse Idee, sich einen seinem Bildungsgrade entsprechenden Faschingsulk zu machen. Rasch kleidete sich der hoffnungsvolle Jüngling in das Eostüm eines polnischen Juden und begab sich so auf den starkbelebten Eorso, wo er seiner antisemitischen ^.Gesinnung" freien Lauf ließ, indem er vorübergehende jüdische Frauen und Mädchen insulkirte. Mehrere Herren, welchen die O'affenbübereien des jungen Herr» Z.;« bunt wurden, faßten ihn beim Kragen und führten ihn auf die Polizeiwachi'lube, wo er fick legitimiren mußte und dann entfernen konnte. Wie es heißt, wird'der Eostümkünftler von dem Tireelor der Anstalt, die er besucht, eine sehr eindringliche, aber minder humorvolle Belehrung über die Pflichten eines „Oetavaners" erhalte». Ter Fall erregt hier begreiflicherweise großes Aufsehen, umsomehr, da Z. der Sohn eines hier allgemein geachteten und hochangeichenen Mannes, des Leiters einer deutschen Mittelschule ist und schon einmal wegen eines antisemitischen Gaffenbubenstreiches in Tisriplinaruntersuchnng stand. Bon dem Erfolge des wider ihn jetzt eingeleiteten Perfahrens soll die Oeffentlichkeit rechtzeitig unterrichtet werden. Ttsiver Lzilagui an die Araber israelitische Gemeinde.) Anläßlich des Jnslebentrelens der kirchenpolitiicheu Gesetze in Ungarn richtete die Araber israelitische Gemeinde an den Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Tesider Szilagni, ein Begrüßungsschreiben, worauf der Präsident, wie der „Ungarische Israelit" meldet, folgende Antwort eriheilre: „Empfangen Sie meinen tiefgefühlten Tank für die schöne und edle Begrüßiiiig, mit welcher Sie mich beehrt haben. Wir sind Blatt. einig in der Ueberzeugung, daß wir eine unerschütterliche Basis der Kräftigung und freieren, reicheren Entwicklung unseres Vaterlandes, unserer Nation errichtet haben, und ich hege volles Vertrauen in die Zukunft, daß diese Institutionen Eroberungen machen werden auch in jenen Kreisen, welche auf das Zustandekommen der einen oder der anderen Institution mit Besorgniß, ja mit Antipathie geblickt haben. Gestatten Sie, daß ich aus Anlaß des Jahreswechsels dem Repräsentantenkörper der Araber israelitischen Gemeinde, deren Mitglieder mit unseren Bestrebungen und mit unserer politischen Richtung verschmolzen sind, auch meine guten Wünsche ausdrücke und Sie bitte, mir auch ferner Ihr Wohlwollen zu bewahren." lBischof Tr. Reiukens über das Blutmärchcn.) Der kürzlich in Bonn verstorbene altkatholische Bischof Dr. Josef Hubert Reiukens richtete seinerzeit an den Oberrabbiner Leopold Lipschiy in Abauj- Szanto ein Schreiben über den Ritualmord, welches nach einer Mittheilung des „Remzet" lautet: „Ihr geschätztes Schreiben beantwortend, bin ich genöthigt, in Eonsequen; meiner Ueberzeugung meiiiem tiefsten Bedauern darüber Ausdruck zu leihen, daß sich auch in der Gegenwart — nachdem die historische Forschung jene Anschauungen längst über den Hause» geworfen und als entschieden falsch klargestellt hat, welche im Mittelalter die Folgen blinden religiösen Fanatismus gewesen sind — noch immer Individuen finden, welche das alte Märchen anffrischen und zum Vorwand nehmen, um gegen die Mitglieder jüdischer Eonfession anfznreizen und dieselben zu verfolgen. Ich bin ge nöthigt, meinen Abscheu -über diese Vorgänge auszusprechen, welche nur Schmach über diejenigen bringe», die den christlichen "Namen führe», durch ihre Thaten aber beweisen, daß sie dieses "Namens unwürdig sind, der ihnen zur Pflicht machen würde, ihre Nächsten zu lieben wie sich selbst, und die wisien müßten, daß die Grundsätze und die Moral de>- christlichen Religio» in denselben zehn Geboten enthalten sind, die ans der jüdischen Religion übernommen wurden. Ist doch auch der Begründer der christlichen Religion seiner menschlichen Natur nach aus dem jüdischen Volke hervorgegangen, und er bezeugte selbst der Samaritanerin gegenüber: Das Heil slamint von den Juden! (Johannes IV, 22.) Deshalb ermahnt der Apostel die Ehristen i» Rom: Seid nicht stolz gegen die Juden, die auch nach dem Standpunkte der Ehristenheit der göttlichen Offenbarung theilhaftig sind! llioiua XI, 18.) Ich ermächtige Sie, von diesem Briefe beliebigen Gebrauch zu machen." (Aus dem deutschen Reichstage.) Vorige Woche verhandelte der deutsche Reichstag über das Börsengesetz. Tie Berathung war streng sachlich und nicht von jenen Radauerscheinungen begleitet, welche derzeit das parlamentarische Leben in Oesterreich verunstalten. "Nur Herr v. Lid der mann konnte nicht nmhin, seinen antisemitischen Gefühlen Luft zu mache». De» Gegenstand seines Haffes bildeten diesmal aber nicht die Juden, sondern im Hinblicke auf den Fall Hammerstein — die Griechen. Nachdem Liebermann die schärferen Bestimmungen, be treffend hie Emission, gebilligt hatte, sagte er: Besonders gegen Griechen-, land sollte man die Nöthige-Schneidigkeit entwickeln. Solche kleine Gefälligkeiten, wie die ungesetzliche Ausweisung von „mißliebigen Persönlichkeiten", können doch kein Aequivalent für die großen Verluste sein. Ter Ausdruck „mißliebige Persönlichkeit" zur Bezeichnung eines gemeinen Defraudanten ist echt antisemitisch und stimmt auch zu der Spitzmarke „Hamnierstein-Hetze", unter welcher ein österreichisches Anti semitenblatt die "Nachricht über den edlen „Kreu;;eitungs"-Ritter verzeichnet. Wäre Hugo Schenk Mitglied der antisemitischen Internationale gewesen, so hätte den guten Liebermann das Schicksal dieser „mißliebigen Persönlichkeit" ebenfalls gedauert, under hätte den Bedrängern Schenk'S eins am Zeuge zu flicken gesucht, wie ja auch das für die arische Zuchthäuslerhoheit eintretende Organ es sich nicht hätte nehmen lasten, von einer Schenk-Hetze zu sprechen. — Bei der Verhandlung deS Reichstages über das Margaringesev am 13. d. M. rühmte sich Herr von Plötz besten, daß der „Bund der Landwirthe" in Bezug auf die Bestimmungen dieses Gesetzes die Regierung beeinflußt hätte, wogegen sich aber Landwirthschafts-Minister v. Hammerstein- Loxten entschieden verwahrte. Hetze gegen einen „Berliner Inden".) Eine Judenhetze mit komischem Ausgange hat sich vor Weihnachten in Genthin' (Regierungsbezirk Magdeburg) abgespielt. Tie Filiale eines Berliner ManufacturgeschäfteS hatte eine Kinderbescheerung zum Ehristfeste öffentlich in Aussicht gestellt. Inhaber von Eoircurrenzgeschüften reizten in Inseraten gegen den „Berliner Inden" auf. Solche Kinder, die sich von einem Nichtchristen beschenken ließen, müßten von der Beschenkung ausgeschlossen werden, die in Genthin alljährlich durch allgemeine Wohlthätigkeit ins Leben gerufen wird. Auch der erste Herr- Pastor deS Städtchens prägte den Kindern in der Schule ein, daß sie nicht zu einem Nichtchriste» gehe», um sich beschenken zu lassen. Schließlich stellte eS sich aber heraus, daß der wohlthätige Inhaber des